Unser Buchtipp

Molche und Menschen

Eines Tages entdeckt der Kapitän eines Schiffes auf einer einsamen Insel, am Äquator ein wenig westlich von Sumatra gelegen, eine neue Tierart: Riesenmolche. Diese, so stellt sich rasch heraus, können die menschliche Sprache erlernen und sprechen und sind intelligent, und ebenso schnell wittern die Menschen ein Riesengeschäft. Die Molche, die unter Wasser arbeiten können, werden als billige Arbeitskräfte quer über den ganzen Globus verkauft und eingesetzt und gnadenlos ausgebeutet. An den Handelsbörsen werden sie wie Baumwolle oder Weizen notiert, in der Regel nicht als Einzelexemplare, sondern in verschiedenen Verpackungseinheiten, wie es aus einer Notiz in der Wirtschaftsrubrik einer zeitgenössischen Zeitung hervorgeht (S. 164). Ge- und verkauft werden etwa:

v   Leading-Molche: ausgewählte und sehr intelligente Einzelexemplare, die als Leitmolche und Aufseher von Arbeitskolonnen eingesetzt werden

v   Heavy-Molche: fitte Molche für schwerste körperliche Arbeit, angeboten im Sechserpack

v   Team-Molche: gewöhnliche Arbeitsmolche, die VE zu 20 Stück

v   Odd Jobs: halbwilde Molche, die aber begabt sind und ausgebildet werden können

v   Trash-Molche: Molchausschuss, also Molche, die nicht richtig arbeiten können; sie werden nach Kilogramm Lebendgewicht verkauft. Warum solche Molche überhaupt ge- und verkauft werden, ist unbekannt

v   Spawn: Molchlaich – aus manchen Molchlarven lassen sich (selten) ungewöhnliche Molche züchten, die teuer verkauft werden können.

Bald melden einige Menschen Bedenken an, dass es ja nicht anginge, intelligente Wesen derart auszubeuten und rechtlos zu belassen; ja, manche stellen sich gar die Frage, ob Molche nicht eine Seele hätten. Schulen für Molche werden gegründet, Menschen setzen sich für Molche ein, usw. usf. Aufrufe an die arbeitenden Molche, dass der letzte Kampf beginne, wenn sich alle Molche vereinigten, kursieren, und deutsche Forscher entdecken den in der Ostsee heimischen „Edel- oder Nordmolch“, dem besondere Fähigkeiten nachgesagt werden; deutsche Kinder besingen ihn folgendermaßen: „Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“. Doch dann tun die Molche, was keiner erwartet: sie rebellieren gegen die Menschen, und der Krieg mit den Molchen beginnt.

Karel Čapek, ein tschechischer Schriftsteller, schrieb das Molchbuch bereits 1936, kurz bevor er starb; an Aktualität hat es bis heute nichts verloren. 1956 erschein eine DDR-Ausgabe, ohne Illustrationen, und als der Illustrator Hans Ticha auf dieses Buch aufmerksam wurde, verhandelte er mit dem Verlag über eine Neuausgabe, die allmählich Formen annahm. In der jetzigen Ausgabe, einem Nachdruck, wird der Haupttext von unzähligen, farbigen Graphiken und „Dokumenten“ in unterschiedlichen Schriftarten, -typen und –graden aufgelockert.

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen. 328 Seiten, gebunden, mit vielen, vielen Illustrationen, Grafiken und Einsprengseln von Hans Ticha. Büchergilde Gutenberg. Für Mitglieder 22,95€, für Nicht-Mitglieder: 24,95€.

Ein Raumschiff, eine Crew und viele Kulturen

In jener Zeit, in der sich das Raumschiff Wayfarer auf langen Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten macht, ist die Erde nicht mehr besiedelt. Die Menschen, relative Neuankömmlinge im interstellaren Raum, wurden in die Galaktische Union aufgenommen und leben nun auf anderen Planeten im Weltraum, zusammen mit anderen Lebensformen, oder als Raumschiffnomaden.

Die Geschichte beginnt, als Rosemarie Harper als Buchhalterin und Verwaltungsassistentin vom Kapitän der Wayfarer angeheuert wird und an Bord kommt. Das Schiff gehört nicht zu den Vorzeigeobjekten der Galaxis; es ist klein, zusammengezimmert und bietet Platz für weniger als 10 Lebewesen, die die Crew ausmachen, zu denen ein Reptil, eine KI und eine Lebensform gehört, die den Hyperraum ‚sehen’ kann. Die Crew verdient sich ihr alltägliches Brot oder dessen Pendant, indem sie im Weltraum anfallende Arbeiten übernimmt und erledigt, und kurz nach Rosemaries Ankunft zieht der Kapitän einen lukrativen Auftrag an Bord: ein Hypertunnel soll gebaut werden, der zu einem Planeten am Rande der Union führt und von dem niemand weiß, ob die Bewohner friedlich-diplomatisch mit der GU kooperieren werden oder es zu Schwierigkeiten kommen wird.

