Buchladen Rote Straße in Göttingen

Nav view search

Navigation

Search

Buchtipps

 

Buchempfehlungen zum Jahresende 2020

Charles Umzug nach Echo City

Im Gegensatz zu seinen Eltern ist Charles nicht begeistert davon, in eine Großstadt zu ziehen. Freunde und die vertraute Umgebung bleiben zurück; er kann nichts mit Museen oder der Oper anfangen. Die Familie wohnt in einem ehemaligen Hotel, welches Charles Vater engagiert renoviert. Charles bekommt sogar ein eigenes Zimmer. Der Nachteil ist: Gleich in der ersten Nacht kommt ein riesiger Troll mit spitzen langen Eckzähnen in sein Zimmer und bestiehlt ihn. Wie Väter so sind, beruhigt sein Vater Charles, aber de glaubt ihm kein Wort. Zum Glück hat sein neuer Freund Kevin die Nummer der Monstervermittlerin Margo Maloo. Charles ruft sie an. Sie eilt herbei, und zusammen klettern sie in den Keller des Hotels. Unglaublich, dort wohnt der Troll. Marcus heißt er. Margo kennt den Troll und schafft es, dass Marcus und Charles verhandeln. Mit Handschlag wird die Einigung besiegelt.

Dies ist nur eins von mehreren Abenteuern, die Margo und Charles bestehen, denn in ganz Echo City leben in dunklen Ecken Trolle, Oger, Kobolde und Geister.

Drew Weing zeichnet und schreibt einen witzigen und spannendenden Comic, der das problematische Verhältnis zwischen Kindern und Monstern neu betrachtet; es ist der erste ins Deutsche übersetzte Band einer Reihe, die als Webcomic begann.

Drew Weing: Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo. Reprodukt, Comic, 72 Seiten, farbig, 18 Euro. Mit Bildern der Monster und ihrer Beschreibung und ihren Vorlieben. Ab 8 Jahren, aber da auch Erwachsene ihre Monster haben, sollten auch sie den Comic nicht verpassen.

 

 

Geburtstagsfeier mit anschliessender Reise nach Kroatien

David Grossman spannt in seinem neuen Roman einen weiten Bogen von der heutigen Zeit in Israel zurück ins Europa der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Zeit des Krieges, des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Ermordung der Juden und Jüdinnen, des Widerstandes, der Entstehung Jugoslawiens, des Titoismus und der Gefängnisse mit Folter und Zwangsarbeit.

Er berichtet von schwierigen und belasteten Beziehungen dreier Frauen: Vera, ihrer Tochter Nina und deren Tochter Gili.

Zusätzlich löst David Grossman mit diesem Roman ein Versprechen ein, das er seiner Freundin, der kroatischen (ehemals jugoslawischen) Partisanin Eva Panić̕-Nahir, zu Lebzeiten gab: Er würde von ihrem Leben berichten.

Aus Eva wird im Buch Vera, eine alte Frau, die mit ihrer gesamten Familie ihren 90. Geburtstag in einem Kibbuz in Israel feiert, ein rauschendes Fest mit vielen Gästen. Die meisten gehören zur Familie ihres zweiten Ehemannes. Vera hat ihn 1963 geheiratet, einige Jahre nachdem sie mit Nina, ihrer Tochter, nach Israel eingewandert ist. Sie wird geachtet, geliebt und ist in die Gemeinschaft fest eingebunden. Sie hat sich ein zweites Leben hart erkämpft. Überraschenderweise reist Nina, inzwischen etwa 60 Jahre alt, vom Polarkreis zur Feier an. Sie hat ihrer Mutter nie verzeihen können, dass diese sie verlassen hat. Auch Ninas Tochter Gili nimmt am Fest teil. Sie wurde in diesem Kibbuz geboren, und auch sie wurde von ihrer Mutter Nina dort zurückgelassen. Beide sind unter starken Vorbehalten angereist: Die Verhältnisse zwischen Müttern und Töchtern sind0, gelinde gesagt, angespannt.

Die Geburtstagsfeier ist der Auftakt der Handlung. Danach will Vera zu den Orten ihres Lebens im jetzigen Kroatien reisen. Begleiten werden sie ihre Tochter Nina aus erster Ehe mit Miloš, ihre Enkelin Gili und Rafi, Ninas Mann und Gilis Vater. Vera will endlich das Geheimnis um ihr Leben lüften, Gili und Rafi sollen es verfilmen. Sie reisen in die Kleinstadt in Kroatien, in der Vera mit ihrem ersten Mann Miloš jahrelang glücklich lebte. Miloš war und ist ihre einzige große Liebe. Beide schlossen sich der Seite der kommunistischen Staatsführung unter Tito an. Doch mit Titos Abfall von der Sowjetunion (1948) setzten Denunziationen und politische Verfolgungen ein. Auch Vera und Miloš wurden verhaftet und nach Goli otok, einer Gefängnisinsel in der Adria, deportiert. Miloš starb auf Goli otok, Vera überlebte die drei Jahre Haft und Arbeit im Steinbruch, viele andere starben. Wie Überlebende schreiben, bleibt etwas zurück. Sie holte ihre Tochter Nina und ging mit ihr nach Israel. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen …

Gili kennt als einzige Veras Geheimnis. Wie Vera weiß sie nicht, was ihre Mutter Nina ahnt. Ihr kommt die Rolle zu, als Drehbuchautorin Ungesagtes aufzuschreiben, Eindrücke festzuhalten. Wir lesen aus ihrer Perspektive, wir sehen aus ihrer Perspektive, wenn sie filmt. Vera hat die Gewalterfahrungen an Tochter und Enkelin weitergegeben, ihre Entscheidung für ihre Liebe spielt dabei eine große Rolle. Und das Schweigen über alles?

David Grossman: Was Nina wusste. Hanser, 350 Seiten, 25 Euro.

 

 

Die 70er in der Provinz

Das Leben ist für einen Heranwachsenden nicht leicht in der westfälischen Provinz in Lippfeld am Rande des Ruhrgebiets im Jahr 1974. Kulturelle Ausläufer der 60er-Jahre und Gedankensplitter der 68er-Bewegung sind aus den Großstädten an die Peripherie diffundiert, insbesondere wo sich ältere (studierende) Geschwister als Übertragungsvektor eignen; der Zusammenprall von noch durch und durch konservativ geprägter Provinzialität (und provinzieller Sozialdemokratie, trotz Willy Brandt) mit Jimi Hendrix, Jeans, langen Haaren und Apo-Theorieversatzstücken erzeugt bei einigen, auch bei Ben Schneider, dem Protagonisten des Romans, den sehnsüchtigen Wunsch, die Enge des beschaulichen Lebens und das Alte hinter sich zu lassen.

Aber das ist kaum machbar, schließlich stellt er, wie es so schön heißt, noch die Füße unter den Tisch des Vaters, und außer Partykellern, Feten in evangelischen Jugendräumen und dem abendlichen Treffpunkt zum Saufen an einem Teich mit Parkbänken hat die Siedlung nichts zu bieten. Außerdem lässt der erste Kuss auf sich warten, zu allem Überfluss gewinnt auch noch ABBA den ESC, etwas Unerhörtes, da Waterloo tatsächlich auf Feten gespielt wird und die Stones oder Bob Dylan verdrängt, und schließlich stirbt noch ein Mitschüler.

„Am Rand des Ruhrgebiets beginnt ein Sommer der stillen Revolte und der ersten Liebe“, so heißt es im Klappentext; wenn „man in Lichtjahren rechnete, waren T-Rex und das Lippfelder Kirmeszelt so weit von einander entfernt, dass das Licht zu Lebzeiten nicht mehr ankam“, so drückt Ben den Riss zwischen sich und der Umgebung der Erwachsenen aus.

Wer in jener Zeit auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, weiß genau, wovon die Rede ist und amüsiert sich über zahlreiche Dejá-vùs; die eigene Jugend wirft beständig Schatten ins Buch. Wer hingegen jünger, älter oder Stadtkind ist, kann sozusagen ethnologisch über ein unbekanntes Panorama lächeln. Und alle können sich an einer poetischen, manchmal zärtlichen Sprache erfreuen, die Ben und die anderen Jugendlichen durch den Sommer ’74 begleitet, ohne ihnen zu nahe zu treten oder sie durch den Kakao der Erwachsenen zu ziehen. Manche Passagen sind herzzerreißend traurig, da es keinen Ausweg aus dem Korsett der bleiernen Tradition zu geben scheint, in anderen wird das Leben genossen, als ob es kein Morgen gibt, mit Musik, Alkohol und Zigaretten, und manchmal scheint auf, dass es später, in der fernen Zukunft, ein anderes Leben geben könnte.

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde. Steidl, 346 Seiten, 22 Euro.

 

 

Die schlechteste Hausfrau der Welt

Jacinta Nandi, Feministin, Missy-Magazin-Autorin, Mama und Hausfrau, fragt sich in ihrer wütenden Essay-Sammlung, wie in aller Welt sie da reingerutscht ist. Putzen und dabei über ungerechte Verteilung von Hausarbeit nachdenken, wütend sein und trotzdem versuchen, irgendwie den Haushalt zu schmeißen, wenn’s sein muss mit Hilfe von Cleanfluencerinnen auf Youtube, die Tipps geben zum schnelleren, besseren Bewältigen der ganzen Scheiße, die alleine an ihr hängen bleibt.

„Feminismus ist cool.

Alle wollen über Feminismus reden, über geile coole Themen, die junge Frauen ansprechen.

Über gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, zum Beispiel, oder Körperbehaarung.

So was.

Was nicht geil ist: Hausarbeit.

Frauen wollen befreit werden, Frauen sollen frei sein.

Jemand, der sich freiwillig entscheidet, Hausfrau zu werden?

Selbst schuld! (Und auch megapeinlich).

Hausfrauen sind fast so uncool wie die Hausarbeit selbst.“

Das ist der Einstieg zu Jacinta Nandis Buch. Sie erzählt von ihrem Alltag mit einem Baby, dem dazugehörigen Papa und einem Teenager und der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, dass sie für die Umsorgung all dieser Personen allein verantwortlich zu sein scheint.

Sie fragt sich, wie es passieren konnte, dass gerade sie (Missy-Kolumnistin, Riotmama und Feminstin) in einer Beziehung gelandet ist, in der ihr Freund erwartet, dass sie 100% der Hausarbeit und Kindererziehung übernimmt.

Vieles ist ihr peinlich, sogar, dass ihr niemand „im Haushalt hilft“, weder Freund noch Teenager, sogar das scheint ihre Verantwortung oder ihr Versagen zu sein.

Sie debattiert mit ihrer Freundin Zandra und ihrem Bekannten „Pegida-Kevin“ über Privilegien, Putzfrauen und Zandras feministische Überzeugung, dass sie der Frau, die für sie putzt, einen besseren Stundenlohn bezahlt, als diese als Übersetzerin verdient. Was Pegida-Kevin scheinheilig findet und ein bisschen über den modernen Feminismus abkotzt.

Ein lustiges und trauriges Buch, zum Mut verlieren und wiederfinden  - ein Buch, das deutlich macht, wie bestehende Strukturen und Rollenmuster den Alltag mitbestimmen und bewusst macht: Es gibt noch viel zu tun!

Jacinta Nandi: Die schlechteste Hausfrau der Welt. Edition Nautilus, 206 Seiten, 16 Euro.

 

 

Ein Hochhaus im Westen der Türkei

Dies ist das einzige Mal, dass in Cemile Sahins neuem Roman das Wort Türkei vorkommt. Sonst ist immer nur die Rede vom Osten, aus dem die Menschen fliehen und vertrieben werden auf dem Weg nach Westen. Obwohl es ungenannt bleibt, ist klar, dass es in diesem Buch um die Verfolgung der Kurd*innen durch den türkischen Staat geht. Dieser erklärte sie zu Terroristen, um Vertreibung, Folter, Verschleppung und Mord politisch zu rechtfertigen.

Der Roman spielt in diesem Hochhaus im Westen der Türkei. Stellvertretend für die anderen Bewohner*innen des Hauses berichten in neun Episoden Necla, Murat, Nurten, Birgül, Sara, Umut, Haydar, Metin und Devrim (er wohnt als einziger nicht im Hochhaus), warum und wie sie an diesen Ort gelangt sind. Sie erzählen es einem imaginären Erzähler, der der Leser*in Abstand zu den Geschehnissen verschafft. Cemile Sahin lässt die Personen aus unterschiedlichen Perspektiven berichten: Sara ist mit ihrer Freundin Hêlîn vor Terror und Verfolgung durch die türkischen Militärs geflohen, Murat berichtet von der Entführung seiner Familie durch ein türkisches Sonderkommando, kurz darauf wird der gesamte Ort von Soldaten, Bussen und Panzern überschwemmt. Die Soldaten machen Jagd auf die Bevölkerung, legen Feuer und zerstören die Lebensgrundlagen. Auch im Haus warten die Bewohner*innen auf Besuch vom Geheimdienst, der Polizei, dem Militär. Sie können sich nie sicher fühlen, befürchten, dass sie abgeholt werden. Wer ist ein Spitzel, wer vertrauenswürdig? Es herrscht allgegenwärtige Angst und Hass auf die Repression. Niemand will bleiben.

Auf einer Metaebene beziehen sich einzelne Erzählungen aufeinander. Einige der Bewohner*innen sind miteinander verwandt oder wohnen in einer Wohnung. Cemile Sahins Sprache ist klar und genau und gerade dann eindrücklich, wenn ihre Protagonist*innen Situationen nicht weiter beschreiben wollen. Auch die Gestaltung des Buches ist besonders. Jede Episode wird von der nächsten durch zwei Seiten getrennt: Links rot bedrucktes Papier mit wechselnden Uhrzeiten und rechts die Fotografie eines Parkdecks. Es erinnert an die Bilder einer Überwachungskamera.

Cemile Sahin: Alle Hunde sterben. Aufbau, 239 Seiten, 20 Euro.

 

 

Ein Überregionalkrimi

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Nein, der Kommunismus ist es noch nicht, und auch Corona-Viren sind nicht gemeint; es ist jemand, dem die Verfasser*innen von Regionalkrimis so dermaßen auf den Senkel gehen, dass er oder sie zu einem blutigen Rachefeldzug quer durch die Republik aufbricht und regionale (berüchtigte) Berühmtheiten zwischen Bad Bevensen und Leißlegg bei Ravensburg auf jene phantasievolle Art und Weise vom Leben zum Tode befördert, wie diese es sich selbst für die Opfer in ihren Krimis ausgedacht haben.

Und da es unzählige Regionalkrimis gibt, die, um aus der schieren Masse herauszuragen, sich gegenseitig im Plot überbieten müssen, was auf immer blutigere und phantasievollere Morde hinausläuft, hat der Racheengel eine Menge zu tun. Der Verband deutscher Kriminalromanautoren, vor allem ihr Vorsitzender, ist alarmiert und macht sich große Sorgen, und die Polizei tappt im Dunkeln und muss auf fremde Hilfe hoffen, bevor sich in einem hollywoodreifen Finale manches klärt.

Einen langen Gastauftritt hat Frank Schulz, seinerseits Verfasser einiger Krimis um Onno Viets, die in Hamburg spielen und es in gewissen Kreisen zu einiger Berühmtheit gebracht haben: auf einem Brainstorming-Treffen einer Sondereinheit zur Aufklärung der Morde wird er als Krimiautor und Literaturexperte hingezogen und setzt sich mit der Aussage „wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, dass wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben“ nicht nur in die Nesseln, sondern auch zwischen alle Stühle und erzeugt, da er natürlich verkürzt zitiert wird, ein ungeheures Medienecho. Er muss, als eine Rufmordkampagne einsetzt, Hals über Kopf nach Griechenland flüchten, wo ihm so einiges widerfährt und eine moderne Odyssee beginnt.

Gerhard Henschel, einst bekannt für seine Beiträge in der TITANIC und seit einiger Zeit für seine Martin-Schlosser-Romane, legt mit diesem Werk die ultimative Synthese aller Regionalkrimis vor, die jedoch – Vorsicht! – nicht allen Liebhaber*innen von Regionalkrimis gefallen wird.

Gerhard Henschel: Soko Heidefieber. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann & Campe, 284 Seiten, 18 Euro.

 

 

Julian ist eine Meerjungfrau

Das Bilderbuch erzählt von einem kleinen Jungen, der mit seiner Oma unterwegs ist. Die beiden begegnen in der Bahn einer Gruppe Meerjungfrauen, und ab diesem Zeitpunkt wünscht sich Julian zu sein wie sie. Zuhause lässt er seine Träume wahr werden und sucht sich die passenden Dinge aus Omas Haus zusammen.  Stolz, sich in die Meerjungfrau seiner Träume verwandelt zu haben, geht er, geschmückt mit Omas Perlenkette, langem Haar, Lippenstift und Kleid, auf die Parade der Meerjungfrauen.

Das besondere an diesem Buch, das schon für kleine Kinder ab drei Jahren geeignet ist, ist die reduzierte Sprache, die durch eine wunderschöne Bildsprache von Fantasie und der Verwirklichung von Träumen erzählt.

Fast alle Personen im Buch sind People of Colour, und so ist das Buch eines der wenigen deutschsprachigen Bücher, das ein Schwarzes Kind als Hauptfigur zeichnet.

Insgesamt einfach wunderschön gezeichnet, mit einer empowernden Geschichte, die glücklich macht.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau. Knesebeck, 32 Seiten, 13 Euro.

 

Global Warming Party

Wie wir und das Klima schönsaufen können

Wer leugnet, dass sich das Klima verändert, indem Menschen die Luft verpesten, wird wahrscheinlich nicht zu jenen gehören, die diese Besprechung lesen. Viele andere wissen zwar Bescheid, meinen sie jedenfalls, aber wenig darüber, wie der Klimawandel tatsächlich zu stoppen ist – abgesehen von naheliegenden Forderungen wie dem Verzicht auf die Verbrennung von Kohle, der radikalen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und von Flugreisen, der Dämmung von Häusern, der Förderung alternativer Energien, dem Erhalt und Ausbau der Biodiversität und ähnlichen Vorschlägen. Dass die Moore der Erde in etwa so viel CO2 aufnehmen und binden können wie alle Wälder der Erde, gehört nicht zum Allgemeinwissen, so dass die Trockenlegung von Mooren viel weniger beachtet wird als die Zerstörung des Regenwalds oder die Besetzung des Hambacher Forsts. Die Science Busters hingegen widmen den Mooren fast ein ganzes Kapitel, und geneigte Leser*innen erfahren sogar, dass niemand in einem Moor untergehen, sondern höchstens darin erfrieren kann.

Leider gibt es drei Tendenzen, die eine weitere Verbreitung von fridays for future und ihren Forderungen erschweren (abgesehen von den Grünen, die ihr Gründungsadjektiv zunehmend als lästiges Beiwerk und Hindernis für Regierungsbeteiligungen verstehen). Erstens gleiten einige ins Spirituelle ab. Zwar ist nichts daran auszusetzen, Bäume zu umarmen, das mag sogar Spaß machen, aber wenn dann im nächsten Schritt auf die Wissenschaft geschimpft und eine homöopathische Pille eingeworfen wird, ist der Weg in die Esoterik nicht weit (natürlich gilt das nicht für alle) – wer die Science Busters kennt, weiß, dass sie gern über Pseudowissenschaften sprechen, etwa darüber, ob der Leib Jesu, der als Oblate verspeist wird, glutenfrei ist. Zweitens mischen sich immer wieder reaktionäre Töne in den Umweltschutz; auf jeden Fall sind sie nicht weit, wenn „Heimat“ als schätzens- und schützenswert reklamiert wird, denn natürlich geht es darum, die ganze Welt zu schützen; Grenzen werden von Treibhausgasen schlicht ignoriert. Und drittens ist fast alles, was zum Klimawandel geschrieben wird, nahezu staubtrocken und humorlos.

Gegen diese Tendenzen treten die Science Busters in ihrem neuen Buch an. Sie versuchen, uns zum Lachen zu bringen und uns, während wir lachen, beizubringen, dass es keinerlei Alternative dazu gibt, jetzt und sofort Klimaschutz zu betreiben. „Ein Schulstreik“, schreiben sie, „allein wird dafür nicht reichen – aber es war kein schlechter Anfang“. Sie erörtern einige von Technokraten vorgeschlagene Lösungsmöglichkeiten, verwerfen die meisten von ihnen aber, da sie nur den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und schlagen selbst einige eher unkonventionelle Lösungen vor, und jedes Mal, wenn sie Leugner*innen des Klimawandels erwähnen, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Und während sie das tun, beharren sie darauf, dass die Wissenschaft durchaus ihren Teil beitragen kann, wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen: „Dabei handelt es sich allerdings um ernste, wissenschaftliche Überlegungen und nicht um esoterischen Schmafu [sic!] wie etwa Chemtrails, wo Flugzeuge arge Sachen versprühen, damit dann die Gedanken der Menschen gaga werden. Was ohnehin ein überflüssiges Unterfangen wäre, denn abgesehen davon, dass es Chemtrails nicht gibt, sind die Gedanken einiger Menschen offenbar auch ohne chemisches Zutun bereits gaga genug. Da bräuchte man nichts zu sprühen“.

Sie machen sich darüber lustig, dass tatsächlich Kühen Rucksäcke umgebunden wurden, um das Methan aufzufangen, das bei ihnen hinten und vorn rauskommt (ein Projekt zur Rettung der Fleischindustrie), aber auch über Versuche, Fleisch im Reaktor zu produzieren. Sie legen ausführlich dar, dass es entgegen vieler Phantasien keinen Planeten B gibt, den die Menschen in naher Zukunft erreichen könnten (Science Fiction bleibt noch lange Science Fiction; die jetzige Erde ist alles, was wir haben). Auch die Einführung eines menschlichen Winterschlafs würde nicht viel bringen, obwohl dann im Winter viel Energie eingespart werden könnte. Und sie schrecken nicht davor zurück zu fordern, dass alle einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz beitragen könnten: „Das kann damit beginnen, dass wir antike Dogmen wie ‚Wer feiern kann, kann am nächsten Tag auch arbeiten’ endlich über Bord werfen und nach einem Trinkgelage den Rausch mit gutem Gewissen ordentlich ausschlafen. Dem Klima zuliebe.“ Denn wer schläft, verbraucht weniger Energie.

Science Busters: Global Warming Party. Hanser, 183 Seiten, 20 Euro.

 

 

Die Sommer

Leyla ist das Kind eines ezidischen Vaters, der mit 14 Jahren in die Kommunistische Partei Syriens eintrat, und einer deutschen Mutter; gemeinsam gingen sie nach München, wo Leyla aufwächst.

Jedes Jahr fährt sie mit ihrer Familie in den syrischen Teil Kurdistans, als Kind erlebt sie die Sommer im Dorf der Großmutter, später, als der IS große Teile Aleppos zerstört, betrachtet sie alles fassungslos aus der Ferne und ist doch verbunden mit den Orten ihrer Kindheit.

„Sie konnte alles nicht glauben. Alles, beides, vorher und nachher, kam ihr so unwirklich vor. So unwirklich wie das letzte Stück Savon d’Alep, diese Aleppo-Seife, die nach Lorbeer und Olivenöl roch und die sie jedes Jahr mit nach Deutschland genommen hatte. Wie die paar lächerlichen Steine, die Leyla irgendwann einmal am Fluss gesammelt hatte. Alles Beweise, dachte Leyla, auch in zehn Jahren noch, in zwanzig, dass es das alles wirklich gegeben hatte: Das Dorf, die Städte, die Menschen, die Sommer.“

Sie ist  zerrissen zwischen Distanz und Verbundenheit – sie kann nicht zusehen, wie ihre deutschen Freundinnen auf Facebook fröhlich Urlaubsbilder posten, während an anderen Orten Tag für Tag so vieles zerstört wird.

Ein Roman über die Liebe zu Orten, die durch Gewalt im Verschwinden begriffen sind, über die Wut und den Schmerz, der sich über Erinnerungen legt, zwischen dem Hier und Dort, dem Vergangenen und der Zukunft. Leyla hat viele biographische Parallelen zur Autorin, auch sie verbrachte an der Seite ihrer Eltern viele Sommer in Kurdistan im Dorf ihrer Großmutter, auch das Geburtsjahr der Protagonistin ist an das der Autorin angelehnt.

Ronya Othmann erinnert daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und somit auch mitverantwortlich sind für die Welt, in der wir leben werden.

Ronya Othmann: Die Sommer. Hanser, 284 Seiten, 22 Euro.

 

 

Ein Leben als Journalistin in London

Genau das möchte sich Queenie, eine junge Schwarze Frau, aufbauen. Und sie hat viel erreicht: Sie arbeitet als Journalistin bei einem Londoner Magazin. Sie kann zwar nicht über die Themen schreiben, die sie interessieren, aber das kann ja noch werden. Mit ihrem weißen Freund Tom hat sie gerade eine gemeinsame Wohnung bezogen. Aber es zeigen sich Risse im Idyll: Als Queenie mit Tom dessen Familie besucht, sagt ihr geliebter Tom nichts zu rassistischen Äußerungen seines Onkels, außer dass dieser es nicht so gemeint habe. Queenie explodiert und wird laut. Sie stürmt aus der Wohnung. Unfassbares geschieht, so scheint es der Leser*in, Tom möchte eine Beziehungspause, aus der das Ende der Beziehung wird. Queenie ist verzweifelt und zweifelt an sich selbst. Hat sie überreagiert? Ihre Freund*innen und ihre Familie unterstützen Queenie, sie sehen das Ende der Beziehung gelassener: Für sie war und ist Tom ein Schnösel und sowieso nicht der Richtige für ihre geliebte Queenie.

Aber Queenie bleibt untröstlich. Sie versucht, sich durch andere Beziehungen abzulenken, was gründlich misslingt. Wegen falscher Anschuldigungen wird sie von ihrem Job freigestellt. Das ist selbst für die kämpferische, aber liebenswertchaotische Queenie zu viel. Sie fällt in ein Loch. Doch Queenie wäre nicht Queenie, wenn sie da bleiben würde. Nach und nach registriert sie, dass es Auswirkungen hat, das erste Familienmitglied mit Collegeabschluss zu sein. Auch bei der Arbeit ist sie eine von wenigen Schwarzen, wird immer anders beurteilt. Der Alltagsrassismus im Freund*innenkreis kommt hinzu. Der Kontakt mit der Black Lives Matter Bewegung hilft ihr. Sie verortet sich anders und kann weiter für ihre Träume kämpfen.

Ein Roman über Rassismus (nicht nur im Alltag), Mobbing, Sexismus und Bildungsbenachteiligung, selbstironisch, witzig und tragisch.

Candice Carty-Williams: Queenie. Blumenbar Verlag, 544 Seiten, 22,00 Euro.

 

 

Der Fotograf von Mauthausen

In der Graphic Novel berichtet der republikanische Spanier Francisco Boix seiner Schwester Núria von seiner Zeit im Konzentrationslager Mauthausen. Das Lager ist nach der Einteilung der Nazis ein Lager der Stufe 3 und steht damit unter der Devise „Vernichtung durch Arbeit“. Francisco lernt, im Todeslager zu überleben. Durch ein Bestechungssystem gelingt es ihm und seinen Freunden, wichtige und Überlebenschancen erhöhende Lagerpositionen einzunehmen. Francisco, genannt Paco, ist gelernter Fotograf. Mit der Hilfe seiner Genossen erlangt er einen Posten beim Erkennungs-dienst. Dort muss er fortan Paul Ricken von der SS, dem Leiter des Erkennungsdienstes, bei der Fotografie und der Entwicklung von Negativen behilflich sein. Die offizielle Arbeit des Erkennungsdienstes ist es, die Deportierten bei der Ankunft abzulichten und Propagandafotos von glücklichen Häftlingen zu machen, die lachend und spielend an vollgedeckten Tischen sitzen, um sie als Zwangsarbeiter*innen Firmen anzubieten. Paco entdeckt, dass darüber hinaus auch Fotos von Ermordeten gemacht werden – die meisten werden dabei als Suizid inszeniert. Diesen Fotos haftet etwas Besonderes an – sie sind nicht bloße Ablichtungen, sondern Paco versteht, dass Ricken mit Komposition, Licht und Kontrasten versucht, Mord und Tod zu einer widerlich-grausamen Art von Kunst zu erheben. Paco wird klar, dass sein Fund nichts weniger als den Beweis darstellt, der den Massenmord der Nazis in Mauthausen ans Licht zu bringen und der Welt zu offenbaren vermag. So beginnt er insgeheim zusätzliche Abzüge zu erstellen. Doch wie kann es gelingen, diese Negative aus dem Lager zu schmuggeln?

Bei dieser Herausforderung entstehen Konflikte über das „richtige“ Handeln in einer aussichtslosen Situation. Zählt es, um jeden Preis das einzelne wertvolle Leben im Lager zu retten, oder ist es richtig, ein Leben aufs Spiel zu setzen, um die Taten der Nazis zu beweisen?

Die Graphic Novel beschreibt und bebildert in gedeckten Farben eindrücklich und schonungslos die Situation im Lager Mauthausen bis zur Befreiung und den Kampf des jungen Francisco. Im Fokus steht dabei das Verlangen Pacos, die Ermordeten durch seine Fotografien und Geschichten in der Erinnerung der Menschen am Leben zu erhalten. Die Graphic Novel führt Pacos Vorhaben fort und leistet damit einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen, an dem jede*r teilhaben kann – auch oder besonders in Zeiten, in denen andere Formen des gemeinsamen Gedenkens eingeschränkt sind.

Die von Francisco geretteten Negative sind in den Comic eingearbeitet. Auf den letzten Seiten gibt es eine historische Einordnung, und es werden die tatsächlichen Überlieferungen sowie die Lebensgeschichte Pacos erläutert.

Der Fotograf von Mauthausen. Graphic Novel von Salva Rubio, Pedro J. Colombo, Aintzane Landa. bahoe books, 160 Seiten, 24 Euro.

 

 

Sprache ist nix Neutrales

Sprache ist etwas Wunderbares; sie erschließt den Menschen die Welt, die sie umgibt. Jede Sprache ist zudem etwas Besonderes: da jede einzelne Sprache einen speziellen Blick auf die Welt wirft, die sie beschreibt, drückt sie diese auf eine unverwechselbare Art aus und ermöglicht manchmal Gedanken, die in anderen Sprachen schwer möglich oder nur sehr umständlich zu denken wären.

In der Sprache der Thaayorre aus Nordaustralien etwa existiert kein Wort für rechts, links, vor oder neben, sondern für Ortsbestimmungen werden ausschließlich die Himmelsrichtungen benutzt (selbst in geschlossenen Räumen) – wer diese Sprache spricht, macht sich selbst nicht zum Mittelpunkt der Welt, wie es in fast allen anderen Sprachen geschieht, wo räumliche Beziehungen in Bezug auf die Sprechenden ausgedrückt werden. Generationen von Linguistinnen, Historikern, Neurologinnen, Griechischkundigen und anderen akademisch Gebildeten stritten und streiten darüber, warum in Homers Ilias das Mittelmeer nicht blau ist, sondern oinops, weindunkel, und wer einmal, nur so zum Spaß, in eine Übersetzung der Schriften von Hegel oder Heidegger in andere Sprachen geschaut hat, könnte vermuten, dass beide ihre Theorien in kaum einer anderen Sprache als dem Deutschen hätten denken und schreiben können. Einige Sprachen kennen kein männliches und weibliches Genus und kein er und sie, andere keine Vergangenheitsform, in der nächsten muss bei einer Aussage zwischen zig Möglichkeitsformen gewählt werden, und viele, viele Worte und Begriffe sind nicht bedeutungstreu in eine andere Sprache übersetzbar (wie das isländische hoppípolla, ein Verb, das in-Pfützen-hüpfen bedeutet), ganz zu schweigen von sprachspezifischen Grammatikkonstruktionen und Gedichten und Poesie.

Mehrere Sprachen zu sprechen, erweitert mit Sicherheit den Erfahrungshorizont eines Jeden und einer Jeden und kann für Lücken sensibilisieren, die in Sprachen existieren. Denn jede Sprache ist nicht nur wunderbar, sondern eben auch lückenhaft – und autoritär und repressiv. Das ist das eigentliche Thema von Kübra Gümüşays Buch „Sprache und Sein“.

Sie zitiert David Foster Wallace, der in einer Abiturrede erzählt, wie ein älterer Fisch zwei jüngere Fische trifft und sie fragt, wie das Wasser sei. Die beiden jüngeren Fische schwimmen verwirrt weiter, bis einer den anderen fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“. Sprache – der Wortschatz wie die Grammatik – ist für die allermeisten Menschen wie das Wasser für die jungen Fische; sie umgibt sie, ist alltäglich und keiner Rede wert. Doch wie viele Fische in letzter Zeit schmerzlich erfahren mussten, ist das Wasser keinesfalls das unwandelbare Lebenselixier, sondern um in Zukunft zu überleben, müssten sie es analysieren, Veränderungen begreifen und dafür sorgen, dass die Menschen aufhören, die flüssigen Ökosysteme der Welt zu zerstören.

