Buchtipps - Archiv

 

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Konsum !?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Nichts ist umsonst, jeder und jede geben Geld aus, ob als Erstklässler, Teenager, Erwachsener oder im Rentenalter. Der Kauf einiger Waren – ein Fernseher, ein Smartphone oder Kirschmarmelade – kann inzwischen angesichts beeindruckender oder furchterregender Wahlmöglichkeiten in echte Arbeit umschlagen: aus der Vielfalt des Angebots muss das „Richtige“ zu einem „korrekten“ Preis ausgewählt werden, so dass vor dem Kauf ansteht, sich eingehend zu informieren und zu vergleichen; zugleich ist Konsumieren ein Freizeitvergnügen (geworden), sei es als „Shoppen“, sei als Urlaub oder mit dem Sky-Abo.

Vieles, was sich heute beobachten lässt, scheint ein Auswuchs des postfordistischen, globalen Kapitalismus zu sein, Entwicklungen, die sich in der Geschichte des Kapitalismus langsam und allmählich verstärkt haben und, so mögen manche behaupten, vor nicht allzu langer Zeit in eine neue Qualität umgeschlagen sind – etwa die Privatverschuldung (Kauf auf Pump, mit oder ohne Kreditkarte), der Hype um jährlich neue elektronische Geräte, Konsumtempel, ausufernde Modetrends, Brot und Spiele und vieles mehr.

Eine neue, bahnbrechende Geschichte des Konsums bestätigt einige der scheinbar selbstverständlichen Ansichten über den Konsum, verweist viele andere aber ins Reich der Legenden (und fake news). Das Buch ist zweigeteilt: zuerst wird die Geschichte des Konsums sozusagen chronologisch abgehandelt, beginnend in der italienischen Renaissance und endend – mit Zwischenstationen in China, Indien, den USA und in jedem Jahrhundert, später fast in jedem Jahrzehnt – in der heutigen Zeit. Nicht nur Europa wird also behandelt, sondern die ganze Welt, auch wenn Europa und die USA aufgrund des Quellenmaterials im Vordergrund stehen. Der zweite Teil ist dann thematisch strukturiert: Konsum und Schulden, privater und staatlicher oder gesellschaftlicher Konsum, was Konsum mit Kindern und dem Rentenalter zu tun, Abfall und Recycling und weiteres. Zugleich werden in den laufenden Text immer wieder Exkurse über je zeitgenössische ökonomische Theorien eingestreut, die sich mit Konsum, Sparen und „Überfluss“ beschäftigen – und sich witzigerweise unweigerlich später als falsch herausstellen.

Unmöglich kann alles erwähnt werden, was in dieser Fundgrube an Informationen zur Sprache kommt. Besonders beeindruckend war etwa – natürlich eine subjektive Auswahl – der Hinweis darauf, dass Wasser, Strom, Energie und Abwasser (Müll) konsumiert werden und dass die Verbreitung von fließendem Wasser in Haushalten, von Steckdosen, Heizungen und Toiletten immense Auswirkungen auf das gesamte Konsumverhalten der Menschen hatten, die mann und frau sich heute kaum noch vorstellen können; jede Neuerung erzeugte neue Neuerungen und einen ganzen Schwarm neuer Waren, die das Freizeitverhalten und den Konsum durcheinander wirbelten. Die Elektrifizierung der Küche, die auf billigem Strom beruhte, sollte, so ein Beispiel, durch die Benutzung neuer elektrischer Geräte (Staubsauger, Waschmaschine) die Arbeit der „Hausfrau“ rationalisieren und Arbeitszeit einsparen, doch tatsächlich geschah das Gegenteil: mit der Waschmaschine wurde zwar schneller gewaschen, aber die Arbeitszeitersparnis wurde mehr als wettgemacht durch eine erhöhte Waschfrequenz – häufigeres oder tägliches Wechseln der Wäsche führte, dass die Wascharbeit mehr Arbeitszeit einnahm als vorher. Ähnliches passierte mit dem Staubsauger: die Arbeitszeit für die Sauberhaltung der Wohnung sank nicht, weil die Sauberkeitsstandards rapide anstiegen.

Ebenso erhellend sind die Bemerkungen zum schuldenfinanzierten Konsum. Die Schwindel erregenden Zahlen über die heutige Privatverschuldung, die oft mit einem mahnenden Zeigefinger erwähnt wird, verblassen auf gewisse Weise vor früheren privaten Schuldenbergen (jedenfalls in Relation zum jeweiligen Lebens- und Vermögensstandard).

Der einzige Nachteil des Buches besteht darin, dass es sehr umfangreich ist – und daher leider auch ein wenig teuer.

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. DVA, 1095 Seiten, 40Euro.

Vier Männer und eine schwierige Vergangenheit

Wenn eine US-amerikanische Autorin japanischer Abstammung einen Roman über Männerfreundschaften zwischen vier hetero- und homosexuellen Männern mit unterschiedlichen Lebenshintergründen schreibt, kann das entweder schief Hose gehen, oder es ergibt sich etwas Wunderbares und Beeindruckendes: in diesem Fall entstand etwas Großartiges.

