Buchladen Rote Straße in Göttingen

Nav view search

Navigation

Search

Unser Buchtipp

Buchempfehlungen zum Jahresende 2020

Charles Umzug nach Echo City

Im Gegensatz zu seinen Eltern ist Charles nicht begeistert davon, in eine Großstadt zu ziehen. Freunde und die vertraute Umgebung bleiben zurück; er kann nichts mit Museen oder der Oper anfangen. Die Familie wohnt in einem ehemaligen Hotel, welches Charles Vater engagiert renoviert. Charles bekommt sogar ein eigenes Zimmer. Der Nachteil ist: Gleich in der ersten Nacht kommt ein riesiger Troll mit spitzen langen Eckzähnen in sein Zimmer und bestiehlt ihn. Wie Väter so sind, beruhigt sein Vater Charles, aber de glaubt ihm kein Wort. Zum Glück hat sein neuer Freund Kevin die Nummer der Monstervermittlerin Margo Maloo. Charles ruft sie an. Sie eilt herbei, und zusammen klettern sie in den Keller des Hotels. Unglaublich, dort wohnt der Troll. Marcus heißt er. Margo kennt den Troll und schafft es, dass Marcus und Charles verhandeln. Mit Handschlag wird die Einigung besiegelt.

Dies ist nur eins von mehreren Abenteuern, die Margo und Charles bestehen, denn in ganz Echo City leben in dunklen Ecken Trolle, Oger, Kobolde und Geister.

Drew Weing zeichnet und schreibt einen witzigen und spannendenden Comic, der das problematische Verhältnis zwischen Kindern und Monstern neu betrachtet; es ist der erste ins Deutsche übersetzte Band einer Reihe, die als Webcomic begann.

Drew Weing: Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo. Reprodukt, Comic, 72 Seiten, farbig, 18 Euro. Mit Bildern der Monster und ihrer Beschreibung und ihren Vorlieben. Ab 8 Jahren, aber da auch Erwachsene ihre Monster haben, sollten auch sie den Comic nicht verpassen.

 

 

Geburtstagsfeier mit anschliessender Reise nach Kroatien

David Grossman spannt in seinem neuen Roman einen weiten Bogen von der heutigen Zeit in Israel zurück ins Europa der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Zeit des Krieges, des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Ermordung der Juden und Jüdinnen, des Widerstandes, der Entstehung Jugoslawiens, des Titoismus und der Gefängnisse mit Folter und Zwangsarbeit.

Er berichtet von schwierigen und belasteten Beziehungen dreier Frauen: Vera, ihrer Tochter Nina und deren Tochter Gili.

Zusätzlich löst David Grossman mit diesem Roman ein Versprechen ein, das er seiner Freundin, der kroatischen (ehemals jugoslawischen) Partisanin Eva Panić̕-Nahir, zu Lebzeiten gab: Er würde von ihrem Leben berichten.

Aus Eva wird im Buch Vera, eine alte Frau, die mit ihrer gesamten Familie ihren 90. Geburtstag in einem Kibbuz in Israel feiert, ein rauschendes Fest mit vielen Gästen. Die meisten gehören zur Familie ihres zweiten Ehemannes. Vera hat ihn 1963 geheiratet, einige Jahre nachdem sie mit Nina, ihrer Tochter, nach Israel eingewandert ist. Sie wird geachtet, geliebt und ist in die Gemeinschaft fest eingebunden. Sie hat sich ein zweites Leben hart erkämpft. Überraschenderweise reist Nina, inzwischen etwa 60 Jahre alt, vom Polarkreis zur Feier an. Sie hat ihrer Mutter nie verzeihen können, dass diese sie verlassen hat. Auch Ninas Tochter Gili nimmt am Fest teil. Sie wurde in diesem Kibbuz geboren, und auch sie wurde von ihrer Mutter Nina dort zurückgelassen. Beide sind unter starken Vorbehalten angereist: Die Verhältnisse zwischen Müttern und Töchtern sind0, gelinde gesagt, angespannt.

Die Geburtstagsfeier ist der Auftakt der Handlung. Danach will Vera zu den Orten ihres Lebens im jetzigen Kroatien reisen. Begleiten werden sie ihre Tochter Nina aus erster Ehe mit Miloš, ihre Enkelin Gili und Rafi, Ninas Mann und Gilis Vater. Vera will endlich das Geheimnis um ihr Leben lüften, Gili und Rafi sollen es verfilmen. Sie reisen in die Kleinstadt in Kroatien, in der Vera mit ihrem ersten Mann Miloš jahrelang glücklich lebte. Miloš war und ist ihre einzige große Liebe. Beide schlossen sich der Seite der kommunistischen Staatsführung unter Tito an. Doch mit Titos Abfall von der Sowjetunion (1948) setzten Denunziationen und politische Verfolgungen ein. Auch Vera und Miloš wurden verhaftet und nach Goli otok, einer Gefängnisinsel in der Adria, deportiert. Miloš starb auf Goli otok, Vera überlebte die drei Jahre Haft und Arbeit im Steinbruch, viele andere starben. Wie Überlebende schreiben, bleibt etwas zurück. Sie holte ihre Tochter Nina und ging mit ihr nach Israel. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen …

Gili kennt als einzige Veras Geheimnis. Wie Vera weiß sie nicht, was ihre Mutter Nina ahnt. Ihr kommt die Rolle zu, als Drehbuchautorin Ungesagtes aufzuschreiben, Eindrücke festzuhalten. Wir lesen aus ihrer Perspektive, wir sehen aus ihrer Perspektive, wenn sie filmt. Vera hat die Gewalterfahrungen an Tochter und Enkelin weitergegeben, ihre Entscheidung für ihre Liebe spielt dabei eine große Rolle. Und das Schweigen über alles?

David Grossman: Was Nina wusste. Hanser, 350 Seiten, 25 Euro.

 

 

Die 70er in der Provinz

Das Leben ist für einen Heranwachsenden nicht leicht in der westfälischen Provinz in Lippfeld am Rande des Ruhrgebiets im Jahr 1974. Kulturelle Ausläufer der 60er-Jahre und Gedankensplitter der 68er-Bewegung sind aus den Großstädten an die Peripherie diffundiert, insbesondere wo sich ältere (studierende) Geschwister als Übertragungsvektor eignen; der Zusammenprall von noch durch und durch konservativ geprägter Provinzialität (und provinzieller Sozialdemokratie, trotz Willy Brandt) mit Jimi Hendrix, Jeans, langen Haaren und Apo-Theorieversatzstücken erzeugt bei einigen, auch bei Ben Schneider, dem Protagonisten des Romans, den sehnsüchtigen Wunsch, die Enge des beschaulichen Lebens und das Alte hinter sich zu lassen.

Aber das ist kaum machbar, schließlich stellt er, wie es so schön heißt, noch die Füße unter den Tisch des Vaters, und außer Partykellern, Feten in evangelischen Jugendräumen und dem abendlichen Treffpunkt zum Saufen an einem Teich mit Parkbänken hat die Siedlung nichts zu bieten. Außerdem lässt der erste Kuss auf sich warten, zu allem Überfluss gewinnt auch noch ABBA den ESC, etwas Unerhörtes, da Waterloo tatsächlich auf Feten gespielt wird und die Stones oder Bob Dylan verdrängt, und schließlich stirbt noch ein Mitschüler.

„Am Rand des Ruhrgebiets beginnt ein Sommer der stillen Revolte und der ersten Liebe“, so heißt es im Klappentext; wenn „man in Lichtjahren rechnete, waren T-Rex und das Lippfelder Kirmeszelt so weit von einander entfernt, dass das Licht zu Lebzeiten nicht mehr ankam“, so drückt Ben den Riss zwischen sich und der Umgebung der Erwachsenen aus.