Ähnliches gilt für die Sprache. Trotz ihrer Großartigkeit begrenzt sie den Horizont der Sprechenden, ist vergiftet und voller Begriffe, Kategorien und Verallgemeinerungen, die zielsicher oft nicht nur zu Missverständnissen führen, sondern auch zur Festschreibung gesellschaftlicher Hierarchien und Herrschaftsstrukturen. Sie kann Menschen ihrer Menschlichkeit und Individualität berauben und jene ausschließen, die eine Sprache nicht oder nicht gut genug beherrschen. Da jede Sprache ihr eigenes Universum aufspannt, ist es unmöglich, die Sprache für ihre Begrenzungen und Unzulänglichkeiten und Kategorisierungen zu kritisieren – jede Sprache hat ihre eigene Kritik verdient. Hilfreich dabei ist Mehrsprachigkeit, hilfreich (und quälend) kann das Gefühl sein, in der eigenen Sprache nicht zu Hause zu sein, da sich Sprache und Erfahrungen widersprechen, wie es Vielen auf der Flucht oder im Exil ergeht, und ohne ein Auge für das Verhältnis von Sprache und gesellschaftlichem Sein bleibt Sprache entweder ein unbehaubarer Hinkelstein oder mutiert zu einer Art Mode, in der Worte und Begriffe täglich wie ein T-Shirt gewechselt werden können.

Kübra Gümüşay betrachtet in ihrem Buch die deutsche Sprache. Nachdem sie die Vielfalt verschiedener Sprachen bewundert hat, spricht sie davon, dass die deutsche Sprache Frauen oft unsichtbar macht, ein hinreichend bekanntes Beispiel, auch wenn immer noch Versuche, diese Unsichtbarkeit zumindest tendenziell aufzuheben, zu erbitterten Anfeindungen führen. Wenn die Grenzen meiner Sprache, zitiert sie Ludwig Wittgenstein, die Grenzen meiner Welt sind, muss sich, damit in der Welt kein Mensch aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit oder seiner sexuellen Identität diskriminiert wird, auch die Sprache ändern. Das betrifft nicht nur das –Innen, *innen und andere Sprach- und Schreibformen, sondern vieles andere mehr (etwa Begriffe wie Junge und Mädchen: obwohl beide auf Abhängigkeitsverhältnisse verweisen – Knecht und Magd – wird das Mädchen dem Jungen gleich doppelt untergeordnet: es wird verniedlicht und versächlicht). Wie die Sprache entgendert werden kann, bleibt wiewohl eine offene Frage, da jede der vorgeschlagenen Sprach- und Schreibregelungen wiederum neue Identitäten und Ausschlüsse produziert; spannend sind etwa Experimente englischsprachiger SF-Autorinnen, die in ihren Romanen neue Pronomen erfinden und so dafür sorgen, dass Geschlechtsidentitäten verschwimmen und unwichtig werden.

Während Frauen in der Sprache zum Verschwinden gebracht werden, indem sie schlicht den Männern zugerechnet werden, werden Andere oft entindividualisiert, indem sie als bloßer Abglanz von Kategorien und Verallgemeinerungen betrachtet und bezeichnet werden. Das ist die Grundstruktur rassistischen Denkens, erst recht, wenn die benutzten Verallgemeinerungen negativ konnotiert und zu Stereotypen erstarrt sind. Natürlich gibt es etwa Frauen, die Kopftücher tragen, aber die kopftuchtragende Frau gibt es nicht. Wer anderes behauptet, denkt rassistisch und reduziert einen einzelnen Menschen auf ein negatives Bild (wobei eine kopftuchtragende Frau in der Sprache, zumindest im Deutschen, gleich doppelt diskriminiert wird: als Frau und als kopftuchtragende Frau).

Um solche Kategorisierungen und Stereotypen geht es im größeren Teil von Kübra Gümüşays Buch. Unzählige Beispiele verdeutlichen, wie öffentliche Diskurse funktionieren, die klammheimlich oder ganz offen rassistische Inhalte propagieren oder durch die Hintertür in die Gesellschaft einschmuggeln. „Im März 2019 wurde ein schwangere Berlinerin von einem Mann in den Bauch geschlagen – in der Berichterstattung hieß es, dass sie wegen ihres Kopftuchs angegriffen worden sei. Doch nicht ihr Kopftuch war der Grund für den Angriff, sondern die Tatsache, dass der Täter ein Rassist war“ – ein Beispiel für eine Diskursverschiebung mittels Stereotypen, die Rassist*innen entlastet. Immer wieder wird deutlich, wie Menschen, die nicht dem Bild des Deutschen oder der Deutschen entsprechen, das sich die Mehrheit dieser von sich selbst macht, sprachlich und real diskriminiert und verletzt werden – welchen Aufschrei es gibt, zeigt sich, wenn der Spieß einmal probeweise umgedreht wird und die Privilegien alter, weißer Männer oder Rassismus bei der Polizei angeprangert werden.

In den beiden letzten Kapiteln ihres Buches versucht die Autorin, Auswege aufzuzeigen, die nicht darin münden, die Sprache zu verlassen oder eine ganz neue zu erfinden. Sie plädiert für ein freies Sprechen, in dem versucht wird, Diskriminierungen zu vermeiden, ohne das Bewusstsein der Unzulänglichkeiten der Sprache zu vergessen, ganz im Sinne Brechts, den sie zustimmend zitiert (was dieser schon 1935 schrieb): „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik“. Derart könnten jeder und jede beginnen, sensibel mit Sprache umzugehen; Anlässe dazu gibt es genug, Unworte wie Volk und Heimat haben sich längst wieder im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert.

Und Kübra Gümüşay beharrt zu Recht darauf, dass eine Sprachsensibilisierung und eine Diskussion über gesellschaftliche Strukturen, die eine normative Sprache widerspiegelt, ihrerseits sensibel sein sollte: niemand sollte seinen oder ihren Standpunkt verabsolutieren und wiederum Kategorien und Stereotypen produzieren. Das heißt natürlich nicht, wie die Autorin auf einer Lesung in Göttingen klarstellte, reaktionären Standpunkten und Sprachformen (etwa bei der AfD) nicht entschieden entgegenzutreten, denn eine sensible und fruchtbare Diskussion ist nur möglich, wenn auf beiden oder allen Seiten die Bereitschaft dazu besteht. Angesichts des Geschwafels der AfD, den Hassreden eingefleischter Rassist*innen, den verstockten Trotzreaktionen alter, weißer Männer, die nicht auf Privilegien verzichten wollen, und allem anderen Gerede, das Unterdrückung rechtfertigt, bleibt dann nur, die Hegemonie in der Gesellschaft zu erringen – auch durch Sprache und ihre Veränderung.

Obwohl das Buch vieles behandelt und erhellend auf den Punkt bringt, ist es keine schwere Kost. Es ist für alle problemlos lesbar, auch für jene, die ansonsten nicht viel von Theorie halten, und für jene, die sich noch nie (eingehender) mit Sprache, Sexismus und Rassismus auseinandergesetzt haben – kurzum: es ist ein rundum gelungenes Buch.

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser, 206 Seiten, 18 Euro.

 

 

Streulicht

Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in einem proletarischen türkisch-deutschen Elternhaus auf. Das Haus, in dem der Vater Dinge hortet, steht in einem Vorort von Frankfurt, geprägt von Industrie, die die allgegenwärtige Kulisse bildet. Licht, Staub, Partikel in der Luft, der Geruch, eine bestimmt Sorte Schnee, die nur dort fällt.

Die Protagonistin ist das einzige Kind aus einem Arbeiterhaushalt am Gymnasium, aber sie kann sich nicht zurechtfinden in der Institution, deren Besuch für alle anderen so selbstverständlich ist. Ihren Platz dort zu sehen, schafft sie zuerst nicht. Eine Ahnung hat sie, dass es etwas mit Haltung zu tun hat, mit gewaschenen Haaren, und damit, dass sie ihre Mathehausaufgaben löst, während sie auf einem weißen Plastikstuhl sitzt und dabei eine Talkshow im Fernsehen läuft. Sie kämpft und macht schließlich doch Abitur. Trotzdem bleibt sie dem Vater nah, obwohl er kein Verständnis für ihren Wunsch hat, Abitur zu machen und zu studieren.

Zu ihren Freunden aus Kindertagen hält sie lose Kontakt, aber auch diese legen Maßstäbe an, die   ihren gesellschaftlichen Status zementieren. Obwohl sie selbst studieren, stellen sie die Studienpläne der Protagonistin in Frage und zweifeln offen an, ob das mit dem Studieren für sie wirklich das Richtige ist.

Es geht um die Frage, was die bürgerlichen Codes sind, die von akademischen Eltern selbstverständlich an ihre Kinder weitergeben werden. Und wie geht man damit um, wenn einer das alles fehlt?

Das Buch ist eine Geschichte mit zarten und harten Elementen, eine Milieu- und Sozialstudie in Romanform.

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp, 285 Seiten, 22 Euro.

 

 

Pixeltänzer

Die Autorin schafft es, die moderne, digitale Welt auf stimmige Weise mit der Welt der 1920er Jahre zu verbinden und daraus etwas zu schaffen, was sich fast wie ein Märchen liest und einen zufrieden und verträumt, aber auch etwas melancholisch zurück lässt. Ihre Protagonistin Beta arbeitet in einem Start-up und kreiert nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben Dinge, die zwar ganz lustig und ungewöhnlich sind, aber nicht wirklich einen Sinn haben. Schließlich tritt sie über eine App mit einem Fremden in Kontakt, der sie auf eine Art halb digitale, halb analoge Schnitzeljagd schickt. Die Leser*innen entdecken mit Beta die (wahre) Geschichte des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt, die in den 20ern avantgardistische Tänze in aufwendig gestalteten Masken aufführten und ein tragisches Ende fanden.Es wird eine spannende Geschichte mit überraschenden Wendungen erzählt, die feinsinnig gestaltete Stimmung mit einem Hauch von Einsamkeit und Sinnsuche machen eine Identifikation und ein Nachempfinden mit der Protagonistin leicht, obwohl diese ungewöhnliche Hobbies hat. Es entsteht ein Eindruck des Verlorenseins und der Suche nach einer Nische, in der man seinen eigenen, individuellen Abdruck hinterlassen kann. Das Buch kann man nicht mehr aus der Hand legen, und es so ziemlich jedem empfehlen, der auch nur entfernt etwas mit Apps, Tanz oder Büchern zu tun hat. Berit Glanz: Pixeltänzer. Schöffling, 2019, 250 Seiten, 20 Euro, oder Büchergilde Gutenberg, 19 Euro.  Frauenwunderland Länder in Afrika – und da ist es fast egal, von welchem Land man spricht – werden fast immer nur im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, Hunger und Not oder Korruption und Autokratie in Zusammenhang gebracht. Dabei fällt leider stets unter den Tisch, was dort alles an Neuerungen und Entwicklungen geschieht. Ruanda beispielsweise ist Deutschland nicht nur in der Umweltgesetzgebung weit voraus, sondern auch im Bereich der Gleichberechtigung. Abgesehen von LGBTQ*-Rechten können wir uns eine Menge aus den ruandischen Reformen in dem Bereich abgucken. Ruanda hat den höchsten Frauenanteil in allen Parlamenten weltweit und innerhalb weniger Jahre eine Menge Gesetze zum Schutz und der Förderung von Frauen in Kraft gesetzt.Barbara Achermann hat sich in Ruanda mit unterschiedlichen Menschen unterhalten. Es kommen aufstrebende Unternehmerinnen zu Wort, eine Parlamentarierin, ein Aktivist in einer Organisation, die Männern die Lösung aus den vielerorts immer noch vorherrschenden traditionellen Rollenbildern nahe bringt, und eine Radiomoderatorin, die Workshops und Sendungen über Sex abhält. Wie nebenbei berichtet Barbara Achermann über Aspekte des Lebens in Ruanda – ob es um die Offenheit für Innovationen und technische Neuerungen geht oder um fehlende Infrastruktur, Armut, die noch sehr präsenten traditionellen Werte und die Wunden des Genozids. Etwas mehr kritische Betrachtungen des politischen Systems wären zu wünschen gewesen, stellenweise ergibt sich die Autorin etwas zu sehr in Utopien und Optimismus. Und leider ist es traurig, wie sehr die Gegenwart noch von den Auswirkungen des Genozids geprägt ist.Doch insgesamt ist der schmale Band ein weiter und bunter Einblick in ein Land, das die meisten von uns nur als Ort eines tragischen Fehlers der UNO kennen und das nicht nur innerhalb von weniger als 30 Jahren einen weiten Sprung in die Zukunft gemacht hat, sondern auch viel mehr Potential auf der internationalen Ebene hätte. Barbara Ackermann: Frauenwunderland. Reclam, 2018, 184 Seiten, 18,95 Euro.  Mädchen brennen heller Für den Roman von Shobha Rao braucht es eine stabile Stimmung und einen starken Magen, doch die Leser*innen werden belohnt mit einer Geschichte unerschütterlicher Freundschaft und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Purnima und Savita wachsen in tiefer Armut und umgeben von patriarchalen, scheinbar unbeweglichen Strukturen und dem indischen Kastensystem auf. Ihre Freundschaft erscheint wie eine wunderschöne Liebesgeschichte, ohne wirklich eine zu sein. Savita ist gefüllt mit Hunger nach mehr im Leben und reißt Purnima mit in ihrem festen Glauben, dass die beiden zusammen alles schaffen können. Doch irgendwann holt die Gewalt sie ein und Savita verschwindet. Purnima macht sich daraufhin auf die verzweifelte Suche nach ihr und ist dafür bereit, jedes Opfer zu bringen und jeden Berg zu erklimmen, der sich auf ihrem Weg zu Savita vor ihr auftut. Die verzweifelte Hoffnung und die angehenden Grausamkeiten, die Frauen und Mädchen jeden Tag an Seele und Körper angetan werden, werden durch Shobha Rao verknüpft zu einer Geschichte, die zu lesen sich wirklich lohnt. Der Satz von Savita zu Beginn des Romans fasst die Stimmung gut zusammen: „Was ist die Liebe denn, Puri? (...) Was ist die Liebe, wenn nicht ein Hunger?

Shobha Rao: Mädchen brennen heller. Elster, 2019, 381 Seiten, 24 Euro.  

 

Tango, Fussball und ein Mord

Es ist das Jahr 1933, Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, traurige Tangos erklingen im Radio. Einem jungen Mann, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt und davon träumt, selbst einen Tangotext zu schreiben, winkt ein Angebot, ein Gelegenheitsjob, der sein Leben verändern wird. Der berühmteste Fußballspieler des Landes hat seinen Verein in Buenos Aires Hals über Kopf im Stich gelassen, schon damals war eine Menge Geld im Spiel im argentinischen Fußball, und der junge Mann soll ihn überreden, gegen ein gutes Entgelt, zu seinem Club zurückzukehren; wie ihm das gelingt, bleibt ihm überlassen.

Was wie eine kleine Erpressung beginnt, weitet sich bald aus; der junge Mann wird in einen Strudel aus Ereignissen gezogen, die ihm über den Kopf wachsen: ein Mord an der Tochter eines berühmten Argentiniers, der den Faschisten nahe steht, ein mafiöser Schlachthofbesitzer, der sich sehr für den Fußballer interessiert, eine mögliche Beziehung zwischen dem Fußballer und der toten Tochter, integre und weniger integre Journalisten, einige Anarchisten, korrupte Polizisten und eine Frau, die dem jungen Mann mal ihre Gunst schenkt und mal nicht. Und über allem thront der Tango; das ganze Buch ist wie ein Tango.

Martin Caparrós: Väterland. Wagenbach, 283 Seiten, 22 Euro.

 

 

Trau dich, sag was!

Manchmal siehst du hilflos zu, wenn jemand traurig ist und du glaubst, nicht die richtigen Worte zu haben, die trösten können.

Trau dich, hinzugehen und einfach da zu sein, auch das ist oft schon eine große Hilfe.

Manchmal siehst du, dass jemandem wehgetan wird, und du glaubst, nicht mutig oder laut genug zu sein, um etwas zu tun.

Trau dich, wütend zu werden, wenn du Ungerechtigkeiten beobachtest und schäme dich nicht dafür, wenn deine Art, dich auszudrücken, besonders ist.

Auch ein Bild zu malen kann etwas bewirken, genauso wie leise zu sagen: Stop, das ist fies!

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, deine Meinung auszudrücken, trau dich auf deine Weise!

Ein Bilderbuch zum Mutig sein und Begreifen, dass kleine Gesten und Dinge auch viel bewirken können und es nicht darauf ankommt, wie groß jemand ist, sondern dass alle Kinder ihre eigenen Ausdrucksweisen haben, die gleich wichtig und richtig sind, wenn es darum geht, sich für andere Menschen einzusetzen. Das Buch erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern zeigt mit kleinen Bild-Episoden verschiedene Handlungsvorschläge.

Die Zeichnungen spiegeln bewusst diverse Identitäten wieder, sodass auch schüchterne Jungs, Schwarze Mädchen oder be_hinderte Kinder sich in diesem Buch wiederfinden können.

Peter Reynolds: Trau dich, sag was. Sauerländer, 40 Seiten, 14,99 Euro.

 

 

In der Wildnis von Idaho

Eine ältere Frau, sie wurde noch vor dem zweiten Welt Krieg geboren, heiratete jung, wie es sich gehört(e), verbrachte ihr Leben in der texanischen Provinz, ging sonntags in die Kirche und half ehrenamtlich in der Schulbibliothek aus. Nichts Weltbewegendes passierte ihr, bis sie, schon im Ruhestand, mit ihrem Ehemann eine Woche Urlaub machen wollte – in einer Blockhütte an einem einsamen See in den Bergen von Idaho, wo kaum ein Mensch lebt. Doch auf der letzten Etappe ihrer Hinreise, das Buch hat kaum begonnen, stürzt das Kleinflugzeug ab, das sie an ihr Ziel bringen sollte – der Pilot und der Ehemann sterben, nur die alte Frau überlebt. Sie verfügt zwar über Fähigkeiten, die unsere Großmütter noch hätten tradieren können, wenn nicht die Tiefkühl- und Lieferpizza ihren Siegeszug angetreten hätte, aber allein, auf sich gestellt, ohne Orientierung und weit entfernt von den nächsten Ausläufern der Zivilisation, hat sie keine Chance zu überleben, was ihr selbst unmissverständlich klar ist. Dennoch macht sie sich auf den Weg, weg vom Flugzeugwrack, da sie aus einem Tal Rauch aufsteigen sieht.

Da ist noch eine andere Frau, eine Rangerin, die in Idaho als Försterin und Polizistin lebt. Sie ist tiefunglücklich, ihr Ehemann hat sie gerade verlassen und ist in die weite Welt aufgebrochen, und ohne ihre Thermoskanne voller Merlot unternimmt sie keinen Schritt außerhalb und innerhalb ihres Hauses. Sie erfährt von dem Flugzeugabsturz und beschließt, die Überlebende zu finden, selbst als alle anderen davon abraten, weil schon zu viel Zeit vergangen sei; ihr zur Seite stehen ein paar andere Menschen, die alle irgendwie am Leben verzweifeln, weil in ihrer Vergangenheit Tragödien lauern, die in der einsamen Wildnis von Idaho kaum auffallen.

Beide Frauen beginnen im Lauf der Suche über ihr Leben nachzudenken. Die alte Frau, die vermisste, begegnet mitten in der Wildnis einem Schutz- oder gefallenen Engel, der sich nicht zu erkennen gibt und nichts über sich erzählt, aber über die Fähigkeit verfügt, als Jäger und Sammler in der Wildnis zu überleben. Während er die alte Frau mit Fleisch versorgt und abends ein Feuer anzündet, zieht an dieser ihr Leben in Versatzstücken vorbei, und sie erkennt mit jedem Tag, der vergeht, dass die Konventionen und moralischen Grundsätze ihres früheren Lebens angesichts ihrer aktuellen Erfahrungen zwar nicht aufgelöst werden oder implodieren, aber auf eine gewisse Art verblassen, so dass sie lernt, ihr Leben als eines unter vielen zu verstehen und andere Lebensentwürfe als gleichberechtigt anzusehen. So sehr überschreibt die Gegenwart ihre persönliche Geschichte, dass sie eine erste Chance zur Rettung aktiv verweigert und lieber in der Wildnis bleibt; erst als sie ihren Wohltäter verliert, macht sie sich eigenhändig auf, die Welt der Zivilisation wieder zu betreten – in der sie dann noch lange in einem Altersheim lebt und ihre Geschichte aufschreibt.

Ähnliches passiert der Rangerin. Sie geht teilnahmslos eine Affäre mit einem Kollegen ein, der zur Verstärkung geschickt wurde, und freundet sich mit dessen Tochter an, die an den Tragödien ihrer Familie zu zerbrechen droht (das meint jedenfalls ihr Vater) und oft Wahrheiten ausspricht, die niemand gern hört. Die Suche nach der Vermissten bleibt erfolglos, aber während des Misserfolgs lernt die Rangerin sich selbst besser kennen und einiges über ihr bislang glückloses Leben, bis sie einen Schlussstrich zieht und in die Stadt umzieht.

Wie in jedem guten Buch ergänzen sich der Erzählstil, die eigentliche Geschichte und ihr nicht ausbuchstabierter Hintergrund aufs Beste. Wenn die alte Frau Episoden aus ihrem Leben erzählt, wirkt der Stil so, wie sich jemand Unterhaltungen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in einer evangelikalen Kirche vorstellt, und der Kontrast zum Inhalt der Gedanken, die die Frau schildert, lässt eine Atmosphäre entstehen, als ob ein katholischer Prediger in Anklängen ans lutherische Bibeldeutsch seiner Gemeinde nahe legt, dass, solange Menschen glücklich miteinander leben, es ein sündhaftes Zusammenleben nicht gibt. Es ist dieser Kontrast zwischen Sprache und Inhalt, der einen nicht unerheblichen Reiz der Geschichte ausmacht – die zugleich eine doppelte Abenteuergeschichte ist: die Erlebnisse einer Vermissten und die Suche nach ihr.

Rye Curtis: Cloris. Beck, 352 Seiten, 24 Euro.

 

 

Wir UNTOTEN des Kapitals

Raul Zelik benutzt den Zombie als Metapher für das Leben im Kapitalismus. Die „Abläufe in unserem Leben folgen einer Logik, auf die wir keinen Einfluss zu haben scheinen, ja die unseren Interessen diametral widersprechen“. Ähnliche Metaphern wurden schon von anderen Autoren zur Gesellschaftsanalyse benutzt (Christoph Spehr: Die Aliens sind unter uns, leider vergriffen, oder Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, 2010).

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Warenform alles beeinflusst, selbst Freundschaften und Liebesbeziehungen, in einer Gesellschaft, die geprägt ist durch „Blödmaschinen“ (Seeßlen/Metz), ökonomisch geprägte Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge (Wohnen, Gesundheit, Nahverkehr, Bildung). Diesen Tatbeständen setzt Zelik das Konzept eines „grünen Sozialismus“ entgegen. Dieser Sozialismus wird mit dem Realen Sozialismus des 20. Jahrhunderts kontrastiert. Zelik beschreibt sein Scheitern anhand von Negativbeispielen aus der Sowjetunion, der chinesischen Kulturrevolution und der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung.

Er wirbt für einen Sozialismus, der das gesellschaftliche Leben in den Mittelpunkt rückt, begleitet von der Übernahme der politischen und ökonomischen Macht. Das ökosozialistische Projekt darf sich nicht nur um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse bemühen, sondern muss aus der Frage, „inwiefern Naturverhältnisse, Konsummodelle und Lebensverhältnisse mit den Klassen- und Herrschaftsverhältnissen verschränkt sind“ eine konkrete Utopie vom Sozialismus entwickeln. Dieser Sozialismus muss Feminismus, Geschlechterverhältnisse, Antirassismus, Antidiskriminierung und insbesondere ökologische Aspekte einbeziehen.

Die alte linke Frage Reform oder Revolution wird von Zelik als wechselseitig wirksam begriffen. Daraus entwickelt er ein ziemlich komplexes System, das eine Räte- und Wirtschaftsdemokratie als Alternative zur Krise der repräsentativen Demokratie vorschlägt, auch die Eigentumsfrage bleibt als zentraler Hebel auf der Agenda, die bisher auf der „Verknüpfung von Eigentum, Macht und politischer Unfreiheit“ aufbaut. Viele Aktivierungsfelder werden angesprochen und ausführlich dargelegt, u.a. die Gemeinwesenfrage – Commons (vgl. etwa Silke Helfrich: Commons, transcript 2014; Silke Helfrich/David Bollier: Frei, fair und lebendig - Die Macht der Commons, transcript 2020; Christian Felber, Gemeinwohlökonomie, Piper 2018 ).

Der Buchtext ist zusammengesetzt aus sozialwissenschaftlicher Analyse, feuilletonistischem Essay und politischem Programm. Der Essay ist nicht trocken geschrieben, sondern Bilder, Anekdoten und Witze tragen zur Auflockerung bei. Das Buch bietet eine sehr gute Diskussionsgrundlage, welche Schritte für „einen grünen Sozialismus“ notwendig sind.

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp, 328 Seiten, 18,00 €

 

 

Desintegriert euch!

Max Czollek schreibt an gegen das sich in Deutschland verschärfende und immer weiter nach rechts driftende Klima. Er schreibt aus einer jüdischen Perspektive gegen die Vereinnahmung der Opfer der Shoah durch die Täter*innen und deren Nachkommen, gegen ritualisiertes Gedenken, das oft vor allem den Täter*innen und ihren Nachkommen nützt, aber wenig wirklich mit den Opfern zu tun hat.

„Desintegriert euch!“ geht dem Bild auf den Grund, das die BRD von sich selbst entwirft: Das einer geläuterten Nation, die gelernt, entschädigt und gutgemacht hat. Er hält dem entgegen, dass nichts wieder je gut sein kann nach Auschwitz. Max Czollek bleibt unversöhnlich und will Rache, sei es auch nur literarisch.

Der Autor bleibt „still not loving germany“ und beschäftigt sich in seinem 2020 erschienenen Buch „Gegenwartsbewältigung“ mit dem Gedankenmodell, das den Begriffen Integration und Leitkultur zu Grunde liegt: Ein tief verankertes Selbstverständnis von Nationalismus, Kulturalismus und der Konstruktion eines völkischen „Wir“. Die Fähigkeit, schnell und entschlossen zu handeln, hat Deutschland im Umgang mit Covid 19 bewiesen. Aber wo hört die viel beschworene Solidarität auf?

An den Außengrenzen Europas zum Beispiel – oder wenn es um rechte Strukturen in Polizei und Verfassungsschutz geht, deren Verankerung im Staatsapparat nicht ansatzweise bekämpft wird. Auch fehlt es an Solidarität mit den Opfern rassistischer Gewalt, eine Solidarität, die zum Handeln gegen Nazis und deren stützende Strukturen zwingt. Die Morde des NSU, die  Morde von Hanau, der Angriff auf die Synagoge von Halle. Rechter Hetze folgen Taten - noch immer wird anhand völkischer Vorstellungen bestimmt, wer zur schützenswerten Gemeinschaft gehört und welche Leben nicht schützenswert zu sein scheinen.

 

Beide Bücher sind auch Aufrufe, sich zusammenzuschließen und Bündnisse gegen den weiß-deutschen Mainstream zu knüpfen, mit Ernsthaftigkeit rechten Terrorismus zu bekämpfen und die Deutungsmacht über Zugehörigkeit neu zu bestimmen.

Max Czollek: Desintegriert euch! btb, 206 Seiten, 10 Euro.

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. Hanser, 205 Seiten, 20 Euro.

 

Unser Buchtipp (2)

Das Schiff des Theseus

Bevor Theseus mit der Argo das goldene Vlies klaute, ließ er sein Schiff von einem Werftmeister reparieren. Der wechselte die Planken aus und baute aus ihnen ein neues Schiff. Aristoteles erzählt diese Geschichte in der Metaphysik, und stellt sich und allen nach ihm die Frage, ob es nun zwei Argos gab oder welches die echte Argo war.       

Im Roman Schiff des Theseus wird diese Frage schon im Titel aufgeworfen; über seine Seiten segelt ein Segelschiff, das beständig repariert, erneuert und umgebaut wird, bis kaum noch ein Originalteil vorhanden ist (aber was ist ein Originalteil? – das Schiff gab es schon, bevor der Roman beginnt). Ist es am Ende der Geschichte noch das gleiche Schiff oder nur eines gleichen Namens? Und jene, die auf ihm reisen und sich dem Meer anvertrauen, sind es noch die gleichen Menschen, wenn sich der Roman seinem Ende zuneigt, oder tragen sie nur zufällig die gleichen Namen wie die Protagonisten am Anfang?

Doch eigentlich handelt das Schiff des Theseus von etwas ganz anderem. Eines Tages, in der Jetztzeit, fällt einer jungen Literaturstudentin dieses Buch zufällig in die Hände; es liegt in einer Bibliothek herum, statt an seinem angestammten Standort zu stehen. Sie liest das 1947 erschienene Buch in einen Zug durch – und bemerkt bei ihrer Lektüre eine Menge Unterstreichungen und handschriftliche Randbemerkungen eines zweiten Lesers, der offensichtlich versucht, der Identität des Autors auf die Spur zu kommen.

Der Autor, der unter dem Pseudonym V.M. Straka den Abenteuerroman Schiff des Theseus veröffentlicht hat, ist der ganzen Welt unbekannt, folgerichtig auch, wie er lebte und starb: ein gefundenes Fressen für die literaturwissenschaftliche Zunft, die ausgiebig sein Werk und seine Biographie erforscht; wie üblich gibt es diverse Meinungen und bitterböse akademische Konkurrenzen. Der Leser des Buches, den die junge Studentin durch seine handschriftlichen Kommentare im Buch kennenlernt, fürchtet, dass ihm seine Entdeckungen und Thesen entwendet und streitig gemacht werden, seine Forschung sabotiert und seine Karriere torpediert wird.

Dem Buch vorausgeschickt ist ein Vorwort eines mysteriösen Herausgebers. Dieser schildert, wie das Buch zustande kam, fasst zusammen, welche Personen für den Autor gehalten wurden, wägt Pros und Contras ab, und überzieht den gesamten Roman mit einer Vielzahl von Fußnoten, die teils den Text erhellen, meist aber in keinem oder in einem nur ihr einleuchtenden Zusammenhang mit dem Roman stehen, und in denen sie über Gott und die Welt und die Identität von Straka spekuliert. Im Impressum des fiktiven Romans werden mehr als 10 Werke von Straka aufgelistet, die dieser in den 20ern und 30ern verfasst hatte; das Schiff des Theseus ist sein letztes und Meisterwerk. Aus den Recherchen des jungen Literaturwissenschaftlers ergibt sich, ergänzend zum Vorwort, dass Straka nicht nur ein berühmter Autor war, der Abenteuerromane schrieb, sondern auch ein Revolutionär und Anarchist, der zwischen 1905 und 1940 aktiv war –Attentate, Bombenanschläge, Arbeiteraufstände, Geheimnisverrat, Entführungen und dergleichen wurden ihm von verschiedenen Seiten, Freunden und Feinden, zugeschrieben, natürlich unüberprüfbar, und diverse Geheimdienste und –organisationen sollen ihm auf den Fersen gewesen sein, um ihn auszuschalten.

Die Handlung des Romans ist ein wenig undurchsichtig. Einem Mann, der seinen Namen und seine Vergangenheit vergessen oder nie gekannt hat, landet aus heiterem Himmel im ersten Kapitel und muss sich in einer ihm fremden Hafenstadt zurechtfinden. Er trifft eine ihm unbekannte Frau, S, die wie ein Phantom den Roman durchgeistert, verguckt sich in sie – und wird dann von einem Presskommando auf ein Schiff entführt. Bis auf den Anführer haben alle Crewmitglieder, ganz kafkesk, einen zugenähten Mund, und niemand teilt ihm mit, wohin es geht, warum er sich an Bord befindet oder wer er ist. Irgendwann gelingt ihm schwimmend die Flucht, und an Land gerät er mitten in einen Generalstreik, der sich gegen einen ominösen Waffenproduzenten und –exporteuer richtet. Er kommt den Anführern des Streiks nahe, und als der Streik niedergeschlagen wird, flüchtet er mit ihnen in die Berge … immer mehr verwickelt er sich in die Fänge und Fäden eines Schicksals, das andere für ihn weben, bis er seine Bestimmung erkennt – und sich wieder irrt?        

Das letzte Kapitel, so der mysteriöse Schreiber des Vorwortes, musste er rekonstruieren (und zum Teil selbst schreiben), da die Übergabe der letzten Seiten des Manuskriptes schief ging und Straka vorher entführt oder ermordet wurde oder flüchten konnte; niemand weiß es. Wie Jen und Eric, die im Buch über das Buch kommunizieren, während sie es viele Male durchlesen und immer neue Kommentare schreiben, bei der Lektüre bemerken, scheint der Herausgeber, deren Identität ebenfalls ins Schwimmen gerät, in den Fußnoten über einen (über)komplexen Code mit Straka zu kommunizieren und davon auszugehen, dass er noch lebt. Aber meint sie überhaupt Straka, kennt sie seine Identität oder ist der Code ein Produkt überbordender verschwörungstheoretischer Phantasien?

Während der Lektüre des Buches, dessen Inhalt ein deutscher Rezensent so zusammenfasst, als ob Kafka und Karl May besoffen einen Abenteuerroman geschrieben hätten – als ob er selbst, der Rezensent, einem Drink oder Joint nicht abgeneigt war, als er seine Gedanken in die Tastatur tippte –, entdecken Jen und Eric immer mehr Details über den Autor und seinen Vorwortschreiber. Je mehr sie zu verstehen meinen, desto unruhiger werden sie, denn jemand scheint sie im realen Leben zu verfolgen und daran hindern zu wollen, ihre Gedanken zu veröffentlichen; immer mehr Parallelen zwischen Strakas Leben, den Abenteuern des unbenannten Romanhelden und ihrer eigenen Existenz tun sich auf. So wie das Schiff des Theseus, könnte es über sein Wesen reflektieren, über seine Identität im Unklaren bliebe, je mehr Planken, Nägel, Rundhölzer und Segel ausgetauscht würden, so zerfließen die Konturen aller Personen auf allen Ebenen, obwohl sie dieselben bleiben – oder werden, was sie sind.