Die Reise ist lang, das Bohren eines Hypertunnels dauert seine Zeit, und unterwegs lernt Rosemarie die Crewmitglieder und ihre Eigenheiten kennen …

Becky Chambers: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Fischer/Tor, 543 Seiten, 9,99€.

 

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafaks neuer Roman kreist um die Fragen des Glaubens und der Religion, um Tradition, die Frage der eigenen Positionierung und, nicht zu vergessen, der gesellschaftlichen Situation der Türkei.

Schon als Kind, es sind wohl die 80er Jahre, ist die Protagonistin Peri mit sehr unterschiedlichen Ideen konfrontiert. Der Vater ist ein glühender Anhänger Atatürks und liberal eingestellt, die Mutter eine streng religiös lebende Muslima. Der Konflikt wird in der Familie ständig und unversöhnlich ausgetragen. Hier fragt sich Peri das erste Mal, ob es für sie nicht einen anderen Umgang mit diesen Fragen gibt und sucht in Büchern und beim Schreiben ihres Tagebuchs nach Antworten.

Dank ihres Vaters bekommt sie die Möglichkeit in Oxford zu studieren. Die Bedenken der Mutter werden übergangen. In Oxford findet sie Freundinnen: Shirin und Mona. Die eine, Shirin, hat sich gegen jegliche Religion entschieden und lebt westlich orientiert. Mona hingegen ist gläubige Muslima trägt aus Überzeugung Kopftuch, reagiert sehr empfindlich auf Kritik und engagiert sich politisch für die Rechte von Frauen. Wieder ist Peri die Fragende, die bei Konflikten vermittelt und eigene Antworten sucht. In philosophischen Vorlesungen zum Thema ‚Gott‘ bekommt Peri die Möglichkeit, sich intellektuell mit dem Thema zu beschäftigen. Dies wird sie für immer prägen, doch es stürzt sie auch in eine persönliche Krise.

Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen. Er beginnt in Istanbul im Jahr 2016, als Peri mit ihrer gelangweilten Tochter auf dem Weg zu einer Dinnerparty ist. Sie ist inzwischen verheiratet, gut situiert, hat drei Kinder und lebt in einem guten Viertel der Stadt. Der zunehmend religiös geprägte Alltag schränkt sie noch nicht so ein, als dass sie sich nicht damit arrangieren könnte.

Sie wird überfallen, körperlich bleibt sie zwar weitestgehend unversehrt, aber Handy und Portemonnaie sind weg, doch ein altes Foto aus ihrer Studienzeit, dass sie mit ihren Freundinnen zeigt, kommt zum Vorscheinen. Die Erinnerungen an ihre Studienzeit in Oxford kommen wieder hoch.

Der zweite Erzählstrang besteht aus Rückblenden in Peris Kindheit und Jugend. Zwischen diesen Ebenen entspannt sich ein spannender, sehr lebendig geschriebener Roman, der gerade von den Dialogen lebt.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses. Kein & Aber Verlag, Roman, 560 Seiten, 25,00€.

 

Der ganz normale Wahn

Jakob und Julia Bloch, eine liberale, jüdische Familie aus Washington, D.C. mit drei Söhnen und einem Hund fiebern der Bar Mizwa ihres Ältesten entgegen. Es ist eine ganz normale Familie. Die Kinder sind vorlaut und schlagkräftig, kennen sich im Netz besser aus als ihr Erzeuger, und der Älteste hält nichts von seiner Bar Mizwa. Die Eheleute verstehen nicht, obwohl sie sich Mühe geben, wie die Zeit, der Alltag, die Kinder, der Job, sie und ihre Beziehung verändert hat, wie selbstverständlich kaufen sie Biogemüse, haben ein schönes Haus, aber Glück ist etwas anderes. Jakobs Vater streitet sich beständig mit seinem Sohn, dem er mangelndes Bewusstsein für sein Jüdischsein vorwirft, über Israel und die Juden, und Jakobs Großvater, der mit seinem Bruder einst vor den Nazis in die Wälder flüchtete, wo beide im Gegensatz zu ihren vielen Geschwistern überlebten, müsste ins Altersheim umziehen, will das aber nicht.