Wer in jener Zeit auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, weiß genau, wovon die Rede ist und amüsiert sich über zahlreiche Dejá-vùs; die eigene Jugend wirft beständig Schatten ins Buch. Wer hingegen jünger, älter oder Stadtkind ist, kann sozusagen ethnologisch über ein unbekanntes Panorama lächeln. Und alle können sich an einer poetischen, manchmal zärtlichen Sprache erfreuen, die Ben und die anderen Jugendlichen durch den Sommer ’74 begleitet, ohne ihnen zu nahe zu treten oder sie durch den Kakao der Erwachsenen zu ziehen. Manche Passagen sind herzzerreißend traurig, da es keinen Ausweg aus dem Korsett der bleiernen Tradition zu geben scheint, in anderen wird das Leben genossen, als ob es kein Morgen gibt, mit Musik, Alkohol und Zigaretten, und manchmal scheint auf, dass es später, in der fernen Zukunft, ein anderes Leben geben könnte.

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde. Steidl, 346 Seiten, 22 Euro.

 

 

Die schlechteste Hausfrau der Welt

Jacinta Nandi, Feministin, Missy-Magazin-Autorin, Mama und Hausfrau, fragt sich in ihrer wütenden Essay-Sammlung, wie in aller Welt sie da reingerutscht ist. Putzen und dabei über ungerechte Verteilung von Hausarbeit nachdenken, wütend sein und trotzdem versuchen, irgendwie den Haushalt zu schmeißen, wenn’s sein muss mit Hilfe von Cleanfluencerinnen auf Youtube, die Tipps geben zum schnelleren, besseren Bewältigen der ganzen Scheiße, die alleine an ihr hängen bleibt.

„Feminismus ist cool.

Alle wollen über Feminismus reden, über geile coole Themen, die junge Frauen ansprechen.

Über gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, zum Beispiel, oder Körperbehaarung.

So was.

Was nicht geil ist: Hausarbeit.

Frauen wollen befreit werden, Frauen sollen frei sein.

Jemand, der sich freiwillig entscheidet, Hausfrau zu werden?

Selbst schuld! (Und auch megapeinlich).

Hausfrauen sind fast so uncool wie die Hausarbeit selbst.“

Das ist der Einstieg zu Jacinta Nandis Buch. Sie erzählt von ihrem Alltag mit einem Baby, dem dazugehörigen Papa und einem Teenager und der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, dass sie für die Umsorgung all dieser Personen allein verantwortlich zu sein scheint.

Sie fragt sich, wie es passieren konnte, dass gerade sie (Missy-Kolumnistin, Riotmama und Feminstin) in einer Beziehung gelandet ist, in der ihr Freund erwartet, dass sie 100% der Hausarbeit und Kindererziehung übernimmt.

Vieles ist ihr peinlich, sogar, dass ihr niemand „im Haushalt hilft“, weder Freund noch Teenager, sogar das scheint ihre Verantwortung oder ihr Versagen zu sein.

Sie debattiert mit ihrer Freundin Zandra und ihrem Bekannten „Pegida-Kevin“ über Privilegien, Putzfrauen und Zandras feministische Überzeugung, dass sie der Frau, die für sie putzt, einen besseren Stundenlohn bezahlt, als diese als Übersetzerin verdient. Was Pegida-Kevin scheinheilig findet und ein bisschen über den modernen Feminismus abkotzt.

Ein lustiges und trauriges Buch, zum Mut verlieren und wiederfinden  - ein Buch, das deutlich macht, wie bestehende Strukturen und Rollenmuster den Alltag mitbestimmen und bewusst macht: Es gibt noch viel zu tun!

Jacinta Nandi: Die schlechteste Hausfrau der Welt. Edition Nautilus, 206 Seiten, 16 Euro.

 

 

Ein Hochhaus im Westen der Türkei

Dies ist das einzige Mal, dass in Cemile Sahins neuem Roman das Wort Türkei vorkommt. Sonst ist immer nur die Rede vom Osten, aus dem die Menschen fliehen und vertrieben werden auf dem Weg nach Westen. Obwohl es ungenannt bleibt, ist klar, dass es in diesem Buch um die Verfolgung der Kurd*innen durch den türkischen Staat geht. Dieser erklärte sie zu Terroristen, um Vertreibung, Folter, Verschleppung und Mord politisch zu rechtfertigen.

Der Roman spielt in diesem Hochhaus im Westen der Türkei. Stellvertretend für die anderen Bewohner*innen des Hauses berichten in neun Episoden Necla, Murat, Nurten, Birgül, Sara, Umut, Haydar, Metin und Devrim (er wohnt als einziger nicht im Hochhaus), warum und wie sie an diesen Ort gelangt sind. Sie erzählen es einem imaginären Erzähler, der der Leser*in Abstand zu den Geschehnissen verschafft. Cemile Sahin lässt die Personen aus unterschiedlichen Perspektiven berichten: Sara ist mit ihrer Freundin Hêlîn vor Terror und Verfolgung durch die türkischen Militärs geflohen, Murat berichtet von der Entführung seiner Familie durch ein türkisches Sonderkommando, kurz darauf wird der gesamte Ort von Soldaten, Bussen und Panzern überschwemmt. Die Soldaten machen Jagd auf die Bevölkerung, legen Feuer und zerstören die Lebensgrundlagen. Auch im Haus warten die Bewohner*innen auf Besuch vom Geheimdienst, der Polizei, dem Militär. Sie können sich nie sicher fühlen, befürchten, dass sie abgeholt werden. Wer ist ein Spitzel, wer vertrauenswürdig? Es herrscht allgegenwärtige Angst und Hass auf die Repression. Niemand will bleiben.

Auf einer Metaebene beziehen sich einzelne Erzählungen aufeinander. Einige der Bewohner*innen sind miteinander verwandt oder wohnen in einer Wohnung. Cemile Sahins Sprache ist klar und genau und gerade dann eindrücklich, wenn ihre Protagonist*innen Situationen nicht weiter beschreiben wollen. Auch die Gestaltung des Buches ist besonders. Jede Episode wird von der nächsten durch zwei Seiten getrennt: Links rot bedrucktes Papier mit wechselnden Uhrzeiten und rechts die Fotografie eines Parkdecks. Es erinnert an die Bilder einer Überwachungskamera.

Cemile Sahin: Alle Hunde sterben. Aufbau, 239 Seiten, 20 Euro.

 

 

Ein Überregionalkrimi

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Nein, der Kommunismus ist es noch nicht, und auch Corona-Viren sind nicht gemeint; es ist jemand, dem die Verfasser*innen von Regionalkrimis so dermaßen auf den Senkel gehen, dass er oder sie zu einem blutigen Rachefeldzug quer durch die Republik aufbricht und regionale (berüchtigte) Berühmtheiten zwischen Bad Bevensen und Leißlegg bei Ravensburg auf jene phantasievolle Art und Weise vom Leben zum Tode befördert, wie diese es sich selbst für die Opfer in ihren Krimis ausgedacht haben.

Und da es unzählige Regionalkrimis gibt, die, um aus der schieren Masse herauszuragen, sich gegenseitig im Plot überbieten müssen, was auf immer blutigere und phantasievollere Morde hinausläuft, hat der Racheengel eine Menge zu tun. Der Verband deutscher Kriminalromanautoren, vor allem ihr Vorsitzender, ist alarmiert und macht sich große Sorgen, und die Polizei tappt im Dunkeln und muss auf fremde Hilfe hoffen, bevor sich in einem hollywoodreifen Finale manches klärt.