Das Buch, das zum Verkauf ausliegt, ist jenes von Straka, versehen mit einem Vorwort, einer Unzahl handschriftlicher Bemerkungen von Jen und Eric (in verschiedenen Farben und Stiften) und vielen Beigaben, die Jen und Eric dem Buch beigelegt haben, während sie dem Autor auf der Spur waren: Postkarten (von Forschungsreisen), Zeitungsausschnitte, Briefe (die sie einander schrieben, indem sie das Buch als Briefkasten benutzten), Zeitungsausschnitte, ein Brief von Straka und selbst eine bemalte Serviette; die wahren Autoren kommen nicht einmal zu Wort. Das Buch ist ein kleines Kunstwerk: jede Seite erscheint nachgedunkelt und fleckig und ist mit Druckbuchstaben und Handschriften bedeckt, selbst ein Ausleihstempel fehlt nicht; dazu kommen die Beilagen. Für die deutsche Übersetzung (die sehr gelungen ist – kein Regelfall in Zeiten, in denen Verlage an Löhnen für Übersetzer und Lektoren sparen) musste jede einzelne Seite neu komponiert werden. Das Abenteuer wartet … nur eine Schere oder ein Messer ist notwendig, um das Siegel zu aufzubrechen.

Dorst, Doug/Abrams, J.J.: S. Kiepenheuer & Witsch. 544 Seiten, 45€.

 

Adamsberg ermittelt wieder!

In Paris werden innerhalb weniger Tage die Leichen zweier Toter gefunden. Erst als Kommissar Adamsberg zu den Orten der Leichenfunde fährt, wird klar, dass es sich beide Male um Mord und nicht um Selbstmord handelt. Doch wie hängen die beiden Fälle zusammen? Adamsberg, Danglard, Retancourt und Veyrenc beißen sich wie alle anderen des 13. Kommissariats an diesem Fall die Zähne aus. Spuren führen auf eine kleine Insel bei Island und zu einer Gesellschaft zum Studium der Schriften Maximilian Robespierres mit sage und schreibe 700 Mitgliedern.

Fred Vargas: Das barherzige Fallbeil. Li-mes-Verlag, 512 Seiten, 19,99 Euro.

 

Die Entzifferung des Alltäglichen

Das Licht geht aus, letzte Schimmer von Smartphones erzeugen Helligkeitsflecken im abgedunkelten Kinosaal, während auf der Leinwand ein Werbespot nach dem anderen abgespult wird. Seitdem die jüngere Generation vom Fernseher auf Streaming und Computervideos um-gestiegen ist, ist die Werbung im Kino von der klassischen im TV kaum noch zu unterscheiden und ebenso schlecht; die Zeit im Dunkeln, bis die Trailer und der Hauptfilm beginnen, vergeht oft quälend langsam. Plötzlich dröhnt eine Stimme aus den Lautsprechern, die davon faselt, dass Salat, Grünzeug, nix „für echte Männer“ sei und seinen angemessenen Platz in einer Blumenvase fände: diese sollten, so die Werbebotschaft, etwas „Männliches“ essen, also einen Pizzaburger einwerfen. Zwei junge Männer, schlank, gut aussehend, beißen genussvoll in ein ekliges Brötchen und verbreiten die Botschaft, dass gesunde und ausgewogene Ernährung oder selbst zubereitete Nahrung was für Weicheier sei, und um das Image echter Kerle zu unterfüttern, darf, ganz unironisch, eine sexistische Szene nicht fehlen. Am Ende des Spots schwenkt die Kamera auf eine leicht bekleidete junge Frau, die ebenfalls in ein Brötchen beisst, und die Stimme aus dem Off erklärt sinngemäß, dass Jungs, die einen Pizzaburger verspeisen, sozusagen gratis ein Chick dazubekommen – ein Wortspiel für englisch-affine Jungmänner: chicken heißt Hühnchen, chick bezeichnet im Slang ein junges Mädchen. Die unterschwellige Botschaft ist klar: wer sich Pizzzaburger gönnt, wird nicht nur satt (und dick), sondern erhält umsonst ein Mädchen dazu (witzigerweise fehlt diese letzte Szene in den Videos, die im Netz kursieren und im TV ausgestrahlt wurden).

Eine zeitlang sah es so aus, als ob die Werbung zumindest ein wenig feministische Kritik an sexistischen Bildern und Verhaltensweisen ernst nähme, und in einigen Spots ist das auch zu beobachten. Doch manch ein Werbestratege meint, dass in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die offiziell Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung ablegt und Sexismus als uncool markiert, Heranwachsende, junge Männer, Jungmänner und ausgewachsene Männer als Zielpublikum für reaktionäre Frauenbilder weiterhin nicht nur geeignet sind, sondern dass es geradezu sein muss, die männliche Bevölkerung vom, wie suggeriert wird, feministischen Alltagszwang zu entlasten und ihr ein Ventil für vermeintliche Frustrationen zu verschaffen.

Kaum jemandem fiel auf, wie auf der Leinwand Geschlechterpolitik gemacht und versucht wurde, die feministische Uhr zurückzudrehen, statt dessen war Gelächter zu hören. Diese mangelnde Aufmerksamkeit durchzieht nicht nur Kinosäle, sondern die gesamte Gesellschaft mitsamt ihrer intellektuellen und kritischen Unterabteilungen. Eine „Ideologiekritik, die sich auf die Sprache der sogenannten Massenkultur richtet“, so Roland Barthes im neuesten Vorwort zu seinen „Mythen des Alltags“,  scheint aus der Mode gekommen zu sein, erst recht, wenn Sprachen, Bilder und Verhaltensweisen nicht nur demaskiert, sondern demontiert und demystifiziert werden sollen.

Eine aktuelle Kritik á la Barthes ergäbe wohl, dass sexistische Werbespots keinesfalls außerhalb der bürgerlichen Norm anzusiedeln sind, sondern mitten in ihrem Herzen, immer noch; Barthes selbst bemerkte in den Fünfzigern, dass Schriftstellerinnen öffentlich auf eine andere Art und Weise dargestellt werden als ihre männlichen Pendants – „Schreibt, wenn ihr wollt, wir werden sehr stolz darauf sein; aber vergeßt auch nicht, Kinder zu kriegen, denn das ist eure Bestimmung“, eine Doppelmoral, die jeden Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung begleitet, jede Anerkennung und Umsetzung feministischer Kritik an sexistischen und patriarchalen Strukturen und Verhaltensweisen.

Die „Mythen des Alltags“ nehmen Ausschnitte der real existierenden bürgerlichen Gesellschaft und ihrer medialen Darstellung auf und aufs Korn und zerschlagen sie in kleine Scherben, die analysiert, seziert und entmythologisiert werden, bis sich in ihnen etwas widerspiegelt, das über die Realität der bürgerlichen Gesellschaft hinauszuweisen scheint, auf jeden Fall jedoch ein neues Verständnis vieler Phänomene ermöglicht. Einige der Denkstücke beschreiben etwas (Zeitgeschichtliches), das heute kaum noch jemand kennt; andere erweisen sich als verblüffend aktuell (etwa jene über die Tour de France oder über Kochrezepte); der Schlussatz aus dem Stück „Die mit dem klaren Blick“ könnte als Motto über Diskussionen über spätmoderne Freiheiten, Freizügigkeiten und individualisierte Lebensformen stehen: „Man scheint die Moral ein wenig zu lockern, um desto entschiedener an den grundlegenden Dogmen der bürgerlichen Gesellschaft festzuhalten“; vieles verweist darauf, dass eine Fortschreibung der „Mythen“ dringend notwendig wäre; und manches ist, außer dass es unterhaltsam ist, durchaus als Vorbereitung einer Demythologisierung der Mythen des 21. Jahrhunderts zu lesen …

… denn wer einigermaßen interessiert das ‚politische’ Tagesgeschehen verfolgt, stößt auf einen modernen Mythos nach dem anderen. „Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau, er deformiert. Der Mythos lügt nicht und gesteht nichts, er verbiegt“ und „verwandelt Geschichte in Natur“, in Unausweichliches, so Barthes. Das trifft auf den Pizzaburger-Werbespot zu, und auch wenn es aus allen Medienlautsprechern und Mündern tönt, dass das Boot voll ist, gibt es weder ein Boot noch ist Deutschland ‚voll’, und die Geschichte (und die Ursachen) der weltweiten Migration werden stumm unter den Teppich gekehrt. Es scheint nur so, als wäre die Parole wahr, denn wer Flüchtlinge in Lager sperrt und Bilder von Menschenmassen über den Äther aussendet, produziert eine mythische ‚Vollheit’, deformiert und verbirgt die Realität, in der es genug Platz und Geld für noch viel mehr Flüchtlinge gäbe, wenn … Selbst die Parole Refugees Welcome bleibt dem Mythos verhaftet, wenn sie nicht in allen Facetten ausbuchstabiert wird. Ähnliches gilt für die Debatte um Sterbehilfe, in der so gut wie niemand sich die Mühe gibt, einen differenzierten Standpunkt zu formulieren statt mit Brocken versteinerter Mythen um sich zu werfen. Selbstmord als Sünde, die berechtigte Angst vor einer Rehabilitation der Euthanasie, die mangelnde Beschäftigung mit der „Rassenpolitik“ der Nazis, das Recht auf Selbstbestimmung auch im Hinübergleiten zum Tod, der hippokratische Eid, die immer technischer werdende Definition des Todes eines Menschen: all das wird in erstarrten Formeln diskutiert, die einer kritischen und dialektischen Aufweichung harren, wobei das Ergebnis offen bliebe. Roland Barthes könnte ein wenig dazu beitragen, und, wie gesagt, amüsant ist die Lektüre der neuen vollständigen Ausgabe der Alltagsmythen sowieso.

Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, 316 Seiten, 11,99€.

 

Zum Alltag und seinen Mythen gehört auch die Liebe – und das liebende Subjekt. Dessen Stimmungen, seine „Sprache“, analysiert und demystifiziert Barthes in einem kleinen Lexikon, dessen Beiträge von „Abhängigkeit“ bis „Zugrundegehen“ reichen.

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Vollständige Ausgabe mit dem ganzen Alphabet. Suhrkamp, 398 Seiten, 24,95€.

(Alte unvollständige Ausgabe: 279 Seiten, 10€).

 

Außerdem gibt es eine neue Biographie über Roland Barthes: Tiphaine Samoyault: Roland Barthes. Suhrkamp, 869 Seiten, 39,95 Euro.

 

Die Killerkatze

Kuschel ist eine Katze, eine Katze, die bei einer Familie wohnt, so wie es viele Katzen tun. In der Haustür, die in den Garten führt, gibt es eine Katzenklappe, und so kann die Katze, wenn es ihr in den Sinn kommt, im Garten toben oder sich im Haus irgendwo hinkuscheln. Doch Kuschel, die Katze, hat einen Nachteil: sie ist eine Katze und tut, was Katzen eben so tun – sie ist eine Mörderin, eine Killerkatze. Montags fängt sie einen Vogel, trägt ihn ins Haus und legt ihn auf den Teppich, wo der Vogelleichnam Flecken macht, und die Tochter der Familie bricht in Tränen aus und die Restfamilie hackt auf Kuschel rum, wie sie denn nur ein Vögelchen umbringen könne. Dienstags legt sie sich auf die Blumen im Garten und gräbt Beete um, mittwochs schleppt sie eine tote Maus ins Haus und muss versprechen, sich zu ändern. Doch donnerstags zieht Kuschel dann Hoppel durch die Katzenklappe, das weiße Kaninchen der Nachbarn, das natürlich nicht mehr lebte, als es durch die Katzenklappe gezwängt wurde – und nun ist die Kacke am Dampfen, und für Kuschel beginnt eine harte Zeit.

Anne Fine/Axel Scheffler: Tagebuch einer Killerkatze, 61 Seiten, 9,95€. Moritz-Verlag und Büchergilde Gutenberg – für alle, die schon gerne selber lesen, ganz gleich, wie viele Bücher sie in ihrem Leben schon gelesen haben.

 

Es ist zu schaffen

Richard, ehemaliger Professor, hat Schwierigkeiten, seinen Alltag befriedigend zu leben. Irgendwann sind alle Sachen ein- und umgeräumt, die Einkäufe getätigt, und auch seine Freunde sieht er nicht mehr so oft wie früher. Es gelingt ihm nicht, seine freie Zeit zu genießen. Im Gegensatz zu manch anderen männlichen Intellektuellen in Romanen anderer Autor*innen wirkt er aber nicht selbstmitleidig, sondern eher lebensfern, nicht empathiefähig und selbstbezogen, als ob er in einer Blase lebte.

Sein Leben verändert sich, als er im Fernsehen von einem Hungerstreik Illegaler auf dem Alexanderplatz hört und erfährt, dass der Streik beendet sei. Richard informiert sich zu dem Thema, interessiert sich, liest Zeitungen anders, hinterfragt und entwickelt, ganz der Wissenschaftler, einen Fragenkatalog für Interviews mit den Flüchtlingen. Er macht sich auf den Weg, in eine besetzte Schule in Kreuzberg, zu den Besetzern des Oranienplatzes, und schließlich trifft er in Notunterkünften einen Teil der Besetzer wieder. Diese reden mit ihm, erzählen ihre Geschichte oder Teile davon. Um es mit dem Titel des Buches zu sagen: Sie gehen aufeinander zu und gehen ein Stück zusammen. Jenny Erpenbeck recherchierte mehrere Jahre  zu dem Thema.

Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen. Roman, 352 Seiten, Knaus Verlag, 19,99 Euro.

 

30 Jahre alt –immer noch aktuell!

Detective Felicitas Dill wird vor ihrer Haustür durch eine Autobombe getötet. Kurz zuvor hat sie ein Haus gekauft. Wer hat Interesse am Tod eines Detective? Ihr Zwillingsbruder reist nach Jahren das erste Mal wieder in seine Heimatstadt. Seine Karriere in Washington verläuft gut. Benjamin Dill arbeitet als Berater für den jüngsten Senator. Sucht er den Mörder seiner Schwester? Welche Koalitionen geht er ein? Welche Rolle spielt sein alter Freund Jack Spivey, ehemals(?) CIA und in sogenannte illegale Waffengeschäfte nach dem Vietnamkrieg verstrickt?

Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, arbeitete als Reporter, Journalist, war als unter anderem als Wahlkampfberater in den USA und für Gewerkschaften in den USA und Nigeria tätig. Erst mit 40 Jahren begann er vor allem Politthriller zu schreiben, in denen er die Erfahrungen seines Berufslebens einfließen ließ und die Hintergründe des Politikbetriebes bloßstellte.

Ross Thomas: Dornbusch. Alexander Verlag Berlin, 385 Seiten, 14,90 Euro.

 

On the Run

On the Run – Auf der Flucht – wer muss bei diesem Buchtitel nicht an die sogenannte Flüchtlingskrise denken, die ohne Zweifel mehr eine Krise gesellschaftlicher Verteilungsstrukturen und Resultat politischer Machtverhältnisse ist? Aber ‚on the run‘ meint noch etwas anderes, eine soziale Struktur, die in dem Zusammenhang des Buchthemas auf die Flüchtigkeit, die andauernde Bewegung, die ständige Bedrohungssituation an einem Ort, hier in einem amerikanischen Viertel, einem Ghetto der schwarzen Bevölkerung, durch die Kriminalisierungspolitik der Polizei und Justiz verweist. Während einerseits Menschen aus den armen Regionen der Welt unter schlimmsten Bedingungen flüchten müssen oder weggehen wollen, gibt es andererseits Menschen, die ständig auf der Flucht sind, ohne ihr Viertel, das Gefängnis, die Familie und die Lebenszusammenhänge zu verlassen, weil sie durch verschiedene strafrechtliche Maßnahmen der Polizei und Justiz an den Ort gebunden werden.     Ihre halb- bis ganz kriminellen Handlungen in der Armut führen zur ständigen Bewegung in der Bewegungslosigkeit, sichtbar darin, dass sie sich verstecken, etwas verheimlichen, Lügen oder Halbwahrheiten erzählen, Freunde verraten, ihre Familien schützen und sie in Gefahr bringen.

Was als eine ethnologische Studie einer Sozialwissenschaftlerin gedacht war, entpuppt sich als Grenzgang einer studierten weißen Frau, die ständig auf das Hinterfragen ihrer Zuschreibungen und der Zuschreibungen, die die Gesellschaft Menschen sortieren und bewerten lässt, angewiesen ist, wenn sie ein Stück über die ihr zunächst fremde Welt erfahren möchte. Was sie schließlich sieht, bringt sie an die Grenze der Distanz, die den wissenschaftlichen Prozess der teilnehmenden Beobachtung eigentlich begleitet, und trotzdem nutzt sie auch die (übrigens in der amerikanischen Öffentlichkeit heftig kritisierte) Empathie, um die Distanzgrenze zu hinterfragen und als weiteren Teil der hierarchischen Gesellschaftsstruktur zu entlarven.

Die Studie – übrigens die wahrscheinlich erste soziologische, die in den USA (trotz der kritischen Presse) zum Bestseller wurde – zeigt die Perspektive der schwarzen amerikanischen Bevölkerung in ihren Vierteln, zeigt die Strategien derer, die keine Chance haben, in den Mittelstand aufzusteigen. Ihre Lage zeigt sich manchmal auch darin, wie unklar die Handlungsmotive (auch und besonders für die Sozialwissenschaftlerin) zu sein scheinen, wie wenig deshalb eine klare Deutung krimineller Handlungen und deren Begründung möglich ist. Besonders sichtbar wird diese unklare Motivlage, wenn es um die moralische Bewertung der eigenen Handlungen geht, man also begründen, mehr noch vor der Community rechtfertigen muss, warum man sich so verhielt und dabei etwa die Begleitung oder Andere dem Risiko der Verhaftung oder schlimmster Folgen aussetzte.

Als Goffman mit einer Freundin, die die Autorin in ihrem Alltag begleitet, und Mike und Chuck aus der schwarzen Community in eine Polizeikontrolle gerät, müssen die Beifahrer ihren Marihuana-Konsum verschleiern, denn schon der kleinste Verstoß gegen Bewährungsauflagen (und fast alle Männer der Community sind vorbestraft) lässt einen wieder einfahren. Dafür gibt es gewisse eingespielte Muster und routinisierte Schutzmaßnahmen, die einem das ständig der Polizei ausgelieferte Leben ein wenig erträglicher machen sollen. In diesem Fall aber nahm Mike sofort und ohne Umstände die Schuld auf sich, er habe allein geraucht und zudem die verbotenen Substanzen (er hatte auch noch Kokain dabei) bei sich. Die beiden weißen Frauen – eh eine schwer verarbeitende Irritation für die Polizisten – und der Freund Chuck, der ebenfalls Marihuana bei sich hatte, bleiben von der Verhaftung verschont. Goffman setzt dann alles in Bewegung, um Mike per Kaution aus dem Gefängnis zu holen, bevor dort entdeckt wird, dass er vorbestraft und die Kautionshinterlegung nicht mehr möglich ist. In einer Nacht- und Nebel-Aktion gelingt es ihr, Mike aus dem Gefängnis per Kaution rauszuholen, die Anerkennung bleibt jedoch aus, denn Mike ist sauer, weil sie nicht sieht, dass er für sie, wie er betont, sich sofort vor der Polizeistreife outete. Goffman: Wieso? Du hast mich doch erst in die Lage gebracht?! Mike: Ich hätte mich anders verhalten, normalerweise lässt man das kriminalisierte Zeug ins Auto fallen, der Fahrer bekommt in der Regel die Schuld. Chuck wird Goffman später sagen, dass er Mikes Erklärung nicht aufrichtig findet, denn es wäre nur – wie bei allen im Viertel – sein Interesse gewesen, die Weißen außen vor zu halten, da nicht sicher ist, was sie ausplaudern würden. Es war eine rein strategische Maßnahme, von gutem Ritterverhalten keine Spur. Noch eine Weile später, nachdem Goffman sozusagen öffentlich den Heldenmut und die Opferbereitschaft von Mike anerkannte, merkt sie, dass ihr, der Sozialwissenschaftlerin und damit der Expertin für kausale Deutungen, das Geschehen völlig unklar geblieben ist. Schließlich fällt ihr sogar eine weitere Erklärung für Mikes Verhalten ein, nämlich die, dass Mike seinen Kumpel Chuck schützen wollte, der ja ebenfalls in Gewahrsam hätte genommen werden können.

Der Autorin zeigt sich eine moralisch komplexe Situation. Offensichtlich ist es Mike (wie auch den anderen Protagonisten im Viertel) wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, dass sie als moralisch integer, als gut eingeschätzt werden, und zwar besonders im Umgang mit den sensiblen Themen Schutz und Verrat. Zugleich wird das Handeln der Personen ‚on the run‘ von extrem strategischem Verhalten geleitet, man denkt häufig zuerst an sich, versucht irgendwie durchzukommen. Für die Beobachterin zeigt sich in der erlebten Bedrohung, dass im ständigen Gesetzeskonflikt „moralische Ambiguität“ herrscht, solche Situationen wie die Autokontrolle und Mikes Reaktion lassen sich vielfältig moralisch bewerten, das heißt die Moral wird nicht wirklich für andere nachvollziehbar, da die Motive unklar bleiben, ist doch Ungewissheit die einzige feste Größe im Alltag, und die führt eben auch dazu, dass man sich hinterher rechtfertigen kann, moralisch sogar muss, will man nicht völlig den Interpretationen der Anderen ausgeliefert sein. Der Interpretationsspielraum ermöglicht eine ständige Umwertung und Neubewertung der Lage, moralisches Handeln wird unter diesem Druck selbst strategisch und in dieser Unklarheit ein Ausdruck der alltäglich vor Bedrohungen überschäumenden Lebenswelt. Der moralische Druck lastet schwer auch auf denen, die als moralisch verwerfliche potentielle Kriminelle gehandelt werden, gerade weil sie nicht so sein wollen, wie man über sie sagt, und weil es zugleich so schwer ist im Alltag des Armenviertels, in der ständigen Furcht vor Kriminalisierung, anders zu sein.

Alice Goffman, On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika, Verlag Antje Kunstmann,320 Seiten.  22, 95 Euro.

 

Was hat Cary Grant mit der Resistanzia und mit Kommunisten zu tun?

Wir schreiben das Jahr 1954. In Bologna treffen sich in einer Bar junge Kommunisten, Ex-Partisanen, Tänzer; sie versuchen, sich einen Reim auf die Verhältnisse zu machen und zu überleben.

Der Wirt der Bar, dessen Vater sich im 2. Weltkrieg den jugoslawischen Partisanen angeschlossen hatte, lebt in den Bergen Dalmatiens, mittlerweile in Ungnade gefallen, weil er nicht mehr als linientreuer Kommunist gilt; er macht sich auf, seinen Vater zu suchen, während Cary Grant inkognito in Jugoslawien unterwegs ist, um im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit Tito über wer weiß was zu verhandeln. Auf Sizilien zieht Lucky Luciano seine Kreise, einer der berühmtesten Mafia-Bosse der USA, der nach dem Weltkrieg aus dem Gefängnis freigelassen wurde und nach Italien ausreiste; seine rechte Hand träumt davon, einen großen Coup zu landen, um einen geruhsamen Lebensabend zu genießen.

Im Lauf der Geschichte kreuzen sich die Geschichten, und unglaubliche und amüsante Sachen geschehen. Wu Ming, ein italienisches Autorenkollektiv (Nachfolger von Luther Blissett), hat einen spannenden Spionage- und Mafiathriller geschrieben, der zugleich ein historischer Roman – und des öfteren lustig ist.

Wu Ming: 54. Verlag Assoziation A, 528 Seiten, 24,80€.

 

Western

Während der Western, der Genrefilm überhaupt, bis der Italowestern sein Ende einläutete, aus dem Kino praktisch verschwunden ist (Ausnahmen bestätigen die Regel), erlebt er in Romanform eine Art Renaissance, auch wenn die Westernromane mit den Westernfilmen wenig gemeinsam haben (und die Romane zum Teil Wiederentdeckungen aus früheren Jahrzehnten sind). Die gedruckten Western verzichten (zumeist), im Gegensatz zu den gedrehten, auf Heroisierungen der Bewohner der frontier, auf die damals so beliebten Indianerüberfälle und auf das Klischee des edlen oder bösen Revolverhelden; sondern beschäftigen sich eher mit dem dreckigen Alltag, mit Charakteren, die nicht ohne weiteres in ein Schema gepresst werden können.

Um 1870 verläßt ein junger gebildeter Mann seine Heimat im Osten der USA und zieht nach Westen, in die ‚Wildnis’, um zu sich selbst zu finden. In Kansas trifft er einen Büffeljäger (keinen Cowboy), und beide zusammen gehen auf die Jagd. Bevor sie auf riesige Büffelherden treffen, die letzten der Prairie, gehen sie auf eine lange Reise, auf der sie die ‚Feindseligkeit’ der winterlichen Natur verspüren, bis sie an einem paradiesisch schönen Ort ankommen. Die Büffelherde wartet, und ein fürchterlicher Blutrausch beginnt. Der Western endet in einer Tragödie.

John Williams: Butcher’s Crossing. DTV, 364 Seiten, 21,90€

 


 

 

Die Auswirkungen von Schokolade

Georgien – die meisten wissen nicht einmal (genau), wo die ehemalige Sowjetrepublik überhaupt liegt. Bei Tiflis, der Hauptstadt, läutet vielleicht etwas, und die Kriege und Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien wurden in den letzten Monaten in den Nachrichten ab und zu nebenbei erwähnt, und dass Stalin in Georgien geboren wurde, ebenso wie Lawrenti Beria, der Vorsitzende des NKWD, des Stalinschen Säuberungsapparates, könnten manche schon einmal gehört haben. Aber sonst sind Georgien – und seine Geschichte – eher weiße Flecken, nicht nur in der Literatur, sondern überhaupt.

Eine Autorin, die in Georgien geboren ist, aber seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, hat nun (nach zwei anderen Romanen) einen regelrechten Wälzer geschrieben, der die Schicksale einer georgischen Familie seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschreibt und sehr eindringlich erzählt; der Schwerpunkt liegt auf den Frauen der Familie. Der erste Weltkrieg, die Bolschweki, Beria, Georgien als Sowjetrepublik, der zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Flucht und Exil, die nachstalinistischen Veränderungen, der Prager Frühling, Popmusik im Westen, die Auflösung der UdSSR, georgische Nachfolgekämpfe, das Leben im Westen – und ein Schokoladerezept, das nicht verraten wird, tauchen in der Geschichte auf und sind in sie verwoben; fast überlesen mann und frau die welt- und regionalgeschichtlichen Bezüge, da die Geschichte (die die Autorin ihrer Nichte erzählt) so eindringlich und spannend erzählt wird, dass es schwierig wird, das Buch zur Seite zu legen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, über 1100 Seiten, 34€.

 

Auf der Suche

Katja Petrowskaja erzählt, soweit rekonstruierbar, die Geschichte ihrer Familie väter- und mütterlicherseits seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Ihre Kindheit verbrachte sie mit Eltern, Bruder und zwei Großmüttern in Kiew. Geboren 1970 in der Sowjetunion, spielte die Familie eine untergeordnete Rolle. Ein Gefühl des Verlusts, das nicht näher benannt wird, wird für sie Jahre später zum Anlass, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den Weg zu machen und ihren meist jüdischen Verwandten und deren Geschichte nachzuspüren.

Die Erzählungen von Mutter und Vater sowie die Familienlegenden bilden die Ausgangspunkte der Recherche. Google und Facebook helfen, aber nur begrenzt, also macht sie sich auf den Weg zu Orten, an denen Verwandte gelebt haben und umgebracht wurden, geht in Archive.

In der Familie der Mutter arbeiteten viele als Lehrerinnen für taubstumme Kinder und gründeten Waisenhäuser.

In der Familie des Vaters gibt es einen Revolutionär, der seinen Decknamen behielt und so für den heutigen Familiennamen der Autorin sorgte.

Einen Attentäter.

Mira, eine ihr bisher unbekannte Cousine, die überlebte und in die USA auswanderte.

Großvater Wassilij kehrt 41 Jahre nach Kriegsende zu seiner ersten Familie zurück. Ist er schuldig?

Und viele, viele mehr ….

Katja Petrowkaja lässt uns teilnehmen an ihrer Reise. nach Babij Jar. Tausende von Menschen sind hier ermordet worden.

Sie fährt nach Warschau. Hier wurde das erste Waisenhaus für taubstumme Kinder gegründet.

Mauthausen, Österreich.

Katja Petrowkaja hat aber kein Familienepos und keinen Roman über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie erzählt von sich und ihrer Suche nach der jüdischen Verwandtschaft. Berichtet von Unsicherheiten, vom Zu-Spät-Sein und einzelnen Möglichkeiten der Rekonstruktion. Diese Geschichten kombiniert sie gekonnt mit Erinnerungen und Familienlegenden über einzelne Personen. Natürlich bleiben Lücken, Fragen und Widersprüchlichkeiten, denen sie Platz gibt. So ist es ihr möglich, die Personen aus dem Schatten zu holen und sie der Erinnerung zurückzugeben.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp Verlag 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro

Für Mitglieder der Büchergilde Gutenberg 17,95 Euro

 

Kann denn Kochen Sünde sein?

 

Kochbücher gibt’s wie Sand am Meer, und so wie die meisten Meeresufer kaum dazu einladen, sich hinzulegen, und die Sonne zu genießen (wenn sie denn scheint), so sind viele Kochbücher überflüssig, viel zu teuer, benutzen Zutaten, die in der alltäglichen Küche einmal pro Jahrzehnt benutzt werden und für ein durchschnittliches Portemonnaie unerschwinglich sind, recyclen die allgegenwärtigen Kochshow-Anleitungen oder stellen Rezepte zur Schau, die bereits in einer Armada anderer Kochbücher veröffentlicht worden sind. Das ist schade, denn gute Kochbücher gehören eigentlich in jede Küche, deren Bewohner_innen sich lieber nicht mit Fastfood, Mikrowellen, Süßigkeiten oder Dosenfraß durchs Leben schlagen wollen.

Doch manchmal gibt es, wie Bernstein am Strand, Juwelen im Meer der Küchenliteratur. Guillaume Long betreibt einen Blog auf der (französischen) Seite von Le Monde, auf der er kleine Comicstrips veröffentlicht – zum Thema Kochen, Genießen und kulinarische Expeditionen, wie etwa jenen Strip, in dem das „Büro zur Kontrolle der Carbonara“ – die Carbonara-‚Polizei’ – einschreitet, weil ein junger Mann das Rezept für Spaghetti Carbonara sehr frei interpretiert.

In mittlerweile zwei Bänden führt uns der Autor durch ein gezeichnetes, kulinarisches Universum aus Rezepten, Erlebnissen und Kücheninsiderwissen – wie wird ein richtiger Kaffee gekocht? – und das ganze wird zwar auch mit Pfeffer, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt (Achtung: wie obige Zutatenliste zeigt, sind die Comicstrips nicht vegetarisch).

Guillaume Long: Kann denn Kochen Sünde sein? Carlsen-Verlag, 143 Seiten, 24,90€;

Guillaume Long: Nicht ohne meine Schürze, Carlsen-Verlag, 126 Seiten, 24,90€

Manchmal jedoch gibt es im Sand des Kochbuchmeeres auch Perlen oder Bernsteinkügelchen; wir empfehlen ein kleines Kochbüchlein mit nur 60 Rezepten – aber jedes gibt’s in doppelter Ausführung, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch- oder Fischeinlage; die Rezepte laden, was bei Kochbücher nicht oft vorkommt, zum Experimentieren ein, verlangen also keine sklavische Befolgung, und ein paar schöne Fotos gibt’s auch.

Martin Kintrup: Kochen für Teilzeit-Vegetarier. Gräfe und Unze-Verlag, 144 Seiten, 16,99€.

 

 Eine Generation ohne Zukunft

 In den Dörfern um Biella, südöstlich des Lago Maggiore, einem kleinen italienischen Provinzstädtchen in den Ausläufern der Alpen, wachsen Marina und Andrea auf. Mailand ist etwas mehr als 100 Kilometer entfernt, die Gegend verödet allmählich, und die jungen Leute, die Heranwachsenden – wer kennt das nicht – zieht es in die Städte, dahin, wo es Jobs, Kneipen und eine Szene gibt.

Marina und Andrea verlieben sich ineinander, als sie jung sind, doch Andrea ist anders als die anderen: er will nicht weg, sondern auf der Alm seines Großvaters Kühe züchten und Käse herstellen, genau das, was sein Vater ihm durch eine gute Ausbildung ersparen wollte. Marina hingegen träumt davon, eine berühmte Sängerin zu werden (ihrer Familie zu entfliehen) und im Fernsehen aufzutreten. Andreas Träume stehen ihren Träumen, ihrer Karriere im Weg, als sie sich daran macht, in Casting-Shows aufzutreten. Sie verlässt ihn, wird berühmt; Andrea baut sich seine Käserei auf.

Vor dem Hintergrund zerfallender Dörfer, was einige nicht hinnehmen wollen, harter Winter und den Schattenseiten des Showbiz gehen sie ihre eigenen Wege – und können doch nicht voneinander lassen – und können doch nicht das Leben des anderen/der anderen leben: ein Teufelskreis. In manchmal sehr poetischen Sätzen beschreibt die Autorin die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen und unglücklicher Liebe, ohne in Pessismus zu verfallen. Im Nachwort erzählt sie sogar, dass es mittlerweise eine Bewegung zurück in die Dörfer gibt, weil es in den Städten auch keine Perspektive mehr gibt. Ihr Roman ist eine verkappte Liebeserklärung an die periphere Gegend, in der kaum noch jemand lebt.

