Veranstaltungen - Archiv 2008

Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat

Die öffentliche Debatte über die RAF in den siebziger Jahren

Lesung und Diskussion mit Hanno Balz (Bremen)

Hanno Balz stellt sein gerade im Campus-Verlag erschienenes Buch vor. Es soll an diesem Abend um die Frage gehen, ob der ‚Terrorismus‘-Diskurs tatsächlich vondem spricht, was er benennt oder ob es ein von den Medien ‚gemachtes‘ Phänomen ist. Hanno Balz analysiert die bundesdeutsche Presseberichterstattung der 70er Jahr und untersucht dabei die Mobilisierungen gegen so genannte ‚Sympathisanten‘ und einen Großteil der bundesdeutschen Linken. Nicht zuletzt soll auch thematisiert werden, wie die Medien die Vorstellung schürten, dass jede/jeder Opfer der RAF hätte werden können. Spekulationen über mögliche RAF-Anschläge auf vollbesetzte Fußballstadien oder die Vergiftung des Trinkwassers trugen ein Übriges zur Ausbreitung einer hysterisierten Stimmung bei.

Hanno Balz ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Uni Bremen.
Donnerstag 20.11.2008 um 20.00 Uhr
Buchladen Rote Strasse, Nikolaikirchhof 7, 37073 Göttingen




Kathe

Donnerstag 6.November 2008 20.00 Uhr

Buchladen Rote Strasse Nikolaikirchhof 7

Buchvorstellung und Gespräch mit dem Autor Espen Søbye - Moderation und Übersetzung

Uwe Englert

Die 15-jährige Kathe Lasnik hatte weder Zeit noch Gelegenheit wie Anne Frank ihre Gedanken und Gefühle angesichts drohender Vernichtung aufzuschreiben. Von ihrer Verhaftung am 26. November 1942 in Oslo bis zu ihrem Tod in Auschwitz blieben ihr nur fünf Tage. Doch der Schriftsteller Espen Søbye brachte Licht in ein doppelt ausgelöschtes Leben" (Jochen Reinert, ND).

Espen Søbye arbeitete im Statistischen Zentralamt in Oslo, als er die Anfrage eines amerikanischen Kollegen erhielt, der wissen wollte, welche Rolle die Statistik bei der Identifizierung, Verhaftung und Ermordung der Juden in Norwegen gespielt hatte. Søbye musste sich eingestehen, dass er trotz seiner beruflichen Qualifikation wenig über diese Zusammenhänge wusste. Dies veranlasste ihn zu einer umfassenden Recherche in zahlreichen Archiven Skandinaviens. Dabei stieß er auf einen "Fragebogen für Juden in Norwegen", den die jüdischen Bürger des Landes nach der Okkupation durch die deutschen Truppen hatten ausfüllen müssen.

In zierlicher Handschrift hatte auch die 15-jährige Schülerin Kathe Lasnik den Fragebogen in einem Osloer Polizeirevier ausgefüllt. Auf die Frage, seit wann sie sich in Norwegen aufhalte, hatte sie geantwortet: "Seit jeher in Norwegen." Zehn Tage später wurde Kathe Lasnik zusammen mit ihren Eltern und 530 anderen Juden mit dem Schiff "SS Donau" nach Auschwitz-Birkenau deportiert und zusammen mit sämtlichen Frauen und Kindern nur 20 Minuten nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer ermordet.

Mit seiner akribisch recherchierten Biografie des 15-jährigen jüdischen Mädchens Kathe Lasnik und ihrer Familiengeschichte zeichnet Espen Søbye ein genaues Bild der Lage der jüdischen Bevölkerung - auch bereits vor der Besatzungszeit - in Norwegen, die sich mit dem Überfall der deutschen Truppen im April 1940 dramatisch zuspitzte.

Das 2003 veröffentlichte Buch, in dem Søbye nachweist, dass Norwegen keineswegs frei von Antisemitismus war und viele Norweger mit der antijüdischen Politik der Deutschen kollaborierten, löste eine vergangenheitspolitische Debatte aus und trug entscheidend zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser bisher verdrängten Seite der norwegischen Geschichte bei.