Einen langen Gastauftritt hat Frank Schulz, seinerseits Verfasser einiger Krimis um Onno Viets, die in Hamburg spielen und es in gewissen Kreisen zu einiger Berühmtheit gebracht haben: auf einem Brainstorming-Treffen einer Sondereinheit zur Aufklärung der Morde wird er als Krimiautor und Literaturexperte hingezogen und setzt sich mit der Aussage „wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, dass wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben“ nicht nur in die Nesseln, sondern auch zwischen alle Stühle und erzeugt, da er natürlich verkürzt zitiert wird, ein ungeheures Medienecho. Er muss, als eine Rufmordkampagne einsetzt, Hals über Kopf nach Griechenland flüchten, wo ihm so einiges widerfährt und eine moderne Odyssee beginnt.

Gerhard Henschel, einst bekannt für seine Beiträge in der TITANIC und seit einiger Zeit für seine Martin-Schlosser-Romane, legt mit diesem Werk die ultimative Synthese aller Regionalkrimis vor, die jedoch – Vorsicht! – nicht allen Liebhaber*innen von Regionalkrimis gefallen wird.

Gerhard Henschel: Soko Heidefieber. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann & Campe, 284 Seiten, 18 Euro.

 

 

Julian ist eine Meerjungfrau

Das Bilderbuch erzählt von einem kleinen Jungen, der mit seiner Oma unterwegs ist. Die beiden begegnen in der Bahn einer Gruppe Meerjungfrauen, und ab diesem Zeitpunkt wünscht sich Julian zu sein wie sie. Zuhause lässt er seine Träume wahr werden und sucht sich die passenden Dinge aus Omas Haus zusammen.  Stolz, sich in die Meerjungfrau seiner Träume verwandelt zu haben, geht er, geschmückt mit Omas Perlenkette, langem Haar, Lippenstift und Kleid, auf die Parade der Meerjungfrauen.

Das besondere an diesem Buch, das schon für kleine Kinder ab drei Jahren geeignet ist, ist die reduzierte Sprache, die durch eine wunderschöne Bildsprache von Fantasie und der Verwirklichung von Träumen erzählt.

Fast alle Personen im Buch sind People of Colour, und so ist das Buch eines der wenigen deutschsprachigen Bücher, das ein Schwarzes Kind als Hauptfigur zeichnet.

Insgesamt einfach wunderschön gezeichnet, mit einer empowernden Geschichte, die glücklich macht.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau. Knesebeck, 32 Seiten, 13 Euro.

 

Global Warming Party

Wie wir und das Klima schönsaufen können

Wer leugnet, dass sich das Klima verändert, indem Menschen die Luft verpesten, wird wahrscheinlich nicht zu jenen gehören, die diese Besprechung lesen. Viele andere wissen zwar Bescheid, meinen sie jedenfalls, aber wenig darüber, wie der Klimawandel tatsächlich zu stoppen ist – abgesehen von naheliegenden Forderungen wie dem Verzicht auf die Verbrennung von Kohle, der radikalen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und von Flugreisen, der Dämmung von Häusern, der Förderung alternativer Energien, dem Erhalt und Ausbau der Biodiversität und ähnlichen Vorschlägen. Dass die Moore der Erde in etwa so viel CO2 aufnehmen und binden können wie alle Wälder der Erde, gehört nicht zum Allgemeinwissen, so dass die Trockenlegung von Mooren viel weniger beachtet wird als die Zerstörung des Regenwalds oder die Besetzung des Hambacher Forsts. Die Science Busters hingegen widmen den Mooren fast ein ganzes Kapitel, und geneigte Leser*innen erfahren sogar, dass niemand in einem Moor untergehen, sondern höchstens darin erfrieren kann.

Leider gibt es drei Tendenzen, die eine weitere Verbreitung von fridays for future und ihren Forderungen erschweren (abgesehen von den Grünen, die ihr Gründungsadjektiv zunehmend als lästiges Beiwerk und Hindernis für Regierungsbeteiligungen verstehen). Erstens gleiten einige ins Spirituelle ab. Zwar ist nichts daran auszusetzen, Bäume zu umarmen, das mag sogar Spaß machen, aber wenn dann im nächsten Schritt auf die Wissenschaft geschimpft und eine homöopathische Pille eingeworfen wird, ist der Weg in die Esoterik nicht weit (natürlich gilt das nicht für alle) – wer die Science Busters kennt, weiß, dass sie gern über Pseudowissenschaften sprechen, etwa darüber, ob der Leib Jesu, der als Oblate verspeist wird, glutenfrei ist. Zweitens mischen sich immer wieder reaktionäre Töne in den Umweltschutz; auf jeden Fall sind sie nicht weit, wenn „Heimat“ als schätzens- und schützenswert reklamiert wird, denn natürlich geht es darum, die ganze Welt zu schützen; Grenzen werden von Treibhausgasen schlicht ignoriert. Und drittens ist fast alles, was zum Klimawandel geschrieben wird, nahezu staubtrocken und humorlos.

Gegen diese Tendenzen treten die Science Busters in ihrem neuen Buch an. Sie versuchen, uns zum Lachen zu bringen und uns, während wir lachen, beizubringen, dass es keinerlei Alternative dazu gibt, jetzt und sofort Klimaschutz zu betreiben. „Ein Schulstreik“, schreiben sie, „allein wird dafür nicht reichen – aber es war kein schlechter Anfang“. Sie erörtern einige von Technokraten vorgeschlagene Lösungsmöglichkeiten, verwerfen die meisten von ihnen aber, da sie nur den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und schlagen selbst einige eher unkonventionelle Lösungen vor, und jedes Mal, wenn sie Leugner*innen des Klimawandels erwähnen, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Und während sie das tun, beharren sie darauf, dass die Wissenschaft durchaus ihren Teil beitragen kann, wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen: „Dabei handelt es sich allerdings um ernste, wissenschaftliche Überlegungen und nicht um esoterischen Schmafu [sic!] wie etwa Chemtrails, wo Flugzeuge arge Sachen versprühen, damit dann die Gedanken der Menschen gaga werden. Was ohnehin ein überflüssiges Unterfangen wäre, denn abgesehen davon, dass es Chemtrails nicht gibt, sind die Gedanken einiger Menschen offenbar auch ohne chemisches Zutun bereits gaga genug. Da bräuchte man nichts zu sprühen“.

Sie machen sich darüber lustig, dass tatsächlich Kühen Rucksäcke umgebunden wurden, um das Methan aufzufangen, das bei ihnen hinten und vorn rauskommt (ein Projekt zur Rettung der Fleischindustrie), aber auch über Versuche, Fleisch im Reaktor zu produzieren. Sie legen ausführlich dar, dass es entgegen vieler Phantasien keinen Planeten B gibt, den die Menschen in naher Zukunft erreichen könnten (Science Fiction bleibt noch lange Science Fiction; die jetzige Erde ist alles, was wir haben). Auch die Einführung eines menschlichen Winterschlafs würde nicht viel bringen, obwohl dann im Winter viel Energie eingespart werden könnte. Und sie schrecken nicht davor zurück zu fordern, dass alle einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz beitragen könnten: „Das kann damit beginnen, dass wir antike Dogmen wie ‚Wer feiern kann, kann am nächsten Tag auch arbeiten’ endlich über Bord werfen und nach einem Trinkgelage den Rausch mit gutem Gewissen ordentlich ausschlafen. Dem Klima zuliebe.“ Denn wer schläft, verbraucht weniger Energie.

Science Busters: Global Warming Party. Hanser, 183 Seiten, 20 Euro.

 

 

Die Sommer

Leyla ist das Kind eines ezidischen Vaters, der mit 14 Jahren in die Kommunistische Partei Syriens eintrat, und einer deutschen Mutter; gemeinsam gingen sie nach München, wo Leyla aufwächst.

Jedes Jahr fährt sie mit ihrer Familie in den syrischen Teil Kurdistans, als Kind erlebt sie die Sommer im Dorf der Großmutter, später, als der IS große Teile Aleppos zerstört, betrachtet sie alles fassungslos aus der Ferne und ist doch verbunden mit den Orten ihrer Kindheit.