 Silvia Avallone: Marina Bellezza. Klett-Verlag, 568 Seiten, 24,90€.

 

Panorama eines Jahrhunderts

 1910 wird in Prag Josef Kaplan geboren; er studiert, wie alle seine jüdischen Vorfahren, Medizin. In der Zwischenkriegszeit engagiert er sich in der sozialististischen Studentenbewegung, doch seine Begeisterung fürs Tanzen und die Politik passen nicht so recht zusammen; um diesem Dilemma zu entfliehen, wandert er 1935 nach Paris aus. Dort betreibt er medizinische Forschungen und feiert die Nächte durch; den Schritt in den spanischen Bürgerkrieg, um gegen die Faschisten zu kämpfen, wagt er nicht, obwohl einige Bekannte Paris verlassen. Statt dessen zieht es ihn nach Algier, an ein Krankenhaus; als die Nazis Frankreich besetzen, muss er als Jude Algier verlassen und versteckt sich im algerischen Hinterland.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis kehrt er mit seiner Geliebten in die Tschechoslowakei zurück, begeistert über die Politik der KP, doch als die KP-Führung die Zügel anzieht, macht sich überall im Land Desillusionierung breit, und als dann zwei Jahre später seine Frau mit ihrem Sohn nach Frankreich flüchtet, bleiben ihm nur noch seine Arbeit und seine Tochter, die sich 1968, als ein mysteriöser kranker Lateinamerikaner ins Sanatorium ihres Vaters eingeliefert wird, in diesen verliebt. Dann fällt die Mauer, und Reisen in den Westen sind für alle erlaubt …

Die Einschätzung des Rezensenten der „WELT“, dieser Roman sei nur einer“ debilen Kaffeeklatschrunde“ zu empfehlen und wäre so kitschig wie eine Buttercremetorte, teilen wir nicht. Der Autor erzählt eine wunderbare Geschichte, die ein wenig unwahrscheinlich klingen mag, aber dennoch ein Panorama des letzten Jahrhunderts entfaltet, ein Panorama aus Aufbrüchen, enttäuschten Hoffnungen, Desillusionierungen und Niederlagen – in dem trotz allem Resignation keinen Platz hat.

(Der deutsche Titel täuscht ein wenig; im Original heisst das Buch: Die gelebten Träume des Ernesto G.).

Guenassia, Jean-Michel: Eine Liebe in Prag. Insel-Verlag, 512 Seiten, 24,95 Euro.

 

Die Dialektik der Paranoia?

Maxine, eine dezertifizierte Ermittlerin und Privatdetektivin, die sich darauf spezialisiert hat, Buchführungsdaten, ellenlangen Tabellen mit finanziellen Transaktionen und Kontoauszügen tief verborgene Geheimnisse zu entlocken, etwa Steuerhinterziehungen, Schwarzgeldkanäle, verdeckte Diebstähle und dergleichen, wird eines Tages damit beauftragt, die undurchsichtigen Geschäfte einer Firma zu durchleuchten, die es im Überschalltempo vom Start-Up zur grauen Eminenz der Ostküsten-Internet- und Neue-Technologien-Szene gebracht und den großen Crash der Computer-Community in den Jahren vor 2001 sonderbarerweise nicht nur überlebt, sondern, wie es scheint, von ihm profitiert hat.

Das neue Jahrtausend ist noch jung, niemand ahnt etwas vom kommenden Anschlag auf die Zwillingstürme?, als Maxine, die einst einmal gegen die moralischen Grundsätze des Ermittlercodes verstieß und nun, ohne zertifizierte Urkunden, die ihren Status absichern, in der gigantischen Grauzone der Ökonomie New Yorks Aufträge annimmt, in ein Wespen-, nein, ein Hornissennest sticht und ein Knäuel aus regierungsoffiziellen, verdeckten, halblegalen, illegitimen und absolut illegalen Operationen, Zahlungen, Geldwäschen, Betrugsversuchen und sonstigen Verbrechen zu entwirren versucht, das viel zu viele lose Enden enthält, von denen einige auf wahabitische Terrororganisationen, Programme zum Betrug mit elektronischen Kassen und US-Interventionen in Latein- und Mittelamerika verweisen, andere auf geheime Regierungsprojekte aus der Zeit des Kalten Krieges, wieder andere aufs Deepweb, Räume des globalen Internet-Netzwerks, die noch nicht von der NSA und Werbebannern kolonisiert worden sind und – noch? -  anonym besurft werden können, Refugien für Entwickler mit Visionen, Westküstenprogrammierer mit langen Haaren und Geeks mit abgefahrenen Träumen, und ganz andere auf bevorstehende Anschläge?

Alle offenen Wollfädenenden, auch die ihres eigenen Lebens, die Maxine, wie sie glaubt, isolieren kann, ribbeln, in den Wochen vor und nach dem 11. September wie von Geisterhand auf und führen, statt aus dem Labyrinth, in neue hinein, wenn sie meint, etwas erfahren zu haben; die Stadt selbst, ein Moloch aus Stadtentwicklungsprojekten, Verschwörungstheroien, Gentrifizierung und bösartigen Hausbesitzern, der, wie das chaotische Internet, eine Einheit aus Unvereinbarem zu sein scheint und von Figuren bevölkert wird, für die eine persönliche Geschichte eher ein Fremdwort ist, spiegelt ihre Suche wider, die, wie bei einer Google-Recherche, von einem Link zum anderen führt, ohne bei einer Erkenntnis zu enden, und keiner weiß, wie sie zusammenhängen? Selbst die Menschen, wenn sie sich unterhalten, sprechen in Andeutungen, Halbsätzen und Fragezeichen, als ob sie wüssten, dass immer jemand zuhört oder ihr Bewusstsein so verwirrt ist wie die informelle Ökonomie, in die nicht nur Maxine ihre Nase steckt. Sie ist nicht allein, andere helfen ihr, aber … Ex-Ehemänner, getarnte Mossad-Agenten?, Netzjunkies, ‚Entwicklungshelfer’ und einer, der einen Riecher hat und Gerüche mit seiner Nase so gut entziffern kann, dass dagegen ein CSI-Labor von blutigen Amateuren bevölkert ist, und einen NASER konstruiert hat, das olfaktorische Gegenstück zu einem LASER? Doch Maxines Taschenlampe, mit der sie die städtischen und virtuellen Dschungellandschaften durchleuchtet, flackert beständig, als ob der Akku, niemand weiß warum, sich niemals richtig auflädt.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt, 605 Seiten, 29,95€.

 

Ein Leben als Tagelöhner

 1902 bringt ein Pferdewagen Andreas Egger, geboren in Wien, zu seinem Onkel den Großbauern Hubert Kranzstocker. Staunend betrachtet der Junge  das kleine Dorf im Tal und die riesig wirkenden Berge und lauscht der Stille. Viel Natur, wenig Geräusche . Hier wird er sein weiteres Leben verbringen und auch sterben. Widerwillig von den Verwandten aufgenommen, ernährt, um seine Arbeitskraft zu erhalten und geschlagen, um keinen Widerstand aufkommen zu lassen, schafft es doch niemand, ihm seine Selbstachtung zu nehmen.

Als Erwachsener verdingt sich Egger als Hilfskraft bei den Bauern, schafft es, sich ein Grundstück in den geliebten Bergen zu kaufen, lernt seine Liebe Marie kennen. Er arbeitet beim Bau der Seilbahn und ist ein ‚bisschen stolz‘ den Fortschritt ins Tal zu bringen. Zum Kriegsdienst wird er 1942 einberufen, verbringt acht Jahre in Russland und bei seiner Rückkehr ist alles anders. Er wohnt er anfangs in einem Bretterverschlag, ernährt sich als Tagelöhner, später zeigt er den Touristen die Berge.

Robert Seethaler beschreibt das Leben eines Tagelöhners im Österreich des letzten Jahrhunderts. Der Roman vermittelt aber auch, in welcher Form die Veränderungen in Politik und Wirtschaft selbst in dieses abgelegene, ehemals ruhige Tal vordringen und es zur Touristenhochburg werden lassen und benennt die Kosten.

Großartig und unbedingt lesen.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Berlin 2014, 155 Seiten, 17,90€.

 

 Wann beginnt der Verrat einer Idee?

 Val McDermid dürfte Krimileserinnen auch in Deutschland bestens bekannt sein.  1955 geboren, wuchs sie in einem schottischen Bergbaugebiet auf und arbeitete als Journalistin und Literaturdozentin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmen konnte. Deutschsprachig sind die meisten ihrer Titel im Knaur Verlag erschienen, nur die Reihe um die lesbische Glasgower Journalistin Lindsay Gordon kam im Argument Verlag heraus.

Neu erschienen ist nun im November ‚Eiszeit‘ – ein neuer Fall für Carol Jordan und den Profiler Tony Hill. Bestimmt lesenswert.

Trotzdem soll hier ein älterer Titel von Val McDermid empfohlen werden:  ‚Nacht unter Tag‘. Die Handlung beginnt im schottischen Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie von der Abteilung für ungelöste Verbrechen steht vor einem Rätsel. Die Tochter eines Bergarbeiters  meldet ihren Vater Mick Prentice nach 20 Jahren als vermisst. Ihr Sohn ist schwer krank, und nur die passende Knochenmarkspende eines Verwandten kann ihm helfen.

DI Pirie kommt nicht weiter. Niemand will über Mick Prentice sprechen. Hinzu kommt, dass DI Karen Pirie sich noch mit einem weiteren Fall befassen muss.

Mick Prentice verschwand am 14. Dezember 1984 aus dem kleinen Bergarbeiterort Newton of Wemyss. Es war die Zeit des großen Bergarbeiterstreiks, und in derselben Nacht setzten sich auch andere Männer, Streikbrecher, nach Nottingham ab und verließen ihre Familie, die es in der Folgezeit schwer haben sollten, denn im Ort galten die Gesetze der Gewerkschaft,  Solidarität bedeutete noch etwas.Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Familien im Ort wurden von der Zeche bestimmt. Der Einfluss  der Gewerkschaft war groß.

Val McDermid weiß, wovon sie schreibt, war sie doch selbst zehn Jahre in der Gewerkschaft aktiv.

Der Kriminalfall ist eingebettet in die Zeit ins Bergarbeitermilieu und beschreibt die Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen und deren Familien, ohne etwas zu beschönigen. Durch die aktuellen Ermittlungen von DI Pirie werden auch die aktuellen Gesellschaftsbedingungen thematisiert.

Spannend geschrieben, informativ und mit unerwarteten Wendungen. Kurz gesagt, empfehlenswert.

Val McDermid: Eiszeit, Droemer Knaur Verlag 2014, 512 Seiten, 9,99€.

Val McDermid: Nacht unter Tag, Droemer Knaur Verlag 2010, 539 Seiten, 9,99€.

 

Go easy on Schnaps

Im November 1944 druckte das britische Außenministerium einen Leitfaden, um die britischen Truppen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten, dieses Büchlein steckte quasi in den Hosentaschen der britischen Soldat_innen und sollte sie auf die merkwürdigen Deutschen, ein „Volk von problematischem Nationalcharakter“ vorbereiten.

Die politische Analyse („das deutsche Volk als Ganzes kann sich einem Großteil der Verantwortung nicht entziehen“) findet sich ebenso wie Informationen über typisches Essen und Trinken, Sport, Weihnachtsbäume und Alkohol. Ein skurriles, aber auch nachdenklich machendes Büchlein.

The Bodleian Library: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Zweisprachig, 160 S., 8€.

 

 Eigenheime und Staaten

 Dem Marxismus im weitesten Sinn wurde häufig vorgeworfen, und viele marxistische Theoretiker haben dies selbst als Mangel definiert, dass der Staat eine zu kleine Rolle in der Gesellschaftsanalyse spielt. Die Folgen waren auf der einen Seite viele kritische Versuche, die Funktion des Staates für das Kapital oder die Interessen hinter dem Staat offenzulegen. Auf der anderen Seite haben sich die Sozialwissenschaften der Lücke bemächtigt und sind dabei zur Verwaltungswissenschaft geworden, die dem Staat die Daten über die Bevölkerung liefert. Wer nun weder Datensammler und damit scharf auf statistische Informationen noch der Ansicht ist, der Staat ist gar kein eigenes Gebilde, sondern nur Ausdruck tieferliegender Interessen, wer also die Mechanismen (soziologisch ausgedrückt: die Struktur hinter den Funktionen) verstehen möchte, mit denen der Staat soziale Wirklichkeit herstellt, der wird in den Vorlesungen von Pierre Bourdieu, dem französischen Star-Soziologen, fündig. Der Leser sieht sich zudem einem originellen Stil gegenüber, der aus der Form der Vorlesung erwächst, wie sie Bourdieu bevorzugte: als kritische Selbstbefragung und Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen der eigenen Meinung.

Bourdieu verabschiedet sich nicht von der kritischen Sicht auf den Staat, und er behauptet  auch nicht im Gegenzug einfache Zusammenhänge, sondern er sieht im Staat ganz eigene Machtstrukturen am Werke, die einer komplexen Erklärung bedürfen. Für Bourdieu gibt es ebenfalls Kapital, aber nicht nur als ökonomisches, sondern in vielfältigen Formen etwa als kulturelles, soziales oder symbolisches. Für ihn gibt es ebenfalls Interessen und Konflikte, aber in einem Feld mit unterschiedlichsten Auseinandersetzungen, die durch soziologische und ethnografische Mittel der Befragung und Beobachtung verstanden werden können. Und für ihn gibt es Zuhörer, die ihn anschauen und sich fragen, wie er zu seiner exklusiven Sicht kommt.

Zentral ist bei Bourdieu die Annahme, dass im Staat neben dem Gewaltmonopol vor allem eine Form symbolischen Kapitals umkämpft ist. Dabei bleibt die staatliche Praxis keineswegs eine anonyme und nicht fassbare Struktur, sondern eine Denk- und Handlungsweise, mit der die Staatsdiener ganz konkret (und nicht immer einer Meinung) Benennungen und Bezeichnungen vornehmen und eine Perspektive einnehmen, die über anderen Perspektiven steht. Wenn etwa ein Nachbar sagt, Dein Sohn ist ein Idiot, und man sich diese Frechheit nicht zweimal sagen lassen möchte und dem Nachbarn heimlich nachts die Rosen abschneidet oder ihn anschreit, und wenn nun der Lehrer oder besser der Direktor sagt, Ihr Sohn ist ein Idiot, und man daraufhin überlegt, ob der Sprössling nun Nachhilfe bekommen sollte oder eine Therapie, wenn nicht gar Handy-Verbot, dann bekommt man nicht nur eine Ahnung davon, was symbolische Gewalt ist, wenn der gleiche Satz unterschiedliche Wirkungen hat, sondern auch von den illustren Beispielen aus der Vorlesung. Überhaupt muss die Schule für so manches verzweigte Beispiel herhalten – man wünscht dem Buch gerade hier Leser aus diesem Milieu. Aber auch der Eigenheim-Besitzer und mehr noch der Eigenheim-Verkäufer werden analysiert, nicht zuletzt – neben vielen hochinteressanten historischen Erläuterungen zur Entstehung von Ämtern – die Soziologie selbst, die vor Benennungen nur so strotzt. Vermutlich ist die selbstkritische Offenlegung seiner Herangehensweise die Methode, mit der Bourdieu den Zuhörern vermitteln will, dass jeder Begriff eine (schwierige) Geschichte hat und jede Art der Äußerung (auch und gerade die eines Professors) nicht im leeren Raum stattfindet, sondern von Interessen und Machtbestrebungen geprägt wird, wie bewusst einem das auch ist. Bourdieus Vorlesungen helfen einem das Durchschauen, etwa des Symbolischen: Das nämlich ist die unsichtbare Macht, die gerade wirkt, weil man sie vergisst, ein Glaube, der einen begleitet und der – das macht es kompliziert – auch Tatsachen schafft. Das Symbolische am Staatshandeln ist der Standpunkt, der meint, er stehe über allen Standpunkten, und der nur dadurch am Leben gehalten wird, dass man an ihn glaubt.

Pierre Bourdieu, Über den Staat, Vorlesungen am Collège de France 1989-1992. Suhrkamp Verlag. 722 S., 49,95€.

 

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte         

Um es gleich vorweg zu sagen: Als ich hörte, dass David Foster Wallace sich selbst tötete, war mir seltsam zumute. Der angesagteste unter den angesagten amerikanischen Schriftstellern schied aus dem Leben, und ich biss mich durch seine Romane, Erzählungen und Sachbücher, eines schlauer (und komplexer) als das andere – was die Sachbücher und Essays an Erleuchtungen mit sich bringen, etwa zum kommerziellen Sport, zur Porno-Branche, zum Fernseh-Verhalten, zum Hummer-Essen und zu Kreuzfahrten, holen die Romane und Erzählungen wieder ein, indem sie Verwirrungen dadurch erzeugen, dass der Avantgardist Wallace seine Figuren künstlich verfremdet, sie werden in Bücher mit wirren Erzählsträngen, wechselnden Erzählmethoden und -sprachen gepackt, Fußnoten rahmen die Fiktion ein, während wissenschaftliche Essays mit persönlichen Beispielen gefüllt werden, und alles wird zusammengehalten durch die Energie eines Autors, der mit der Sprache in nicht enden wollenden Sätzen mit immer neuen Einschüben geradezu rang, weil er Sprache einfach rätselhaft fand, was seiner an Wittgenstein geschulten Reflexionsfähigkeit geschuldet war.

Dass Wallace nun gestorben war, machte ihn zur Ikone und stellt ihn frei für Biografien und Beschreibungen, die sein Leben erzählen, als wäre da nichts von diesen Verknüpfungen, denn Biografien normalisieren und entmystifizieren, sie sind deshalb in ihrer Einfachheit noch schwerer zu lesen als verwickelte Romane mit Fußnoten. Umso erstaunlicher, dass Max mit seinem Buch eine Biografie gelungen ist (nicht nur der Fußnoten wegen), die der Komplexität von Wallace gerecht wird und dem Interessierten die Chance gibt, hinter die vielfältigen Gedankenverschränkungen, den Denkstil eines Autors zu kommen, der alte Wörter, die niemand mehr benutzte, in seine Geschichten einbaute, und neue erfand.

Max spannt den Bogen von Wallaces Familien-, über sein Sport- und Universitäts- zu seinem Schriftstellerleben, immer wieder unterbrochen durch seine komplizierten Beziehungen zu Frauen und auch nahen Freunden, und geradezu angegriffen durch seine Depressionen, die einer therapeutischen und klinischen Behandlung bedurften. Sprache wird von Max als Wallace Leben beschrieben, das Leben als etwas, was nur in der verfremdeten Form literarischer Bearbeitung zu ertragen war.

Es lohnt sich, die Hemmschwelle zu überwinden, die vor der Lektüre von David Foster Wallace Büchern liegt, die Biografie ist eine Einstiegsmöglichkeit.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, David Foster Wallace – Ein Leben, Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten, 24,99€.

 


 Ein unkonventionelles Leben

Als expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant war Franz Jung schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war oft im Gefängnis, vielfach auf der Flucht, schrieb ca. 30 Romane, mehr als zehn Theaterstücke sowie Essays, Radiofeatures, ökonomische und politische Analysen.

1920 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und war Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD). Von einem zweiten Genossen wurde er nach Moskau geschickt, um dort die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen. Aus Geldmangel kaperten sie einfach einen Fischdampfer, fuhren nach Murmansk und reisten nach Moskau weiter, wo die Gespräche mit Radek, Lenin und Bucharin aber scheiterten (die wohl die KPD nicht brüskieren wollten). Nach seiner Rückkehr wurde Franz Jung wegen Schiffsraubs auf hoher See verhaftet. Anfang 1921 wurde er gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen und tauchte sofort unter.

Er war der Inbegriff des Abenteuertums, des Aufbruchs und Ausbruchs. »Ein Charakter, wie man sie heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft«, beschreibt ihn Günter Kunert. Jung war immer kompromisslos und ist dadurch in diesem Jahrhundert des Verrats zu einer paradigmatischen Figur geworden. Zur Zertrümmerung der großen Illusionen und Ideologien hat er einen bedeutenden Teil beigetragen.

Franz Jung: Der Weg nach Unten. Edition Nautilus, 440 Seiten, 18 Euro.

 

Mittelmeergeschichte

Lange Zeit, seit der Veröffentlichung von Fernand Braudels überragendem, dreibändigem Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. hat sich kein Historiker an eine neue Mittelmeergeschichte gewagt. David Abulafia hat nun das Wagnis unternommen, das Mittelmeer und seine lange und wechselvolle Geschichte einem breiteren LeserInnenkreis näher zu bringen.

Sein Buch beginnt in grauer Vorzeit und endet jetzt, im 21. Jahrhundert, und kaum ein Epoche, kaum eine Küste werden stiefmütterlich behandelt. Mit ein paar Wissensresten über die alten Griechen und die Römer und Troja, die vermeintlichen ‚Väter‘ der westlich-demokratischen Welt, können die meisten noch aufwarten; dass Mallorca heutzutage eher eine deutsche Touristenkolonie denn eine spanische Insel ist, gilt als netter Scherz nebenbei. Dass Mallorca (und Menorca) jedoch eine sehr wechselvolle Geschichte haben, wie Sizilien, Sardinien und viele andere mediterrane Küsten und Inseln, dass jene imaginäre Meeresgrenze, die heutzutage Flüchtlinge in schrottreifen Booten zu überqueren versuchen, um nach Lampedusa und Europa zu gelangen, keinesfalls schon immer da war, gehört schon nicht mehr zum durchschnittlichen Wissensschatz.

Ein deutscher Historiker sprach nach dem Krieg mit der Nonchalance eines geläuterten Nazis, der wusste, dass antisemitische Stereotypen bei seinen Lesern auf fruchtbaren Boden fielen, von den „semitischen Handelseigenschaften“ der Phönizier, und noch 1959 durfte frei von der Leber von den typisch „orientalischen“ Eigenschaften karthagischer und phönizischer Kaufleute geschrieben werden. Mit derartigem Unsinn macht Abulafia Schluss; er spricht zwar über Rom, Athen und Alexander den Großen, aber eben auch, und ausführlich, über Tyros und Karthago. Viele LeserInnen werden zum ersten Mal etwas von Emirat in Bari, den Korsarenhochburgen Algier und Tunis, den Sklavenmärkten in Livorno und Barcelona, einer muslimischen ‚Kolonie‘ in der Nähe des heutigen St. Tropez, einem fränkischen Königreich Athen, einem muslimischen Kreta, den Johannitern auf Malta und von vielem anderen hören; ‚nationale Geschichten‘ verwandeln sich in ein Puzzle, ein Netzwerk, in dem heutige Grenzen als das erscheinen, was sie sind: zufällige Launen der Geschichte.

David Abulafia: Das Mittelmeer: Eine Biographie. Fischer-Verlag, 960 Seiten, 34 Euro.

 

Krimis und Gesellschaftstheorie

Kann Gesellschaftstheorie so spannend sein wie ein Kriminal- oder Spionageroman? Bevor die leidenschaftlichen Krimi-Leser ein selbstverständliches Nein herausrufen, lasst euch sagen: Ja, sie kann! Und zwar besonders dann, wenn es einem Autoren wie Luc Boltanski in seinem Essay gelingt, die Geschichte des Kriminal- und Spionageromans mit der Entstehung der modernen Gesellschaftstheorie auf detaillierte Weise zu verknüpfen.

Wie das? Boltanski zeigt auf sehr fundierte, aber auch auf unterhaltsame Weise, wie Anfang des 20. Jahrhunderts (besonders in seiner weltberühmten Form von Sherlock Holmes- und Maigret-Geschichten) der Kriminalroman, der später mit dem Spionageroman zusammen eine den Zeitgeist aufsaugende neue literarische Gattung bildet, zeitgleich zu weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht: zur Wissenschaft der Gesellschaft und der Paranoia, zu Weltverschwörungstheorien (wie den Protokollen der Weisen von Zion) und zu allerhand politischen Komplotten (wie der Dreyfus-Affäre). Dass es dabei zu vielen (manchmal erstaunlichen) Vermischungen, Anleihen und Überschneidungen kommt, liegt – so Boltanski – an der strukturellen Ähnlichkeit der Fragen, die man stellt, und den Vorgehensweisen, um auf die Fragen Antworten zu liefern. Gebündelt in einer Frage heißt es: Steckt hinter der offensichtlichen Realität noch eine andere tiefere verborgene Realität, die durch Untersuchungen und mit Methode entdeckt und enthüllt werden muss? In der politischen wie sozialen Ordnung entstehen offenbar Risse, die gekittet werden müssen. Was die Antworten betrifft, so sollte man wie bei einer guten Krimi-Rezension nicht alles offenlegen, was der Text zu bieten hat und was ihn zu lesen so spannend macht. Auf jeden Fall hat man selten eine so scharfsinnige Erläuterung gelesen, was das schwierige Verhältnis von Realität und Fiktion betrifft. Was ist denn nun real? Und wer darf bestimmen, was wirklich ist – der Wissenschaftler, der Staat oder vielleicht der Literat oder gar der Psychopath? Die Antworten führen uns zu unseren eigenen Vorstellungen von Macht und zur Bereitschaft, sie zu hinterfragen.

Für jeden Krimi- und Spionage-Fan ist das preisgekrönte Sachbuch ein Muss, und wer nicht auf soziologische Theorie steht, dem sei das Buch als präzises Nachschlagewerk für Kriminal- und Spionageliteratur des 20. Jahrhunderts empfohlen.

Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Suhrkamp: Verlag 39 Euro, 515 Seiten..

Blut, Putzwedel und absonderliche Begegnungen

Der Tatortreiniger hat einen etwas absonderlichen Beruf: er reinigt Tatorte, blutige Tatorte, an denen noch der Leichengeruch in der Luft hängt. Die preisgekrönte (Comedy-Preis, zwei Grimmepreise, Nominierung für den deutschen Fernsehpreis) NDR-Serie mit Schotty (Bjarne Madel), der in bislang sieben Folgen Tatorte reinigt und an jedem einzelnen Tatort in skurrile Situationen gerät, ist ein Geheimtipp; sie lief bislang im dritten Programm oder spät in der Nacht. Wenn er „seelenruhig die Reste menschlichen Lebens beseitigt und dabei auf die kuriosesten Gestalten trifft, liegen Psychodrama und Komödie nah beieinander. Endlich mal eine richtig gute Serie“, so die süddeutsche Zeitung.

Insbesondere eine Episode („Schottys Kampf“) auf der zweiten DVD ist kaum zu toppen: der Tatort ist ein Nazi-Hinterzimmer voller Nazi-Devotionalien, und Schotty muss sich mit einem Nazi herumschlagen, der versucht, ihn zu indoktrinieren. Der Tatortreiniger wehrt sich auf seine ganz eigene Art …

Der Tatortreiniger, mit Bjarne Madel. Studio Hamburg Enterprises oder Büchergilde Gutenberg. Staffel 1: 12,95 Euro; Staffel 2: 12,95 Euro (mit je vier Episoden und Bonus-Material).

Esther Bejarano: Erinnerungen

Am 15. Dezember 2013 wird/wurde Esther Bejarano 89 Jahre alt.

Als 18jährige wurde sie nach Auschwitz deportiert: „Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager ‚Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami’ zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen“.

In ihren Erinnerungen, die hier erstmals vollständig in deutscher Fassung vorliegen, erzählt sie in ihrer einfachen Sprache, die das Ungeheuerliche umso eindringlicher hervorruft, von der Shoah, von großem Leid und Verlust. Doch enden die Aufzeichnungen hier nicht: Sichtbar wird auch Esther Bejaranos Kraft, die es ihr ermöglichte, nach diesen Erfahrungen weiterzuleben. Seit mehr als dreißig Jahren ist sie eine Kämpferin gegen das Vergessen, die ihre Geschichte an Schulen erzählt und mit den Mitteln der Musik leidenschaftlich gegen jede Art von Intoleranz angeht.

Die beigefügte DVD zeigt ein Interview mit Esther Bejarano und Ausschnitte eines gemeinsamen Konzerts mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia.

Esther Bejarano: Erinnerungen. Laika-Verlag, 21.- €.

Wird Zeit, dass wir leben

Christian Geissler erzählt vom Widerstand der Kommunisten gegen die Nazis in Hamburg. Als ob er mitten im Geschehen steckt, begleitet er seine Figuren durch die Kämpfe vor und nach 1933. Er erzählt von Gewalt von oben und Gegenwehr von unten, vom Spannungsverhältnis zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Disziplin und Eigensinn - und zieht den Leser in die immer noch aktuellen Debatten mit hinein. Schlosser ist Funktionär der KPD. Bis zu seiner Verhaftung bremst er den Eifer der Genossen im Kampf gegen die Nazis, verweigert die Waffen und pocht auf Disziplin. Die Genossen von der Basis aber wollen kämpfen. Kämpfen bedeutet für sie Lust und Leben. Vor allem für Karo, aber auch für Leo, der noch 1930 zur Polizei geht, aber später begreift, dass er auf der falschen Seite steht.

Geisslers Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Das Vorbild für Leo war der Hamburger Polizist Bruno Meyer, der Anfang 1935 die Widerstandskämpfer Fiete Schulze und Etkar André aus dem Gefängnis befreien wollte. Detlef Grumbach recherchierte umfassend und erzählt in seinem Nachwort erstmals vom Schicksal Bruno Meyers, der 1935 zwei Kommunisten aus dem Knast befreien wollte.

Christian Geissler: Wird Zeit, dass wir leben. Verbrecher-Verlag, 358 Seiten, 22 Euro (Neuausgabe des 1976 erschienen Romans.

Eine Leiche und Verwicklungen über Verwicklungen

Der junge Schriftsteller Marcus Goldman, gefeiert und berühmt nach einem sensationellen Debüterfolg, erleidet bei seinem neuen Buch eine ihm bis dato völlig unbekannte Schreibblockade. Er flüchtet nach Aurora, New Hampshire zu seinem angebeteten Idol und alten Mentor Harry Quebert, in der Hoffnung auf Ruhe und Inspiration. Beider Leben wird jedoch völlig auf den Kopf gestellt, als in Harrys Garten die Leiche einer seit über 30 Jahren vermissten jungen Frau gefunden wird, zusammen mit einem Manuskript des Romans Der Ursprung des Übels, der den Ruhm von Quebert begründete. Der alternde Schriftsteller kommt in Untersuchungshaft, wird aber mangels Beweisen bald wieder freigelassen.

Der junge Schriftsteller sieht den dringend benötigten Stoff für seinen neuen Roman, zumal er nicht glauben will, dass sein Idol Harry Quebert ein Mörder ist.

Marcus Goldman beginnt zu recherchieren und bringt mit seinen zutage geförderten "Wahrheiten" ganz Aurora in Aufregung, denn eine Verdächtigung jagt die andere und die Ereignisse überschlagen sich. Auch das Denkmal, das er sich von Harry Quebert gemeißelt hat, wird bröcklig.

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Piper Verlag, 736 Seiten, gebunden, 22,99 €.

Trotzki, der Eispickel und die Nachgeschichte

1940 wurde Leo Trotzki in Mexiko auf Geheiß Stalins mit einem Eispickel getötet, sein Mörder war ein gewisser Ramón Mercader. Leonardo Padura, der durch kubanische Krimis berühmt geworden ist, erzählt in seinem Roman, wie es dazu kam.

Eigentlich erzählt er drei Geschichten. Die erste beschreibt, wie Trotzki aus der Sowjetunion floh und was er bis zu seinem Tod erlebte und tat; die zweite erzählt das Leben seines Mörders (wie dieser dazu kam, Trotzki zu erschlagen, und was ihm nach dem Attentat wiederfuhr); und drittens erzählt der Autor von einem kubanischen Schriftsteller, der sich Ende der 70er Jahre durch den realsozialistischen Alltag schlägt und eines Tages einen einsamen Mann mit Hund am Strand trifft, der ihm wiederum nach einigem Zögern seine Lebensgeschichte erzählt.

Die spanische Revolution, Mexiko, die stalinistische Sowjetunion, Kuba: überall prallen Träume auf die Wirklichkeit und zerplatzen. Fast unmerklich verkehrt sich der Traum von Befreiung in sein Gegenteil; an welcher Stelle sich Disziplin und Hingabe an die eigenen Ideale in totalitäre Instrumente verwandeln, lässt sich kaum feststellen. Aber wenigstens der Traum soll bewahrt werden, und die Geschichte soll erzählt werden, damit sich die gleichen Fehler nicht wiederholen.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Union-Verlag, 730 Seiten, 14,95 Euro.

 

Wenn Wasserleichen Schluckauf kriegen

„Hamburg, 13. August. Freitag. Freitag, der dreizehnte. Ein Tag ‚so heiß, daß Wasserleichen Schluckauf kriegten‘. 11:22 Uhr. Kaum hat der Alsterdampfer Saselbek abgelegt, als er auch schon gekapert wird. Von einem zweieinhalb Zentner schweren Hünen, splitternackt und ganzkörpertätowiert, ohne Ohren und Zähne, doch mit implantierten Hörnern aus Teflon – und einem japanischen Dolch in der Faust. Ein groteskes, blutiges Geiseldrama beginnt.