 

 

Tödliche Schüsse

Multimedia-Lesung und Veranstaltung zu den Sozialen Bewegungen in den 80er Jahren

Zu Gast: Wolf Wetzel

Samstag, 1. November 20 Uhr im Theaterkeller, Geismarlandstr. 19

Als am 2.11.1987 bei einer Nachtaktion am Frankfurter Flughafen tödliche Schüsse auf Polizeibeamte abgegeben wurden, ging dieses Ereignis als Novum in die Geschichte sozialer Bewegungen ein. Zwanzig Jahre später nun rekonstruiert Wolf Wetzel in seiner dokumentarischen Erzählung "Tödliche Schüsse" die nächtlichen Ereignisse vom Beginn der Demonstration bis zum Verhör im Polizeigeawhrsam. Die Protagonist_innen werden dabei eingeholt von den Ereignissen, die ihr bisheriges Leben gewaltig ins Wanken brachten: von der Hüttendorfräumung im Flörsheimer Wald über die Demonstration gegen die Plutoniumfabriken Alkem-Nukem inHanau bis hin zu klandestin durchgeführten Anschlägen auf Strommasten. Auch wenn die Auseinandersetzung um die Startbahn West im Mittelpunkt der Erzählung steht, so ist es auch ein Buch über die 80er Jahre, das die sozialen Bewegungen in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Der Versuch, zwischen kommunistischen Doktrinen und Alternativbewegung, zwischen der Roten Armee Fraktion und den Grünen eigene Wege zu gehen. Auf der Grundlage von Interviews mit 15 damals beteiligten Personen entsteht ein Spiegelbild der politischen Stimmung und der Entschlossenheit zum Widerstand. Nicht die persönliche Remineszenz oder das Anekdotenhafte stehen hier im Vordergrund, sondern die Summe der persönlichen Erinnerungen als Teil des kollektiven Gedächtnisses.

 

 

Beugehaftbeschlüsse gegen Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Knut Folkerts

Beiträge zur juristischen und politischen Einschätzung und zur Bedeutung von Aussageverweigerung und Beugehaft

Veranstaltung mit dem Solidaritätsbündnis gegen Beugehaft

am Donnerstag, den 12.06.08, um 20.00 Uhr im Theaterkeller, Geismarldstr. 19

Im April 2007 wurde gegen Stefan Wisniewski ein Ermittlungsverfahren wegen der Erschießung Bubacks und des versuchten Anschlags auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft (1977) eingeleitet. Anfang Januar diesen Jahres hat der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs einem Antrag der Bundesanwaltschaft auf Beugehaft gegen die drei ehemaligen Mitglieder der RAF stattgegeben, um sie zu Aussagen zu zwingen. Die Beschwerde, die die Betroffenen gegen diesen Beschluss eingelegt haben, ist im April zurückgewiesen worden. Endgültig entscheiden muss jetzt der Staatsschutzsenat des BGH.

Das staatliche und gesellschaftliche Rachebedürfnis gegenüber den Menschen, die in der RAF organisiert waren, ist ungebrochen. Verlangt werden Reue und Unterwerfung. Ehemalige Militante, die nicht Abbitte leisten, werden weiterhin verfolgt und denunziert. Brigitte Mohnhaupt und Knut Folkerts sollen nach 24 bzw. 18 Jahren Knast wieder unter Sonderhaftbedingungen inhaftiert werden. Christian Klars Freilassung würde sich um die Länge der Beugehaft nach hinten verschieben.

Hinter dem Beschluss der Justiz, die Drei in Beugehaft zu nehmen, steht das Interesse, sie medienwirksam für ihre Haltung abzustrafen, keine Genoss_innen und nichts an der Politik der RAF zu denunzieren, während die Geschichte des bewaffneten Kampfes weiter umgeschrieben und jeglichen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhangs beraubt wird. Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Knut Folkerts sollen in Beugehaft, während Buback als Verantwortlicher der Todesschussfahndung und des Todes von Holger Meins zum reinen Opfer von Terroristen mutiert und Schleyers Vergangenheit als ehemaliges Mitglied der SS verschwiegen wird.