„Sie konnte alles nicht glauben. Alles, beides, vorher und nachher, kam ihr so unwirklich vor. So unwirklich wie das letzte Stück Savon d’Alep, diese Aleppo-Seife, die nach Lorbeer und Olivenöl roch und die sie jedes Jahr mit nach Deutschland genommen hatte. Wie die paar lächerlichen Steine, die Leyla irgendwann einmal am Fluss gesammelt hatte. Alles Beweise, dachte Leyla, auch in zehn Jahren noch, in zwanzig, dass es das alles wirklich gegeben hatte: Das Dorf, die Städte, die Menschen, die Sommer.“

Sie ist  zerrissen zwischen Distanz und Verbundenheit – sie kann nicht zusehen, wie ihre deutschen Freundinnen auf Facebook fröhlich Urlaubsbilder posten, während an anderen Orten Tag für Tag so vieles zerstört wird.

Ein Roman über die Liebe zu Orten, die durch Gewalt im Verschwinden begriffen sind, über die Wut und den Schmerz, der sich über Erinnerungen legt, zwischen dem Hier und Dort, dem Vergangenen und der Zukunft. Leyla hat viele biographische Parallelen zur Autorin, auch sie verbrachte an der Seite ihrer Eltern viele Sommer in Kurdistan im Dorf ihrer Großmutter, auch das Geburtsjahr der Protagonistin ist an das der Autorin angelehnt.

Ronya Othmann erinnert daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und somit auch mitverantwortlich sind für die Welt, in der wir leben werden.

Ronya Othmann: Die Sommer. Hanser, 284 Seiten, 22 Euro.

 

 

Ein Leben als Journalistin in London

Genau das möchte sich Queenie, eine junge Schwarze Frau, aufbauen. Und sie hat viel erreicht: Sie arbeitet als Journalistin bei einem Londoner Magazin. Sie kann zwar nicht über die Themen schreiben, die sie interessieren, aber das kann ja noch werden. Mit ihrem weißen Freund Tom hat sie gerade eine gemeinsame Wohnung bezogen. Aber es zeigen sich Risse im Idyll: Als Queenie mit Tom dessen Familie besucht, sagt ihr geliebter Tom nichts zu rassistischen Äußerungen seines Onkels, außer dass dieser es nicht so gemeint habe. Queenie explodiert und wird laut. Sie stürmt aus der Wohnung. Unfassbares geschieht, so scheint es der Leser*in, Tom möchte eine Beziehungspause, aus der das Ende der Beziehung wird. Queenie ist verzweifelt und zweifelt an sich selbst. Hat sie überreagiert? Ihre Freund*innen und ihre Familie unterstützen Queenie, sie sehen das Ende der Beziehung gelassener: Für sie war und ist Tom ein Schnösel und sowieso nicht der Richtige für ihre geliebte Queenie.

Aber Queenie bleibt untröstlich. Sie versucht, sich durch andere Beziehungen abzulenken, was gründlich misslingt. Wegen falscher Anschuldigungen wird sie von ihrem Job freigestellt. Das ist selbst für die kämpferische, aber liebenswertchaotische Queenie zu viel. Sie fällt in ein Loch. Doch Queenie wäre nicht Queenie, wenn sie da bleiben würde. Nach und nach registriert sie, dass es Auswirkungen hat, das erste Familienmitglied mit Collegeabschluss zu sein. Auch bei der Arbeit ist sie eine von wenigen Schwarzen, wird immer anders beurteilt. Der Alltagsrassismus im Freund*innenkreis kommt hinzu. Der Kontakt mit der Black Lives Matter Bewegung hilft ihr. Sie verortet sich anders und kann weiter für ihre Träume kämpfen.

Ein Roman über Rassismus (nicht nur im Alltag), Mobbing, Sexismus und Bildungsbenachteiligung, selbstironisch, witzig und tragisch.

Candice Carty-Williams: Queenie. Blumenbar Verlag, 544 Seiten, 22,00 Euro.

 

 

Der Fotograf von Mauthausen

In der Graphic Novel berichtet der republikanische Spanier Francisco Boix seiner Schwester Núria von seiner Zeit im Konzentrationslager Mauthausen. Das Lager ist nach der Einteilung der Nazis ein Lager der Stufe 3 und steht damit unter der Devise „Vernichtung durch Arbeit“. Francisco lernt, im Todeslager zu überleben. Durch ein Bestechungssystem gelingt es ihm und seinen Freunden, wichtige und Überlebenschancen erhöhende Lagerpositionen einzunehmen. Francisco, genannt Paco, ist gelernter Fotograf. Mit der Hilfe seiner Genossen erlangt er einen Posten beim Erkennungs-dienst. Dort muss er fortan Paul Ricken von der SS, dem Leiter des Erkennungsdienstes, bei der Fotografie und der Entwicklung von Negativen behilflich sein. Die offizielle Arbeit des Erkennungsdienstes ist es, die Deportierten bei der Ankunft abzulichten und Propagandafotos von glücklichen Häftlingen zu machen, die lachend und spielend an vollgedeckten Tischen sitzen, um sie als Zwangsarbeiter*innen Firmen anzubieten. Paco entdeckt, dass darüber hinaus auch Fotos von Ermordeten gemacht werden – die meisten werden dabei als Suizid inszeniert. Diesen Fotos haftet etwas Besonderes an – sie sind nicht bloße Ablichtungen, sondern Paco versteht, dass Ricken mit Komposition, Licht und Kontrasten versucht, Mord und Tod zu einer widerlich-grausamen Art von Kunst zu erheben. Paco wird klar, dass sein Fund nichts weniger als den Beweis darstellt, der den Massenmord der Nazis in Mauthausen ans Licht zu bringen und der Welt zu offenbaren vermag. So beginnt er insgeheim zusätzliche Abzüge zu erstellen. Doch wie kann es gelingen, diese Negative aus dem Lager zu schmuggeln?

Bei dieser Herausforderung entstehen Konflikte über das „richtige“ Handeln in einer aussichtslosen Situation. Zählt es, um jeden Preis das einzelne wertvolle Leben im Lager zu retten, oder ist es richtig, ein Leben aufs Spiel zu setzen, um die Taten der Nazis zu beweisen?

Die Graphic Novel beschreibt und bebildert in gedeckten Farben eindrücklich und schonungslos die Situation im Lager Mauthausen bis zur Befreiung und den Kampf des jungen Francisco. Im Fokus steht dabei das Verlangen Pacos, die Ermordeten durch seine Fotografien und Geschichten in der Erinnerung der Menschen am Leben zu erhalten. Die Graphic Novel führt Pacos Vorhaben fort und leistet damit einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen, an dem jede*r teilhaben kann – auch oder besonders in Zeiten, in denen andere Formen des gemeinsamen Gedenkens eingeschränkt sind.

Die von Francisco geretteten Negative sind in den Comic eingearbeitet. Auf den letzten Seiten gibt es eine historische Einordnung, und es werden die tatsächlichen Überlieferungen sowie die Lebensgeschichte Pacos erläutert.

Der Fotograf von Mauthausen. Graphic Novel von Salva Rubio, Pedro J. Colombo, Aintzane Landa. bahoe books, 160 Seiten, 24 Euro.

 

 

Sprache ist nix Neutrales

Sprache ist etwas Wunderbares; sie erschließt den Menschen die Welt, die sie umgibt. Jede Sprache ist zudem etwas Besonderes: da jede einzelne Sprache einen speziellen Blick auf die Welt wirft, die sie beschreibt, drückt sie diese auf eine unverwechselbare Art aus und ermöglicht manchmal Gedanken, die in anderen Sprachen schwer möglich oder nur sehr umständlich zu denken wären.

