Kommuniqué II - Oktober 2014

Der Buchladen, Umschuldungen, der Buchmarkt II

Das Jahr 2022 neigt sich dem Ende zu. Das neue Logistiklager von Amazon in Rumänien läuft auf Hochtouren, fürs europäische Weihnachtsgeschäft wurden Tausende von Teilzeitkräften eingestellt, während an den letzten beiden Standorten in Deutschland wieder einmal gestreikt wird, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. In ganz Europa starrt der stationäre Buchhandel bange auf den Internetriesen und hofft, dass noch genug Krümel vom Weihnachtsgeschäft abfallen und sich einige Leser_innen in die Ladenlokale verirren.

In ganz Europa??? Nein, hoffentlich nicht.

In vielen Städten, auch in Göttingen, können sich kleine Buchhandlungen behaupten, die ihr Sortiment nicht in erster Linie nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammenstellen, sondern auf die Qualität der gedruckten (und elektronischen) Waren achten, die sie für ihre Kund_innen vorhalten, und den täglichen Betriebsablauf und den Ladenalltag nicht durchrationalisiert haben, sondern auf die individuellen Wünsche und Interessen jener eingehen, die noch Wert darauf legen, dass Bücher, Verlage und Buchhandlungen mehr als bloße Waren, Warenproduzenten und –verkäufer_innen sind.

Zu den überlebenden Fossilien gehört der Rote Buchladen (und wir, das Kollektiv, das ihn am Laufen hält). Selbst unter den Buchhandlungen, die der Übermacht der Online-Händler und Kettenfilialen und Verlagsmultis die Stirn bieten, nimmt er, mit bundesweit einigen wenigen anderen, eine Sonderstellung ein: ein linkes Projekt, in dem die Wertschätzung für Bücher und ihre Autor_innen und die Erkenntnis, dass die Gesellschaft, in der wir leben und die geschätzten Bücher zirkulieren, verändert werden muss, eine innige Verbindung eingegangen sind. Ohne Menschen, die genau darauf Wert legen, gäbe es den Roten Buchladen nicht, nur mit ihnen jedoch auch nicht. Wir, der Laden wie das Kollektiv, existieren, weil viele Menschen uns, außer durchs Kaufen von Bücher, CDs, DVDs, Zeitungen und e-books, ideell und finanziell unterstützen, Werbung für uns machen und im Alltag so mit uns kommunizieren und mit uns umgehen, dass ein_e äußere_r, unbeteiligte_r Beobachter_in eher von einem sozialen Verhältnis als von Warentausch sprechen würde.

Trotz unserer Kritik an der kapitalistischen Verfasstheit der Gesellschaft, in der wir Bücher verkaufen, sind wir auf Kapital angewiesen. Im letzten Kommuniqué (1-14) haben wir euch, allen, die am Buchladen interessiert sind und ihn nutzen, mitgeteilt, dass Ende dieses Jahres eine größere Umschuldung ansteht, die Rückzahlung von Privatkrediten im Umfang von 25.000€, und wir baten darum, uns dabei zu unterstützen. Umschuldungen wickeln wir eigentlich ohne Aufsehen und Getöse ab, sie sind ein integraler Bestandteil der Ladenökonomie, in dieser Höhe jedoch durchaus etwas Besonderes. Umso überraschter und begeisterter waren wir über die vielen positiven Rückmeldungen und Ermunterungen und die Solidarität, die uns entgegenschlug – und darüber, dass die Umschuldung, wie es scheint, über die Bühne gehen wird, da Geld aus neuen Privatkrediten bereits bei uns eingegangen oder zugesagt ist, worüber wir uns aus ganzem Herzen bedanken.

Diese Klippe ist wohl umschifft, aber das bedeutet nicht, dass es in der Zukunft keine weiteren Hindernisse gibt. Jedes Projekt, dass (zu Teilen) auf Privatkrediten beruht, befindet sich in einem permanenten Umschuldungsprozess: wir sind also weiterhin dankbar für weitere Darlehen – zur Verbesserung der finanziellen Basis des Buchladens und als Polster für zukünftige Rückzahlungen von Krediten. Doch das ist Zukunftsmusik; im Moment freuen wir uns, dass die diesjährige Umschuldung wohl klappen wird. Ende Oktober, am Freitag, den 31.10.2014, um 19.00 Uhr wollen wir euch im Laden in einer kleinen Versammlung darüber noch einmal in Ruhe informieren.