Für Aussageverweigerung - gegen Beugehaft!
Keine juristische Abwicklung und Entpolitisierung linksradikaler Kämpfe und Geschichte!
Solidaritätsbündnis gegen Beugehaft Hamburg
Veranstaltet vom Theaterkeller und dem Buchladen Rote Strasse

 

Buchvorstellung mit Gabriel Kuhn: "Neuer Anarchismus in den USA"

am 15.05.2008 um 20.00 Uhr Ort: Theaterkeller, Geismarldstr. 19

Die Proteste gegen das Treffen der WTO in Seattle 1999 übten wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung gegenwärtiger US-amerikanischer Widerstandskultur aus. Ein bemerkenswerter Aspekt dieser Entwicklung ist das Wiedererstarken einer anarchistischen Bewegung. Der Autor präsentiert die Bewegung anhand neunzehn individuell eingeleiteter und kommentierter Texte. Die Texte stellen die bekannteren Kollektive, AutorInnen, und Konzepte vor und verbinden dies mit Darstellungen anarchistischer Alltagskultur sowie aktuellen Diskussionen um die Renaissance des Schwarzen Blocks, Machoattitüden innerhalb der anarchistischen Szene, Segregationsprobleme sozialer Bewegungen und anarchistische Ökonomie.

VeranstalterInnen: Buchladen Rote Strasse, Theaterkeller

 

Hans-Christian Dany: Speed. Eine Gesellschaft auf Droge

Von J.P. Sartre bis Andy Warhol, von Adolf Hitler bis Johnny Rotten

Lesung

Dienstag, den 18. März um 20.00 Uhr im Theaterkeller, Geismar Landstraße 19

Coverbild  SpeedAmphetamin hatte viele prominente Nutzer. Die Droge soll das ‚Große Zappeln‘ von Kindern sowie das Schlafbedürfnis von Soldaten kurieren, sie wird zur Leistungssteigerung, Grenzüberschreitung in der Kreativität und Körpergestaltung, als Antidepressivum und Asthmamittel eingesetzt. Diese Geschichte von Speed setzt aus zahlreichen Nahaufnahmen auch eine Geheimgeschichte des 20.Jahrhunderts zusammen. Amphetamin ist als Pharmazeutikum die normalste Sache der Welt: Kinder und Soldaten bekommen Amphetaminpräparate legal zugeteilt, um zu leisten, was von ihnen erwartet wird. Als Chrystal Meth alias Pep, Yaba oder Speed hingegen wird es als ‚Killerdroge‘ für den jüngsten Anstieg an HIV-Infektionen verantwortlich gemacht und gilt bei Politikern als größte Bedrohung der USA.

Keine Droge aber ist in so kurzer Zeit von der Pharmaindustrie so massenhaft verbreitet worden wie Amphetamin, und keine war und ist so vielseitig einsetzbar. Mit großer Sachkenntnis, anschaulich, sehr lebendig und manchmal mit ironischem Witz schildert Dany die Geschichte und Entwicklung von Speed seit seiner Entdeckung. In seinem Buch ‚Speed. Eine Gesellschaft auf Droge‘ zeigt er die schillernde Anziehung der Droge, ihre Zerstörungskraft und weiß gute Gründe zu nennen, nüchtern zu bleiben.

Hans-Christian Dany, geboren 1966 in Hamburg. Künstler, Autor, Kurator, Berater. Lebt in Hamburg.

 

Autonome: Auch 2008 noch in Bewegung?!

Buchvorstellung und Veranstaltung zu ‚Autonome in Bewegung. Aus den ersten 23 Jahren‘

Zu Gast: Ein Beschuldigter im aktuellen §129a-Verfahren in Berlin

Samstag, den 19. Januar 2008 um 20.00 Uhr im Theaterkeller, Geismar Landstraße 19

Unter dem Namen ‚AG Grauwacke‘ bescheiben fünf Berliner Autonome 20 Jahre autonomer Geschichte. In dem Buch ‚Autonome in Bewegung‘ geht es um Analysen, Berichte, Anekdoten und Schmonzetten u.a. zu folgenden Themen: Häuserkampf, Anti-Akw, IWF-Kampagne, Revolutionäre Zellen, Spaßguerilla, Punk, Rostock und Hoyerswerda.

