Nachdem Theodor W. Adorno im Sommer ’69 gestorben war, gab es kein Testament, in dem festgelegt wurde, wer die kritische Theorie erbt, zu der Adorno maßgeblich beigetragen hat; einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hatte er nicht bestimmt. Schon zu seinen Lebzeiten war es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und Jüngeren gekommen, die bei ihm gelernt hatten, und nach seinem Tod schworen zwar einige Jüngere aus seinem akademischen Umfeld, die kritische Theorie auch an den Universitäten bruchlos fortzuführen, aber da sie sich, ihrem eigenen Anspruch nach, jeder Definition versperrt und „die Wahrheit selbst einen Zeitkern hat“, wie Adorno in seiner Einführung in die Dialektik betont, gab es niemanden, der oder die in die Fußstapfen Adornos trat, auch wenn es einige versuchten.
In seinem Buch Adornos Erben schildert Jörg Später, wie es der kritischen Theorie nach Adorno erging. Exemplarisch wählt er neun Schüler und drei Schülerinnen Adornos aus (und Alexander Kluge), darunter bekannte und weniger bekannte (wie Elisabeth Lenk und Karl-Heinz Haag, aber auch Habermas), und beschreibt, wie sie annahmen, transformierten, bearbeiteten, veränderten und ablehnten, was Adorno (und andere) ihnen hinterlassen hatten. Zwanzig Jahre folgt Jörg Später diesen 12, seine Geschichte fächert sich chronologisch und geographisch auf, viele andere kreuzen den Weg der 12 und beeinflussen ihr Denken, und Diskussionen, Abgrenzungen, Distanzierungen und Theorien werden ausgebreitet, die heutzutage, zumindest zum Teil, sonderbar anachronistisch anmuten. Deutlich wird, dass es die kritische Theorie nach Adorno nicht gab, aber auch, dass kritische Theorie oftmals nach ’69 ihren Biss verloren – ein Prozess, der durchaus eine eigene Geschichte verdient hätte.
Aktuell, vielleicht seit der Jahrtausendwende, führt die kritische Theorie eher ein Nischendasein, obwohl ihre Gesellschaftskritik weiterhin nichts an ihrem Gehalt verloren hat und es vielleicht dringlicher ist als je zuvor, auf sie zurückzugreifen, um die Welt zu verstehen, wie sie gerade ist (und geworden ist). Dazu müsste sie jedoch angesichts sich stetig wandelnder Verhältnisse beständig auf sich selbst angewendet werden, damit ihr „Zeitkern“ nicht versteinert. Vielleicht stößt die Veranstaltung ja solche Diskussionen an.
Moderation: Oliver Römer (Institut für Soziologie, Uni Göttingen)