Onno Viets ist Mitte 50 und Hartz-IV-Empfänger. Noch nie konnte er irgend etwas richtig gut – außer Brotloses wie zum Beispiel Sitzen, Tischtennis und das Verstrahlen einer Art Charisma für Arme. Er hat eine Phobie gegen Hühnerköpfe, dringende Schulden beim Fiskus und möchte seiner geliebten Gemahlin Edda so gern ein Fahrrad zum 50sten Geburtstag schenken. Sein Girokonto aber glüht vor roten Zahlen. Da hat er eine Eingebung aus dem Fernsehen: Onno wird – Privatdetektiv.

Seine geplagten Sportsfreunde vom Pingpong ahnen Ungutes. Aus langjähriger Erfahrung. Einer aber, Rechtsanwalt (und übrigens der Erzähler der ganzen Geschichte), verhilft ihm dennoch zum ersten Fall: Der Popmagnat und Juror einer Porno-Castingshow, Nick Dolan, argwöhnt Untreue seiner aktuellen Flamme, der Burlesque-Tänzerin Fiona Popo. Onno soll ein Beweisfoto von ihr und dem Liebhaber liefern. Schon bald bekommt Onno Dolans Nebenbuhler zu Gesicht. Bei dem Kerl mit dem Spitznamen „Händchen“ handelt es sich um die gefürchtete rechte Hand eines Hamburger Kiezoligarchen ... Bis nach Mallorca verfolgt unser frisch gebackener Ermittler das Fräulein Popo. Wo das Fiasko unwiderruflich beginnt.“

So preist der Autor selbst seinen Roman an, und dass er nicht ganz Unrecht an, bestätigt ihm der NDR in einer Rezension: „Dieser Roman ist eben nicht nur einer zum Lachen aus volle Kehle; er ist auch eine wahrhaftige Studie über Freundschaft und Gewalt, über das Scheitern und den Versuch, mit Würde zu scheitern.“

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Rowohlt, 368 Seiten, 9,99 Euro.

Wissenschaft, Kabarett und Aufklärung

Beten, so HobbytheologInnen, sollte eigentlich beim Gesundwerden helfen. In den USA wurde das tatsächlich empirisch überprüft: 1800 operierte Bypass-Patienten wurden in drei Gruppen aufgeteilt – für die erste Gruppe wurde nicht gebetet, für die zweite Gruppe wurde gebetet, ohne dass die Patienten davon wussten, und für die dritte Gruppe wurde gebetet, aber die Patienten wussten, dass für sie gebetet wurde. Und das Ergebnis: den Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, ging es – schlechter, ja, schlechter.

Die Science Busters – der Martin Puntigam, Heinz Oberhummer (auch Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien und Obmann der Initiative Religion ist Privatsache) und Werner Gruber aus Österreich, eine sehr dicker Physiker, ein dicker Kabarettist und ein alter Theoretiker, die „schärfste Boygroup der Milchstraße“ – liefern uns spannenden Antworten auf viele Fragen, auf die viele scheinbar einfache, aber oft falsche Antworten haben. Physik gilt, zu Unrecht, als ein hochkomplexes und kaum zu verstehendes Sachgebiet, und Physiker, tja, da ...

Die Science Busters hingegen „stellen nicht nur weltbewegende Fragen, sie können sie auch fachkundig beantworten“ (aus dem Klappentext). Ein schwarzes Loch entsteht im Wohnzimmer, ein Rezept für ein waschechtes Blutwunder wird angegeben, wir lernen, auf dem Wasser zu gehen, und eine Anleitung zum homöopathischen Komasaufen wird uns nahegebracht, die den Geldbeutel schont – und immer wieder müssen mann und frau herzlich lachen.

Abdula!!!

Martin Puntigam/Heinz Oberhummer/Werner Gruber: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Goldmann-Verlag, 235 Seiten, 9,99 Euro.


Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben. 2014 besteht die Büchergilde 90 Jahre. Wir gratulieren!

Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen

und erfreulicherweise auch aus Büchern, Computerspielen und Hörkassetten. 50 solcher Helden und Heldinnen sind in diesem von Andrea Baron und Kai Splittgerber herausgegebenen Buch versammelt. Hier tummeln sich Asterix, Pittiplatsch (der liebe), Jim Knopf, Winnetou, Raumschiff Enterprise, Pacman, Calvin und Hobbes ‚ Luzi, der Schrecken der Straße, das A-Team, Superman und viele mehr in trauter Eintracht. Jedem/r ist ein mehrfarbig bebilderter Text gewidmet, in dem der Autor/ die Autorin sich an seine/ihre Kindheit in Begleitung von zum Beispiel Karate Kid erinnert. Almut Klotz beschreibt, wie die Witwe Schlotterbeck (aus Preußler: Räuber Hotzenplotz) ihr Leben prägte, und auch Darth Vader wird immer noch bewundert.

Das Buch, verlegt von der Büchergilde Gutenberg, ist (wie nicht anders zu erwarten) hochwertig ausgestattet, jedem Text eine eigene Art der Illustration zugeordnet. 50 Autoren/Autorinnen und Illustratoren/Illustratorinnen haben hier aktuell eine Heldentat vollbracht. Eine amüsante und spannende Geschichtensammlung, die ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte zeigt, aber  auch die Möglichkeit bietet, in anderer Leute Kindheitserinnerungen (Eltern!) zu stöbern und  „ja, aber …“ oder „ach, ja …“  zu denken.

 Keine Angst:  Auch Menschen mit Fernsehverbot in der Kindheit kommen auf ihre Kosten, denn es ist nicht nötig, die handelnden Personen zu kennen.

Andrea Baron und Kai Splittgerber: Helden der Kindheit, Büchergilde Gutenberg, 19,95 € für Mitglieder, 22,95 € für Nicht-Mitglieder

 (Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Buchtipp

Buchempfehlungen zum Jahresende 2020

Charles Umzug nach Echo City

Im Gegensatz zu seinen Eltern ist Charles nicht begeistert davon, in eine Großstadt zu ziehen. Freunde und die vertraute Umgebung bleiben zurück; er kann nichts mit Museen oder der Oper anfangen. Die Familie wohnt in einem ehemaligen Hotel, welches Charles Vater engagiert renoviert. Charles bekommt sogar ein eigenes Zimmer. Der Nachteil ist: Gleich in der ersten Nacht kommt ein riesiger Troll mit spitzen langen Eckzähnen in sein Zimmer und bestiehlt ihn. Wie Väter so sind, beruhigt sein Vater Charles, aber de glaubt ihm kein Wort. Zum Glück hat sein neuer Freund Kevin die Nummer der Monstervermittlerin Margo Maloo. Charles ruft sie an. Sie eilt herbei, und zusammen klettern sie in den Keller des Hotels. Unglaublich, dort wohnt der Troll. Marcus heißt er. Margo kennt den Troll und schafft es, dass Marcus und Charles verhandeln. Mit Handschlag wird die Einigung besiegelt.

Dies ist nur eins von mehreren Abenteuern, die Margo und Charles bestehen, denn in ganz Echo City leben in dunklen Ecken Trolle, Oger, Kobolde und Geister.

Drew Weing zeichnet und schreibt einen witzigen und spannendenden Comic, der das problematische Verhältnis zwischen Kindern und Monstern neu betrachtet; es ist der erste ins Deutsche übersetzte Band einer Reihe, die als Webcomic begann.

Drew Weing: Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo. Reprodukt, Comic, 72 Seiten, farbig, 18 Euro. Mit Bildern der Monster und ihrer Beschreibung und ihren Vorlieben. Ab 8 Jahren, aber da auch Erwachsene ihre Monster haben, sollten auch sie den Comic nicht verpassen.

 

 

Geburtstagsfeier mit anschliessender Reise nach Kroatien

David Grossman spannt in seinem neuen Roman einen weiten Bogen von der heutigen Zeit in Israel zurück ins Europa der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Zeit des Krieges, des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Ermordung der Juden und Jüdinnen, des Widerstandes, der Entstehung Jugoslawiens, des Titoismus und der Gefängnisse mit Folter und Zwangsarbeit.

Er berichtet von schwierigen und belasteten Beziehungen dreier Frauen: Vera, ihrer Tochter Nina und deren Tochter Gili.

Zusätzlich löst David Grossman mit diesem Roman ein Versprechen ein, das er seiner Freundin, der kroatischen (ehemals jugoslawischen) Partisanin Eva Panić̕-Nahir, zu Lebzeiten gab: Er würde von ihrem Leben berichten.

Aus Eva wird im Buch Vera, eine alte Frau, die mit ihrer gesamten Familie ihren 90. Geburtstag in einem Kibbuz in Israel feiert, ein rauschendes Fest mit vielen Gästen. Die meisten gehören zur Familie ihres zweiten Ehemannes. Vera hat ihn 1963 geheiratet, einige Jahre nachdem sie mit Nina, ihrer Tochter, nach Israel eingewandert ist. Sie wird geachtet, geliebt und ist in die Gemeinschaft fest eingebunden. Sie hat sich ein zweites Leben hart erkämpft. Überraschenderweise reist Nina, inzwischen etwa 60 Jahre alt, vom Polarkreis zur Feier an. Sie hat ihrer Mutter nie verzeihen können, dass diese sie verlassen hat. Auch Ninas Tochter Gili nimmt am Fest teil. Sie wurde in diesem Kibbuz geboren, und auch sie wurde von ihrer Mutter Nina dort zurückgelassen. Beide sind unter starken Vorbehalten angereist: Die Verhältnisse zwischen Müttern und Töchtern sind0, gelinde gesagt, angespannt.

Die Geburtstagsfeier ist der Auftakt der Handlung. Danach will Vera zu den Orten ihres Lebens im jetzigen Kroatien reisen. Begleiten werden sie ihre Tochter Nina aus erster Ehe mit Miloš, ihre Enkelin Gili und Rafi, Ninas Mann und Gilis Vater. Vera will endlich das Geheimnis um ihr Leben lüften, Gili und Rafi sollen es verfilmen. Sie reisen in die Kleinstadt in Kroatien, in der Vera mit ihrem ersten Mann Miloš jahrelang glücklich lebte. Miloš war und ist ihre einzige große Liebe. Beide schlossen sich der Seite der kommunistischen Staatsführung unter Tito an. Doch mit Titos Abfall von der Sowjetunion (1948) setzten Denunziationen und politische Verfolgungen ein. Auch Vera und Miloš wurden verhaftet und nach Goli otok, einer Gefängnisinsel in der Adria, deportiert. Miloš starb auf Goli otok, Vera überlebte die drei Jahre Haft und Arbeit im Steinbruch, viele andere starben. Wie Überlebende schreiben, bleibt etwas zurück. Sie holte ihre Tochter Nina und ging mit ihr nach Israel. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen …

Gili kennt als einzige Veras Geheimnis. Wie Vera weiß sie nicht, was ihre Mutter Nina ahnt. Ihr kommt die Rolle zu, als Drehbuchautorin Ungesagtes aufzuschreiben, Eindrücke festzuhalten. Wir lesen aus ihrer Perspektive, wir sehen aus ihrer Perspektive, wenn sie filmt. Vera hat die Gewalterfahrungen an Tochter und Enkelin weitergegeben, ihre Entscheidung für ihre Liebe spielt dabei eine große Rolle. Und das Schweigen über alles?

David Grossman: Was Nina wusste. Hanser, 350 Seiten, 25 Euro.

 

 

Die 70er in der Provinz

Das Leben ist für einen Heranwachsenden nicht leicht in der westfälischen Provinz in Lippfeld am Rande des Ruhrgebiets im Jahr 1974. Kulturelle Ausläufer der 60er-Jahre und Gedankensplitter der 68er-Bewegung sind aus den Großstädten an die Peripherie diffundiert, insbesondere wo sich ältere (studierende) Geschwister als Übertragungsvektor eignen; der Zusammenprall von noch durch und durch konservativ geprägter Provinzialität (und provinzieller Sozialdemokratie, trotz Willy Brandt) mit Jimi Hendrix, Jeans, langen Haaren und Apo-Theorieversatzstücken erzeugt bei einigen, auch bei Ben Schneider, dem Protagonisten des Romans, den sehnsüchtigen Wunsch, die Enge des beschaulichen Lebens und das Alte hinter sich zu lassen.

Aber das ist kaum machbar, schließlich stellt er, wie es so schön heißt, noch die Füße unter den Tisch des Vaters, und außer Partykellern, Feten in evangelischen Jugendräumen und dem abendlichen Treffpunkt zum Saufen an einem Teich mit Parkbänken hat die Siedlung nichts zu bieten. Außerdem lässt der erste Kuss auf sich warten, zu allem Überfluss gewinnt auch noch ABBA den ESC, etwas Unerhörtes, da Waterloo tatsächlich auf Feten gespielt wird und die Stones oder Bob Dylan verdrängt, und schließlich stirbt noch ein Mitschüler.

„Am Rand des Ruhrgebiets beginnt ein Sommer der stillen Revolte und der ersten Liebe“, so heißt es im Klappentext; wenn „man in Lichtjahren rechnete, waren T-Rex und das Lippfelder Kirmeszelt so weit von einander entfernt, dass das Licht zu Lebzeiten nicht mehr ankam“, so drückt Ben den Riss zwischen sich und der Umgebung der Erwachsenen aus.

Wer in jener Zeit auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, weiß genau, wovon die Rede ist und amüsiert sich über zahlreiche Dejá-vùs; die eigene Jugend wirft beständig Schatten ins Buch. Wer hingegen jünger, älter oder Stadtkind ist, kann sozusagen ethnologisch über ein unbekanntes Panorama lächeln. Und alle können sich an einer poetischen, manchmal zärtlichen Sprache erfreuen, die Ben und die anderen Jugendlichen durch den Sommer ’74 begleitet, ohne ihnen zu nahe zu treten oder sie durch den Kakao der Erwachsenen zu ziehen. Manche Passagen sind herzzerreißend traurig, da es keinen Ausweg aus dem Korsett der bleiernen Tradition zu geben scheint, in anderen wird das Leben genossen, als ob es kein Morgen gibt, mit Musik, Alkohol und Zigaretten, und manchmal scheint auf, dass es später, in der fernen Zukunft, ein anderes Leben geben könnte.

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde. Steidl, 346 Seiten, 22 Euro.

 

 

Die schlechteste Hausfrau der Welt

Jacinta Nandi, Feministin, Missy-Magazin-Autorin, Mama und Hausfrau, fragt sich in ihrer wütenden Essay-Sammlung, wie in aller Welt sie da reingerutscht ist. Putzen und dabei über ungerechte Verteilung von Hausarbeit nachdenken, wütend sein und trotzdem versuchen, irgendwie den Haushalt zu schmeißen, wenn’s sein muss mit Hilfe von Cleanfluencerinnen auf Youtube, die Tipps geben zum schnelleren, besseren Bewältigen der ganzen Scheiße, die alleine an ihr hängen bleibt.

„Feminismus ist cool.

Alle wollen über Feminismus reden, über geile coole Themen, die junge Frauen ansprechen.

Über gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, zum Beispiel, oder Körperbehaarung.

So was.

Was nicht geil ist: Hausarbeit.

Frauen wollen befreit werden, Frauen sollen frei sein.

Jemand, der sich freiwillig entscheidet, Hausfrau zu werden?

Selbst schuld! (Und auch megapeinlich).

Hausfrauen sind fast so uncool wie die Hausarbeit selbst.“

Das ist der Einstieg zu Jacinta Nandis Buch. Sie erzählt von ihrem Alltag mit einem Baby, dem dazugehörigen Papa und einem Teenager und der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, dass sie für die Umsorgung all dieser Personen allein verantwortlich zu sein scheint.

Sie fragt sich, wie es passieren konnte, dass gerade sie (Missy-Kolumnistin, Riotmama und Feminstin) in einer Beziehung gelandet ist, in der ihr Freund erwartet, dass sie 100% der Hausarbeit und Kindererziehung übernimmt.

Vieles ist ihr peinlich, sogar, dass ihr niemand „im Haushalt hilft“, weder Freund noch Teenager, sogar das scheint ihre Verantwortung oder ihr Versagen zu sein.

Sie debattiert mit ihrer Freundin Zandra und ihrem Bekannten „Pegida-Kevin“ über Privilegien, Putzfrauen und Zandras feministische Überzeugung, dass sie der Frau, die für sie putzt, einen besseren Stundenlohn bezahlt, als diese als Übersetzerin verdient. Was Pegida-Kevin scheinheilig findet und ein bisschen über den modernen Feminismus abkotzt.

Ein lustiges und trauriges Buch, zum Mut verlieren und wiederfinden  - ein Buch, das deutlich macht, wie bestehende Strukturen und Rollenmuster den Alltag mitbestimmen und bewusst macht: Es gibt noch viel zu tun!

Jacinta Nandi: Die schlechteste Hausfrau der Welt. Edition Nautilus, 206 Seiten, 16 Euro.

 

 

Ein Hochhaus im Westen der Türkei

Dies ist das einzige Mal, dass in Cemile Sahins neuem Roman das Wort Türkei vorkommt. Sonst ist immer nur die Rede vom Osten, aus dem die Menschen fliehen und vertrieben werden auf dem Weg nach Westen. Obwohl es ungenannt bleibt, ist klar, dass es in diesem Buch um die Verfolgung der Kurd*innen durch den türkischen Staat geht. Dieser erklärte sie zu Terroristen, um Vertreibung, Folter, Verschleppung und Mord politisch zu rechtfertigen.

Der Roman spielt in diesem Hochhaus im Westen der Türkei. Stellvertretend für die anderen Bewohner*innen des Hauses berichten in neun Episoden Necla, Murat, Nurten, Birgül, Sara, Umut, Haydar, Metin und Devrim (er wohnt als einziger nicht im Hochhaus), warum und wie sie an diesen Ort gelangt sind. Sie erzählen es einem imaginären Erzähler, der der Leser*in Abstand zu den Geschehnissen verschafft. Cemile Sahin lässt die Personen aus unterschiedlichen Perspektiven berichten: Sara ist mit ihrer Freundin Hêlîn vor Terror und Verfolgung durch die türkischen Militärs geflohen, Murat berichtet von der Entführung seiner Familie durch ein türkisches Sonderkommando, kurz darauf wird der gesamte Ort von Soldaten, Bussen und Panzern überschwemmt. Die Soldaten machen Jagd auf die Bevölkerung, legen Feuer und zerstören die Lebensgrundlagen. Auch im Haus warten die Bewohner*innen auf Besuch vom Geheimdienst, der Polizei, dem Militär. Sie können sich nie sicher fühlen, befürchten, dass sie abgeholt werden. Wer ist ein Spitzel, wer vertrauenswürdig? Es herrscht allgegenwärtige Angst und Hass auf die Repression. Niemand will bleiben.

Auf einer Metaebene beziehen sich einzelne Erzählungen aufeinander. Einige der Bewohner*innen sind miteinander verwandt oder wohnen in einer Wohnung. Cemile Sahins Sprache ist klar und genau und gerade dann eindrücklich, wenn ihre Protagonist*innen Situationen nicht weiter beschreiben wollen. Auch die Gestaltung des Buches ist besonders. Jede Episode wird von der nächsten durch zwei Seiten getrennt: Links rot bedrucktes Papier mit wechselnden Uhrzeiten und rechts die Fotografie eines Parkdecks. Es erinnert an die Bilder einer Überwachungskamera.

Cemile Sahin: Alle Hunde sterben. Aufbau, 239 Seiten, 20 Euro.

 

 

Ein Überregionalkrimi

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Nein, der Kommunismus ist es noch nicht, und auch Corona-Viren sind nicht gemeint; es ist jemand, dem die Verfasser*innen von Regionalkrimis so dermaßen auf den Senkel gehen, dass er oder sie zu einem blutigen Rachefeldzug quer durch die Republik aufbricht und regionale (berüchtigte) Berühmtheiten zwischen Bad Bevensen und Leißlegg bei Ravensburg auf jene phantasievolle Art und Weise vom Leben zum Tode befördert, wie diese es sich selbst für die Opfer in ihren Krimis ausgedacht haben.

Und da es unzählige Regionalkrimis gibt, die, um aus der schieren Masse herauszuragen, sich gegenseitig im Plot überbieten müssen, was auf immer blutigere und phantasievollere Morde hinausläuft, hat der Racheengel eine Menge zu tun. Der Verband deutscher Kriminalromanautoren, vor allem ihr Vorsitzender, ist alarmiert und macht sich große Sorgen, und die Polizei tappt im Dunkeln und muss auf fremde Hilfe hoffen, bevor sich in einem hollywoodreifen Finale manches klärt.

Einen langen Gastauftritt hat Frank Schulz, seinerseits Verfasser einiger Krimis um Onno Viets, die in Hamburg spielen und es in gewissen Kreisen zu einiger Berühmtheit gebracht haben: auf einem Brainstorming-Treffen einer Sondereinheit zur Aufklärung der Morde wird er als Krimiautor und Literaturexperte hingezogen und setzt sich mit der Aussage „wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, dass wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben“ nicht nur in die Nesseln, sondern auch zwischen alle Stühle und erzeugt, da er natürlich verkürzt zitiert wird, ein ungeheures Medienecho. Er muss, als eine Rufmordkampagne einsetzt, Hals über Kopf nach Griechenland flüchten, wo ihm so einiges widerfährt und eine moderne Odyssee beginnt.

Gerhard Henschel, einst bekannt für seine Beiträge in der TITANIC und seit einiger Zeit für seine Martin-Schlosser-Romane, legt mit diesem Werk die ultimative Synthese aller Regionalkrimis vor, die jedoch – Vorsicht! – nicht allen Liebhaber*innen von Regionalkrimis gefallen wird.

Gerhard Henschel: Soko Heidefieber. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann & Campe, 284 Seiten, 18 Euro.

 

 

Julian ist eine Meerjungfrau

Das Bilderbuch erzählt von einem kleinen Jungen, der mit seiner Oma unterwegs ist. Die beiden begegnen in der Bahn einer Gruppe Meerjungfrauen, und ab diesem Zeitpunkt wünscht sich Julian zu sein wie sie. Zuhause lässt er seine Träume wahr werden und sucht sich die passenden Dinge aus Omas Haus zusammen.  Stolz, sich in die Meerjungfrau seiner Träume verwandelt zu haben, geht er, geschmückt mit Omas Perlenkette, langem Haar, Lippenstift und Kleid, auf die Parade der Meerjungfrauen.

Das besondere an diesem Buch, das schon für kleine Kinder ab drei Jahren geeignet ist, ist die reduzierte Sprache, die durch eine wunderschöne Bildsprache von Fantasie und der Verwirklichung von Träumen erzählt.

Fast alle Personen im Buch sind People of Colour, und so ist das Buch eines der wenigen deutschsprachigen Bücher, das ein Schwarzes Kind als Hauptfigur zeichnet.

Insgesamt einfach wunderschön gezeichnet, mit einer empowernden Geschichte, die glücklich macht.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau. Knesebeck, 32 Seiten, 13 Euro.

 

Global Warming Party

Wie wir und das Klima schönsaufen können

Wer leugnet, dass sich das Klima verändert, indem Menschen die Luft verpesten, wird wahrscheinlich nicht zu jenen gehören, die diese Besprechung lesen. Viele andere wissen zwar Bescheid, meinen sie jedenfalls, aber wenig darüber, wie der Klimawandel tatsächlich zu stoppen ist – abgesehen von naheliegenden Forderungen wie dem Verzicht auf die Verbrennung von Kohle, der radikalen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und von Flugreisen, der Dämmung von Häusern, der Förderung alternativer Energien, dem Erhalt und Ausbau der Biodiversität und ähnlichen Vorschlägen. Dass die Moore der Erde in etwa so viel CO2 aufnehmen und binden können wie alle Wälder der Erde, gehört nicht zum Allgemeinwissen, so dass die Trockenlegung von Mooren viel weniger beachtet wird als die Zerstörung des Regenwalds oder die Besetzung des Hambacher Forsts. Die Science Busters hingegen widmen den Mooren fast ein ganzes Kapitel, und geneigte Leser*innen erfahren sogar, dass niemand in einem Moor untergehen, sondern höchstens darin erfrieren kann.

Leider gibt es drei Tendenzen, die eine weitere Verbreitung von fridays for future und ihren Forderungen erschweren (abgesehen von den Grünen, die ihr Gründungsadjektiv zunehmend als lästiges Beiwerk und Hindernis für Regierungsbeteiligungen verstehen). Erstens gleiten einige ins Spirituelle ab. Zwar ist nichts daran auszusetzen, Bäume zu umarmen, das mag sogar Spaß machen, aber wenn dann im nächsten Schritt auf die Wissenschaft geschimpft und eine homöopathische Pille eingeworfen wird, ist der Weg in die Esoterik nicht weit (natürlich gilt das nicht für alle) – wer die Science Busters kennt, weiß, dass sie gern über Pseudowissenschaften sprechen, etwa darüber, ob der Leib Jesu, der als Oblate verspeist wird, glutenfrei ist. Zweitens mischen sich immer wieder reaktionäre Töne in den Umweltschutz; auf jeden Fall sind sie nicht weit, wenn „Heimat“ als schätzens- und schützenswert reklamiert wird, denn natürlich geht es darum, die ganze Welt zu schützen; Grenzen werden von Treibhausgasen schlicht ignoriert. Und drittens ist fast alles, was zum Klimawandel geschrieben wird, nahezu staubtrocken und humorlos.

Gegen diese Tendenzen treten die Science Busters in ihrem neuen Buch an. Sie versuchen, uns zum Lachen zu bringen und uns, während wir lachen, beizubringen, dass es keinerlei Alternative dazu gibt, jetzt und sofort Klimaschutz zu betreiben. „Ein Schulstreik“, schreiben sie, „allein wird dafür nicht reichen – aber es war kein schlechter Anfang“. Sie erörtern einige von Technokraten vorgeschlagene Lösungsmöglichkeiten, verwerfen die meisten von ihnen aber, da sie nur den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und schlagen selbst einige eher unkonventionelle Lösungen vor, und jedes Mal, wenn sie Leugner*innen des Klimawandels erwähnen, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Und während sie das tun, beharren sie darauf, dass die Wissenschaft durchaus ihren Teil beitragen kann, wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen: „Dabei handelt es sich allerdings um ernste, wissenschaftliche Überlegungen und nicht um esoterischen Schmafu [sic!] wie etwa Chemtrails, wo Flugzeuge arge Sachen versprühen, damit dann die Gedanken der Menschen gaga werden. Was ohnehin ein überflüssiges Unterfangen wäre, denn abgesehen davon, dass es Chemtrails nicht gibt, sind die Gedanken einiger Menschen offenbar auch ohne chemisches Zutun bereits gaga genug. Da bräuchte man nichts zu sprühen“.

Sie machen sich darüber lustig, dass tatsächlich Kühen Rucksäcke umgebunden wurden, um das Methan aufzufangen, das bei ihnen hinten und vorn rauskommt (ein Projekt zur Rettung der Fleischindustrie), aber auch über Versuche, Fleisch im Reaktor zu produzieren. Sie legen ausführlich dar, dass es entgegen vieler Phantasien keinen Planeten B gibt, den die Menschen in naher Zukunft erreichen könnten (Science Fiction bleibt noch lange Science Fiction; die jetzige Erde ist alles, was wir haben). Auch die Einführung eines menschlichen Winterschlafs würde nicht viel bringen, obwohl dann im Winter viel Energie eingespart werden könnte. Und sie schrecken nicht davor zurück zu fordern, dass alle einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz beitragen könnten: „Das kann damit beginnen, dass wir antike Dogmen wie ‚Wer feiern kann, kann am nächsten Tag auch arbeiten’ endlich über Bord werfen und nach einem Trinkgelage den Rausch mit gutem Gewissen ordentlich ausschlafen. Dem Klima zuliebe.“ Denn wer schläft, verbraucht weniger Energie.

Science Busters: Global Warming Party. Hanser, 183 Seiten, 20 Euro.

 

 

Die Sommer

Leyla ist das Kind eines ezidischen Vaters, der mit 14 Jahren in die Kommunistische Partei Syriens eintrat, und einer deutschen Mutter; gemeinsam gingen sie nach München, wo Leyla aufwächst.

Jedes Jahr fährt sie mit ihrer Familie in den syrischen Teil Kurdistans, als Kind erlebt sie die Sommer im Dorf der Großmutter, später, als der IS große Teile Aleppos zerstört, betrachtet sie alles fassungslos aus der Ferne und ist doch verbunden mit den Orten ihrer Kindheit.

„Sie konnte alles nicht glauben. Alles, beides, vorher und nachher, kam ihr so unwirklich vor. So unwirklich wie das letzte Stück Savon d’Alep, diese Aleppo-Seife, die nach Lorbeer und Olivenöl roch und die sie jedes Jahr mit nach Deutschland genommen hatte. Wie die paar lächerlichen Steine, die Leyla irgendwann einmal am Fluss gesammelt hatte. Alles Beweise, dachte Leyla, auch in zehn Jahren noch, in zwanzig, dass es das alles wirklich gegeben hatte: Das Dorf, die Städte, die Menschen, die Sommer.“

Sie ist  zerrissen zwischen Distanz und Verbundenheit – sie kann nicht zusehen, wie ihre deutschen Freundinnen auf Facebook fröhlich Urlaubsbilder posten, während an anderen Orten Tag für Tag so vieles zerstört wird.

Ein Roman über die Liebe zu Orten, die durch Gewalt im Verschwinden begriffen sind, über die Wut und den Schmerz, der sich über Erinnerungen legt, zwischen dem Hier und Dort, dem Vergangenen und der Zukunft. Leyla hat viele biographische Parallelen zur Autorin, auch sie verbrachte an der Seite ihrer Eltern viele Sommer in Kurdistan im Dorf ihrer Großmutter, auch das Geburtsjahr der Protagonistin ist an das der Autorin angelehnt.

Ronya Othmann erinnert daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und somit auch mitverantwortlich sind für die Welt, in der wir leben werden.

Ronya Othmann: Die Sommer. Hanser, 284 Seiten, 22 Euro.

 

 

Ein Leben als Journalistin in London

Genau das möchte sich Queenie, eine junge Schwarze Frau, aufbauen. Und sie hat viel erreicht: Sie arbeitet als Journalistin bei einem Londoner Magazin. Sie kann zwar nicht über die Themen schreiben, die sie interessieren, aber das kann ja noch werden. Mit ihrem weißen Freund Tom hat sie gerade eine gemeinsame Wohnung bezogen. Aber es zeigen sich Risse im Idyll: Als Queenie mit Tom dessen Familie besucht, sagt ihr geliebter Tom nichts zu rassistischen Äußerungen seines Onkels, außer dass dieser es nicht so gemeint habe. Queenie explodiert und wird laut. Sie stürmt aus der Wohnung. Unfassbares geschieht, so scheint es der Leser*in, Tom möchte eine Beziehungspause, aus der das Ende der Beziehung wird. Queenie ist verzweifelt und zweifelt an sich selbst. Hat sie überreagiert? Ihre Freund*innen und ihre Familie unterstützen Queenie, sie sehen das Ende der Beziehung gelassener: Für sie war und ist Tom ein Schnösel und sowieso nicht der Richtige für ihre geliebte Queenie.

Aber Queenie bleibt untröstlich. Sie versucht, sich durch andere Beziehungen abzulenken, was gründlich misslingt. Wegen falscher Anschuldigungen wird sie von ihrem Job freigestellt. Das ist selbst für die kämpferische, aber liebenswertchaotische Queenie zu viel. Sie fällt in ein Loch. Doch Queenie wäre nicht Queenie, wenn sie da bleiben würde. Nach und nach registriert sie, dass es Auswirkungen hat, das erste Familienmitglied mit Collegeabschluss zu sein. Auch bei der Arbeit ist sie eine von wenigen Schwarzen, wird immer anders beurteilt. Der Alltagsrassismus im Freund*innenkreis kommt hinzu. Der Kontakt mit der Black Lives Matter Bewegung hilft ihr. Sie verortet sich anders und kann weiter für ihre Träume kämpfen.

Ein Roman über Rassismus (nicht nur im Alltag), Mobbing, Sexismus und Bildungsbenachteiligung, selbstironisch, witzig und tragisch.

Candice Carty-Williams: Queenie. Blumenbar Verlag, 544 Seiten, 22,00 Euro.

 

 

Der Fotograf von Mauthausen

In der Graphic Novel berichtet der republikanische Spanier Francisco Boix seiner Schwester Núria von seiner Zeit im Konzentrationslager Mauthausen. Das Lager ist nach der Einteilung der Nazis ein Lager der Stufe 3 und steht damit unter der Devise „Vernichtung durch Arbeit“. Francisco lernt, im Todeslager zu überleben. Durch ein Bestechungssystem gelingt es ihm und seinen Freunden, wichtige und Überlebenschancen erhöhende Lagerpositionen einzunehmen. Francisco, genannt Paco, ist gelernter Fotograf. Mit der Hilfe seiner Genossen erlangt er einen Posten beim Erkennungs-dienst. Dort muss er fortan Paul Ricken von der SS, dem Leiter des Erkennungsdienstes, bei der Fotografie und der Entwicklung von Negativen behilflich sein. Die offizielle Arbeit des Erkennungsdienstes ist es, die Deportierten bei der Ankunft abzulichten und Propagandafotos von glücklichen Häftlingen zu machen, die lachend und spielend an vollgedeckten Tischen sitzen, um sie als Zwangsarbeiter*innen Firmen anzubieten. Paco entdeckt, dass darüber hinaus auch Fotos von Ermordeten gemacht werden – die meisten werden dabei als Suizid inszeniert. Diesen Fotos haftet etwas Besonderes an – sie sind nicht bloße Ablichtungen, sondern Paco versteht, dass Ricken mit Komposition, Licht und Kontrasten versucht, Mord und Tod zu einer widerlich-grausamen Art von Kunst zu erheben. Paco wird klar, dass sein Fund nichts weniger als den Beweis darstellt, der den Massenmord der Nazis in Mauthausen ans Licht zu bringen und der Welt zu offenbaren vermag. So beginnt er insgeheim zusätzliche Abzüge zu erstellen. Doch wie kann es gelingen, diese Negative aus dem Lager zu schmuggeln?

