Buchladen Rote Straße in Göttingen

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Unser Buchtipp

Metropol

Der jungen Kommunistin mit dem Decknamen Charlotte Germaine ist 1933 die Flucht aus Deutschland in die Sowjetunion (UdSSR) gelungen. Ihr zweiter Mann Wilhelm und ihre beiden Söhne folgen ihr.  Es gelingt den Erwachsenen, Arbeit und Unterkunft beim Nachrichtendienst OMS der Kommunistischen Internationale (Komintern) zu finden, wie vielen anderen Kommunist*innen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt. Sie sind überzeugte Genoss*innen und Parteimitglieder und wollen beim Aufbau einer neuen Gesellschaft helfen. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie Genoss*innen beim revolutionären Kampf in anderen Ländern.

In den Jahren 1936/37 finden in der UdSSR die Moskauer Schauprozesse und die großen Parteisäuberungen statt.

1936 werden Charlotte und Wilhelm ohne Angabe von Gründen vom Dienst suspendiert und im Hotel „Metropol“ untergebracht. Die Bolschewiki hatten das ehemalige Luxushotel 1917 requiriert, und der NKWD (Innenministerium und Geheimdienst der UdSSR) hat fast die gesamte vierte Etage des Hotels freiräumen lassen. Dort werden die unliebsamen und verdächtigten Genoss*innen, viele arbeiteten bei der Komintern, untergebracht. Daneben läuft der normale Hotelbetrieb weiter.

Hier leben Charlotte und Wilhelm 1936/37 in der Zeit der Moskauer Schauprozesse und der Parteisäuberungen, die Millionen Opfer fordern. Natürlich wissen sie von den Prozessen, wissen auch, dass ein Bekannter von ihnen verurteilt wurde, und geben eine Erklärung dazu ab, werden befragt. Reichen Eingaben ein. Keine Reaktion. Aber sie haben sich doch nichts zuschulden kommen lassen? Oder doch? Sie warten jede Nacht, ob der NKWD sie holt. Zweifel an der Partei und Stalin sind nicht vorhanden, wenn überhaupt, dann am NKWD. 477 Tage verbringen sie im Zimmer 479. Nur zum Essen gehen sie in den Saal, um zu zeigen, dass sie noch nicht geholt wurden, und sehen nach, wer fehlt. Dass ihnen die Ausreise nach Mexiko gelingt, ist fast ein Wunder.

Eugen Ruge schreibt den Roman in drei Erzählperspektiven. Die Perspektive Charlottes nimmt den größten Raum ein. Eine weitere ist die von Hilde Tal, einer verdienten Genossin und ersten Frau Wilhelms, und die dritte ist die eines Täters: Wassili Wassiljewitsch Ulrich, der oberste Militärrichter der Sowjetunion. Er unterschrieb mehr als 30.000 Todesurteile, viele ohne öffentlichen Prozess und Anhörung. Auch diese Innenperspektive lässt Ruge die Leser*in kennenlernen.

Als Vorlage der Person „Charlotte“ dient Ruge seine Großmutter, die sich ihr Leben lang weigerte, über diese Zeit mit Ruges Vater, ihrem Sohn, zu reden. Ruge ist es gelungen, die Kaderakte seiner Großmutter einzusehen. Auf dieser, den Briefen Charlottes an Ruges Vater und anderen Recherchen basiert der Roman.

Eugen Ruge: Metropol. Rowohlt Verlag Hamburg 2019, 431 S., 24 Euro.

 

Deutsche Sprache, schwere Sprache

„Die Spieler, wo dieser Sprache nicht mächtig sind, die sollen sich angewöhnen, das Deutsch zu lernen“, so beschwerte sich einst der berühmte Mario Basler, den die Älteren noch kennen werden, über fußballspielende Mitspieler in seiner Mannschaft, deren Deutschniveau ihm noch geringer erschien als das eigene. Mit diesem Rüffel, in Deutschland doch gefälligst Deutsch zu sprechen, reihte er sich bei vielen CSU-Politikern ein, die gern die Beherrschung von fließendem Deutsch zum Hauptkriterium für die Integration von Nicht-Deutschen in Deutschland machen, diese seltsam anmutende Forderung aber in einer Sprache erheben, die für viele schlicht unverständlich ist.