In der Sprache der Thaayorre aus Nordaustralien etwa existiert kein Wort für rechts, links, vor oder neben, sondern für Ortsbestimmungen werden ausschließlich die Himmelsrichtungen benutzt (selbst in geschlossenen Räumen) – wer diese Sprache spricht, macht sich selbst nicht zum Mittelpunkt der Welt, wie es in fast allen anderen Sprachen geschieht, wo räumliche Beziehungen in Bezug auf die Sprechenden ausgedrückt werden. Generationen von Linguistinnen, Historikern, Neurologinnen, Griechischkundigen und anderen akademisch Gebildeten stritten und streiten darüber, warum in Homers Ilias das Mittelmeer nicht blau ist, sondern oinops, weindunkel, und wer einmal, nur so zum Spaß, in eine Übersetzung der Schriften von Hegel oder Heidegger in andere Sprachen geschaut hat, könnte vermuten, dass beide ihre Theorien in kaum einer anderen Sprache als dem Deutschen hätten denken und schreiben können. Einige Sprachen kennen kein männliches und weibliches Genus und kein er und sie, andere keine Vergangenheitsform, in der nächsten muss bei einer Aussage zwischen zig Möglichkeitsformen gewählt werden, und viele, viele Worte und Begriffe sind nicht bedeutungstreu in eine andere Sprache übersetzbar (wie das isländische hoppípolla, ein Verb, das in-Pfützen-hüpfen bedeutet), ganz zu schweigen von sprachspezifischen Grammatikkonstruktionen und Gedichten und Poesie.

Mehrere Sprachen zu sprechen, erweitert mit Sicherheit den Erfahrungshorizont eines Jeden und einer Jeden und kann für Lücken sensibilisieren, die in Sprachen existieren. Denn jede Sprache ist nicht nur wunderbar, sondern eben auch lückenhaft – und autoritär und repressiv. Das ist das eigentliche Thema von Kübra Gümüşays Buch „Sprache und Sein“.

Sie zitiert David Foster Wallace, der in einer Abiturrede erzählt, wie ein älterer Fisch zwei jüngere Fische trifft und sie fragt, wie das Wasser sei. Die beiden jüngeren Fische schwimmen verwirrt weiter, bis einer den anderen fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“. Sprache – der Wortschatz wie die Grammatik – ist für die allermeisten Menschen wie das Wasser für die jungen Fische; sie umgibt sie, ist alltäglich und keiner Rede wert. Doch wie viele Fische in letzter Zeit schmerzlich erfahren mussten, ist das Wasser keinesfalls das unwandelbare Lebenselixier, sondern um in Zukunft zu überleben, müssten sie es analysieren, Veränderungen begreifen und dafür sorgen, dass die Menschen aufhören, die flüssigen Ökosysteme der Welt zu zerstören.

Ähnliches gilt für die Sprache. Trotz ihrer Großartigkeit begrenzt sie den Horizont der Sprechenden, ist vergiftet und voller Begriffe, Kategorien und Verallgemeinerungen, die zielsicher oft nicht nur zu Missverständnissen führen, sondern auch zur Festschreibung gesellschaftlicher Hierarchien und Herrschaftsstrukturen. Sie kann Menschen ihrer Menschlichkeit und Individualität berauben und jene ausschließen, die eine Sprache nicht oder nicht gut genug beherrschen. Da jede Sprache ihr eigenes Universum aufspannt, ist es unmöglich, die Sprache für ihre Begrenzungen und Unzulänglichkeiten und Kategorisierungen zu kritisieren – jede Sprache hat ihre eigene Kritik verdient. Hilfreich dabei ist Mehrsprachigkeit, hilfreich (und quälend) kann das Gefühl sein, in der eigenen Sprache nicht zu Hause zu sein, da sich Sprache und Erfahrungen widersprechen, wie es Vielen auf der Flucht oder im Exil ergeht, und ohne ein Auge für das Verhältnis von Sprache und gesellschaftlichem Sein bleibt Sprache entweder ein unbehaubarer Hinkelstein oder mutiert zu einer Art Mode, in der Worte und Begriffe täglich wie ein T-Shirt gewechselt werden können.

Kübra Gümüşay betrachtet in ihrem Buch die deutsche Sprache. Nachdem sie die Vielfalt verschiedener Sprachen bewundert hat, spricht sie davon, dass die deutsche Sprache Frauen oft unsichtbar macht, ein hinreichend bekanntes Beispiel, auch wenn immer noch Versuche, diese Unsichtbarkeit zumindest tendenziell aufzuheben, zu erbitterten Anfeindungen führen. Wenn die Grenzen meiner Sprache, zitiert sie Ludwig Wittgenstein, die Grenzen meiner Welt sind, muss sich, damit in der Welt kein Mensch aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit oder seiner sexuellen Identität diskriminiert wird, auch die Sprache ändern. Das betrifft nicht nur das –Innen, *innen und andere Sprach- und Schreibformen, sondern vieles andere mehr (etwa Begriffe wie Junge und Mädchen: obwohl beide auf Abhängigkeitsverhältnisse verweisen – Knecht und Magd – wird das Mädchen dem Jungen gleich doppelt untergeordnet: es wird verniedlicht und versächlicht). Wie die Sprache entgendert werden kann, bleibt wiewohl eine offene Frage, da jede der vorgeschlagenen Sprach- und Schreibregelungen wiederum neue Identitäten und Ausschlüsse produziert; spannend sind etwa Experimente englischsprachiger SF-Autorinnen, die in ihren Romanen neue Pronomen erfinden und so dafür sorgen, dass Geschlechtsidentitäten verschwimmen und unwichtig werden.

Während Frauen in der Sprache zum Verschwinden gebracht werden, indem sie schlicht den Männern zugerechnet werden, werden Andere oft entindividualisiert, indem sie als bloßer Abglanz von Kategorien und Verallgemeinerungen betrachtet und bezeichnet werden. Das ist die Grundstruktur rassistischen Denkens, erst recht, wenn die benutzten Verallgemeinerungen negativ konnotiert und zu Stereotypen erstarrt sind. Natürlich gibt es etwa Frauen, die Kopftücher tragen, aber die kopftuchtragende Frau gibt es nicht. Wer anderes behauptet, denkt rassistisch und reduziert einen einzelnen Menschen auf ein negatives Bild (wobei eine kopftuchtragende Frau in der Sprache, zumindest im Deutschen, gleich doppelt diskriminiert wird: als Frau und als kopftuchtragende Frau).

Um solche Kategorisierungen und Stereotypen geht es im größeren Teil von Kübra Gümüşays Buch. Unzählige Beispiele verdeutlichen, wie öffentliche Diskurse funktionieren, die klammheimlich oder ganz offen rassistische Inhalte propagieren oder durch die Hintertür in die Gesellschaft einschmuggeln. „Im März 2019 wurde ein schwangere Berlinerin von einem Mann in den Bauch geschlagen – in der Berichterstattung hieß es, dass sie wegen ihres Kopftuchs angegriffen worden sei. Doch nicht ihr Kopftuch war der Grund für den Angriff, sondern die Tatsache, dass der Täter ein Rassist war“ – ein Beispiel für eine Diskursverschiebung mittels Stereotypen, die Rassist*innen entlastet. Immer wieder wird deutlich, wie Menschen, die nicht dem Bild des Deutschen oder der Deutschen entsprechen, das sich die Mehrheit dieser von sich selbst macht, sprachlich und real diskriminiert und verletzt werden – welchen Aufschrei es gibt, zeigt sich, wenn der Spieß einmal probeweise umgedreht wird und die Privilegien alter, weißer Männer oder Rassismus bei der Polizei angeprangert werden.