Bei dieser Herausforderung entstehen Konflikte über das „richtige“ Handeln in einer aussichtslosen Situation. Zählt es, um jeden Preis das einzelne wertvolle Leben im Lager zu retten, oder ist es richtig, ein Leben aufs Spiel zu setzen, um die Taten der Nazis zu beweisen?

Die Graphic Novel beschreibt und bebildert in gedeckten Farben eindrücklich und schonungslos die Situation im Lager Mauthausen bis zur Befreiung und den Kampf des jungen Francisco. Im Fokus steht dabei das Verlangen Pacos, die Ermordeten durch seine Fotografien und Geschichten in der Erinnerung der Menschen am Leben zu erhalten. Die Graphic Novel führt Pacos Vorhaben fort und leistet damit einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen, an dem jede*r teilhaben kann – auch oder besonders in Zeiten, in denen andere Formen des gemeinsamen Gedenkens eingeschränkt sind.

Die von Francisco geretteten Negative sind in den Comic eingearbeitet. Auf den letzten Seiten gibt es eine historische Einordnung, und es werden die tatsächlichen Überlieferungen sowie die Lebensgeschichte Pacos erläutert.

Der Fotograf von Mauthausen. Graphic Novel von Salva Rubio, Pedro J. Colombo, Aintzane Landa. bahoe books, 160 Seiten, 24 Euro.

 

 

Sprache ist nix Neutrales

Sprache ist etwas Wunderbares; sie erschließt den Menschen die Welt, die sie umgibt. Jede Sprache ist zudem etwas Besonderes: da jede einzelne Sprache einen speziellen Blick auf die Welt wirft, die sie beschreibt, drückt sie diese auf eine unverwechselbare Art aus und ermöglicht manchmal Gedanken, die in anderen Sprachen schwer möglich oder nur sehr umständlich zu denken wären.

In der Sprache der Thaayorre aus Nordaustralien etwa existiert kein Wort für rechts, links, vor oder neben, sondern für Ortsbestimmungen werden ausschließlich die Himmelsrichtungen benutzt (selbst in geschlossenen Räumen) – wer diese Sprache spricht, macht sich selbst nicht zum Mittelpunkt der Welt, wie es in fast allen anderen Sprachen geschieht, wo räumliche Beziehungen in Bezug auf die Sprechenden ausgedrückt werden. Generationen von Linguistinnen, Historikern, Neurologinnen, Griechischkundigen und anderen akademisch Gebildeten stritten und streiten darüber, warum in Homers Ilias das Mittelmeer nicht blau ist, sondern oinops, weindunkel, und wer einmal, nur so zum Spaß, in eine Übersetzung der Schriften von Hegel oder Heidegger in andere Sprachen geschaut hat, könnte vermuten, dass beide ihre Theorien in kaum einer anderen Sprache als dem Deutschen hätten denken und schreiben können. Einige Sprachen kennen kein männliches und weibliches Genus und kein er und sie, andere keine Vergangenheitsform, in der nächsten muss bei einer Aussage zwischen zig Möglichkeitsformen gewählt werden, und viele, viele Worte und Begriffe sind nicht bedeutungstreu in eine andere Sprache übersetzbar (wie das isländische hoppípolla, ein Verb, das in-Pfützen-hüpfen bedeutet), ganz zu schweigen von sprachspezifischen Grammatikkonstruktionen und Gedichten und Poesie.

Mehrere Sprachen zu sprechen, erweitert mit Sicherheit den Erfahrungshorizont eines Jeden und einer Jeden und kann für Lücken sensibilisieren, die in Sprachen existieren. Denn jede Sprache ist nicht nur wunderbar, sondern eben auch lückenhaft – und autoritär und repressiv. Das ist das eigentliche Thema von Kübra Gümüşays Buch „Sprache und Sein“.

Sie zitiert David Foster Wallace, der in einer Abiturrede erzählt, wie ein älterer Fisch zwei jüngere Fische trifft und sie fragt, wie das Wasser sei. Die beiden jüngeren Fische schwimmen verwirrt weiter, bis einer den anderen fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“. Sprache – der Wortschatz wie die Grammatik – ist für die allermeisten Menschen wie das Wasser für die jungen Fische; sie umgibt sie, ist alltäglich und keiner Rede wert. Doch wie viele Fische in letzter Zeit schmerzlich erfahren mussten, ist das Wasser keinesfalls das unwandelbare Lebenselixier, sondern um in Zukunft zu überleben, müssten sie es analysieren, Veränderungen begreifen und dafür sorgen, dass die Menschen aufhören, die flüssigen Ökosysteme der Welt zu zerstören.

Ähnliches gilt für die Sprache. Trotz ihrer Großartigkeit begrenzt sie den Horizont der Sprechenden, ist vergiftet und voller Begriffe, Kategorien und Verallgemeinerungen, die zielsicher oft nicht nur zu Missverständnissen führen, sondern auch zur Festschreibung gesellschaftlicher Hierarchien und Herrschaftsstrukturen. Sie kann Menschen ihrer Menschlichkeit und Individualität berauben und jene ausschließen, die eine Sprache nicht oder nicht gut genug beherrschen. Da jede Sprache ihr eigenes Universum aufspannt, ist es unmöglich, die Sprache für ihre Begrenzungen und Unzulänglichkeiten und Kategorisierungen zu kritisieren – jede Sprache hat ihre eigene Kritik verdient. Hilfreich dabei ist Mehrsprachigkeit, hilfreich (und quälend) kann das Gefühl sein, in der eigenen Sprache nicht zu Hause zu sein, da sich Sprache und Erfahrungen widersprechen, wie es Vielen auf der Flucht oder im Exil ergeht, und ohne ein Auge für das Verhältnis von Sprache und gesellschaftlichem Sein bleibt Sprache entweder ein unbehaubarer Hinkelstein oder mutiert zu einer Art Mode, in der Worte und Begriffe täglich wie ein T-Shirt gewechselt werden können.

Kübra Gümüşay betrachtet in ihrem Buch die deutsche Sprache. Nachdem sie die Vielfalt verschiedener Sprachen bewundert hat, spricht sie davon, dass die deutsche Sprache Frauen oft unsichtbar macht, ein hinreichend bekanntes Beispiel, auch wenn immer noch Versuche, diese Unsichtbarkeit zumindest tendenziell aufzuheben, zu erbitterten Anfeindungen führen. Wenn die Grenzen meiner Sprache, zitiert sie Ludwig Wittgenstein, die Grenzen meiner Welt sind, muss sich, damit in der Welt kein Mensch aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit oder seiner sexuellen Identität diskriminiert wird, auch die Sprache ändern. Das betrifft nicht nur das –Innen, *innen und andere Sprach- und Schreibformen, sondern vieles andere mehr (etwa Begriffe wie Junge und Mädchen: obwohl beide auf Abhängigkeitsverhältnisse verweisen – Knecht und Magd – wird das Mädchen dem Jungen gleich doppelt untergeordnet: es wird verniedlicht und versächlicht). Wie die Sprache entgendert werden kann, bleibt wiewohl eine offene Frage, da jede der vorgeschlagenen Sprach- und Schreibregelungen wiederum neue Identitäten und Ausschlüsse produziert; spannend sind etwa Experimente englischsprachiger SF-Autorinnen, die in ihren Romanen neue Pronomen erfinden und so dafür sorgen, dass Geschlechtsidentitäten verschwimmen und unwichtig werden.

Während Frauen in der Sprache zum Verschwinden gebracht werden, indem sie schlicht den Männern zugerechnet werden, werden Andere oft entindividualisiert, indem sie als bloßer Abglanz von Kategorien und Verallgemeinerungen betrachtet und bezeichnet werden. Das ist die Grundstruktur rassistischen Denkens, erst recht, wenn die benutzten Verallgemeinerungen negativ konnotiert und zu Stereotypen erstarrt sind. Natürlich gibt es etwa Frauen, die Kopftücher tragen, aber die kopftuchtragende Frau gibt es nicht. Wer anderes behauptet, denkt rassistisch und reduziert einen einzelnen Menschen auf ein negatives Bild (wobei eine kopftuchtragende Frau in der Sprache, zumindest im Deutschen, gleich doppelt diskriminiert wird: als Frau und als kopftuchtragende Frau).

Um solche Kategorisierungen und Stereotypen geht es im größeren Teil von Kübra Gümüşays Buch. Unzählige Beispiele verdeutlichen, wie öffentliche Diskurse funktionieren, die klammheimlich oder ganz offen rassistische Inhalte propagieren oder durch die Hintertür in die Gesellschaft einschmuggeln. „Im März 2019 wurde ein schwangere Berlinerin von einem Mann in den Bauch geschlagen – in der Berichterstattung hieß es, dass sie wegen ihres Kopftuchs angegriffen worden sei. Doch nicht ihr Kopftuch war der Grund für den Angriff, sondern die Tatsache, dass der Täter ein Rassist war“ – ein Beispiel für eine Diskursverschiebung mittels Stereotypen, die Rassist*innen entlastet. Immer wieder wird deutlich, wie Menschen, die nicht dem Bild des Deutschen oder der Deutschen entsprechen, das sich die Mehrheit dieser von sich selbst macht, sprachlich und real diskriminiert und verletzt werden – welchen Aufschrei es gibt, zeigt sich, wenn der Spieß einmal probeweise umgedreht wird und die Privilegien alter, weißer Männer oder Rassismus bei der Polizei angeprangert werden.

In den beiden letzten Kapiteln ihres Buches versucht die Autorin, Auswege aufzuzeigen, die nicht darin münden, die Sprache zu verlassen oder eine ganz neue zu erfinden. Sie plädiert für ein freies Sprechen, in dem versucht wird, Diskriminierungen zu vermeiden, ohne das Bewusstsein der Unzulänglichkeiten der Sprache zu vergessen, ganz im Sinne Brechts, den sie zustimmend zitiert (was dieser schon 1935 schrieb): „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik“. Derart könnten jeder und jede beginnen, sensibel mit Sprache umzugehen; Anlässe dazu gibt es genug, Unworte wie Volk und Heimat haben sich längst wieder im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert.

Und Kübra Gümüşay beharrt zu Recht darauf, dass eine Sprachsensibilisierung und eine Diskussion über gesellschaftliche Strukturen, die eine normative Sprache widerspiegelt, ihrerseits sensibel sein sollte: niemand sollte seinen oder ihren Standpunkt verabsolutieren und wiederum Kategorien und Stereotypen produzieren. Das heißt natürlich nicht, wie die Autorin auf einer Lesung in Göttingen klarstellte, reaktionären Standpunkten und Sprachformen (etwa bei der AfD) nicht entschieden entgegenzutreten, denn eine sensible und fruchtbare Diskussion ist nur möglich, wenn auf beiden oder allen Seiten die Bereitschaft dazu besteht. Angesichts des Geschwafels der AfD, den Hassreden eingefleischter Rassist*innen, den verstockten Trotzreaktionen alter, weißer Männer, die nicht auf Privilegien verzichten wollen, und allem anderen Gerede, das Unterdrückung rechtfertigt, bleibt dann nur, die Hegemonie in der Gesellschaft zu erringen – auch durch Sprache und ihre Veränderung.

Obwohl das Buch vieles behandelt und erhellend auf den Punkt bringt, ist es keine schwere Kost. Es ist für alle problemlos lesbar, auch für jene, die ansonsten nicht viel von Theorie halten, und für jene, die sich noch nie (eingehender) mit Sprache, Sexismus und Rassismus auseinandergesetzt haben – kurzum: es ist ein rundum gelungenes Buch.

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser, 206 Seiten, 18 Euro.

 

 

Streulicht

Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in einem proletarischen türkisch-deutschen Elternhaus auf. Das Haus, in dem der Vater Dinge hortet, steht in einem Vorort von Frankfurt, geprägt von Industrie, die die allgegenwärtige Kulisse bildet. Licht, Staub, Partikel in der Luft, der Geruch, eine bestimmt Sorte Schnee, die nur dort fällt.

Die Protagonistin ist das einzige Kind aus einem Arbeiterhaushalt am Gymnasium, aber sie kann sich nicht zurechtfinden in der Institution, deren Besuch für alle anderen so selbstverständlich ist. Ihren Platz dort zu sehen, schafft sie zuerst nicht. Eine Ahnung hat sie, dass es etwas mit Haltung zu tun hat, mit gewaschenen Haaren, und damit, dass sie ihre Mathehausaufgaben löst, während sie auf einem weißen Plastikstuhl sitzt und dabei eine Talkshow im Fernsehen läuft. Sie kämpft und macht schließlich doch Abitur. Trotzdem bleibt sie dem Vater nah, obwohl er kein Verständnis für ihren Wunsch hat, Abitur zu machen und zu studieren.

Zu ihren Freunden aus Kindertagen hält sie lose Kontakt, aber auch diese legen Maßstäbe an, die   ihren gesellschaftlichen Status zementieren. Obwohl sie selbst studieren, stellen sie die Studienpläne der Protagonistin in Frage und zweifeln offen an, ob das mit dem Studieren für sie wirklich das Richtige ist.

Es geht um die Frage, was die bürgerlichen Codes sind, die von akademischen Eltern selbstverständlich an ihre Kinder weitergeben werden. Und wie geht man damit um, wenn einer das alles fehlt?

Das Buch ist eine Geschichte mit zarten und harten Elementen, eine Milieu- und Sozialstudie in Romanform.

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp, 285 Seiten, 22 Euro.

 

 

Pixeltänzer

Die Autorin schafft es, die moderne, digitale Welt auf stimmige Weise mit der Welt der 1920er Jahre zu verbinden und daraus etwas zu schaffen, was sich fast wie ein Märchen liest und einen zufrieden und verträumt, aber auch etwas melancholisch zurück lässt. Ihre Protagonistin Beta arbeitet in einem Start-up und kreiert nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben Dinge, die zwar ganz lustig und ungewöhnlich sind, aber nicht wirklich einen Sinn haben. Schließlich tritt sie über eine App mit einem Fremden in Kontakt, der sie auf eine Art halb digitale, halb analoge Schnitzeljagd schickt. Die Leser*innen entdecken mit Beta die (wahre) Geschichte des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt, die in den 20ern avantgardistische Tänze in aufwendig gestalteten Masken aufführten und ein tragisches Ende fanden.Es wird eine spannende Geschichte mit überraschenden Wendungen erzählt, die feinsinnig gestaltete Stimmung mit einem Hauch von Einsamkeit und Sinnsuche machen eine Identifikation und ein Nachempfinden mit der Protagonistin leicht, obwohl diese ungewöhnliche Hobbies hat. Es entsteht ein Eindruck des Verlorenseins und der Suche nach einer Nische, in der man seinen eigenen, individuellen Abdruck hinterlassen kann. Das Buch kann man nicht mehr aus der Hand legen, und es so ziemlich jedem empfehlen, der auch nur entfernt etwas mit Apps, Tanz oder Büchern zu tun hat. Berit Glanz: Pixeltänzer. Schöffling, 2019, 250 Seiten, 20 Euro, oder Büchergilde Gutenberg, 19 Euro.  Frauenwunderland Länder in Afrika – und da ist es fast egal, von welchem Land man spricht – werden fast immer nur im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, Hunger und Not oder Korruption und Autokratie in Zusammenhang gebracht. Dabei fällt leider stets unter den Tisch, was dort alles an Neuerungen und Entwicklungen geschieht. Ruanda beispielsweise ist Deutschland nicht nur in der Umweltgesetzgebung weit voraus, sondern auch im Bereich der Gleichberechtigung. Abgesehen von LGBTQ*-Rechten können wir uns eine Menge aus den ruandischen Reformen in dem Bereich abgucken. Ruanda hat den höchsten Frauenanteil in allen Parlamenten weltweit und innerhalb weniger Jahre eine Menge Gesetze zum Schutz und der Förderung von Frauen in Kraft gesetzt.Barbara Achermann hat sich in Ruanda mit unterschiedlichen Menschen unterhalten. Es kommen aufstrebende Unternehmerinnen zu Wort, eine Parlamentarierin, ein Aktivist in einer Organisation, die Männern die Lösung aus den vielerorts immer noch vorherrschenden traditionellen Rollenbildern nahe bringt, und eine Radiomoderatorin, die Workshops und Sendungen über Sex abhält. Wie nebenbei berichtet Barbara Achermann über Aspekte des Lebens in Ruanda – ob es um die Offenheit für Innovationen und technische Neuerungen geht oder um fehlende Infrastruktur, Armut, die noch sehr präsenten traditionellen Werte und die Wunden des Genozids. Etwas mehr kritische Betrachtungen des politischen Systems wären zu wünschen gewesen, stellenweise ergibt sich die Autorin etwas zu sehr in Utopien und Optimismus. Und leider ist es traurig, wie sehr die Gegenwart noch von den Auswirkungen des Genozids geprägt ist.Doch insgesamt ist der schmale Band ein weiter und bunter Einblick in ein Land, das die meisten von uns nur als Ort eines tragischen Fehlers der UNO kennen und das nicht nur innerhalb von weniger als 30 Jahren einen weiten Sprung in die Zukunft gemacht hat, sondern auch viel mehr Potential auf der internationalen Ebene hätte. Barbara Ackermann: Frauenwunderland. Reclam, 2018, 184 Seiten, 18,95 Euro.  Mädchen brennen heller Für den Roman von Shobha Rao braucht es eine stabile Stimmung und einen starken Magen, doch die Leser*innen werden belohnt mit einer Geschichte unerschütterlicher Freundschaft und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Purnima und Savita wachsen in tiefer Armut und umgeben von patriarchalen, scheinbar unbeweglichen Strukturen und dem indischen Kastensystem auf. Ihre Freundschaft erscheint wie eine wunderschöne Liebesgeschichte, ohne wirklich eine zu sein. Savita ist gefüllt mit Hunger nach mehr im Leben und reißt Purnima mit in ihrem festen Glauben, dass die beiden zusammen alles schaffen können. Doch irgendwann holt die Gewalt sie ein und Savita verschwindet. Purnima macht sich daraufhin auf die verzweifelte Suche nach ihr und ist dafür bereit, jedes Opfer zu bringen und jeden Berg zu erklimmen, der sich auf ihrem Weg zu Savita vor ihr auftut. Die verzweifelte Hoffnung und die angehenden Grausamkeiten, die Frauen und Mädchen jeden Tag an Seele und Körper angetan werden, werden durch Shobha Rao verknüpft zu einer Geschichte, die zu lesen sich wirklich lohnt. Der Satz von Savita zu Beginn des Romans fasst die Stimmung gut zusammen: „Was ist die Liebe denn, Puri? (...) Was ist die Liebe, wenn nicht ein Hunger?

Shobha Rao: Mädchen brennen heller. Elster, 2019, 381 Seiten, 24 Euro.  

 

Tango, Fussball und ein Mord

Es ist das Jahr 1933, Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, traurige Tangos erklingen im Radio. Einem jungen Mann, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt und davon träumt, selbst einen Tangotext zu schreiben, winkt ein Angebot, ein Gelegenheitsjob, der sein Leben verändern wird. Der berühmteste Fußballspieler des Landes hat seinen Verein in Buenos Aires Hals über Kopf im Stich gelassen, schon damals war eine Menge Geld im Spiel im argentinischen Fußball, und der junge Mann soll ihn überreden, gegen ein gutes Entgelt, zu seinem Club zurückzukehren; wie ihm das gelingt, bleibt ihm überlassen.

Was wie eine kleine Erpressung beginnt, weitet sich bald aus; der junge Mann wird in einen Strudel aus Ereignissen gezogen, die ihm über den Kopf wachsen: ein Mord an der Tochter eines berühmten Argentiniers, der den Faschisten nahe steht, ein mafiöser Schlachthofbesitzer, der sich sehr für den Fußballer interessiert, eine mögliche Beziehung zwischen dem Fußballer und der toten Tochter, integre und weniger integre Journalisten, einige Anarchisten, korrupte Polizisten und eine Frau, die dem jungen Mann mal ihre Gunst schenkt und mal nicht. Und über allem thront der Tango; das ganze Buch ist wie ein Tango.

Martin Caparrós: Väterland. Wagenbach, 283 Seiten, 22 Euro.

 

 

Trau dich, sag was!

Manchmal siehst du hilflos zu, wenn jemand traurig ist und du glaubst, nicht die richtigen Worte zu haben, die trösten können.

Trau dich, hinzugehen und einfach da zu sein, auch das ist oft schon eine große Hilfe.

Manchmal siehst du, dass jemandem wehgetan wird, und du glaubst, nicht mutig oder laut genug zu sein, um etwas zu tun.

Trau dich, wütend zu werden, wenn du Ungerechtigkeiten beobachtest und schäme dich nicht dafür, wenn deine Art, dich auszudrücken, besonders ist.

Auch ein Bild zu malen kann etwas bewirken, genauso wie leise zu sagen: Stop, das ist fies!

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, deine Meinung auszudrücken, trau dich auf deine Weise!

Ein Bilderbuch zum Mutig sein und Begreifen, dass kleine Gesten und Dinge auch viel bewirken können und es nicht darauf ankommt, wie groß jemand ist, sondern dass alle Kinder ihre eigenen Ausdrucksweisen haben, die gleich wichtig und richtig sind, wenn es darum geht, sich für andere Menschen einzusetzen. Das Buch erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern zeigt mit kleinen Bild-Episoden verschiedene Handlungsvorschläge.

Die Zeichnungen spiegeln bewusst diverse Identitäten wieder, sodass auch schüchterne Jungs, Schwarze Mädchen oder be_hinderte Kinder sich in diesem Buch wiederfinden können.

Peter Reynolds: Trau dich, sag was. Sauerländer, 40 Seiten, 14,99 Euro.

 

 

In der Wildnis von Idaho

Eine ältere Frau, sie wurde noch vor dem zweiten Welt Krieg geboren, heiratete jung, wie es sich gehört(e), verbrachte ihr Leben in der texanischen Provinz, ging sonntags in die Kirche und half ehrenamtlich in der Schulbibliothek aus. Nichts Weltbewegendes passierte ihr, bis sie, schon im Ruhestand, mit ihrem Ehemann eine Woche Urlaub machen wollte – in einer Blockhütte an einem einsamen See in den Bergen von Idaho, wo kaum ein Mensch lebt. Doch auf der letzten Etappe ihrer Hinreise, das Buch hat kaum begonnen, stürzt das Kleinflugzeug ab, das sie an ihr Ziel bringen sollte – der Pilot und der Ehemann sterben, nur die alte Frau überlebt. Sie verfügt zwar über Fähigkeiten, die unsere Großmütter noch hätten tradieren können, wenn nicht die Tiefkühl- und Lieferpizza ihren Siegeszug angetreten hätte, aber allein, auf sich gestellt, ohne Orientierung und weit entfernt von den nächsten Ausläufern der Zivilisation, hat sie keine Chance zu überleben, was ihr selbst unmissverständlich klar ist. Dennoch macht sie sich auf den Weg, weg vom Flugzeugwrack, da sie aus einem Tal Rauch aufsteigen sieht.

Da ist noch eine andere Frau, eine Rangerin, die in Idaho als Försterin und Polizistin lebt. Sie ist tiefunglücklich, ihr Ehemann hat sie gerade verlassen und ist in die weite Welt aufgebrochen, und ohne ihre Thermoskanne voller Merlot unternimmt sie keinen Schritt außerhalb und innerhalb ihres Hauses. Sie erfährt von dem Flugzeugabsturz und beschließt, die Überlebende zu finden, selbst als alle anderen davon abraten, weil schon zu viel Zeit vergangen sei; ihr zur Seite stehen ein paar andere Menschen, die alle irgendwie am Leben verzweifeln, weil in ihrer Vergangenheit Tragödien lauern, die in der einsamen Wildnis von Idaho kaum auffallen.

Beide Frauen beginnen im Lauf der Suche über ihr Leben nachzudenken. Die alte Frau, die vermisste, begegnet mitten in der Wildnis einem Schutz- oder gefallenen Engel, der sich nicht zu erkennen gibt und nichts über sich erzählt, aber über die Fähigkeit verfügt, als Jäger und Sammler in der Wildnis zu überleben. Während er die alte Frau mit Fleisch versorgt und abends ein Feuer anzündet, zieht an dieser ihr Leben in Versatzstücken vorbei, und sie erkennt mit jedem Tag, der vergeht, dass die Konventionen und moralischen Grundsätze ihres früheren Lebens angesichts ihrer aktuellen Erfahrungen zwar nicht aufgelöst werden oder implodieren, aber auf eine gewisse Art verblassen, so dass sie lernt, ihr Leben als eines unter vielen zu verstehen und andere Lebensentwürfe als gleichberechtigt anzusehen. So sehr überschreibt die Gegenwart ihre persönliche Geschichte, dass sie eine erste Chance zur Rettung aktiv verweigert und lieber in der Wildnis bleibt; erst als sie ihren Wohltäter verliert, macht sie sich eigenhändig auf, die Welt der Zivilisation wieder zu betreten – in der sie dann noch lange in einem Altersheim lebt und ihre Geschichte aufschreibt.

Ähnliches passiert der Rangerin. Sie geht teilnahmslos eine Affäre mit einem Kollegen ein, der zur Verstärkung geschickt wurde, und freundet sich mit dessen Tochter an, die an den Tragödien ihrer Familie zu zerbrechen droht (das meint jedenfalls ihr Vater) und oft Wahrheiten ausspricht, die niemand gern hört. Die Suche nach der Vermissten bleibt erfolglos, aber während des Misserfolgs lernt die Rangerin sich selbst besser kennen und einiges über ihr bislang glückloses Leben, bis sie einen Schlussstrich zieht und in die Stadt umzieht.

Wie in jedem guten Buch ergänzen sich der Erzählstil, die eigentliche Geschichte und ihr nicht ausbuchstabierter Hintergrund aufs Beste. Wenn die alte Frau Episoden aus ihrem Leben erzählt, wirkt der Stil so, wie sich jemand Unterhaltungen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in einer evangelikalen Kirche vorstellt, und der Kontrast zum Inhalt der Gedanken, die die Frau schildert, lässt eine Atmosphäre entstehen, als ob ein katholischer Prediger in Anklängen ans lutherische Bibeldeutsch seiner Gemeinde nahe legt, dass, solange Menschen glücklich miteinander leben, es ein sündhaftes Zusammenleben nicht gibt. Es ist dieser Kontrast zwischen Sprache und Inhalt, der einen nicht unerheblichen Reiz der Geschichte ausmacht – die zugleich eine doppelte Abenteuergeschichte ist: die Erlebnisse einer Vermissten und die Suche nach ihr.

Rye Curtis: Cloris. Beck, 352 Seiten, 24 Euro.

 

 

Wir UNTOTEN des Kapitals

Raul Zelik benutzt den Zombie als Metapher für das Leben im Kapitalismus. Die „Abläufe in unserem Leben folgen einer Logik, auf die wir keinen Einfluss zu haben scheinen, ja die unseren Interessen diametral widersprechen“. Ähnliche Metaphern wurden schon von anderen Autoren zur Gesellschaftsanalyse benutzt (Christoph Spehr: Die Aliens sind unter uns, leider vergriffen, oder Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, 2010).

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Warenform alles beeinflusst, selbst Freundschaften und Liebesbeziehungen, in einer Gesellschaft, die geprägt ist durch „Blödmaschinen“ (Seeßlen/Metz), ökonomisch geprägte Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge (Wohnen, Gesundheit, Nahverkehr, Bildung). Diesen Tatbeständen setzt Zelik das Konzept eines „grünen Sozialismus“ entgegen. Dieser Sozialismus wird mit dem Realen Sozialismus des 20. Jahrhunderts kontrastiert. Zelik beschreibt sein Scheitern anhand von Negativbeispielen aus der Sowjetunion, der chinesischen Kulturrevolution und der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung.

Er wirbt für einen Sozialismus, der das gesellschaftliche Leben in den Mittelpunkt rückt, begleitet von der Übernahme der politischen und ökonomischen Macht. Das ökosozialistische Projekt darf sich nicht nur um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse bemühen, sondern muss aus der Frage, „inwiefern Naturverhältnisse, Konsummodelle und Lebensverhältnisse mit den Klassen- und Herrschaftsverhältnissen verschränkt sind“ eine konkrete Utopie vom Sozialismus entwickeln. Dieser Sozialismus muss Feminismus, Geschlechterverhältnisse, Antirassismus, Antidiskriminierung und insbesondere ökologische Aspekte einbeziehen.

Die alte linke Frage Reform oder Revolution wird von Zelik als wechselseitig wirksam begriffen. Daraus entwickelt er ein ziemlich komplexes System, das eine Räte- und Wirtschaftsdemokratie als Alternative zur Krise der repräsentativen Demokratie vorschlägt, auch die Eigentumsfrage bleibt als zentraler Hebel auf der Agenda, die bisher auf der „Verknüpfung von Eigentum, Macht und politischer Unfreiheit“ aufbaut. Viele Aktivierungsfelder werden angesprochen und ausführlich dargelegt, u.a. die Gemeinwesenfrage – Commons (vgl. etwa Silke Helfrich: Commons, transcript 2014; Silke Helfrich/David Bollier: Frei, fair und lebendig - Die Macht der Commons, transcript 2020; Christian Felber, Gemeinwohlökonomie, Piper 2018 ).

Der Buchtext ist zusammengesetzt aus sozialwissenschaftlicher Analyse, feuilletonistischem Essay und politischem Programm. Der Essay ist nicht trocken geschrieben, sondern Bilder, Anekdoten und Witze tragen zur Auflockerung bei. Das Buch bietet eine sehr gute Diskussionsgrundlage, welche Schritte für „einen grünen Sozialismus“ notwendig sind.

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp, 328 Seiten, 18,00 €

 

 

Desintegriert euch!

Max Czollek schreibt an gegen das sich in Deutschland verschärfende und immer weiter nach rechts driftende Klima. Er schreibt aus einer jüdischen Perspektive gegen die Vereinnahmung der Opfer der Shoah durch die Täter*innen und deren Nachkommen, gegen ritualisiertes Gedenken, das oft vor allem den Täter*innen und ihren Nachkommen nützt, aber wenig wirklich mit den Opfern zu tun hat.

„Desintegriert euch!“ geht dem Bild auf den Grund, das die BRD von sich selbst entwirft: Das einer geläuterten Nation, die gelernt, entschädigt und gutgemacht hat. Er hält dem entgegen, dass nichts wieder je gut sein kann nach Auschwitz. Max Czollek bleibt unversöhnlich und will Rache, sei es auch nur literarisch.

Der Autor bleibt „still not loving germany“ und beschäftigt sich in seinem 2020 erschienenen Buch „Gegenwartsbewältigung“ mit dem Gedankenmodell, das den Begriffen Integration und Leitkultur zu Grunde liegt: Ein tief verankertes Selbstverständnis von Nationalismus, Kulturalismus und der Konstruktion eines völkischen „Wir“. Die Fähigkeit, schnell und entschlossen zu handeln, hat Deutschland im Umgang mit Covid 19 bewiesen. Aber wo hört die viel beschworene Solidarität auf?

An den Außengrenzen Europas zum Beispiel – oder wenn es um rechte Strukturen in Polizei und Verfassungsschutz geht, deren Verankerung im Staatsapparat nicht ansatzweise bekämpft wird. Auch fehlt es an Solidarität mit den Opfern rassistischer Gewalt, eine Solidarität, die zum Handeln gegen Nazis und deren stützende Strukturen zwingt. Die Morde des NSU, die  Morde von Hanau, der Angriff auf die Synagoge von Halle. Rechter Hetze folgen Taten - noch immer wird anhand völkischer Vorstellungen bestimmt, wer zur schützenswerten Gemeinschaft gehört und welche Leben nicht schützenswert zu sein scheinen.

 

Beide Bücher sind auch Aufrufe, sich zusammenzuschließen und Bündnisse gegen den weiß-deutschen Mainstream zu knüpfen, mit Ernsthaftigkeit rechten Terrorismus zu bekämpfen und die Deutungsmacht über Zugehörigkeit neu zu bestimmen.

Max Czollek: Desintegriert euch! btb, 206 Seiten, 10 Euro.

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. Hanser, 205 Seiten, 20 Euro.


(Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)

Unterkategorien

Die Katze und der General

Der neue Roman von Nina Haratischwili spielt in den Jahren 1995 bis 2016. Handlungsorte sind Tschetschenien, Moskau und Berlin. Prägende Gestalt ist Aleksander Orlow, später als Oligarch ‚General‘ genannt.

Als junger Mann wird er in den ersten Tschetschenischen Krieg eingezogen. 1995 kommt er, desorientiert und unbedarft, an die nordkaukasische Front. Die russische Einheit ist in einem abgelegenen Tal stationiert. Der befehlshabende Oberst Schurjew wird als unzurechnungsfähig, alkoholkrank und gewalttätig beschrieben. Es finden momentan keine Kriegshandlungen statt, Misstrauen beherrscht die Atmosphäre. Als Küchenhilfen versuchen Aleksander und sein Freund, den Kontakt zu Nura herzustellen, einer jungen Frau aus dem Ort, die den engen Moralvorstellungen entfliehen und woanders ein freieres Leben führen wollte. Sie ist die einzige aus der Zivilbevölkerung vor Ort, die ihnen Lebensmittel verkauft. Dieser Kontakt wird den Dreien auf unterschiedliche Weise zum Verhängnis, als der folternde und paranoide Oberst der russischen Einheit von den Treffen erfährt. Nura stirbt. Auch Aleksander wird zum Täter.