Abbas Khider, der 1996 aus dem Irak floh und im Jahr 2000 in Deutschland ankam, ohne Kenntnisse der deutschen Sprache zu besitzen, und mittlerweile Romane auf Deutsch veröffentlicht, kann ein Lied davon singen, wie Deutsche ihn mit der deutschen Sprache quälten – und er sich selbst, um das überaus komplizierte und komplexe Deutsch zu lernen. Aufgrund seiner Erfahrungen beim Erlernen des Hochdeutschen beschloss er, die deutsche Sprache zu reformieren, damit Migrant*innen, Fußballspieler wie Mario Basler und CSU-Politiker eine größere Chance erhalten, sich in Deutschland fehlerfrei auf Deutsch auszudrücken, wozu zur Zeit wohl nur einige Spezialist*innen fähig sind.

Also schrieb er ein Buch, in dem er versucht, die deutsche Sprache zu vereinfachen und von Unsinnigkeiten zu befreien – „Deutsch für alle“. Kein Schwein braucht die drei Artikel „der“, „die“, das“ und ihre Ableitungen (wieso ist das Schwein ein Neutrum, der Mond dagegen männlich, und die Schublade weiblich?): weg damit, ein Artikel reicht vollkommen aus. Das Gleiche gilt für den Genitiv und den Dativ; nicht der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, sondern beide sollte begraben werden. Ö’s, Ü’s und Ä’s sind überflüssig wie ein Kropf, die Wortstellung in deutschen Nebensätzen ist zum Haareraufen, und Steigerungsformen von Adjektiven, Präpositionen, Wortungetüme wie Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän und besonders das sonderbare Verhalten zusammengesetzter Verben sind nur als teuflische Hindernisse auf dem Weg zu bestandenen Deutschprüfungen zu begreifen: alles muss radikal vereinfacht werden.

Oft muss die Leser*in schmunzeln, wenn Sprachfallen beschrieben werden; ebenso oft aber bleibt das Schmunzeln im Halse stecken, wenn der Autor alltägliche Rassismuserfahrungen beiläufig in den Text einstreut. Nicht nur die Sprache muss reformiert werden, sondern viel eher die Sprechenden selbst.

Abbas Khider: Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch. Hanser, 123 S., 14 Euro.

 

Fantastische Queerwesen

 „Sei immer du selbst! Außer du kannst ein Einhorn sein, dann sei ein weißes, cis-männliches Hetero-Einhorn“ (so auf Seite 24).

 

Queere Geschichten, Slampoet*innen, die offen über (un)übliche Themen reden. Über Alltag, Zweifel, Liebe, Freundschaft, Brüste, Aprikosenmarmelade, Erwartungen und vor allem über Selbstdefinitionen und Brüche mit normativen Vorstellungen von Geschlecht.

Poetry Slam in niedergeschriebener Form, funktioniert das? Auf jeden Fall, der Flow steckt in quasi jeder Zeile des fantastischen Projekts des Satyr Verlags. Und wem es zu dröge ist, leise zu lesen, kann einfach laut lesen, für sich selbst, für Freund*innen oder nutzt die Möglichkeit, den Autor*innen beim Performen der Texte zuzuhören. Am Ende jeden Beitrags findet sich ein Link zum Satyr Verlag, der alle Texte zum Mithören auf der Website veröffentlicht hat.

Stef/Sven Hensel (Hg.): Fantastische Queerwesen und wie sich sich finden, Satyr Verlag, 176 S., 14 Euro.

 

Revolution in Zeitlupe – oder wie funktioniert ein Finanz-Kollektiv

Hast du Geld oder hast du keines, wie viel Geld hast du und wie viel zählt es für dich und wo kommt dieses Gefühl her? Unterschiedliche Startvoraussetzungen im Leben machen eines ziemlich sicher: Unterschiedliche Lebensbedingungen.

Inwieweit haben wir nicht doch diese kapitalistische Idee verinnerlicht, dass verdientes Geld „unser“ ist, unser zu Recht verdientes, hart erarbeitetes Geld, und dass es uns zusteht, darüber zu verfügen. Oder, falls vorhanden, unser Erbe, das uns nur zusteht, weil, weil... ja warum eigentlich? Wieso haben manche Menschen scheinbar das Recht auf finanzielle Sicherheit und andere nicht? Und wieso finden wir das normal, finden uns damit ab, mit dieser Ungleichheit? Wie ist es möglich diese scheinbare Zwangsläufigkeit aufzubrechen?