Die Reaktionen auf unser Kommuniqué waren nicht der einzige Lichtblick in diesem Sommer. Amazon geriet ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, weil der Internetriese in den USA und hier versucht(e), von einigen Verlagen niedrigere Einkaufspreise für e-books zu erpressen, getreu dem Motto, das Jeff Bezos, der Amazon-Chef, schon vor einiger Zeit ausgegeben hatte: „Verlage müssen gejagt werden wie Gazellen“ (was nur Sinn macht, wenn sich Amazon mit einer Raubkatze identifiziert). Autoren_innen (nicht nur) aus den betroffenen Verlagen meldeten sich in den USA und hier in offenen Briefen zu Wort und kritisierten Amazon für den Umgang mit Verlagen, allerdings nicht für sein allgemeines Geschäftsgebaren und seine Monopolstrategie. Immerhin wurden einzelne Autoren_innen deutlicher, und in Internetforen und in Gesprächen im Buchladen wurde deutlich, dass zumindest einige Leser_innen den Einkaufsbutton auf der Amazon-Homepage nicht mehr anklicken werden.

Was Amazon perspektivisch plant, wurde nur selten thematisiert. Über eine Schwächung oder Ausschaltung des Verlagswesens strebt der Multi an, direkt mit Autor_innen ins Geschäft zu kommen, eine Entwicklung, die in den USA weiter fortgeschritten ist als hier – dort stilisiert sich Amazon zum Förderer und Beschützer von unbekannten Autor_innen, die im traditionellen Verlagswesen keine Chance bekommen, und bietet ihnen eine Plattform, auf der sie ihre Werke (unlektoriert) als e-books verkaufen können, natürlich exklusiv bei Amazon. Was auf den ersten Blick wie eine Unterstützung unabhängiger Literatur aussieht, die gegen die großen, weltweit operierenden Verlagskonglomerate tatsächlich sinnvoll wäre, entpuppt sich auf den zweiten als eine perfide Strategie. Mittels des e-book-Readers von Amazon (e-books von Amazon können nur mit einem e-book-Reader von Amazon gelesen werden) lassen sich die Lesegewohnheiten von Nutzer_innen aufzeichnen und auswerten – etwa, welche Stellen eines Buches überlesen werden, wo der Text bloß überflogen wird oder wo die Lektüre abgebrochen wird. Mit den gewonnenen Daten lassen sich maßgeschneiderte Krimis, 08/15-Fantasyromane und Literatur konzipieren, in denen das Durchschnittliche dominiert, weil es am besten verkauft wird; für hauseigene Autor_innen werden bereits Amazon-Seminare und Schreibkurse angeboten, in denen gelehrt wird, wie verkaufsfähige Literatur geschrieben wird. Noch sind es nur Richtlinien, doch der Schritt, Autor_innen zur datentechnischen Optimierung ihrer Texte zu zwingen, dürfte nicht mehr weit sein. Dann kontrolliert Amazon die Produktion eines Buches ebenso wie seine Zirkulation, indem das Buch zur reinen Ware ohne Inhalt degradiert wird, das durch ausgefeilte paste-and-copy-Mechanismen produziert wird, so ähnlich, wie jedes Buch in einem Amazon-Lager bereits jetzt nichts als eine Nummer ist, die einen Regalplatz bezeichnet – über den Inhalt braucht niemand derer, die an seinem Verkauf beteiligt sind, etwas zu wissen. Darüber hinaus eignet sich Amazon den Handel mit gebrauchten Büchern an, ein inzwischen vorwiegend im Internet abgewickeltes Geschäft; die größte Plattform für antiquarische Bücher (das ZVAB, das zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher) ist bereits aufgekauft worden, ebenso die Plattform Abebooks: Amazon ist auch dort, wo nicht Amazon draufsteht.

Es waren die großen Verlagskonglomerate und die Buchhandelsketten, die der Monopolisierung, der Konzentration auf Bestseller und Mainstream-Literatur und dem Verschwinden vieler kleiner Buchhandlungen Vorschub geleistet haben. Dass sie, die ‚Täter‘, jetzt selbst zu den Opfern der von ihnen in Gang gesetzten Entwicklung zählen, zu den erlegten Gazellen, ist tragisch, aber nicht unbedingt bedauerlich. Der vielfältige Literaturbetrieb, erst recht kritische Literatur und linke und kleine Buchläden, können vom Bedeutungsverlust der Großen profitieren, sofern genug Menschen, lesehungrige Menschen, sich weigern, an der Safari von Amazon-Chef Bezos teilzunehmen. Dafür gibt es ein paar Anzeichen, und das lässt uns optimistischer in die Zukunft schauen.