Rund zwanzig Jahre später in Berlin: Aleksander Orlow, inzwischen von allen nur noch der General genannt, hat es zum Oligarchen samt Villa gebracht. Als er das Plakat einer Schauspielerin, sie nennt sich Katze, sieht, ist er gebannt, wie ähnlich sie Nura sieht. Die Nacht im Kaukasus lässt ihn nicht los. Er nimmt Kontakt zu Katze auf.

Die junge Frau hat zwar ein Engagement, aber trotzdem Geldsorgen und leider nur wenige erfolgversprechende Castings. Der Kontakt zu ihrer Familie ist sporadisch. Sie liebt ihre Großmutter, die aus Georgien gekommen ist, um ihre Tochter und die Enkelinnen zu besuchen, und versucht, ihren Platz zwischen Exilgemeinde und eigenem Leben zu finden, was ihr nur beim Theater gelingt. Sie geht in den Rollen förmlich auf. Wie schon in ihrem letzten Roman beschreibt Haratischwili gekonnt an drei Generationen von Frauen politische und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Der Vertrag, den der General ihr anbietet, würde ihre und die Geldnöte ihrer Familie beheben. Sie zögert, Videoaufnahmen von sich machen zu lassen, bei denen sie wie Nura aussehen soll. Wie soll sie die Folgen abschätzen? Und Onno, der Journalist, ist ihr auch keine große Hilfe. Die beiden freunden sich zwar an, aber seine eigenen Interessen, ein Buch über den General schreiben, die ‚Wahrheit‘ aufzudecken, stehen an erster Stelle.

Letztendlich entscheidet sich Katze für die neue Rolle als Nura. Onno ist erleichtert. Der General wird jetzt versuchen, mit Hilfe des Videos als Druckmittel, seine Form von Gerechtigkeit walten zu lassen. Russisches Roulette nach seinen Regeln?

Die Autorin beschreibt, wie Gewalt und Krieg in der postsowjetischen Ära, auch nach Jahrzehnten, das Leben und die Handlungen der Menschen beeinflussen oder sie handlungsunfähig machen. Passenderweise ist das Ende offen.

 Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro (auch bei der Büchergilde Gutenberg für 30 Euro).

 

 

 

 

Der zweite Reiter

Wien, November 1919. Wohnungsnot, Hunger und Elend bestimmen den Alltag der vormaligen K.u.K-Metropole, der Schwarzhandel blüht. August Emmerich, ein Rayonsinspektor, mit einer Knieverletzung aus dem Weltkrieg zurückgekehrt, und sein Assistent Winter verfolgen einen berüchtigten Schwarzhändler, als sie über die Leiche eines vermeintlichen Selbstmörders stolpern.

Emmerich hat so seine Zweifel, doch niemand interessiert sich für den Tod eines Kriegszitterers, schon gar nicht seine Vorgesetzten. Dann taucht jedoch eine weitere Leiche auf, und der Inspektor beginnt zu ermitteln, in der Hoffnung mit der Lösung des Falls die langersehnte Versetzung in die Kriminalabteilung „Leib und Leben“ zu bekommen.

Die Nachforschungen führen Emmerich und Winter in Obdachlosenheime, finstere Kneipen, zu Unterweltbossen und zur Oberschicht, die der untergegangenen Habsburg-Monarchie nachtrauert.

Der Roman ist der Auftakt zu einer Serie und wurde mit dem Leo-Perutz-Preis 2017 ausgezeichnet.

 Alex Beer: Der zweite Reiter, Blanvalet, 384 Seiten, 9,99 Euro.

 

 

 

 

Ein ganz normales Leben

Mein Großvater, so beginnt die Geschichte nach einer kurzen Episode aus dessen Leben, in der er seinen Chef in einem Wutanfall nach einer Kündigung mit einem Telefonkabel zu erdrosseln versucht, sein Vorhaben jedoch aufgibt, als er zur Besinnung kommt, lag 1989 seit zwei Wochen mit Knochenkrebs im Bett des Gästezimmers der Mutter des Erzählers und im Sterben; der Erzähler, sein Enkel, kommt dazu, um die letzten Tage bei ihm zu sein.

Jeden Tag setzt sich der Enkel ans Bett des Großvaters, den er kaum kennt, und der beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen, wie sie ihm gerade durch den Kopf geht. Kurz vor dem Sterben soll das Leben ja in Sekundenschnelle vor dem inneren Auge vorbeiziehen, und so ähnlich entfaltet sich das Leben des Großvaters, wie ein Kaleidoskop; alle Erinnerungen sind zugleich da, und welche gerade in Worte gefasst wird, hängt vom Zufall, von Nachfragen und vom Spiel der Assoziationen ab. Der Enkel lernt Puzzlestücke eines Lebens kennen, die nicht zu einander passen und kein fertiges Bild ergeben werden.

Aufgewachsen im jüdischen Milieu Philadelphias in den 20er Jahren, meldete sich der Großvater 1941 freiwillig zur Armee, um gegen die Nazis zu kämpfen. Wie Q, der Quartiermeister von James Bond, lernte er, tödliche Kugelschreiber und andere phantasievolle Geräte zu bauen, und da er seit jeher von Raketen fasziniert war und nicht verstand, warum die Nazis ein Symbol des Fortschritts in ein Vernichtungsmittel verwandelten, machte er sich auf die Suche nach einer V2-Rakete und ihren Erfindern, vor allem nach Wernher von Braun, um sie zur Verantwortung zu ziehen.

Sein Leben lang begleiteten ihn Raketen und die Raumfahrt; er baute Bastelsätze von Raketen und arbeitete bis zum Schluss am Modell einer Raumstation, in der, so stellt er es sich vor, er und seine Frau Platz finden könnten. Diese lernte er nach dem Krieg kennen, als sie mit seinem Bruder, der sich vom Lebemann in einen Rabbi verwandelt hatte, verkuppelt werden sollte, und die Szenen, in denen sich der desillusionierte Kriegsveteran und seine zukünftige Frau, die die Nazigräuel mit ihrer Tochter, der Mutter des Erzählers, überlebt hatte, gehören zum Schönsten, was die Literatur hervorgebracht hat. Schnell merkte der Großvater jedoch, dass seine Frau während des Kriegs Dinge erlebte, über die sie nicht sprechen mag und kann und es ihr unmöglich machten, eine normales Leben zu leben.

Andere Puzzlestücke mischen sich ins Lebenspanorama des Großvaters, das sich in etwas Besonderes verwandelt (wie es, so legt es der Roman nahe, mit jedem Leben geschieht, wenn genau hingesehen wird): das Leid jener, die es geschafft haben, die Naziherrschaft zu überleben, der persönliche Preis fürs Überleben, der unglaubliche Umgang der USA mit Kriegsverbrechern wie Wernher von Braun, eine Hommage an Thomas Pynchons Enden der Parabel, die irren Verhältnisse in psychiatrischen Anstalten und im Knast (und im Kloster), Sex, Liebe und Zufriedenheit im Alter, unaufgelöste Familiengeheimnisse und vieles mehr. Warmherzig begleitet der Autor seine Personen in guten wie in schlechten Zeiten, und niemals mokiert er sich über ihre Fehler und falsche Antworten auf die Herausforderungen des Lebens. Er nimmt die subjektive Erinnerung ernst, von der niemand weiß, ob sie die Wirklichkeit abbildet oder nur ein Phantasieprodukt ist, und es gelingt ihm etwas Seltsames und Seltenes: er unterhält die Lesenden, wenn sie lesen, und bringt sie sogar zum Lachen.

Michael Chabon: Moonglow. Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 24 Euro.

 

 

 

 

Und vom gleichen Autor:

Wenn es Israel nicht gäbe

Die imaginäre Welt im Buch zweigte 1948 von der realen Weltgeschichte ab: Israel überlebte nicht, statt dessen überließen die USA flüchtigen Juden und Jüdinnen eine Provinz in Alaska als neue Heimat mit Jiddisch als Amts- und Alltagssprache (einen solchen Plan gab es 1940 tatsächlich). Doch nun, in der fiktiven Gegenwart so der Plot, soll sich die Geschichte wiederholen und die Provinz wieder an Alaska zurückgegeben werden – eine neue Vertreibung droht.

Ein Detektiv muss in einem Mordfall ermitteln: in seinem Hotel – seine Ehe ist in einer Krise, er säuft und seine Karriere stockt – wurde ein Zimmernachbar getötet. Die Ermittlungen führen den Detektiv zurück in die Geschichte des jüdischen Alaska, zu religiösen Randströmungen und Schachweltmeistern, und er merkt, dass es um etwas Größeres geht.

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten. Kiepenheuer & Witsch, 458 Seiten, 12 Euro.

 

 

 

 

Der Apfelbaum

 „Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wir Nachgeborenen die Verantwortung. Wollen wir mit dem Satz Irgendwann muss doch mal Schluss sein die Menschen von damals ein zweites Mal ermorden? Wie viele Namen wollen wir denn mit einem sauberen Schlussstrich eliminieren?“

In „Der Apfelbaum“ erzählt Christian Berkel die Liebes- und Lebensgeschichte seiner Eltern Sala und Otto. Sie beginnt mit dem Kennenlernen der Großeltern mütterlicherseits in einer anarchistischen Kommune auf dem Monte Verità, Ascona, sowie dem Arbeiter*innen-Leben der anderen Großeltern in einem Kreuzberger Hinterhof.

Sala und Otto lernen sich 1932 unter ungewöhnlichen Umständen kennen - und lieben. Obwohl erst 13 und 17 Jahre alt, wissen sie mit Bestimmtheit, dass sie ihr weiteres Leben miteinander verbringen wollen. Doch 1938 muss die Jüdin Sala flüchten, nach Stationen in Madrid und Paris wird sie im Lager Gurs interniert, entgeht nur durch Zufall der Deportation und kann in Leipzig untertauchen, während der Kommunist Otto nach erfolgreichem Medizinstudium als Arzt an der Ostfront eingesetzt wird und später in Kriegsgefangenschaft gerät, aus der er 1950 nach Berlin heimkehrt.

Sala hingegen ist nach Kriegsende nach Argentinien ausgewandert, fernab von Deutschland will sie endlich leben und ihr Glück finden. Das erweist sich als schwierig, und so kehrt sie nach Berlin zurück und trifft nach vielen Jahren endlich Otto wieder.

 Christian Berkel: Der Apfelbaum, Ullstein, 413 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

 

Desintegriert euch!

Max Czollek schreibt an gegen das sich in Deutschland verschärfende und immer weiter nach rechts driftende Klima. Er schreibt aus einer jüdischen Perspektive gegen die Vereinnahmung der Opfer der Shoah durch die Täter*innen und deren Nachkommen, gegen ritualisiertes Gedenken, das oft vor allem den Täter*innen und ihren Nachkommen nützt, aber wenig wirklich mit den Opfern zu tun hat, und damit den Widerstand der Opfer delegitimiert. Er bezeichnet sein Buch als Versuch, das deutsche Bild von den Juden - und was die lebenden Juden und Jüdinnen mit diesem Bild zu tun haben - zu analysieren.

„Desintegriert euch!“ geht dem Bild auf den Grund, das die BRD von sich selbst entwirft: Das der geläuterten Nation, die gelernt, entschädigt und gutgemacht hat. Er hält dem entgegen, dass nichts wieder je gut sein kann nach Auschwitz. Max Czollek bleibt unversöhnlich und will Rache, sei es auch nur literarisch.

Czollek benennt den Einzug der AfD in die Parlamente, als das, was es ist: Zwar als Einschnitt, dass eine offen völkisch auftretende Partei in die Parlamente zieht, und somit als direkte Bedrohung, gleichzeitig aber auch als konsequente Entwicklung eines nationalistischen Deutschlands, das die Täter*innen nach dem Nationalsozialismus zügig wieder zu integrieren vermochte.

Das Buch ist ein Aufruf, sich zusammenzuschließen und Bündnisse gegen den weiß-deutschen Mainstream zu knüpfen, sich die Erinnerung, die Geschichte und das Gedenken zurück-zuholen und nicht den Täter*innen zu überlassen.

Der Autor is „still not loving germany“ und schreibt gegen gegen die „endlich wieder wer sein können“-Rufe auf der Straße bei Sportereignissen, gegen Integrationszwang, Leitkulturgerede und ein nationales Selbstverständnis, das sich anmaßt, Zugehörigkeit anhand völkischer Vorstellungen bestimmen zu wollen.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser, 206 Seiten, 18 Euro.

 

 

 

 

Das Lied der Krähen

Ketterdam - pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten. Kaz Breker, Dieb und Bandenführer, hat einen neuen Auftrag an Land gezogen, den gefährlichsten und lukrativsten Auftrag seiner Karriere. Dreißig Millionen Kruge - das ist die Belohnung für die Meisterung einer unmöglich scheinenden Mission.

Damit der Coup gelingt, benötigt er natürlich die beste Crew, die es auf Ketterdams Straßen zu finden gibt. Und so machen sich die sechs jungen Gefährt*innen auf den Weg, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien.

Und damit beginnt das große Aben-teuer. Aber nicht (nur) mit großem Schwertgerassel, mit blutigen Kämpfen, sondern auch mit interessanten Ideen und jeder Menge Geheimnissen und Verwicklungen, denn Kaz Breker benutzt lieber seinen Kopf, um seine Ziele zu erreichen.

Actionreiche und unterhaltsame Fantasy, nicht nur für Jugendliche, und glücklicherweise geht die Geschichte mit „Das Gold der Krähen“ weiter.

Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen, Knaur, 585 Seiten, 16,99 Euro.

Leigh Bardugo: Das Gold der Krähen, Knaur, 592 Seiten, 16,99 Euro.

 

 

 

 

Zu Ende befreite Sklaven und Sklavinnen?

Mitte des 21. Jahrhunderts leben die wenigen Reichen in Gated Communities, abgeschottet vom Rest der Bevölkerung. Die Grundbedürfnisse wären eigentlich für alle kostenlos zu befriedigen, 3-D-Drucker produzieren Lebensmittel, Kleidung und sogar Häuser fast zum Nulltarif, wenn es nicht Patente, Markenrechte und den Kopierschutz gäbe; statt dessen gibt es Geld, Ausbeutung und grenzenlose Überwachung. Zusammengehalten wird diese Gesellschaft, wie die heutige, durch das Versprechen, dass ein Aufstieg möglich ist, wenn du hart genug arbeitest ….

Doch wer sich einen 3-D-Drucker besorgen kann, kann sich von der hyperkapitalistischen Gesellschaft unabhängig machen – genau das tun die Walkaways, so wie Hubert mit dem langen Namen, Seth und Natalie. Sie verschwinden wie viele vor ihnen und ziehen in die von den Reichen aufgegebene und vom Klimawandel geprägte Wildnis, in der ohne Geld und mit Sonnenergie und 3-D-Druckern alternative Lebensformen ausprobiert werden. Wie sich die Walkaways organisieren (sollen), wird heftig diskutiert: wie wird die notwendige Arbeit verteilt, wenn sie nicht mit Geld entlohnt wird, wie sollen Entscheidungsprozesse funktionieren, wie können Geschlechternormen aufgelöst werden, wie funktionieren Beziehungen ohne Verlierer und Unterdrückte?

Als ein paar Walkaway-Wissenschaft-lerInnen eine Methode entdecken, das eigene Selbst als Kopie in eine Computercloud hochzuladen, eine Art Unsterblichkeit, die jedem Menschen die Angst vor dem Tod nähme, müssen sie kämpfen, obwohl sie das gar nicht wollen. Denn die Reichen sind nicht dumm – wenn jeder und jede in eine Cloud ‚flüchten’ könnte, wäre ihre Herrschaft bedroht.

Zwar wird nur zaghaft thematisiert, ob solche gemischten High- und Lowtech-Befreiungsträume nicht in eine Sackgasse münden (wer kontrolliert die Maschinen?); dennoch schildert Doctorow eine interessante Utopie und erzählt eine spannende Geschichte.

Cory Doctorow: Walkaway. Heyne, 736 Seiten, 16,99 Euro.

 

 

 

 

Hand aufs Herz

Leila Slimani trifft auf einer Lesereise in Marokko Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, die ihr von ihren Erfahrungen in Marokko berichten.  In sehr persönlichen Gesprächen berichten die Frauen von der sozialen Kontrolle und der staatlichen Repression, denen sie ausgesetzt sind. Sie tauschen Erfahrungen über den zunehmenden Konservatismus des Islams aus. Slimani berichtet, wie sich dies auf das Leben der jungen Generation, besonders der Frauen und LGBTs (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) auswirkt, die als Muslime weniger traditionelle Vorstellungen haben und sich herrschenden Rollenbildern nicht unterordnen wollen. Viele setzen das Bedürfnis nach Emanzipation und selbstbestimmter Sexualität trotz zu befürchtender Repressalien durch Gesetze und Denunziantentum um.

Die Graphic Novel macht deutlich, wie verkrustet die patriarchalen und politischen Strukturen in Marokko sind, und gibt auch den Widerstand von Einzelpersonen und Organisationen in Schrift und Bild Platz.

Leila Slimani, mit Zeichnungen von Laetitia Coryn: Hand aufs Herz. Avant-Verlag, Graphic Novel, 108 Seiten, 25 Euro.

 

Und von der gleichen Autorin:

Leila Slimani: Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt. btb, 208 Seiten, 12 Euro.

 

 

 

 

Ein Tag im Leben von Marlon Bundo

Was passiert, wenn sich zwei Kaninchen ineinander verlieben? Sie wachen zusammen auf, frühstücken zusammen, hoppeln über Wiesen und sehen sich im Fernsehen die Nachrichten an. Und dann heiraten sie vielleicht auch. Die beiden Kaninchen beenden mit der Unterstützung ihrer Freund*innen die Herrschaft der Stinkwanze, die sich gegen die Ehe für zwei Kaninchenjungen stellt und feiern anschließend eine große Hochzeit.

Marlon Bundo, das Hauptkaninchen, ist das Haustier des konservativen US-Vize Präsidenten Mike Pence, welcher sich im realen Leben massiv gegen eine Heirat homosexueller Paare einsetzt. Von dieser vermeintlich heilen Welt des Vizepräsidenten, seiner Familie und deren Kaninchen, das ebenfalls Marlon Bundo heißt, handelt ein Buch mit demselben Titel, das Pence' Frau und Tochter gemeinsam geschrieben und illustriert haben.

Was die Familie Pence sichtlich verärgerte, war, dass Autor John Oliver seine Parodie, in der zwei schwule Kaninchen die Hauptrolle spielen, genau einen Tag vor Erscheinen des „Originals“ veröffentlichte und es sich auch sehr viel besser verkaufte als der Hetero-shit der konservativen Vizepräsidentenfamilie.

Rundherum ein wunderbares Buch zum Schmunzeln, Genießen, Ärgern (über blöde Stinkwanzen) und um sich in Erinnerung zu rufen, dass, wenn sich Kaninchen (oder auch Menschen) zusammenschließen, scheinbar festgefügte, aber ungerechte Regeln verändert werden können.

Die Einnahmen der Autor*innen, sowohl der US-amerikanischen als auch der deutschsprachigen Ausgabe, gehen komplett an zwei amerikanische Hilfsorganisationen: das „Trevor Project", welches suizidgefährdete LGBTQ-Jugendliche unterstützt und an „Aids United“, die HIV-Erkrankten Beistand leistet.

 John Oliver: Ein Tag im Leben von Marlon Bundo, Bilderbuch ab 3 Jahren. riva Verlag 14,99 Euro.

 

 

 

 

Der Gott jenes Sommers

 „Der Gott jenes Sommers“ behandelt das Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Land bei Kiel aus der Perspektive der 12-jährigen Luisa. Sie ist mit ihrer Familie vor den Bomben der Engländer auf ein Gut geflohen, wo sie nun mit anderen Flüchtlingen aus dem Sudetenland lebt – allerdings durch die privilegierte Stellung ihrer Familie in etwas besseren Verhältnissen. Der Leser erlebt durch sie die Schrecken des Krieges, die Knappheit der Rationen, die Bombardierungen, die alles durchdringende Propaganda der Nazis, aber auch die Beharrlichkeit, mit der die Eliten ihr Leben weiter leben. Durch Dinge, die nicht gesagt oder nur angedeutet werden, werden das Mitwissen der Bevölkerung an den Verbrechen des Dritten Reiches und auch die Kollaboration der normalen Bürger deutlich. Während Luisas Schwester und deren Mann überzeugte NSDAP-Mitglieder sind, sind ihre Eltern privat kritisch, folgen jedoch in Äußerungen außerhalb der eigenen vier Wände der Propaganda. Luisa selbst reflektiert noch nicht, und ihr wird auch einiges verschwiegen, aber gerade durch ihre scheinbar naiven Fragen wird deutlich, dass niemand von den Geschehnissen 1945 unberührt bleiben kann. Rothmann lässt eine Menge zutage treten, als er seine Protagonistin ihre Umgebung und damit den Apparat des Regimes erkunden lässt, und niemand, vor allem nicht Luisa, bleibt unberührt von den Geschehnissen, was sie am Ende auch selbst feststellt, als sie sagt: „Ich hab alles erlebt.“.

Die Handlung wird immer wieder unterbrochen von Schilderungen eines fiktiven Zeitzeugen des Dreißigjährigen Krieges, so dass Parallelen zu einem anderen verheerenden Krieg gezogen werden.

Auch wenn das Thema es nicht vermuten lässt, liest sich der Roman sehr gut. Rothmann beschönigt nichts, und was er auslässt, wird zwischen den Zeilen mehr als deutlich. Dennoch ist seine reichhaltige und bildhafte Sprache trotz der Grausamkeiten, die sie beschreibt, fast schon als ästhetisch zu bezeichnen und gibt dem Roman eine besondere Tiefe. Etwas schade ist nur, dass die Charaktere so flach geraten sind. Sie scheinen sehr auf Typen zu beruhen und haben wenig eigene oder überraschende Eigenschaften. Doch liegt der Fokus aber weniger auf der Entwicklung der Figuren als auf ihren Erlebnissen, und daher fällt dieser Makel wenig ins Gewicht.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers. Suhrkamp, 254 Seiten, 22 Euro (auch bei der Büchergilde Gutenberg für 20 Euro).

 

 

 

 

Die Suchenden

Mit ‚Die Suchenden’ legte Rodrigue Péguy Takou Ndie seinen dritten Roman vor. Die beiden anderen Titel sind wie die beiden Gedichtbände leider nur auf Französisch zu erhalten. Er arbeitete schon in Kamerun als Autor, musste 2013 aus politischen Gründen fliehen und lebt inzwischen Deutschland, wo er sich u.a. im Netzwerk Afrique-Europe-Interact engagiert.

Ein unbenannter Erzähler berichtet rückblickend von seinem Leben in einem westafrikanischen Land. Von Armut, mangelnder Perspektive, korrupten Eliten, Repression und den Hoffnungen einer jungen Generation. Er entschließt sich, den lang gehegten Traum umzusetzen und nach Europa zu migrieren. Rodrigue Péguy Takou Ndies Erzähler beschreibt den Horror der Route durch die Sahara, deren Durchquerung für viele tödlich endet. Er schildert die Entschlossenheit, den Einfallsreichtum, den erzwungenen Zusammenhalt sich fremder Menschen, die unsäglichen Entbehrungen und das Durchhaltevermögen der Migrantinnen und Migranten. Auf jeder Etappe gibt es neue und andere Herausforderungen: Es seien nur der Rassismus der marokkanischen Grenzbeamten, der Grenzzaun bei Melilla und die Überfahrt über das Mittelmeer genannt. Viele kommen nicht so weit, sterben, müssen zurückgelassen werden. Für die, die es schaffen, folgt das europäische Asylsystem, in dem der Erzähler drei Jahre lang auf Asyl hofft. Keine Möglichkeit zu arbeiten, um der Familie mit Geld zu helfen und vor ihr nicht als Versager dazustehen. Nein, eine Unterbringung unter menschenunwürdigen Bedingungen, Schikane durch die Angestellten der Einrichtungen, Lethargie, jegliche Eigeninitiative wird abgetötet.

In einem Interview erzählt er, der Roman sei nicht als Erlebnisbericht zu verstehen, sondern als „literarische, fiktionale Verdichtung der Realität unzähliger Migrantinnen und Migranten“.

Der Autor schafft es, mit der Person des Erzählers und dessen Geschichte sowie jener seiner Freunde und Begleiter viele unterschiedliche Aspekte darzustellen und Gespräche und Befindlichkeiten literarisch gelungen zu vermitteln.

Rodrigue Péguy Takou Ndie: Die Suchenden. Unrast Verlag, 176 Seiten, 13,- Euro.

 

 

 

 

Tartessos und Ugarit

Mittelmeergeschichten gibt es so viele, wie es Inseln im Mittelmeer gibt: sehr viele. Kaum eine jedoch reicht zurück in die Zeit vor die alten Griechen, vor den Palast von Knossos mit seinem Labyrinth oder vor den trojanischen Krieg. Dieses Buch ist erfrischend anders: es beginnt in grauer Vorzeit, als die ersten Schritte aufs Meer gewagt wurden, und der Autor schildert, wie allmählich verschiedene Regionen des Mittelmeers zusammenwachsen, bis es möglich ist, von einem mediterranen Raum oder einer mediterranen Geschichte zu sprechen. Das Buch endet da, wo die meisten Geschichten anfangen: bei den Anfängen der klassischen Antike.

Nicht nur ist so ein anderer Blick aufs Mittelmeer möglich – ein nicht-eurozentristischer, da die alten Griechen und Römer nicht im Mittelpunkt stehen, sondern das Buch ist auch ein Fest fürs Auge: es ist reich bebildert, und es gibt viele Karten, die den Text erhellen.

Cyprian Broodbank: Die Geburt der Mediterranen Welt: Von den Anfängen bis zum Klassischen Zeitalter.

Beck., 952 Seiten, 44 Euro

 

 

 

 

Zeige deine Klasse

von Daniela Dröscher

Daniela Dröscher wuchs in den 70er und 80er Jahren in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz auf. Für sie war es selbstverständlich. ein eigenes Zimmer zu haben, nicht im Haushalt helfen zu müssen und sich keinerlei Gedanken über Geld und materielle Sicherheiten machen zu müssen. Später dann veränderte sich mit immer weiter voranschreitenden Bildungserfolgen (Gymnasium, Abitur, Studium, Promotion) die soziale  Zusammensetzung ihres Umfeldes und plötzlich war sie eine der wenigen, für die es nicht selbstverständlich war, seit Kindesbeinen an Skifahren zu können, sich sprachlich auszudrücken und zu wissen, innerhalb welchen Rahmens sich ihre Zukunft  laut der Familientradition bewegen wird. Daniela Dröscher erzählt anhand ihrer Biographie, wie sie versuchte sich durch das Ablegen des Pfälzer Dialekts nach unten von Anderen abzugrenzen, sie begann ihre soziale Herkunft zu verschweigen oder Fragen danach auszuweichen, weil sie sich für vieles schämte. So zum Beispiel auch für ihre Mutter, die in den Augen Aller sofort auffiel, da sie dicker war als alle anderen Mütter. Aber nicht nur deshalb wäre sie nie auf die Idee gekommen, ihre Eltern zu Feiern von Studienabschlüssen einzuladen. Trotz ihrs Bildungserfolgs blieb sie eine Außenseiterin und kämpfte mit mich sich und ihrer Position.

Ein Buch für Aufsteiger-Kinder aus materiell gesicherten Aufsteiger-Mittel-schichts-Familien der 70er und 80er Jahre, die vielleicht irgendwo zwischen Abi, Studium oder Promotion hängengeblieben sind oder es vielleicht auch geschafft haben. Aber auch ein Buch für die, die ausgestiegen sind, den Glauben nicht besessen haben, dass sie schlau genug sind, die somit nie genau wissen, was sie nicht wissen, aber erahnen, was es zu wissen geben könnte. Die verstanden haben, dass es so viel mehr zu lesen geben könnte, die sich immer weiter Gründe ausdenken müssen, um sich vor sich selbst zu verteidigen, warum sie den Klassiker xy immer noch nicht gelesen, ganz gelesen, verstanden oder begriffen haben.

Erhellend, sehr lesenswert und dabei leicht zugänglich in Sprache und Stil, aber dennoch mit Verweis auf soziologische Hintergründe ist das Buch von Daniela Dröscher mehr als eine Biographie, eher eine sozialkulturelle Analyse anhand der persönlichen Geschichte der Autorin.

 Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 20 Euro.

 

 

 

 

Der Geist der Science Fiction

Wenn es stimmt, dass – wie die Kulturwissenschaft sagt – das Erzählen, also das Narrative, ein Vermögen ist, das weit über alle Kulturgrenzen hinaus grundlegend für das menschliche Zusammensein ist, weil es neue Stoffe bietet, Mythen (zu realen Ereignissen) schafft, der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung dient, dann erzählt Bolano nicht; vielmehr ist er ein Anti-Erzähler.

Die (Science) Fiction, die der Roman erzählt, schafft keine Mythen, sondern zerstört sie. Das kommt in dem Roman auf die eine oder andere Weise vor: Eine Reporterin fragt im ersten Kapitel den Literaturpreisträger nach seinem Werk, angetrunken und ironisch, und betont in den Kennlernsätzen zu Beginn, wie schön es dort doch sei, wo sie sich befinden, die Sterne funkeln, einige entfernte Dörfer wären in der Nacht zu sehen – aber der Autor entgegnet, es sei nur eine optische Täuschung, man befinde sich mitten im Wald, phosphorierender Sand leuchte. Ein Hinweis: Die Tatsachen und die Fiktion sind bei Bolano nur schwer zu trennen, und diese Trennung verlangt in jedem seiner Bücher einen aufmerksamen Leser, besser einen Detektiv (wie er in jedem Buch von Bolano erwähnt wird), der Spuren nachgeht und Indizien sucht. Die vermeintlichen Tatsachen sind Illusion, und wie in seinen früheren Werken befinden sich die Personen (viele Figuren tauchen in seinen Werken immer wieder auf) auf der Suche nach der Wahrheit (etwa der Wahrheit hinter den Morden an der Mexikanisch-US-amerikanischen Grenze, etwa der Wahrheit des Romans, weil jemand in den Romanen abwesend ist und gesucht wird).

 In diesem neu aufgelegten Frühwerk des chilenischen Autors finden sich wie in allen Büchern Bolanos keine Wahrheiten, sondern Brüche im Erzählen, Hilflosigkeit und der Versuch, auf eine andere Art zu erzählen, so wie der interviewte Autor beim Berichten von seinem Werk eine neue Geschichte erfindet. Immerzu ändert sich die Realität oder die Perspektive, aber das Erzählen findet trotzdem in Bolanos Werken statt – nur nicht als Selbstvergewisserung, sondern als Thematisierung von Unruhe und Ungewissheit, die eben auch erzählt werden will, als das Gegenteil von Mythen.

Die Ungewissheit findet sich im Gesamtwerk Bolanos wieder. Die Figuren überschneiden sich mit anderen Werken Bolanos, die auf die gleichen Personen und ähnliche Ereignisse wieder einen anderen Blick werfen. Was real passiert, verschwindet  hinter der Erzählung und noch einer erneuten und noch einer, die Welt und ihr Geschehen wird multiperspektivisch berichtet – aber der Leser muss selbst Ordnung ins Buch bringen.

Die Figuren sind aus anderen Büchern vertraut. Der Roman wirkt über die Grenzen und endet scheinbar niemals. Leider ist Bolano früh verstorben, weil eine Organspende nicht möglich wurde. Er galt als revolutionär, politisch und literarisch. Immer werden Bezüge zwischen Fiktion und Realität hergestellt. So auch hier: Eine Hauptfigur schreibt berühmte Science Fiction-Autoren an, die Südamerika helfen sollen. Und man ist auf der Suche nach dem Grund der Vielzahl von erscheinenden Literaturzeitschriften – was nach Fiktion aussieht, sind die Grenzen des literarischen Schreibens, man landet wieder in der Realität und wird den Verdacht nicht los, dass der fiktive Roman, seine Story, realer ist als so mancher nichtfiktive Bericht: Die Bücher eines Protagonisten werden zu Tischen, die Literatur wortwörtlich genutzt – sie wird zur Nahrung und Grundlage. Doch bevor Sie, lieber Leser und liebe Leserin, diese Rezension aufessen, lesen sie erstmal die wundervollen Erlebnisse der Hauptfiguren in Mexiko und deren Versuch, Literatur zu leben.

Roberto Bolano: Der Geist der Science Fiction. S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

 

Die Erfinder von Superman

Julian Voloj (Autor) und Thomas Campi (Zeichner) erzählen die vergessene Geschichte von Joe Shuster und Jerry Siegel, den Erfindern von ‚Superman’, einem Superhelden, dessen Abenteuer in der damaligen Zeit spielen. Für die beiden jungen Männer ist es nicht einfach, in den USA der dreißiger Jahre Arbeit zu finden. Sie jobben, ihr Traum besteht aber darin, ihre Comicgeschichten zu veröffentlichen und davon leben zu können. Comics waren in dieser Zeit nicht weit verbreitet und nicht populär. Die Graphic Novel erzählt, wie es gelingt, nach etlichen Rückschlägen ‚Superman’ in den neu aufkommenden Comic-Magazinen unterzubringen und wie die Figur schließlich ihr eigenes Magazin bekommt. Die Kinder lieben den Helden. Der Absatz boomt und ein neues Genre entsteht. Andere Superhelden werden erfunden und vermarktet.