Sieben Leute haben sich in Göttingen zusammengeschlossen, um genau dies zu versuchen. Einkommensungleichheiten nicht als gegeben hinzunehmen, sondern alles Geld gemeinsam zu verwalten und zu entscheiden, was damit passiert; unabhängig davon, wie viel die einzelne Person in den gemeinsamen Topf einzahlt. Im Buch erzählen die Kollektivistas wie es zum Finanz-Kollektiv kam, wie es ihre Beziehungen untereinander gestaltet hat, wie es sich darauf auswirkt Dinge zu kaufen und zu besitzen. Aber sie reden auch über Herkunft, Alter, Lebensentwürfe, Kinder und Flüge. Klingt nach Stress, Diskussionen, unendliche viel investierter Zeit, eingeschränkter Selbstbestimmung, Selbstreflexion ohne Ende…..Ja! Klingt nach einer Unmöglichkeit? Nein, seit 20 Jahren praktiziert das Finanzkollektiv, das das Buch verfasst hat, genau dieses. Obwohl inzwischen alle in unterschiedlichen Städten wohnen, sich neue Partner*innenschaften ergeben haben oder Kinder geboren wurden, hat sich aus der Gruppe eine feste Gemeinschaft entwickelt, die sich aufeinander verlässt, miteinander erprobt hat, was es heißt Geld gemeinsam zu nutzen, und in der alle davon überzeugt sind, dass es zwar nur ein kleiner Schritt Richtung Utopie sein kann, aber ein schöner und nachahmenswerter.

 

Am 17. Januar kommen einige aus dem Finanzkollektiv für eine offene Veranstaltung zu uns in den Buchladen, los geht es um 19.00 Uhr.

 

FC-Kollektiv: Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe – Von Menschen die ihr Geld miteinander teilen, Büchner Verlag, 185 S., 18 Euro.

 

Gesang der Flusskrebse

Mitten im Marschland am Meer lebt Kya zwischen Bäumen, Salzwiesen und Sandbänken, irgendwo an der Ostküste der USA. Ihre Mutter ist geflüchtet, weil ihr Vater sie und ihre Kinder schlug, und aus dem gleichen Grund hauten auch ihre älteren Geschwister ab in die Welt, bald ließ auch ihr Vater Kya im Stich. Sie blieb allein in der Wildnis zurück, als sie noch ein kleines Mädchen war, ging nicht zur Schule, kannte sich aber bestens in der Natur um sich herum aus: mit Vögeln und Insekten, mit Muscheln und Pflanzen; ohne die Hilfe einiger anderer Außenseiter hätte sie jedoch nicht durchgehalten und überlebt.

Menschlichen Kontakt mied sie weitestgehend, die Bewohner des Städtchens in der Nähe hielten sie eh für verwildert, doch als sie alt genug war, um sich zu verlieben, verliebte sie sich – in einen Jungen, der ihr Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte und sie zum Zeichnen dessen ermutigte, was sie liebte: Tiere und Pflanzen. Er ließ sie im Stich, als er anderswo aufs College ging, und Kya verliebte sich in einen anderen jungen Mann, der sie zuerst höflich behandelte, später aber tief enttäuschte. Beides traf sie tief ins Mark; sie wehrte sich, und sie überlebte und veränderte sich.

Parallel wird erzählt, wie eines Tages, als Kya schon erwachsen ist, ein junger Mann tot aufgefunden wird. Gemächlich wird ermittelt, und es stellt sich heraus, dass er ermordet worden ist … und was anfangs so aussieht, als ob zwei Geschichten erzählt werden, entpuppt sich allmählich als eine.