In den beiden letzten Kapiteln ihres Buches versucht die Autorin, Auswege aufzuzeigen, die nicht darin münden, die Sprache zu verlassen oder eine ganz neue zu erfinden. Sie plädiert für ein freies Sprechen, in dem versucht wird, Diskriminierungen zu vermeiden, ohne das Bewusstsein der Unzulänglichkeiten der Sprache zu vergessen, ganz im Sinne Brechts, den sie zustimmend zitiert (was dieser schon 1935 schrieb): „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik“. Derart könnten jeder und jede beginnen, sensibel mit Sprache umzugehen; Anlässe dazu gibt es genug, Unworte wie Volk und Heimat haben sich längst wieder im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert.

Und Kübra Gümüşay beharrt zu Recht darauf, dass eine Sprachsensibilisierung und eine Diskussion über gesellschaftliche Strukturen, die eine normative Sprache widerspiegelt, ihrerseits sensibel sein sollte: niemand sollte seinen oder ihren Standpunkt verabsolutieren und wiederum Kategorien und Stereotypen produzieren. Das heißt natürlich nicht, wie die Autorin auf einer Lesung in Göttingen klarstellte, reaktionären Standpunkten und Sprachformen (etwa bei der AfD) nicht entschieden entgegenzutreten, denn eine sensible und fruchtbare Diskussion ist nur möglich, wenn auf beiden oder allen Seiten die Bereitschaft dazu besteht. Angesichts des Geschwafels der AfD, den Hassreden eingefleischter Rassist*innen, den verstockten Trotzreaktionen alter, weißer Männer, die nicht auf Privilegien verzichten wollen, und allem anderen Gerede, das Unterdrückung rechtfertigt, bleibt dann nur, die Hegemonie in der Gesellschaft zu erringen – auch durch Sprache und ihre Veränderung.

Obwohl das Buch vieles behandelt und erhellend auf den Punkt bringt, ist es keine schwere Kost. Es ist für alle problemlos lesbar, auch für jene, die ansonsten nicht viel von Theorie halten, und für jene, die sich noch nie (eingehender) mit Sprache, Sexismus und Rassismus auseinandergesetzt haben – kurzum: es ist ein rundum gelungenes Buch.

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser, 206 Seiten, 18 Euro.

 

 

Streulicht

Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in einem proletarischen türkisch-deutschen Elternhaus auf. Das Haus, in dem der Vater Dinge hortet, steht in einem Vorort von Frankfurt, geprägt von Industrie, die die allgegenwärtige Kulisse bildet. Licht, Staub, Partikel in der Luft, der Geruch, eine bestimmt Sorte Schnee, die nur dort fällt.

Die Protagonistin ist das einzige Kind aus einem Arbeiterhaushalt am Gymnasium, aber sie kann sich nicht zurechtfinden in der Institution, deren Besuch für alle anderen so selbstverständlich ist. Ihren Platz dort zu sehen, schafft sie zuerst nicht. Eine Ahnung hat sie, dass es etwas mit Haltung zu tun hat, mit gewaschenen Haaren, und damit, dass sie ihre Mathehausaufgaben löst, während sie auf einem weißen Plastikstuhl sitzt und dabei eine Talkshow im Fernsehen läuft. Sie kämpft und macht schließlich doch Abitur. Trotzdem bleibt sie dem Vater nah, obwohl er kein Verständnis für ihren Wunsch hat, Abitur zu machen und zu studieren.

Zu ihren Freunden aus Kindertagen hält sie lose Kontakt, aber auch diese legen Maßstäbe an, die   ihren gesellschaftlichen Status zementieren. Obwohl sie selbst studieren, stellen sie die Studienpläne der Protagonistin in Frage und zweifeln offen an, ob das mit dem Studieren für sie wirklich das Richtige ist.

Es geht um die Frage, was die bürgerlichen Codes sind, die von akademischen Eltern selbstverständlich an ihre Kinder weitergeben werden. Und wie geht man damit um, wenn einer das alles fehlt?

Das Buch ist eine Geschichte mit zarten und harten Elementen, eine Milieu- und Sozialstudie in Romanform.

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp, 285 Seiten, 22 Euro.

 

 

Pixeltänzer

Die Autorin schafft es, die moderne, digitale Welt auf stimmige Weise mit der Welt der 1920er Jahre zu verbinden und daraus etwas zu schaffen, was sich fast wie ein Märchen liest und einen zufrieden und verträumt, aber auch etwas melancholisch zurück lässt. Ihre Protagonistin Beta arbeitet in einem Start-up und kreiert nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben Dinge, die zwar ganz lustig und ungewöhnlich sind, aber nicht wirklich einen Sinn haben. Schließlich tritt sie über eine App mit einem Fremden in Kontakt, der sie auf eine Art halb digitale, halb analoge Schnitzeljagd schickt. Die Leser*innen entdecken mit Beta die (wahre) Geschichte des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt, die in den 20ern avantgardistische Tänze in aufwendig gestalteten Masken aufführten und ein tragisches Ende fanden.Es wird eine spannende Geschichte mit überraschenden Wendungen erzählt, die feinsinnig gestaltete Stimmung mit einem Hauch von Einsamkeit und Sinnsuche machen eine Identifikation und ein Nachempfinden mit der Protagonistin leicht, obwohl diese ungewöhnliche Hobbies hat. Es entsteht ein Eindruck des Verlorenseins und der Suche nach einer Nische, in der man seinen eigenen, individuellen Abdruck hinterlassen kann. Das Buch kann man nicht mehr aus der Hand legen, und es so ziemlich jedem empfehlen, der auch nur entfernt etwas mit Apps, Tanz oder Büchern zu tun hat. Berit Glanz: Pixeltänzer. Schöffling, 2019, 250 Seiten, 20 Euro, oder Büchergilde Gutenberg, 19 Euro.  Frauenwunderland Länder in Afrika – und da ist es fast egal, von welchem Land man spricht – werden fast immer nur im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, Hunger und Not oder Korruption und Autokratie in Zusammenhang gebracht. Dabei fällt leider stets unter den Tisch, was dort alles an Neuerungen und Entwicklungen geschieht. Ruanda beispielsweise ist Deutschland nicht nur in der Umweltgesetzgebung weit voraus, sondern auch im Bereich der Gleichberechtigung. Abgesehen von LGBTQ*-Rechten können wir uns eine Menge aus den ruandischen Reformen in dem Bereich abgucken. Ruanda hat den höchsten Frauenanteil in allen Parlamenten weltweit und innerhalb weniger Jahre eine Menge Gesetze zum Schutz und der Förderung von Frauen in Kraft gesetzt.Barbara Achermann hat sich in Ruanda mit unterschiedlichen Menschen unterhalten. Es kommen aufstrebende Unternehmerinnen zu Wort, eine Parlamentarierin, ein Aktivist in einer Organisation, die Männern die Lösung aus den vielerorts immer noch vorherrschenden traditionellen Rollenbildern nahe bringt, und eine Radiomoderatorin, die Workshops und Sendungen über Sex abhält. Wie nebenbei berichtet Barbara Achermann über Aspekte des Lebens in Ruanda – ob es um die Offenheit für Innovationen und technische Neuerungen geht oder um fehlende Infrastruktur, Armut, die noch sehr präsenten traditionellen Werte und die Wunden des Genozids. Etwas mehr kritische Betrachtungen des politischen Systems wären zu wünschen gewesen, stellenweise ergibt sich die Autorin etwas zu sehr in Utopien und Optimismus. Und leider ist es traurig, wie sehr die Gegenwart noch von den Auswirkungen des Genozids geprägt ist.Doch insgesamt ist der schmale Band ein weiter und bunter Einblick in ein Land, das die meisten von uns nur als Ort eines tragischen Fehlers der UNO kennen und das nicht nur innerhalb von weniger als 30 Jahren einen weiten Sprung in die Zukunft gemacht hat, sondern auch viel mehr Potential auf der internationalen Ebene hätte. Barbara Ackermann: Frauenwunderland. Reclam, 2018, 184 Seiten, 18,95 Euro.  Mädchen brennen heller Für den Roman von Shobha Rao braucht es eine stabile Stimmung und einen starken Magen, doch die Leser*innen werden belohnt mit einer Geschichte unerschütterlicher Freundschaft und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Purnima und Savita wachsen in tiefer Armut und umgeben von patriarchalen, scheinbar unbeweglichen Strukturen und dem indischen Kastensystem auf. Ihre Freundschaft erscheint wie eine wunderschöne Liebesgeschichte, ohne wirklich eine zu sein. Savita ist gefüllt mit Hunger nach mehr im Leben und reißt Purnima mit in ihrem festen Glauben, dass die beiden zusammen alles schaffen können. Doch irgendwann holt die Gewalt sie ein und Savita verschwindet. Purnima macht sich daraufhin auf die verzweifelte Suche nach ihr und ist dafür bereit, jedes Opfer zu bringen und jeden Berg zu erklimmen, der sich auf ihrem Weg zu Savita vor ihr auftut. Die verzweifelte Hoffnung und die angehenden Grausamkeiten, die Frauen und Mädchen jeden Tag an Seele und Körper angetan werden, werden durch Shobha Rao verknüpft zu einer Geschichte, die zu lesen sich wirklich lohnt. Der Satz von Savita zu Beginn des Romans fasst die Stimmung gut zusammen: „Was ist die Liebe denn, Puri? (...) Was ist die Liebe, wenn nicht ein Hunger?