Als ein Rabbi Jakob und Julia zu sich ruft und ihnen eröffnet, dass ihr Ältester einen Zettel mit einer Litanei an ethnischen Schimpfwörtern auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen und daher seine Bar Mizwa in Gefahr sei, nimmt das alltägliche Verhängnis seinen Lauf: Mutter und Vater sind sich nicht einig in der Einschätzung des Vorfalls und erst recht nicht darin, wie ihr Sohn darauf zu reagieren hat. Sie streiten sich, so wie sie sich tagtäglich streiten, und versuchen, ihre Probleme im Dialog zu lösen, ohne sich zu verletzen. Diese Gespräche, die brenzliger und bedrohlicher werden, als Julia ein geheimes Zweithandy ihres Mannes findet, dokumentieren das Auseinanderleben in einer Ehe, für das es eigentlich gar keinen Grund gibt, den Verlust an Nähe in der Nähe des Ehebetts und die vergrabenen Hoffnungen und Erwartung beider, und doch sind sie zumeist nicht bitter, bitterernst und angreifend, sondern melancholisch, unfreiwillig komisch und manchmal zum Brüllen komisch und gleichzeitig tieftraurig, da sie beständig mitreflektieren, wie verletzend ihre Worte sein könnten, und versuchen, sich noch beim größten Streit gegenseitig zu respektieren. Auf die gleiche Weise erziehen sie ihre Kinder, die das Spiel mitspielen und lernen, entsprechend schlagkräftig auf die Erziehungsgespräche zu reagieren. Herzergreifend entfaltet sich in solchen Dialogen und in abstrusen Situationen – etwa wenn ein Sohn und seine Klasse offiziell den UN-Sicherheitsrat nachspielen und als Vertreter Mikronesiens plötzlich über eine Atombombe verfügen – das Ende einer Ehe, ohne dass beide es wahrhaben wollen und können.

Während dann die israelische Verwandtschaft zu Gast ist, die Nachkommen des Bruders des Großvaters, um die Bar Mizwa mitzufeiern und Israel von einem Erdbeben heimgesucht wird, das zu einem Krieg mit seinen arabischen Nachbarn führt, wird Jakob mit seinem Jüdisch-Sein konfrontiert, und die Bahn seiner Ehe wird abschüssiger. Er trifft eine Entscheidung, und seine Frau trifft eine Entscheidung.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Kiepenheuer & Witsch, 683 Seiten, 26€.

 

Eine abgeschiedene Siedlung in Berlin-Treptow

Grenznah war sie gelegen und abgeschieden ist sie heute, die Siedlung, und dort haben sich die beiden auf die fünfzig zugehenden Schwestern Claudia und Barbara in ihrem Haus eingerichtet. Barbara arbeitet als Sachbearbeiterin für dezentrale Kulturarbeit und flirtet, noch etwas unentschieden, mit einem Stadtrat; Claudia hat nach der Entlassungswelle keine Anstellung mehr bekommen, lebt aber gut vom Nähen extravaganter Kleider für die Boutiquen der Stadt.

Erst nach dem Tod der Eltern haben sie das von einem Gropiusschüler errichtete Haus übernommen und renovieren es nun. Und wie das so ist, bei der Renovierung kommt so einiges zum Vorschein: Die Fotos und Filme des Vaters werden auf dem Dachboden entdeckt und angeschaut. Er trägt im Urlaub eine von der Mutter gehäkelte Kippa. Sie forschen nach und rekonstruieren das Leben ihrer Eltern.

Die Autorin springt durch die (Familien)Geschichte. So wird eine verschollen geglaubte Tante in Sarajewo entdeckt und besucht. Auch Werner Kapok, der im Nachbarhaus wohnte, taucht auf. Die Familien waren eng befreundet. Mit den Schwestern verband ihn ein besonders nahes Verhältnis. Auch er ist ein Gescheiterter: Im neugegründeten ‚Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung‘ sollte er 1989 eine Professur bekommen. Kurze Zeit nach Beginn der Arbeit wurde das Institut aufgelöst. Zurückgekommen ist er, um seine Schwester zu besuchen, die neben Claudia und Barbara wohnt. Die Drei treffen sich wieder …

Mit dem Erforschen der eigenen Geschichte verortet die Autorin ihre Protagonist*innen neu, macht sie handlungsfähiger und gibt ihnen eine Perspektive. Ihr ist ein grandioser und genau recherchierter Roman über die jüngere deutsche Geschichte gelungen.

Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Roman, 448 Seiten, 22,00€.

 

Die Engel von Sidi Moumen

Am 13. Mai 2003 sprengten sich an verschiedenen Orten in Casablanca Selbstmordattentäter in die Luft. Die vierzehn Jugendlichen stammten aus Sidi Moumen, einem Elendsviertel, das von der Stadt durch eine Mauer getrennt ist. Der Autor rekonstruiert die Vorgeschichte der Attentate und lässt einen der Attentäter posthum erzählen:

Jaschin wächst mit acht Brüdern in Sidi Moumen auf. Die Kinder und ihre Familien überleben, indem sie Abfallberge durchwühlen, die Fundstücke verkaufen, durch Diebstähle und Drogenhandel und indem sie kleine Jobs übernehmen.

Der Mittelpunkt in Jaschins Leben ist Fußball. Hier vergessen die Jungen ihren Alltag, sie treffen sich, wann immer sie Zeit haben, fechten Kämpfe gegen Mannschaften anderer Bidonvilles aus und amüsieren sich bestens. Jaschin erzählt vom ersten Flirt, dem Auftauchen von der Gruppe um Abu Subair. Er vermittelt den Jungen Jobs, von ihm bekommen sie Kleidung, eine religiöse Schulung und werden zu Attentätern ausgebildet.

Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen. Lenos Verlag, 157 S., 14,50€.

 

Diamantenstaub – der perfekte Mord?

Ahmed Mourad lässt seinen Kriminalroman in einem kleinen, heruntergekommenen Stadtteil Kairos spielen. Taha, eher Antiheld als Held, arbeitet tagsüber als Pharmavertreter, nachts hilft er in einer Apotheke aus. Er lebt mit seinem Vater auf engstem Raum zusammen und pflegt ihn. Gegenüber liegt die Villa des Millionärs Machrus Bergas. An den Rollstuhl gefesselt beobachtet Tahas Vater die Leute auf der Straße. Eines Tages kommt Taha nach Hause und sein Vater ist tot – er wurde ermordet. Die Polizei stellt die Ermittlungen ein – und da Taha auf dem Fortführen der Ermittlungen beharrt, gerät er in Schwierigkeiten. Schließlich nimmt er sie selbst in die Hand. Er findet heraus, warum seine Mutter die Familie verließ und findet eine Erklärung für die merkwürdigen Besuche seines Vaters bei hochgestellten Persönlichkeiten. Trotz allem findet er noch Zeit, Schlagzeug zu spielen und sich mit seiner Nachbarin, der Bloggerin Sara, zu treffen.

Ahmed Mourad hat einen gut konstruierten, spannenden und amüsanten Kriminalroman geschrieben, der die gesellschaftliche und politische Situation Ägyptens kurz vor dem Sturz Mubaraks beschreibt und in Form von Rückblenden bis in die 60er Jahre zurückgeht.

Ahmed Mourad: Diamantenstaub. Lenos 2016, 407 Seiten, 14,90€.

 

New York, New York

In der Silvesternacht 1976/77 wird in einem Park in New York ein junges Mädchen erschossen, Samantha, 20 Jahre alt und begeisterte Fanzineschreiberin.

New York war Ende der 70er eine Stadt im Umbruch und nahezu pleite. Patti Smith und Punk ertönten aus den Lautsprechern der Plattenspieler, der Hip Hop wurde gerade erfunden; die Immobilienpreise waren so weit gesunken, dass Brände nichts Ungewöhnliches waren, um wenigstens noch die Versicherungssumme zu kassieren, und in manche Straßenzüge traute sich die Staatsgewalt nicht hinein: die Gentrifizierung kündigte sich an.

Um den Mord an Samantha und die Silvesternacht herum verwebt der Autor die Geschichten mehrerer Menschen, die in einer Beziehung zu Samantha standen, und die Stadt selbst; jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines oder einer der Beteiligten erzählt, ergänzt werden sie durch Rückblicke, Briefe, abgedruckte Fanzines und andere Textelemente. Tatsächlich beginnt der Roman nicht in dieser Silvesternacht, sondern im Sommer zuvor. Die Figuren werden langsam und behutsam eingeführt; sie umfassen ein breites Kaleidoskop unterschiedlicher Lebensentwürfe:

Mercer, ein schwarzer Lehrer, der vom Land in die Großstadt zieht, um einen Roman zu schreiben, verliebt sich dort in William, einen Ex-Punk und Maler, der alle Verbindungen zu seiner schwerreichen Familie gekappt hat und einst ein legendäres Outdoor-Punkkonzert gab. Seine Schwester, die ihren Bruder sucht, ist dabei, sich von ihrem Ehemann zu trennen, der sie mit einer anderen betrogen hat, und verzweifelt am Bruder ihrer Stiefmutter, der die Geschicke der Familie und ihr verzweigtes Geld- und Firmenimperium lenkt. Charlie, der sich in Samantha verliebt hat, verbrachte den Sommer mit ihr und weiß nicht, was er mit seinem Leben in der Vorstadt anfangen soll, und die ehemaligen Bandmitglieder Williams, die dem legendären Konzert nachtrauern, rufen den Posthumanismus aus und sind vielleicht in dunkle Machenschaften verwickelt. Ein Reporter, der die Biographie von Samanthas Vater schreiben will, einem der letzten Feuerwerker New Yorks, verfolgt plötzlich ganz andere Spuren, und der Polizist, der Samanthas Tod untersucht, will eigentlich seinen Job an den Nagel hängen. – Und natürlich Samantha selbst, die einen Sommer mit Musik, Fanzines, Charlie und Freiheit lebte, bevor sie erschossen wird.

Alle Einzelschicksale und individuellen Geschichten werden allmählich zusammengeführt, ergeben ein stimmiges Ganzes und kulminieren in einer Julinacht, in der in New York der Strom ausfiel. In der echten Metropole brach damals ein allgemeines Durcheinander aus, es kam zu Plünderungen und Gewaltausbrüchen; diese fehlen im Roman zwar nicht, doch was in der fiktionalen Nacht ohne Licht passiert, ist versöhnlicher.

Garth Risk Hallway: City on Fire. S. Fischer, 1080 Seiten, 25€.

 

„Die Zeit der Sonne + der tausend Farben ist angebrochen“

„Es liegt Revolte in der Luft überall haben die jungen Leute realisiert dass sich die Dinge verändern müssen wir können den alten Idioten von der Linken nicht mehr vertrauen die sowieso nur Deals machen wollen mit den Padroni (…)“, das lässt Nanni Balestrini einen Arbeiter ohne Namen sagen, die Zeit könnte jederzeit sein, heute, übermorgen, vor langer Zeit, aber tatsächlich spricht der Namenlose von der italienischen Autonomia, es wird irgendwann zwischen dem Herbst 1976 und dem Winter 1977 gewesen sein, ein genauer Zeitpunkt wird nicht genannt, als die Mieten stiegen und stiegen und der Druck zunahm und die Arbeiter, Studenten und ihre Familien Wohnungen besetzten, deren Miete sie nicht mehr bezahlen konnten, und Räumungen verhinderten und in Straßenkämpfe verwickelt wurden.

Der Namenlose gehört im heißen Herbst 1977 zu den Älteren; er kämpfte bereits mit der italienische Marine und den Alliierten gegen die Nazis, wurde gefangen genommen und landete zuerst in einem Arbeitslager in Bremervörde, dann verschlag es ihn zur Zwangsarbeit nach Kiel. Er überlebte die Arbeitslager, um nach dem Krieg auf Sardinien unter unvorstellbaren Bedingungen in den Kohleminen zu schuften (und in einer am Reißbrett entworfenen Stadt zu leben), wo sich militanter Widerstand regte, der nicht im Misserfolg endete. Er wanderte aus, nach Australien, um ein wenig Geld zu verdienen, und kehrte nach ein paar Jahren nach Italien zurück, wo wir ihn während der Zeit der Autonomia wiedertreffen.

„Wir haben viele Kämpfe verloren und wir werden andere noch verlieren aber wir haben auch schon einige gewonnen und wir werden immer weiter kämpfen kontinuierlich und immer weil es sind wir die gewinnen müssen am Ende“.

Nanni Balestrini: Carbonia. Wir sind alle Kommunisten. Bahoe-Books, 86 Seiten, 8,80€.

 

Die TaklaMakan

Barry Cunliffe, ein emeritierter Professor für Archäologie, der eigentlich auf die ältere Geschichte Großbritanniens, Irlands und des sogenannten keltischen Randes Europas spezialisiert ist, hat eine epochenübergreifende Geschichte Eurasiens geschrieben, die nicht in die üblichen Raster der Fachwelt passt – denn er nimmt die weiten Gebiete zwischen Europa/dem vorderen Orient und China als Zentrum und versucht zu beschreiben, wie dieses mit den östlichen und westlichen Zivilisationen wechselwirkt und welche Entwicklungen sich daraus für China, für den westlichen Zipfel Asiens, für Vorderasien und für das „Dazwischen“ ergaben.