In einer überaus poetischen Sprache erzählt die Autorin, eine Zoologin, die, bevor sie diesen Roman schrieb, Löwen und Hyänen erforschte und betrachtete, die Geschichte einer Außenseiterin, die sich zur Spezialistin für die sie umgebende Natur entwickelt. Manchmal scheint es, als ob die Tierwelt des Marschlandes aus den Seiten des Buches aufsteigt und sich beim Lesen vor dem Bett oder dem Sofa tummelt; manchmal hingegen, als ob das Mädchen, einsam in der Natur lebend, zu einem Teil dessen wird, was sie betrachtet, und ihr Mensch-Sein in Gefahr gerät. Und doch: trotz aller Enttäuschungen und Anfeindungen durch die Menschen geht sie ihren Weg …

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Hanser, 458 S., 22 Euro.

 

Michael Donkor: Halt

Ghana. Belinda lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf in der Nähe von Kumasi. Sie werden von den anderen Bewohner*innen des Ortes ignoriert. Warum, wird Belinda erst später herausfinden. Wenigsten schickt der abwesende Vater Geld: Belinda kann die Schule besuchen; zumindest bis die Geldquelle ohne Angabe von Gründen versiegt.

Um Belindas Unterhalt zu sichern, schickt die Mutter die Siebzehnjährige als Haushaltshilfe in einen vermögenden Haushalt zu Aunty und Uncle nach Kumasi, der größten Stadt Ghanas. Belinda staunt über das riesige Haus, den Luxus und natürlich ist das Leben in der Stadt ungewohnt. Sie muss lernen, den ganzen Haushalt eigenständig zu führen: Kochen, Putzen, Waschen, Einkaufen, Gäste bewirten, um nur einiges zu nennen. Aunty und Uncle sind freundlich zu ihr, lassen sie gegen Unterkunft und Verpflegung schuften. Untergebracht ist in einem kleinen Verschlag. Trotzdem empfindet Belinda gegenüber der neuen „Familie“ Respekt und ist dankbar. Ihre Herkunft verdrängt sie. Es gelingt ihr, den Haushalt perfekt zu führen und ist stolz darauf. Aber Sie ist nicht naiv: Es geht um Existenzsicherung.

Wenig später kommt die elfjährige Mary zur „Familie“. Belinda soll sie anlernen. Im Gegensatz zu Belinda ist Mary wild und neugierig. Trotz Belindas zeitweiliger Überforderung, neben dem Haushalt jetzt auch noch für eine andere Person verantwortlich zu sein, werden sie gute Freundinnen, sind sich nah und geben sich Halt.

Bis es zum Bruch kommt: Belinda soll nach London reisen. Eine befreundete Familie von Aunty und Uncle lebt dort mit ihrer Tochter, die sich in letzter Zeit verändert hat. Sie, die immer stolz auf ihre ghanaischen Eltern war, ist in letzter Zeit launisch, introvertiert und keine Musterschülerin mehr. Sie fängt an zu rebellieren. Belinda soll zu ihnen ziehen und guten Einfluss auf Amma ausüben, eine Beziehung zu ihr aufbauen. So der Arbeitsauftrag dieses Mal.

Belinda ist jedoch ratlos. Amma spricht nicht mit ihr, lässt sie anfangs links liegen. Einziger Lichtblick für Belinda ist, dass sie wieder zur Schule gehen kann, und dies hilft ihr beim Eingewöhnen in die neue Umgebung, und sie wird selbstständiger.  Auch zu Amma kann sie eine Beziehung aufbauen und lernt deren Geheimnis kennen. Diese ist das erste Mal verliebt und zwar in eine Frau. Amma ist überfordert und völlig unglücklich. Verstößt sie damit doch gegen jegliche ihr bekannten Regeln und Konventionen.

Belinda ist fassungslos. Das darf nicht sein. Dies gefährdet auch ihre Position, denn sie ist doch für Amma verantwortlich?  Was werden Ammas Eltern sagen? Aber Belinda verändert sich und wird Ammas Liebe anders beurteilen. Sie macht sich unabhängiger von Konventionen und Meinungen anderer.  Mit Mary bleibt sie über Telefonate verbunden. Bis es zu einer neuen Wende in Belindas Leben kommt.

Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die in Ghana und England spielt. Die Sprache spiegelt die Sicht von Belinda, verändert sich dementsprechend und ist auch den unterschiedlichen Personen und Orten angepasst, was sehr gelungen ist.

Michael Donkor: Halt. Deutsche Erstausgabe, Roman, Ed. Nautilus, 320 S., 25 Euro.