Shobha Rao: Mädchen brennen heller. Elster, 2019, 381 Seiten, 24 Euro.  

 

Tango, Fussball und ein Mord

Es ist das Jahr 1933, Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, traurige Tangos erklingen im Radio. Einem jungen Mann, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt und davon träumt, selbst einen Tangotext zu schreiben, winkt ein Angebot, ein Gelegenheitsjob, der sein Leben verändern wird. Der berühmteste Fußballspieler des Landes hat seinen Verein in Buenos Aires Hals über Kopf im Stich gelassen, schon damals war eine Menge Geld im Spiel im argentinischen Fußball, und der junge Mann soll ihn überreden, gegen ein gutes Entgelt, zu seinem Club zurückzukehren; wie ihm das gelingt, bleibt ihm überlassen.

Was wie eine kleine Erpressung beginnt, weitet sich bald aus; der junge Mann wird in einen Strudel aus Ereignissen gezogen, die ihm über den Kopf wachsen: ein Mord an der Tochter eines berühmten Argentiniers, der den Faschisten nahe steht, ein mafiöser Schlachthofbesitzer, der sich sehr für den Fußballer interessiert, eine mögliche Beziehung zwischen dem Fußballer und der toten Tochter, integre und weniger integre Journalisten, einige Anarchisten, korrupte Polizisten und eine Frau, die dem jungen Mann mal ihre Gunst schenkt und mal nicht. Und über allem thront der Tango; das ganze Buch ist wie ein Tango.

Martin Caparrós: Väterland. Wagenbach, 283 Seiten, 22 Euro.

 

 

Trau dich, sag was!

Manchmal siehst du hilflos zu, wenn jemand traurig ist und du glaubst, nicht die richtigen Worte zu haben, die trösten können.

Trau dich, hinzugehen und einfach da zu sein, auch das ist oft schon eine große Hilfe.

Manchmal siehst du, dass jemandem wehgetan wird, und du glaubst, nicht mutig oder laut genug zu sein, um etwas zu tun.

Trau dich, wütend zu werden, wenn du Ungerechtigkeiten beobachtest und schäme dich nicht dafür, wenn deine Art, dich auszudrücken, besonders ist.

Auch ein Bild zu malen kann etwas bewirken, genauso wie leise zu sagen: Stop, das ist fies!

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, deine Meinung auszudrücken, trau dich auf deine Weise!

Ein Bilderbuch zum Mutig sein und Begreifen, dass kleine Gesten und Dinge auch viel bewirken können und es nicht darauf ankommt, wie groß jemand ist, sondern dass alle Kinder ihre eigenen Ausdrucksweisen haben, die gleich wichtig und richtig sind, wenn es darum geht, sich für andere Menschen einzusetzen. Das Buch erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern zeigt mit kleinen Bild-Episoden verschiedene Handlungsvorschläge.

Die Zeichnungen spiegeln bewusst diverse Identitäten wieder, sodass auch schüchterne Jungs, Schwarze Mädchen oder be_hinderte Kinder sich in diesem Buch wiederfinden können.

Peter Reynolds: Trau dich, sag was. Sauerländer, 40 Seiten, 14,99 Euro.

 

 

In der Wildnis von Idaho

Eine ältere Frau, sie wurde noch vor dem zweiten Welt Krieg geboren, heiratete jung, wie es sich gehört(e), verbrachte ihr Leben in der texanischen Provinz, ging sonntags in die Kirche und half ehrenamtlich in der Schulbibliothek aus. Nichts Weltbewegendes passierte ihr, bis sie, schon im Ruhestand, mit ihrem Ehemann eine Woche Urlaub machen wollte – in einer Blockhütte an einem einsamen See in den Bergen von Idaho, wo kaum ein Mensch lebt. Doch auf der letzten Etappe ihrer Hinreise, das Buch hat kaum begonnen, stürzt das Kleinflugzeug ab, das sie an ihr Ziel bringen sollte – der Pilot und der Ehemann sterben, nur die alte Frau überlebt. Sie verfügt zwar über Fähigkeiten, die unsere Großmütter noch hätten tradieren können, wenn nicht die Tiefkühl- und Lieferpizza ihren Siegeszug angetreten hätte, aber allein, auf sich gestellt, ohne Orientierung und weit entfernt von den nächsten Ausläufern der Zivilisation, hat sie keine Chance zu überleben, was ihr selbst unmissverständlich klar ist. Dennoch macht sie sich auf den Weg, weg vom Flugzeugwrack, da sie aus einem Tal Rauch aufsteigen sieht.

Da ist noch eine andere Frau, eine Rangerin, die in Idaho als Försterin und Polizistin lebt. Sie ist tiefunglücklich, ihr Ehemann hat sie gerade verlassen und ist in die weite Welt aufgebrochen, und ohne ihre Thermoskanne voller Merlot unternimmt sie keinen Schritt außerhalb und innerhalb ihres Hauses. Sie erfährt von dem Flugzeugabsturz und beschließt, die Überlebende zu finden, selbst als alle anderen davon abraten, weil schon zu viel Zeit vergangen sei; ihr zur Seite stehen ein paar andere Menschen, die alle irgendwie am Leben verzweifeln, weil in ihrer Vergangenheit Tragödien lauern, die in der einsamen Wildnis von Idaho kaum auffallen.

Beide Frauen beginnen im Lauf der Suche über ihr Leben nachzudenken. Die alte Frau, die vermisste, begegnet mitten in der Wildnis einem Schutz- oder gefallenen Engel, der sich nicht zu erkennen gibt und nichts über sich erzählt, aber über die Fähigkeit verfügt, als Jäger und Sammler in der Wildnis zu überleben. Während er die alte Frau mit Fleisch versorgt und abends ein Feuer anzündet, zieht an dieser ihr Leben in Versatzstücken vorbei, und sie erkennt mit jedem Tag, der vergeht, dass die Konventionen und moralischen Grundsätze ihres früheren Lebens angesichts ihrer aktuellen Erfahrungen zwar nicht aufgelöst werden oder implodieren, aber auf eine gewisse Art verblassen, so dass sie lernt, ihr Leben als eines unter vielen zu verstehen und andere Lebensentwürfe als gleichberechtigt anzusehen. So sehr überschreibt die Gegenwart ihre persönliche Geschichte, dass sie eine erste Chance zur Rettung aktiv verweigert und lieber in der Wildnis bleibt; erst als sie ihren Wohltäter verliert, macht sie sich eigenhändig auf, die Welt der Zivilisation wieder zu betreten – in der sie dann noch lange in einem Altersheim lebt und ihre Geschichte aufschreibt.