Ebenso wie Joe Shuster und Jerry Siegel haben etliche Autoren ihre Urheberrechte an die Verlage abgetreten, verdienen zwar Geld, aber als die Phase des Merchandising und der Verfilmung eintritt, gehen sie leer aus.

Eine wunderbar gezeichnete und erzählte Biographie, aber auch eine Geschichte des Comics und seiner Vermarktung.

 Mit Originaldokumenten.

Julian Voloj/Thomas Campi: Joe Shuster – Vater der Superhelden. Carlsen, Graphic Novel, 176 Seiten, 19,99 Euro.

 

 

 

 

Klimawandel und Genossenschaften

Wir schreiben das Jahr 2140. Der Meeresspiegel ist um 15m gestiegen, weltweit wurden Küstenregionen überflutet, es kam zu einer Wirtschafts- und Finanzkrise und Migrationen ungeahnten Ausmaßes. In New York, wie anderswo, stehen Teile der Stadt unter Wasser; Wohntürme haben Zugänge für Boote und sind durch Brücken miteinander verbunden, während die Straßen zu Meeresboden geworden sind.

Ein wenig haben die Menschen gelernt: statt Flugzeugen kreuzen Luftschiffe am Himmel, es gibt fliegende und schwimmende Städte, und viele Menschen haben sich in den Grenzzonen zwischen Land und Meer Freiräume geschaffen, da dort der Einfluss traditioneller politischer Mächte nachgelassen hat.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die BewohnerInnen eines Hochhauses in New York, das im Meer steht; sie konnten sich, da solche Gebäude nichts mehr ‚wert’ sind und sich Hausbesitzer und Spekulanten aus dem Grenzgebiet zurückgezogen haben, selbst organisieren, verwalten ihr Haus autonom und schaffen es sogar, ökologisch und nachhaltig Lebensmittel zu produzieren. Doch dann verschwinden zwei Hausbewohner, Computerfreaks; eine Polizistin, die ebenfalls im Haus wohnt, nimmt sich des Falles an und entdeckt, dass viel mehr im neuen Venedig passiert und auf dem Spiel steht: Investmentfirmen versuchen mit allen Mitteln, verloren gegangenes Terrain zurückzuerobern, und die BewohnerInnen der selbstverwalteten Häuser wehren sich dagegen, dass die Grenzzone wieder in eine ‚normale’ kapitalistische Ordnung integriert wird, in der sie nichts zu sagen hätten.

Kim Stanley Robinson: New York 2140. Heyne, 811 Seiten, 16,90 Euro.

 

 

 

 

Der Ursprung der Welt

Ein sehr wichtiges Buch für alle, die nicht mit einem Wortschatz aufgewachsen sind, der Begriffe wie Menstruation, Vulva oder Klitoris enthält ... aber auch für alle, die noch was dazu lernen wollen.

Wie benennen Leute „das da unten“, das „zwischen den Beinen“? Und wieso fällt es uns so schwer, Worte zu finden oder zu benutzen, die differenziert und nicht abwertend sind?

Genau diesen Fragen geht das Buch „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist aus feministischer Perspektive auf den Grund, sucht nach Erklärungen, warum und woher die Scham kommt, zum Beispiel über Menstruation zu sprechen. Ein künstlerisch abwechslungsreiches Comic, das deutlich macht, wie stark patriarchale Machtverhältnisse unser Bild von dem bestimmen, was normativ als weiblicher Körper gilt. Liv Strömquist ist aber auch Politikwissen-schaftlerin und bezieht sich in der Graphic Novel nicht nur auf gegen-wärtige Zustände, sondern ordnet die Entwicklung des Nicht-Sprechen-Wollens oder -Könnens und der Scham in einen geschichtlichen und politischen Kontext ein. Unser Empfinden ist geprägt und hergestellt durch gesellschaftlich erfahrene Selbstverständlichkeiten, die in unsere Körper eingeschrieben werden und unsere Gefühle mit bestimmen.

Liv Strömquist schafft es auf wunderbare Weise, bewusst zu machen, dass Sprachlosigkeit historisch und gesellschaftlich gemacht ist und nicht auf individuellem Versagen oder persönlichen Vorlieben beruht.

Auch das Missy Magazin feiert Liv Srömquists Bücher und schreibt: „ Die Bombenlegerin - In ihren Comics jagt Liv Strömquist mit viel Humor Mythen der Liebe, Heteronorm und Paarbeziehung in die Luft. Uneingeschränkt empfehlenswert!“

Liv Strömqvist: Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, 144 Seiten, 19,95 Euro.

Auch von der Autorin:

Der Ursprung der Liebe, 136 Seiten, 20 Euro.

Und in einer Sonderausgabe mit beiden Bänden: 40 Euro.

 

 

 

 

Der Spaß an der Sache

David Foster Wallace war eine komplexe Persönlichkeit, der sich, klinisch-depressiv, das Leben nahm, nachdem er zuvor einen der Romane des 21. Jahrhunderts geschrieben hat, fast Tennisprofi wurde, eine herausragende Logik-Arbeit in Philosophie schrieb und Literatur-Lehrer an der Universität wurde, der außerdem eine Kreuzfahrt machte, unglaublich viel Fernsehen schaute, mit einem Republikaner auf Wahltour mitreiste, ein Hummerfest miterlebte und eine Porno-Messe besuchte.

Jetzt sagen Sie vielleicht, dass Sie sicher nicht vieles von den ersten Dingen gemacht haben, die späteren aber zum Teil schon, eine Erwähnung in einem Buchladen-Weihnachtsheft wäre deshalb nicht nötig. Aber Foster Wallace hat diese Themen essayistisch (und immer auch humorvoll) aufbereitet wie zuvor kaum ein anderer. Die gesammelten Essays, die jetzt erschienen sind, sind ein Zeugnis davon, wozu Literatur fähig ist, denn diese Texte sind mehr als Essays, sie sind, mit einem Wort des Literaturkritikers Denis Scheck, Lebenshilfe. Ein jedes dieser Themen wird vertieft und gewendet, Phänomene werden hinterfragt und eigene Einstellungen nicht als selbstverständlich genommen. Aus dem Hummerfestbesuch für eine Gourmetzeitung wird eine scharfe Analyse der Essens- und Kochpraktiken und vor allem der Definition von Schmerz. Aus dem Pornomessenbesuch wird eine Selbsttherapie zur Unlust, aus dem Fernsehkonsum eine Kritik der Ironie, aus der Wahltour eine Reflexion über Ehrlichkeit und Marketing. Der berühmte Kreuzfahrt-Essay ist als Aufbereitung geballten Irrsinns moderner Unterhaltungsangebote zu lesen. Und seine Tennisessays, verstreut über viele Jahre, sind präzise Betrachtungen der ökonomischen und gesellschaftlichen Funktion modernen Sports, aber auch der Faszination von Sport, wie sie etwa in einem Text über Roger Federer deutlich wird, der als Künstler durch die Tennisarenen schwebt. Und diese Essays sind keine Essays, sondern Lebenshilfe, weil sie alltägliche und außeralltägliche Fragen (etwa die Frage, woher die Leute am 11.9. die Flaggen bekämen) stellen – und immer einer Art Ethik folgen, die ein ironiefreies und (irgendwie) die Normalität schätzendes Leben im Sinn hat, das zugleich normale Denkstandardvorstellungen hinterfragt.

Und so ist diese Rezension über David Foster Wallace schließlich keine Rezension, sondern ein Aufruf, diesen Autoren und seine literarischen Essays zu lesen.

David Foster Wallace; Der Spaß an der Sache. Alle Essays. Kiepenheuer & Witsch, 1086 Seiten, 36 Euro

Molche und Menschen

Eines Tages entdeckt der Kapitän eines Schiffes auf einer einsamen Insel, am Äquator ein wenig westlich von Sumatra gelegen, eine neue Tierart: Riesenmolche. Diese, so stellt sich rasch heraus, können die menschliche Sprache erlernen und sprechen und sind intelligent, und ebenso schnell wittern die Menschen ein Riesengeschäft. Die Molche, die unter Wasser arbeiten können, werden als billige Arbeitskräfte quer über den ganzen Globus verkauft und eingesetzt und gnadenlos ausgebeutet. An den Handelsbörsen werden sie wie Baumwolle oder Weizen notiert, in der Regel nicht als Einzelexemplare, sondern in verschiedenen Verpackungseinheiten, wie es aus einer Notiz in der Wirtschaftsrubrik einer zeitgenössischen Zeitung hervorgeht (S. 164). Ge- und verkauft werden etwa:

v   Leading-Molche: ausgewählte und sehr intelligente Einzelexemplare, die als Leitmolche und Aufseher von Arbeitskolonnen eingesetzt werden

v   Heavy-Molche: fitte Molche für schwerste körperliche Arbeit, angeboten im Sechserpack

v   Team-Molche: gewöhnliche Arbeitsmolche, die VE zu 20 Stück

v   Odd Jobs: halbwilde Molche, die aber begabt sind und ausgebildet werden können

v   Trash-Molche: Molchausschuss, also Molche, die nicht richtig arbeiten können; sie werden nach Kilogramm Lebendgewicht verkauft. Warum solche Molche überhaupt ge- und verkauft werden, ist unbekannt

v   Spawn: Molchlaich – aus manchen Molchlarven lassen sich (selten) ungewöhnliche Molche züchten, die teuer verkauft werden können.

Bald melden einige Menschen Bedenken an, dass es ja nicht anginge, intelligente Wesen derart auszubeuten und rechtlos zu belassen; ja, manche stellen sich gar die Frage, ob Molche nicht eine Seele hätten. Schulen für Molche werden gegründet, Menschen setzen sich für Molche ein, usw. usf. Aufrufe an die arbeitenden Molche, dass der letzte Kampf beginne, wenn sich alle Molche vereinigten, kursieren, und deutsche Forscher entdecken den in der Ostsee heimischen „Edel- oder Nordmolch“, dem besondere Fähigkeiten nachgesagt werden; deutsche Kinder besingen ihn folgendermaßen: „Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“. Doch dann tun die Molche, was keiner erwartet: sie rebellieren gegen die Menschen, und der Krieg mit den Molchen beginnt.

Karel Čapek, ein tschechischer Schriftsteller, schrieb das Molchbuch bereits 1936, kurz bevor er starb; an Aktualität hat es bis heute nichts verloren. 1956 erschein eine DDR-Ausgabe, ohne Illustrationen, und als der Illustrator Hans Ticha auf dieses Buch aufmerksam wurde, verhandelte er mit dem Verlag über eine Neuausgabe, die allmählich Formen annahm. In der jetzigen Ausgabe, einem Nachdruck, wird der Haupttext von unzähligen, farbigen Graphiken und „Dokumenten“ in unterschiedlichen Schriftarten, -typen und –graden aufgelockert.

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen. 328 Seiten, gebunden, mit vielen, vielen Illustrationen, Grafiken und Einsprengseln von Hans Ticha. Büchergilde Gutenberg. Für Mitglieder 22,95€, für Nicht-Mitglieder: 24,95€.

Ein Raumschiff, eine Crew und viele Kulturen

In jener Zeit, in der sich das Raumschiff Wayfarer auf langen Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten macht, ist die Erde nicht mehr besiedelt. Die Menschen, relative Neuankömmlinge im interstellaren Raum, wurden in die Galaktische Union aufgenommen und leben nun auf anderen Planeten im Weltraum, zusammen mit anderen Lebensformen, oder als Raumschiffnomaden.

Die Geschichte beginnt, als Rosemarie Harper als Buchhalterin und Verwaltungsassistentin vom Kapitän der Wayfarer angeheuert wird und an Bord kommt. Das Schiff gehört nicht zu den Vorzeigeobjekten der Galaxis; es ist klein, zusammengezimmert und bietet Platz für weniger als 10 Lebewesen, die die Crew ausmachen, zu denen ein Reptil, eine KI und eine Lebensform gehört, die den Hyperraum ‚sehen’ kann. Die Crew verdient sich ihr alltägliches Brot oder dessen Pendant, indem sie im Weltraum anfallende Arbeiten übernimmt und erledigt, und kurz nach Rosemaries Ankunft zieht der Kapitän einen lukrativen Auftrag an Bord: ein Hypertunnel soll gebaut werden, der zu einem Planeten am Rande der Union führt und von dem niemand weiß, ob die Bewohner friedlich-diplomatisch mit der GU kooperieren werden oder es zu Schwierigkeiten kommen wird.

Die Reise ist lang, das Bohren eines Hypertunnels dauert seine Zeit, und unterwegs lernt Rosemarie die Crewmitglieder und ihre Eigenheiten kennen …

Becky Chambers: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Fischer/Tor, 543 Seiten, 9,99€.

 

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafaks neuer Roman kreist um die Fragen des Glaubens und der Religion, um Tradition, die Frage der eigenen Positionierung und, nicht zu vergessen, der gesellschaftlichen Situation der Türkei.

Schon als Kind, es sind wohl die 80er Jahre, ist die Protagonistin Peri mit sehr unterschiedlichen Ideen konfrontiert. Der Vater ist ein glühender Anhänger Atatürks und liberal eingestellt, die Mutter eine streng religiös lebende Muslima. Der Konflikt wird in der Familie ständig und unversöhnlich ausgetragen. Hier fragt sich Peri das erste Mal, ob es für sie nicht einen anderen Umgang mit diesen Fragen gibt und sucht in Büchern und beim Schreiben ihres Tagebuchs nach Antworten.

Dank ihres Vaters bekommt sie die Möglichkeit in Oxford zu studieren. Die Bedenken der Mutter werden übergangen. In Oxford findet sie Freundinnen: Shirin und Mona. Die eine, Shirin, hat sich gegen jegliche Religion entschieden und lebt westlich orientiert. Mona hingegen ist gläubige Muslima trägt aus Überzeugung Kopftuch, reagiert sehr empfindlich auf Kritik und engagiert sich politisch für die Rechte von Frauen. Wieder ist Peri die Fragende, die bei Konflikten vermittelt und eigene Antworten sucht. In philosophischen Vorlesungen zum Thema ‚Gott‘ bekommt Peri die Möglichkeit, sich intellektuell mit dem Thema zu beschäftigen. Dies wird sie für immer prägen, doch es stürzt sie auch in eine persönliche Krise.

Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen. Er beginnt in Istanbul im Jahr 2016, als Peri mit ihrer gelangweilten Tochter auf dem Weg zu einer Dinnerparty ist. Sie ist inzwischen verheiratet, gut situiert, hat drei Kinder und lebt in einem guten Viertel der Stadt. Der zunehmend religiös geprägte Alltag schränkt sie noch nicht so ein, als dass sie sich nicht damit arrangieren könnte.

Sie wird überfallen, körperlich bleibt sie zwar weitestgehend unversehrt, aber Handy und Portemonnaie sind weg, doch ein altes Foto aus ihrer Studienzeit, dass sie mit ihren Freundinnen zeigt, kommt zum Vorscheinen. Die Erinnerungen an ihre Studienzeit in Oxford kommen wieder hoch.

Der zweite Erzählstrang besteht aus Rückblenden in Peris Kindheit und Jugend. Zwischen diesen Ebenen entspannt sich ein spannender, sehr lebendig geschriebener Roman, der gerade von den Dialogen lebt.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses. Kein & Aber Verlag, Roman, 560 Seiten, 25,00€.

 

Der ganz normale Wahn

Jakob und Julia Bloch, eine liberale, jüdische Familie aus Washington, D.C. mit drei Söhnen und einem Hund fiebern der Bar Mizwa ihres Ältesten entgegen. Es ist eine ganz normale Familie. Die Kinder sind vorlaut und schlagkräftig, kennen sich im Netz besser aus als ihr Erzeuger, und der Älteste hält nichts von seiner Bar Mizwa. Die Eheleute verstehen nicht, obwohl sie sich Mühe geben, wie die Zeit, der Alltag, die Kinder, der Job, sie und ihre Beziehung verändert hat, wie selbstverständlich kaufen sie Biogemüse, haben ein schönes Haus, aber Glück ist etwas anderes. Jakobs Vater streitet sich beständig mit seinem Sohn, dem er mangelndes Bewusstsein für sein Jüdischsein vorwirft, über Israel und die Juden, und Jakobs Großvater, der mit seinem Bruder einst vor den Nazis in die Wälder flüchtete, wo beide im Gegensatz zu ihren vielen Geschwistern überlebten, müsste ins Altersheim umziehen, will das aber nicht.

Als ein Rabbi Jakob und Julia zu sich ruft und ihnen eröffnet, dass ihr Ältester einen Zettel mit einer Litanei an ethnischen Schimpfwörtern auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen und daher seine Bar Mizwa in Gefahr sei, nimmt das alltägliche Verhängnis seinen Lauf: Mutter und Vater sind sich nicht einig in der Einschätzung des Vorfalls und erst recht nicht darin, wie ihr Sohn darauf zu reagieren hat. Sie streiten sich, so wie sie sich tagtäglich streiten, und versuchen, ihre Probleme im Dialog zu lösen, ohne sich zu verletzen. Diese Gespräche, die brenzliger und bedrohlicher werden, als Julia ein geheimes Zweithandy ihres Mannes findet, dokumentieren das Auseinanderleben in einer Ehe, für das es eigentlich gar keinen Grund gibt, den Verlust an Nähe in der Nähe des Ehebetts und die vergrabenen Hoffnungen und Erwartung beider, und doch sind sie zumeist nicht bitter, bitterernst und angreifend, sondern melancholisch, unfreiwillig komisch und manchmal zum Brüllen komisch und gleichzeitig tieftraurig, da sie beständig mitreflektieren, wie verletzend ihre Worte sein könnten, und versuchen, sich noch beim größten Streit gegenseitig zu respektieren. Auf die gleiche Weise erziehen sie ihre Kinder, die das Spiel mitspielen und lernen, entsprechend schlagkräftig auf die Erziehungsgespräche zu reagieren. Herzergreifend entfaltet sich in solchen Dialogen und in abstrusen Situationen – etwa wenn ein Sohn und seine Klasse offiziell den UN-Sicherheitsrat nachspielen und als Vertreter Mikronesiens plötzlich über eine Atombombe verfügen – das Ende einer Ehe, ohne dass beide es wahrhaben wollen und können.

Während dann die israelische Verwandtschaft zu Gast ist, die Nachkommen des Bruders des Großvaters, um die Bar Mizwa mitzufeiern und Israel von einem Erdbeben heimgesucht wird, das zu einem Krieg mit seinen arabischen Nachbarn führt, wird Jakob mit seinem Jüdisch-Sein konfrontiert, und die Bahn seiner Ehe wird abschüssiger. Er trifft eine Entscheidung, und seine Frau trifft eine Entscheidung.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Kiepenheuer & Witsch, 683 Seiten, 26€.

 

Eine abgeschiedene Siedlung in Berlin-Treptow

Grenznah war sie gelegen und abgeschieden ist sie heute, die Siedlung, und dort haben sich die beiden auf die fünfzig zugehenden Schwestern Claudia und Barbara in ihrem Haus eingerichtet. Barbara arbeitet als Sachbearbeiterin für dezentrale Kulturarbeit und flirtet, noch etwas unentschieden, mit einem Stadtrat; Claudia hat nach der Entlassungswelle keine Anstellung mehr bekommen, lebt aber gut vom Nähen extravaganter Kleider für die Boutiquen der Stadt.

Erst nach dem Tod der Eltern haben sie das von einem Gropiusschüler errichtete Haus übernommen und renovieren es nun. Und wie das so ist, bei der Renovierung kommt so einiges zum Vorschein: Die Fotos und Filme des Vaters werden auf dem Dachboden entdeckt und angeschaut. Er trägt im Urlaub eine von der Mutter gehäkelte Kippa. Sie forschen nach und rekonstruieren das Leben ihrer Eltern.

Die Autorin springt durch die (Familien)Geschichte. So wird eine verschollen geglaubte Tante in Sarajewo entdeckt und besucht. Auch Werner Kapok, der im Nachbarhaus wohnte, taucht auf. Die Familien waren eng befreundet. Mit den Schwestern verband ihn ein besonders nahes Verhältnis. Auch er ist ein Gescheiterter: Im neugegründeten ‚Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung‘ sollte er 1989 eine Professur bekommen. Kurze Zeit nach Beginn der Arbeit wurde das Institut aufgelöst. Zurückgekommen ist er, um seine Schwester zu besuchen, die neben Claudia und Barbara wohnt. Die Drei treffen sich wieder …

Mit dem Erforschen der eigenen Geschichte verortet die Autorin ihre Protagonist*innen neu, macht sie handlungsfähiger und gibt ihnen eine Perspektive. Ihr ist ein grandioser und genau recherchierter Roman über die jüngere deutsche Geschichte gelungen.

Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Roman, 448 Seiten, 22,00€.

 

Die Engel von Sidi Moumen

Am 13. Mai 2003 sprengten sich an verschiedenen Orten in Casablanca Selbstmordattentäter in die Luft. Die vierzehn Jugendlichen stammten aus Sidi Moumen, einem Elendsviertel, das von der Stadt durch eine Mauer getrennt ist. Der Autor rekonstruiert die Vorgeschichte der Attentate und lässt einen der Attentäter posthum erzählen:

Jaschin wächst mit acht Brüdern in Sidi Moumen auf. Die Kinder und ihre Familien überleben, indem sie Abfallberge durchwühlen, die Fundstücke verkaufen, durch Diebstähle und Drogenhandel und indem sie kleine Jobs übernehmen.

Der Mittelpunkt in Jaschins Leben ist Fußball. Hier vergessen die Jungen ihren Alltag, sie treffen sich, wann immer sie Zeit haben, fechten Kämpfe gegen Mannschaften anderer Bidonvilles aus und amüsieren sich bestens. Jaschin erzählt vom ersten Flirt, dem Auftauchen von der Gruppe um Abu Subair. Er vermittelt den Jungen Jobs, von ihm bekommen sie Kleidung, eine religiöse Schulung und werden zu Attentätern ausgebildet.

Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen. Lenos Verlag, 157 S., 14,50€.

 

Diamantenstaub – der perfekte Mord?

Ahmed Mourad lässt seinen Kriminalroman in einem kleinen, heruntergekommenen Stadtteil Kairos spielen. Taha, eher Antiheld als Held, arbeitet tagsüber als Pharmavertreter, nachts hilft er in einer Apotheke aus. Er lebt mit seinem Vater auf engstem Raum zusammen und pflegt ihn. Gegenüber liegt die Villa des Millionärs Machrus Bergas. An den Rollstuhl gefesselt beobachtet Tahas Vater die Leute auf der Straße. Eines Tages kommt Taha nach Hause und sein Vater ist tot – er wurde ermordet. Die Polizei stellt die Ermittlungen ein – und da Taha auf dem Fortführen der Ermittlungen beharrt, gerät er in Schwierigkeiten. Schließlich nimmt er sie selbst in die Hand. Er findet heraus, warum seine Mutter die Familie verließ und findet eine Erklärung für die merkwürdigen Besuche seines Vaters bei hochgestellten Persönlichkeiten. Trotz allem findet er noch Zeit, Schlagzeug zu spielen und sich mit seiner Nachbarin, der Bloggerin Sara, zu treffen.

Ahmed Mourad hat einen gut konstruierten, spannenden und amüsanten Kriminalroman geschrieben, der die gesellschaftliche und politische Situation Ägyptens kurz vor dem Sturz Mubaraks beschreibt und in Form von Rückblenden bis in die 60er Jahre zurückgeht.

Ahmed Mourad: Diamantenstaub. Lenos 2016, 407 Seiten, 14,90€.

 

New York, New York

In der Silvesternacht 1976/77 wird in einem Park in New York ein junges Mädchen erschossen, Samantha, 20 Jahre alt und begeisterte Fanzineschreiberin.

New York war Ende der 70er eine Stadt im Umbruch und nahezu pleite. Patti Smith und Punk ertönten aus den Lautsprechern der Plattenspieler, der Hip Hop wurde gerade erfunden; die Immobilienpreise waren so weit gesunken, dass Brände nichts Ungewöhnliches waren, um wenigstens noch die Versicherungssumme zu kassieren, und in manche Straßenzüge traute sich die Staatsgewalt nicht hinein: die Gentrifizierung kündigte sich an.

Um den Mord an Samantha und die Silvesternacht herum verwebt der Autor die Geschichten mehrerer Menschen, die in einer Beziehung zu Samantha standen, und die Stadt selbst; jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines oder einer der Beteiligten erzählt, ergänzt werden sie durch Rückblicke, Briefe, abgedruckte Fanzines und andere Textelemente. Tatsächlich beginnt der Roman nicht in dieser Silvesternacht, sondern im Sommer zuvor. Die Figuren werden langsam und behutsam eingeführt; sie umfassen ein breites Kaleidoskop unterschiedlicher Lebensentwürfe:

Mercer, ein schwarzer Lehrer, der vom Land in die Großstadt zieht, um einen Roman zu schreiben, verliebt sich dort in William, einen Ex-Punk und Maler, der alle Verbindungen zu seiner schwerreichen Familie gekappt hat und einst ein legendäres Outdoor-Punkkonzert gab. Seine Schwester, die ihren Bruder sucht, ist dabei, sich von ihrem Ehemann zu trennen, der sie mit einer anderen betrogen hat, und verzweifelt am Bruder ihrer Stiefmutter, der die Geschicke der Familie und ihr verzweigtes Geld- und Firmenimperium lenkt. Charlie, der sich in Samantha verliebt hat, verbrachte den Sommer mit ihr und weiß nicht, was er mit seinem Leben in der Vorstadt anfangen soll, und die ehemaligen Bandmitglieder Williams, die dem legendären Konzert nachtrauern, rufen den Posthumanismus aus und sind vielleicht in dunkle Machenschaften verwickelt. Ein Reporter, der die Biographie von Samanthas Vater schreiben will, einem der letzten Feuerwerker New Yorks, verfolgt plötzlich ganz andere Spuren, und der Polizist, der Samanthas Tod untersucht, will eigentlich seinen Job an den Nagel hängen. – Und natürlich Samantha selbst, die einen Sommer mit Musik, Fanzines, Charlie und Freiheit lebte, bevor sie erschossen wird.

Alle Einzelschicksale und individuellen Geschichten werden allmählich zusammengeführt, ergeben ein stimmiges Ganzes und kulminieren in einer Julinacht, in der in New York der Strom ausfiel. In der echten Metropole brach damals ein allgemeines Durcheinander aus, es kam zu Plünderungen und Gewaltausbrüchen; diese fehlen im Roman zwar nicht, doch was in der fiktionalen Nacht ohne Licht passiert, ist versöhnlicher.

Garth Risk Hallway: City on Fire. S. Fischer, 1080 Seiten, 25€.

 

„Die Zeit der Sonne + der tausend Farben ist angebrochen“

„Es liegt Revolte in der Luft überall haben die jungen Leute realisiert dass sich die Dinge verändern müssen wir können den alten Idioten von der Linken nicht mehr vertrauen die sowieso nur Deals machen wollen mit den Padroni (…)“, das lässt Nanni Balestrini einen Arbeiter ohne Namen sagen, die Zeit könnte jederzeit sein, heute, übermorgen, vor langer Zeit, aber tatsächlich spricht der Namenlose von der italienischen Autonomia, es wird irgendwann zwischen dem Herbst 1976 und dem Winter 1977 gewesen sein, ein genauer Zeitpunkt wird nicht genannt, als die Mieten stiegen und stiegen und der Druck zunahm und die Arbeiter, Studenten und ihre Familien Wohnungen besetzten, deren Miete sie nicht mehr bezahlen konnten, und Räumungen verhinderten und in Straßenkämpfe verwickelt wurden.

Der Namenlose gehört im heißen Herbst 1977 zu den Älteren; er kämpfte bereits mit der italienische Marine und den Alliierten gegen die Nazis, wurde gefangen genommen und landete zuerst in einem Arbeitslager in Bremervörde, dann verschlag es ihn zur Zwangsarbeit nach Kiel. Er überlebte die Arbeitslager, um nach dem Krieg auf Sardinien unter unvorstellbaren Bedingungen in den Kohleminen zu schuften (und in einer am Reißbrett entworfenen Stadt zu leben), wo sich militanter Widerstand regte, der nicht im Misserfolg endete. Er wanderte aus, nach Australien, um ein wenig Geld zu verdienen, und kehrte nach ein paar Jahren nach Italien zurück, wo wir ihn während der Zeit der Autonomia wiedertreffen.

„Wir haben viele Kämpfe verloren und wir werden andere noch verlieren aber wir haben auch schon einige gewonnen und wir werden immer weiter kämpfen kontinuierlich und immer weil es sind wir die gewinnen müssen am Ende“.

Nanni Balestrini: Carbonia. Wir sind alle Kommunisten. Bahoe-Books, 86 Seiten, 8,80€.

 

Die TaklaMakan

Barry Cunliffe, ein emeritierter Professor für Archäologie, der eigentlich auf die ältere Geschichte Großbritanniens, Irlands und des sogenannten keltischen Randes Europas spezialisiert ist, hat eine epochenübergreifende Geschichte Eurasiens geschrieben, die nicht in die üblichen Raster der Fachwelt passt – denn er nimmt die weiten Gebiete zwischen Europa/dem vorderen Orient und China als Zentrum und versucht zu beschreiben, wie dieses mit den östlichen und westlichen Zivilisationen wechselwirkt und welche Entwicklungen sich daraus für China, für den westlichen Zipfel Asiens, für Vorderasien und für das „Dazwischen“ ergaben.

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung langer Zyklen; dann beginnt das Buch im Jahr 10.000 v.u.Z. Cunliffe erklärt, warum Pferde und Kupfer ab 5000 v.u.Z. so wichtig waren, die ersten Konfrontationen zwischen Nomaden und Imperien und vieles mehr, und er beendet das Buch nicht, wie es oft üblich ist, im Jetzt, sondern mit dem Aufstieg der Mongolen und dem Zerfall ihres Reiches.

Was dieses Buch zu einem echten Lesegenuss macht, ist nicht nur der Stil des Autors (nicht alle klugen Köpfe schreiben auch gute Bücher), sondern viele (farbige) Abbildungen und Landkarten; wer noch nie von der Takla-Makan hörte, weiß nach der Lektüre des Buches, wo sie liegt, was dort passierte, warum sie eine wichtige Rolle spielte – und wie sie aussieht.

Barry Cunliffe: 10000 Jahre. Geburt und Geschichte Eurasiens. Theiss-Verlag,  596 Seiten, 49,95€.

 

Die Abstiegsgesellschaft

Eine Rollltreppe, die nach unten fährt, und gegen die man anlaufen muss, letzteres gilt für immer mehr Mitglieder der Gesellschaft - ein Bild aus Oliver Nachtweys Sozialstaatsanalyse „Die Abstiegsgesellschaft“. Von der sozialen Moderne der Sechziger (Normalarbeitstag, soziale Sicherheit), einer „Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration“, beschreibt Nachtwey den Weg zum Postwachstumskapitalismus, einer „Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung.“

In der regressiven Moderne erlebt der Arbeitnehmer jeden Tag, wie die Faust des neoliberalen Marktes gut hörbar an seine Tür klopft. Abstieg ist eine stete Möglichkeit, Aufstieg oft eine Illusion. Das Buch beinhaltet eine linke Kritik der Gesellschaftsanalyse, gut lesbar, und führt aufs freie Diskussionsfeld. Thesen aus diesem Buch können auch zur Analyse des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus führen.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, 264 Seiten, 18€.

 

Alles bloss immer Hund!

Jan Ahlers ist 17. Er lebt bei seiner Großmutter in Hamburg, malocht auf dem Bau, ist nicht zufrieden mit sich und der Welt. »Alles bloß immer Hund!« ist einer seiner Lieblingssprüche. Die Handlung beginnt 1960, und ein breit angelegtes Milieu fächert sich auf: Bundeswehrsoldaten, ein Sozialarbeiter, ein Franzose, Kommunisten, ein Gangsterboss, ein Arzt ...

»Dieser Roman ist die erste komplexe erzählerische Realisation des Widerstands, des Protests, des Veränderungswillen, wie sie in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik aufkamen« (Heinrich Vormweg).

Christian Geissler: Das Brot mit der Feile. Verbrecher-Verlag, 544 Seiten, 26€.

 

Weiter möchten wir noch auf weiter lesenswerte Bücher verweisen:

 

Byung-Chal Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer. 123 Seiten, 9,99€.

 

und auf ein im Moment viel diskutiertes Buch:

 

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Suhrkamp, 238 Seiten, 18€.

 

 Deborah Feldman: Unorthodox. Secession-Verlag, 319 Seiten, 22€.

Die Autorin schildert eindrucksvoll, wie sie in den USA in einer ultraorthodoxen Gruppe, den Satmarern, aufwuchs und wie es ihr gelang, sich aus der Gruppe zu lösen und ein eigenes Leben zu leben.

 

Marge Piercey: Er, Sie und Es. Argument-Verlag, 552 Seiten, 29€.

Es beginnt im Familiengericht einer Konzernfestung des späten 21. Jahrhunderts. Was ist noch natürlich, was künstlich in dieser teils zerstörten, teils hochtechnologischen Welt? Während eine Großmutter die uralte Geschichte von Rabbi Juda Löw und seinem Golem erzählt, begibt sich ihre Enkelin Shira auf eine Odyssee von Verstand und Moral. Sie soll ein Cyborgwesen ausbilden, dabei stellt sich die Frage neu, was Bewusstsein ausmacht und was Gesellschaft. Und ob die große Schlacht um Integrität und Freiheit überhaupt noch gewonnen werden kann.


   Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.