 

Kritik der Vögel

Seitdem immer mehr Menschen sich im Frühling, im Sommer, im Herbst (und im Winter) zeitweise in ihre Schrebergärten zurückziehen, um die trügerische Ruhe zu genießen, statt die Unruhe der Zivilisation zu ertragen, ist auch das Beobachten von Vögeln von einem Hobby schrulliger Schrate zur Freizeitbeschäftigung vieler aufgestiegen, auch solcher, die einst beim Erwähnen des Wortes Natur höhnisch abwinkten oder schnell das Weite suchten, ab in die nächste Kneipe. Und das Klima tut das Seinige dazu, denn wenn Vögel seltener werden, steigt auch die Anzahl der sogenannten Ornis, die sie bewundern und kurz vor Zwölf noch einmal in freier Wildbahn beobachten wollen, um sie zu fotografieren und auf der Festplatte zu speichern.

Da geschieht es schnell, dass Ornis übers Ziel hinausschießen, manchmal ziemlich weit, und das gefiederte Volk über den grünen Klee loben, jede negative Dialektik, wie es Adorno ausgedrückt hätte, in der Nachttischschublade verstecken. Dieses Übermaß, diesen Überschwang wollen die Autoren des Buches „Kritik der Vögel“ mit aller Entschiedenheit zurechtstutzen. Was Kant versäumt hat (und auch Tierforscher wie Alfred Brehm, der ausführlich zitiert wird), soll in einer tranzendental-biologischen Kritik der gefiederten Freunde nachgeholt werden, die keine Rücksicht auf wohlklingenden Gesang, hübsch gefärbte Schwanzfedern oder anmutige Flugkünste nimmt und auch sonst keine Feder vor den Mund nimmt.

Müssen sich denn Tauben so hanebüchen in den Städten verhalten, wie sie es tun, und warum verzichtet der Emu aufs Fliegen, auf das, was das Wesen eines Vogels ausmacht? Wieso dürfen Keas frech an Autoantennen knabbern (und was sagt die Evolution dazu?), und warum lässt die Natur es zu, dass große Vögel kleinere jagen, als ob es an der Devise „Fressen und Gefressen-Werden“ nichts auszusetzen gäbe? Und erst der Storch, der Kranich, die Dohle und die Wachtel, vom Dodo ganz zu schweigen, der so blöd war, sich vom Menschen ausrotten zu lassen.

Mit scharfem Blick und der gewetzten Klinge ausgefeilter Argumente wird die Vogelwelt aufs Korn genommen, ihre Auswüchse werden aus dem Halbdunkel der Sträucher und Bäume ans helle Sonnenlicht gezerrt, und leidenschaftslos bringen die Autoren aufs Tapet, was bei den Nachfahren der Dinosaurier (!) nicht in Ordnung ist, und doch: bei aller Kritik geht das Liebevolle nicht verloren. Wenn Hegel dem Kormoran eine „faule Existenz“ unterjubelt, sind die Autoren die ersten, die dafür plädieren, den Fischjäger, der manch einen Angler um den Verstand bringt, zum Wühlmausjäger umzuschulen, wovon auch viele Schrebergärten profitieren würden, und die Heckenbraunelle ist sogar, so ihr Urteil, „der Schneeleopard des kleinen Mannes“.

Jürgen Roth & Thomas Roth: Kritik der Vögel. Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht, Aufbau-Verlag, 317 S., 14 Euro. Mit Illustrationen von F.W. Bernstein.

 