Ähnliches passiert der Rangerin. Sie geht teilnahmslos eine Affäre mit einem Kollegen ein, der zur Verstärkung geschickt wurde, und freundet sich mit dessen Tochter an, die an den Tragödien ihrer Familie zu zerbrechen droht (das meint jedenfalls ihr Vater) und oft Wahrheiten ausspricht, die niemand gern hört. Die Suche nach der Vermissten bleibt erfolglos, aber während des Misserfolgs lernt die Rangerin sich selbst besser kennen und einiges über ihr bislang glückloses Leben, bis sie einen Schlussstrich zieht und in die Stadt umzieht.

Wie in jedem guten Buch ergänzen sich der Erzählstil, die eigentliche Geschichte und ihr nicht ausbuchstabierter Hintergrund aufs Beste. Wenn die alte Frau Episoden aus ihrem Leben erzählt, wirkt der Stil so, wie sich jemand Unterhaltungen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in einer evangelikalen Kirche vorstellt, und der Kontrast zum Inhalt der Gedanken, die die Frau schildert, lässt eine Atmosphäre entstehen, als ob ein katholischer Prediger in Anklängen ans lutherische Bibeldeutsch seiner Gemeinde nahe legt, dass, solange Menschen glücklich miteinander leben, es ein sündhaftes Zusammenleben nicht gibt. Es ist dieser Kontrast zwischen Sprache und Inhalt, der einen nicht unerheblichen Reiz der Geschichte ausmacht – die zugleich eine doppelte Abenteuergeschichte ist: die Erlebnisse einer Vermissten und die Suche nach ihr.

Rye Curtis: Cloris. Beck, 352 Seiten, 24 Euro.

 

 

Wir UNTOTEN des Kapitals

Raul Zelik benutzt den Zombie als Metapher für das Leben im Kapitalismus. Die „Abläufe in unserem Leben folgen einer Logik, auf die wir keinen Einfluss zu haben scheinen, ja die unseren Interessen diametral widersprechen“. Ähnliche Metaphern wurden schon von anderen Autoren zur Gesellschaftsanalyse benutzt (Christoph Spehr: Die Aliens sind unter uns, leider vergriffen, oder Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, 2010).

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Warenform alles beeinflusst, selbst Freundschaften und Liebesbeziehungen, in einer Gesellschaft, die geprägt ist durch „Blödmaschinen“ (Seeßlen/Metz), ökonomisch geprägte Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge (Wohnen, Gesundheit, Nahverkehr, Bildung). Diesen Tatbeständen setzt Zelik das Konzept eines „grünen Sozialismus“ entgegen. Dieser Sozialismus wird mit dem Realen Sozialismus des 20. Jahrhunderts kontrastiert. Zelik beschreibt sein Scheitern anhand von Negativbeispielen aus der Sowjetunion, der chinesischen Kulturrevolution und der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung.

Er wirbt für einen Sozialismus, der das gesellschaftliche Leben in den Mittelpunkt rückt, begleitet von der Übernahme der politischen und ökonomischen Macht. Das ökosozialistische Projekt darf sich nicht nur um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse bemühen, sondern muss aus der Frage, „inwiefern Naturverhältnisse, Konsummodelle und Lebensverhältnisse mit den Klassen- und Herrschaftsverhältnissen verschränkt sind“ eine konkrete Utopie vom Sozialismus entwickeln. Dieser Sozialismus muss Feminismus, Geschlechterverhältnisse, Antirassismus, Antidiskriminierung und insbesondere ökologische Aspekte einbeziehen.

Die alte linke Frage Reform oder Revolution wird von Zelik als wechselseitig wirksam begriffen. Daraus entwickelt er ein ziemlich komplexes System, das eine Räte- und Wirtschaftsdemokratie als Alternative zur Krise der repräsentativen Demokratie vorschlägt, auch die Eigentumsfrage bleibt als zentraler Hebel auf der Agenda, die bisher auf der „Verknüpfung von Eigentum, Macht und politischer Unfreiheit“ aufbaut. Viele Aktivierungsfelder werden angesprochen und ausführlich dargelegt, u.a. die Gemeinwesenfrage – Commons (vgl. etwa Silke Helfrich: Commons, transcript 2014; Silke Helfrich/David Bollier: Frei, fair und lebendig - Die Macht der Commons, transcript 2020; Christian Felber, Gemeinwohlökonomie, Piper 2018 ).

Der Buchtext ist zusammengesetzt aus sozialwissenschaftlicher Analyse, feuilletonistischem Essay und politischem Programm. Der Essay ist nicht trocken geschrieben, sondern Bilder, Anekdoten und Witze tragen zur Auflockerung bei. Das Buch bietet eine sehr gute Diskussionsgrundlage, welche Schritte für „einen grünen Sozialismus“ notwendig sind.

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp, 328 Seiten, 18,00 €

 

 

Desintegriert euch!

Max Czollek schreibt an gegen das sich in Deutschland verschärfende und immer weiter nach rechts driftende Klima. Er schreibt aus einer jüdischen Perspektive gegen die Vereinnahmung der Opfer der Shoah durch die Täter*innen und deren Nachkommen, gegen ritualisiertes Gedenken, das oft vor allem den Täter*innen und ihren Nachkommen nützt, aber wenig wirklich mit den Opfern zu tun hat.

„Desintegriert euch!“ geht dem Bild auf den Grund, das die BRD von sich selbst entwirft: Das einer geläuterten Nation, die gelernt, entschädigt und gutgemacht hat. Er hält dem entgegen, dass nichts wieder je gut sein kann nach Auschwitz. Max Czollek bleibt unversöhnlich und will Rache, sei es auch nur literarisch.

Der Autor bleibt „still not loving germany“ und beschäftigt sich in seinem 2020 erschienenen Buch „Gegenwartsbewältigung“ mit dem Gedankenmodell, das den Begriffen Integration und Leitkultur zu Grunde liegt: Ein tief verankertes Selbstverständnis von Nationalismus, Kulturalismus und der Konstruktion eines völkischen „Wir“. Die Fähigkeit, schnell und entschlossen zu handeln, hat Deutschland im Umgang mit Covid 19 bewiesen. Aber wo hört die viel beschworene Solidarität auf?

An den Außengrenzen Europas zum Beispiel – oder wenn es um rechte Strukturen in Polizei und Verfassungsschutz geht, deren Verankerung im Staatsapparat nicht ansatzweise bekämpft wird. Auch fehlt es an Solidarität mit den Opfern rassistischer Gewalt, eine Solidarität, die zum Handeln gegen Nazis und deren stützende Strukturen zwingt. Die Morde des NSU, die  Morde von Hanau, der Angriff auf die Synagoge von Halle. Rechter Hetze folgen Taten - noch immer wird anhand völkischer Vorstellungen bestimmt, wer zur schützenswerten Gemeinschaft gehört und welche Leben nicht schützenswert zu sein scheinen.

 

Beide Bücher sind auch Aufrufe, sich zusammenzuschließen und Bündnisse gegen den weiß-deutschen Mainstream zu knüpfen, mit Ernsthaftigkeit rechten Terrorismus zu bekämpfen und die Deutungsmacht über Zugehörigkeit neu zu bestimmen.

Max Czollek: Desintegriert euch! btb, 206 Seiten, 10 Euro.

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. Hanser, 205 Seiten, 20 Euro.


(Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)