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung langer Zyklen; dann beginnt das Buch im Jahr 10.000 v.u.Z. Cunliffe erklärt, warum Pferde und Kupfer ab 5000 v.u.Z. so wichtig waren, die ersten Konfrontationen zwischen Nomaden und Imperien und vieles mehr, und er beendet das Buch nicht, wie es oft üblich ist, im Jetzt, sondern mit dem Aufstieg der Mongolen und dem Zerfall ihres Reiches.

Was dieses Buch zu einem echten Lesegenuss macht, ist nicht nur der Stil des Autors (nicht alle klugen Köpfe schreiben auch gute Bücher), sondern viele (farbige) Abbildungen und Landkarten; wer noch nie von der Takla-Makan hörte, weiß nach der Lektüre des Buches, wo sie liegt, was dort passierte, warum sie eine wichtige Rolle spielte – und wie sie aussieht.

Barry Cunliffe: 10000 Jahre. Geburt und Geschichte Eurasiens. Theiss-Verlag,  596 Seiten, 49,95€.

 

Die Abstiegsgesellschaft

Eine Rollltreppe, die nach unten fährt, und gegen die man anlaufen muss, letzteres gilt für immer mehr Mitglieder der Gesellschaft - ein Bild aus Oliver Nachtweys Sozialstaatsanalyse „Die Abstiegsgesellschaft“. Von der sozialen Moderne der Sechziger (Normalarbeitstag, soziale Sicherheit), einer „Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration“, beschreibt Nachtwey den Weg zum Postwachstumskapitalismus, einer „Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung.“

In der regressiven Moderne erlebt der Arbeitnehmer jeden Tag, wie die Faust des neoliberalen Marktes gut hörbar an seine Tür klopft. Abstieg ist eine stete Möglichkeit, Aufstieg oft eine Illusion. Das Buch beinhaltet eine linke Kritik der Gesellschaftsanalyse, gut lesbar, und führt aufs freie Diskussionsfeld. Thesen aus diesem Buch können auch zur Analyse des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus führen.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, 264 Seiten, 18€.

 

Alles bloss immer Hund!

Jan Ahlers ist 17. Er lebt bei seiner Großmutter in Hamburg, malocht auf dem Bau, ist nicht zufrieden mit sich und der Welt. »Alles bloß immer Hund!« ist einer seiner Lieblingssprüche. Die Handlung beginnt 1960, und ein breit angelegtes Milieu fächert sich auf: Bundeswehrsoldaten, ein Sozialarbeiter, ein Franzose, Kommunisten, ein Gangsterboss, ein Arzt ...

»Dieser Roman ist die erste komplexe erzählerische Realisation des Widerstands, des Protests, des Veränderungswillen, wie sie in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik aufkamen« (Heinrich Vormweg).

Christian Geissler: Das Brot mit der Feile. Verbrecher-Verlag, 544 Seiten, 26€.

 

Weiter möchten wir noch auf weiter lesenswerte Bücher verweisen:

 

Byung-Chal Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer. 123 Seiten, 9,99€.

 

und auf ein im Moment viel diskutiertes Buch:

 

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Suhrkamp, 238 Seiten, 18€.

 

 Deborah Feldman: Unorthodox. Secession-Verlag, 319 Seiten, 22€.

Die Autorin schildert eindrucksvoll, wie sie in den USA in einer ultraorthodoxen Gruppe, den Satmarern, aufwuchs und wie es ihr gelang, sich aus der Gruppe zu lösen und ein eigenes Leben zu leben.

 

Marge Piercey: Er, Sie und Es. Argument-Verlag, 552 Seiten, 29€.

Es beginnt im Familiengericht einer Konzernfestung des späten 21. Jahrhunderts. Was ist noch natürlich, was künstlich in dieser teils zerstörten, teils hochtechnologischen Welt? Während eine Großmutter die uralte Geschichte von Rabbi Juda Löw und seinem Golem erzählt, begibt sich ihre Enkelin Shira auf eine Odyssee von Verstand und Moral. Sie soll ein Cyborgwesen ausbilden, dabei stellt sich die Frage neu, was Bewusstsein ausmacht und was Gesellschaft. Und ob die große Schlacht um Integrität und Freiheit überhaupt noch gewonnen werden kann.


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