Simón Radowitzky – Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer

Simòn Radowitzky (1891 – 1956) war und ist in Argentinien eine Legende und wollte nie eine sein.  Simón Radowitzky wollte immer einer unter Vielen sein. Aufgewachsen ist er unter ärmlichsten Verhältnissen in einem russischen Schtetl. In diesem Ort verüben die Kosaken auf Geheiß des Zaren ein antisemitisches Pogrom. Sein Onkel wird ermordet, der Rest der Familie überlebt mit Glück und kann in der Stadt bei Verwandten unterkommen. Nach kurzer Zeit in der Schule muss Simón doch wieder arbeiten. Eines Abends findet er an seinem Arbeitsplatz beim Schlosser Yankl unvermutet ein Buch, das Yankls Tochter Lyudmyla für ihn dort deponierte. So liest er das erste Mal einen Text des Anarchisten Kropotkin. Über Lyudmyla kommt er in Kontakt mit der anarchistischen Bewegung Russlands, wird politisiert und radikaler. Er schließt sich einer Gruppe von jungen Erwachsenen an, die versucht, andere zu agitieren und die Revolution von 1905 voranzutreiben. Als der Versuch scheitert, muss er wie viele andere auch nach Argentinien flüchten und findet Anschluss an die dortige starke anarchistische Bewegung. Er wird seinen Idealen immer treu bleiben und für sie kämpfen. Unaufgeregt, als Teil der Bewegung. So ist Simón Radowitzky beteiligt an der Organisierung der Arbeiter*innenstreiks in Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bei einer Demonstration am 1. Mai 1909 lässt der Einsatzleiter Oberst Falcon scharf schießen: 100 Demonstant*innen sterben. Radowitzky übt mittels eines Bombenattentats auf Falcon Rache. Er wird gejagt und wird für Jahrzehnte im berüchtigten Gefängnis Ushuaia inhaftiert.

Comotto recherchierte und arbeitete sechs Jahre an der Umsetzung seines Projekts zum Buch. Sowohl die Zeichnungen, als auch der Text und Konzept sind von ihm. Zeichnungen und Text ergänzen sich, vertiefen das Verständnis der Leser*in für die Geschichte einer Person, die sich sehr engagiert für Veränderung einsetzte und Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse des letzten Jahrhunderts leistete.

Augustín Comotto: Simón Radowitzky. Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer. Graphic Novel, bahoe books, 280 S., 26 Euro.

Mit einem Vorwort von Liliana Ruth Feierstein, Professorin für transkulturelle Geschichte des Judentums, mit Biographien der handelnden Personen, einer Werksgeschichte des Autors sowie einer Karte, auf der der Lebensweg von Simòn Radowitzky dargestellt ist.

 

Byzantinische Palastintrigen als Space Opera

Wir befinden uns ungefähr im Jahr 087.1.10-6V. Der ganze Raumsektor ist von den Teixcalaanern besetzt. Der ganze Raumsektor? Nein. Irgendwo am Rand des Sektors kreist eine kleine Raumstation durchs All, auf der Piloten und Pilotinnen leben, die in irgend einem Asteroidengürtel Metall schürfen und sich bislang ihre Unabhängigkeit bewahrt haben, vielleicht auch deshalb, weil sie zwar nicht über einen Zaubertrank, aber über eine Technologie verfügen, die das Imperium nicht kennt.

Eines Tages wird die junge Mahit Dzmare als Botschafterin in die Hauptstadt des Imperiums versetzt, obwohl ihre ‚Ausbildung’ noch nicht abgeschlossen ist und sie auch auf andere Art und Weise noch nicht bereit ist; sie soll den Tod ihres Vorgängers aufklären, der, wie sich bald herausstellt, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Auf dem Planeten des Imperiums, in der pulsierenden Hauptstadt, gerät sie in ein Hornissennest aus Intrigen, falschen Freunden, Rebellionen und Bedrohungen für ihre eigene Person; sie beherrscht zwar die Sprache, die Kultur und das Protokoll im Umgang mit der imperialen Bürokratie, allerdings wie eine Provinzbewohnerin, deren Akzent jederzeit hörbar ist und die über alles staunt, was es in ihrer Raumstation nicht gibt. Glücklicherweise findet sie Einige, die ihr freundlich gesinnt sind (oder?); jedoch eines darf sie bei ihren Nachforschungen nicht Fall enthüllen: das Geheimnis jener Technologie enthüllen, die das Imperium nicht kennt, während sie die Wahrheit über den Tod ihres Vorgängers herauszufinden und die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft zu ziehen versucht, denn die Verbreitung der Technologie würde alles im Imperium durcheinander und auch ihre fragile Heimat in Gefahr bringen.

Arkady Martine: Im Herzen des Imperiums. Heyne, 604 S., 14,99 Euro.

 

Eure Heimat ist unser Albtraum

Heimat finden, Heimat haben, heimatlos sein, viele Schriftsteller*innen haben sich schon mit Heimat beschäftigt. Welche Vorstellungen haben wir von Heimat und wer ist eigentlich wir?