Das Buch ist eine Mixtur aus persönlichen Erlebnissen, Reflexionen, analytischer Aufarbeitung und politischer Einordnung der autonomen Bewegung, deren viel beschworenes Ende noch lange nicht erreicht ist. Das erste Mal im Juni 2003 erschienen, liegt das Buch inzwischen in der vierten Auflage vor.

2006 stellte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen Indizierungsantrag gegen das Buch, im Vorfeld des G8 muste es im Mai 2007 als Grund für diverse Razzien herhalten. So wurden neben zahlreichen Objekten auch die Räume des Verlages Assoziation A in Berlin durchsucht, um Beweismaterial gegen die vermuteten Autoren des Buches zu beschlagnahmen. Die Durchsuchungen wurden u.a. damit begündet, daß das Buch quasi ein Bekennerschreiben sei: während der IFW-Kampagne 1988 gab es eine militante Kampagne, zum G8-Gipfel knapp 20 Jahre später wurde auch zu einer ähnlichen Kampagne aufgerufen. Also: muss es auch heute eine terroristische Vereinigung geben – und das müssen u.a. die Grauwackes sein. Ingesamt rechnet die Bundesanwaltschaft der nebulösen Vereinigung zwölf gewalttätige Aktionen mit einem Gesamtschaden von rund 2,6 Millionen Euro zu, die im Zeitraum Juli 2005 bis März 2007 ausgeführt wurden. Zu Beginn dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof (BGH) zwar festgstellt, dass die Razzien im Vorfeld des G8 rechtswidrig waren, an dem Verfahren ändert diese Entscheidung jedoch nichts. Bei der Veranstaltung gibt es Neuigkeiten zum aktuellen Stand und Informationen zu den Verfahren.

www.assoziation-a.de/neu/Autonome_in_Bewegung.htm
http://autox.nadir.org


Lesung "Teil der Lösung"

Donnerstag, den 24. Januar 2008 um 20.00 Uhr im Buchladen Rote Straße, Nikolaikirchhof 7

Überwachungskameras am Potsdamer Platz, globalisierte Markenwelten und limitierte Bewegungsfreiheit: an Vorzeichen, die politisches Handeln ebenso notwendig wie illusionär erscheinen lassen, mangelt es nirgends.

Christian schlägt sich als freier Journalist mit Gelegenheitsaufträgen durch und ist Teil eines akademischen Proletariats, wie es in Berlin ganze Stadtviertel besiedelt. Selbst Mitte dreißig, hat er die Zeit des bewaffneten Widerstands gegen die Staatsmacht nur noch als Echo miterlebt. Vielleicht sucht er gerade deshalb für eine längst fällige Story Kontakt zu untergetauchten Ehemaligen der Roten Brigaden. In Paris soll ein wichtiger Informant anzutreffen und bereit zum Reden sein. Zunächst aber trifft Christian auf Nele: die hochbegabte Studentin bewegt sich, von einer geheimnisvollen Wut getrieben, durch den Jahrhundertsommer 2003. Was mit ein paar Zufallsbegegnungen eher harmlos beginnt, entwickelt sich zu einer heftigen und verqueren Anziehung, deren Ausgangspunkt im neuen Berlin liegt und die ihren Show-down in Paris erlebt. Teil der Lösung ist ein hochaktueller Roman, der in einem rasanten Ineinander von einzelnen Szenen abbildet, wie bruchstückhaft und vielfältig Wirklichkeit ist. Kontrollierter Raum und spielerische Störmanöver, Decknamen und Spitzel, geheime Treffen und präzise Attentate auf den Alltag: Subtil verbindet Ulrich Peltzer eine störrische Liebesgeschichte mit der Beobachtung neuer politischer Bewegungen in einer Grammatik der Überwachung.

Ulrich Peltzer gilt der Kritik als „einer der wichtigsten Autoren seiner Generation“. Jahrgang 1956, in Krefeld geboren, lebt er seit 1975 in Berlin. Bisher erschienene Bücher: Die Sünden der Faulheit (1987), Stefan Martinez (1995), Alle oder Keiner (1999). Für seine Bücher erhielt er mehere Auszeichnungen, zuletzt 2003 den Bremer Literaturpreis für seinen letzten Roman Bryant Park.