Das Buch Eure Heimat ist unser Albtraum ist der Widerstand derjenigen, die vom Konzept Heimat ausgeschlossen werden – und so lautet auch die Widmung der Autor*innen: „Für Uns“. Es beginnt mit einer Einordnung der aktuellen Erweckung des Heimatbegriffs und der damit verbundenen Gefühle und Annahmen. Weiter geht es mit Alltagssituationen, in denen auffällt, dass, anscheinend selbstverständlich, Menschen davon ausgeschlossen sind, mitgedacht und gemeint werden, bei der Normalisierung von an völkischen Prinzipien orientierter Heimatgefühlsduselei.

Die Schlüsse, die die Texte zulassen, sind eindeutig: Die Vorstellung des bundesdeutschen Wir ist immer noch vor allem an rassistische Kriterien geknüpft: Aussehen, Sprache, Religion.

 

Fatma Aydemir, Max Czollek, Sharon Dodua Otoo, Margarete Stokowski und acht weitere Autor*innen schreiben von Sichtbarkeit, von Arbeit und deren Wert, sie schreiben über Sprache, Blicke, Zuhause und Gegenwartsbewältigung. Die zwölf deutschsprachigen Autor*innen haben zu Papier gebracht, welche Gedanken und Gefühle sie mit dem Begriff Heimat verbinden oder eben sie dazu bringen, immer und immer wieder dem zu widersprechen, was Heimat macht – Menschen ausgrenzen.

Aber die Essays bleiben nicht auf einer persönlichen Ebene stehen. Sie analysieren politische Hintergründe und zeigen damit genau die Strukturen auf, die Unterscheidungen zwischen Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit machen. Es wird deutlich, dass Heimat immer völkisch gedacht und rassistisch genutzt wird – von Nationalist*innen wie von vielen Menschen, die sich für neutral halten und meinen, eine vermeintliche „Mitte“ zu repräsentieren.

Fatma Aydemir/Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum, Ullstein, 208 S., 20 Euro.

 

Dort Dort

Ein so tolles Buch, dass wir es nicht selbst besprechen müssen: eine lange Rezension hängt im Schaufenster!

Tommy Orange: Dort Dort. Hanser-Verlag, 284 S., 22 Euro.

 

Bäume und Widerstand

Neun Geschichten werden erzählt, einige reichen weit in die Vergangenheit zurück, andere nicht. Im weiteren Verlauf setzen sich alle gegen die kapitalistische Verwertung und die industrielle Abholzung von Bäumen im Westen der USA zur Wehr – tatkräftig vor Ort, vor Gericht, demonstrierend, schreibend oder ganz auf ihre Art. Einige werden zu militanten Baumschützer*innen. Als es zu einem Unglück kommt, trennen sie sich und versuchen, allein mit ihren Erfahrungen den Rest ihres Lebens zu verbringen.

Die Geschichten am Anfang, die Zusammenführung einiger der Geschichten und die späteren Trennungen erzeugen einen Sog, der dazu führt, dass das Buch wie magisch an den Händen kleben bleibt.

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens. Fischer-Verlag, 618 S., 26 Euro.

 

Bauwerke!

Hochhäuser, Brücken, Tunnel und Abwasserkanäle scheinen im Alltag mittlerweile einen selbstverständlichen Platz einzunehmen. Menschen gehen ein und aus, flanieren über sie hinweg oder würdigen sie keines Blickes. Doch die uns umgebende gebaute Infrastruktur besteht aus Meisterwerken der Ingenieurskunst, die den Widrigkeiten von Wind und Wetter täglich standhalten. Roma Agrawal weiht uns mit diesem Buch in die Geheimnisse der Statik ein und erklärt unterhaltsam die bedeutende Beziehung von Material und Bauweise.

Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke, 262 S.

Hanser-Verlag, 24 Euro; Büchergilde Gutenberg, 22 Euro.

 

Und zum Schluss eine Empfehlung eines Buches der aktuellen Nobelpreisträgerin ohne Besprechung:

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher.

Kampa-Verlag, 1152 S. (!), 42 Euro.


Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des ‚Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker’, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung. So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind diese günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.

2014 ist die Büchergilde 90 Jahre alt geworden.

 

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