Hanya Yanagihara begleitet einen angehenden Rechtsanwalt, einen Architekten, einen Maler und einen kellnernden Schauspieler ab der Zeit, als sie gerade erwachsen wurden, bis ins hohe Alter und den Tod. Sie schildert, wie alle vier Karriere machen, mit welchen Widersprüchen sie dabei zu kämpfen haben: ein Anwalt zwischen Recht und Gewissen, welche Rollen kann ein schwarzer, homo- und bisexeller Filmstar spielen – und wie sich ihre Freundschaft zueinander verändert, wenn sie sich selbst verändern.

Obwohl die Lebenswege aller vier Männer ausgebreitet werden, gewährt die Autorin einem von ihnen mehr Aufmerksamkeit als den anderen. Als sich die jungen Männer kennenlernen, erzählen sie sich, wie es so üblich ist, wo sie aufgewachsen sind, was ihre Eltern tun, tauschen Geschichten und Jugenderinneungen aus und lernen die Eltern der Anderen kennen. Nur einer schweigt beharrlich und konsequent, seine Vergangenheit bleibt lange ein Rätsel, und schnell schimmert zwischen den Zeilen durch, dass er anders ist und keine glückliche Kindheit erlebt hat; außerdem schneidet er sich, wenn er durcheinander ist oder sich beruhigen muss, in den Arm und beruhigt sich im Schmerz. Dieses selbstverletzende Verhalten (oder „Ritzen“), das sich auf fortgesetzten Missbrauch in seiner Kindheit zurückführen lässt, durchzieht das ganze Buch; es macht, für ihn und für seinen Freund und für seine Freunde, jede Beziehung beschwerlich, erst recht den Sex (mit seinem Freund), und es besteht stets die Gefahr des Rückzugs, der Zurückweisung und unbewusster Wiederholungen dessen, was er erlitt.

Im Kern erzählt der Roman, wie die (mit ihm) befreundeten Männer versuchen, mit ihm befreundet zu sein, ohne ihn zu therapieren oder sich als Helfer aufzuspielen – ein schwieriges, oft unmögliches Unterfangen, das, wie in der Wirklichkeit, nicht von Erfolg gekrönt sein wird, auch wenn es kleine und winzige Kurzzeit-Happy-Ends gibt. Wenn er irgendwann, als längst erwachsener Mann, seinem bei ihm lebenden Freund erzählt, was er als Kind erleiden musste, muss nicht nur der Zuhörende Unfassbares ertragen, sondern die lesend Zuhörenden, die zugleich ahnen, dass solche Wunden niemals heilen.

Der Clou der Autorin, einen Mann sich so verhalten zu lassen, wie es man(n)von einer missbrauchten Frau erwartet, und diesen Mann praktisch nur mit Männern interagieren zu lassen, eröffnet dem Roman eine zweite Ebene: obwohl die Geschichte niemals (oder sehr selten )vom Individuellen ins Allgemeine abgleitet, kommt, wenn das Buch nach 960 Seiten zugeklappt wird, Vieles ins Wirbeln, was mann und frau über Macht und Sex, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und den notgedrungen stets subjektiven Umgang mit Missbrauch und Opferhilfe dachten. Besser kann Literatur Leben nicht abbilden, und wenn sich das Buch auch noch, scheinbar magisch, weigert, geschlossen zu werden, bevor die letzte Seite erreicht worden ist, denn liegt der seltene Fall einer rundum gelungenen Geschichte vor.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Hanser, gebunden, 960 Seiten, 28 Euro. (Auch bei der Büchergilde Gutenberg: dort 25.- Euro).

 

Ein japanischer Krimi und ’68 in Tokio

Eines Tages im Jahr 1993 explodiert in einem Park in Tokio eine Bombe; es gibt mehrere Dutzend Tote. Shimamura, Besitzer einer schäbigen Eckkneipe und selbst sein bester Kunde, befindet sich in der Nähe, weil er sich in dem Park gern tagsüber erholt. Irgend etwas kommt ihm während des Anschlags komisch vor, kurze Zeit später bekommt er Besuch von der japanischen Mafia und wird dann von wiederum anderen zusammengeschlagen.

Shimamura, der unter falschen Namen lebt, weil er in der Zeit der japanischen Studentenbewegung (1968) in den Untergrund gehen musste, erfährt zu seinem Erstaunen, dass sich unter den Toten des Anschlags seine frühere Genossin befindet, und er beschließt, auf eigene Faust Ermittlungen aufzunehmen. Dabei kommt ihm die Yakuza in die Quere, er lebt zeitweise im Obdachlosenmilieu, lernt die Tochter seiner Ex-Genossin kennen, und er bekommt allmählich heraus, dass auch sein Ex-Genosse, der Dritte des einstigen Trios aus den Sechzigern (dessen Geschichte in einigen Rückblenden erzählt wird), irgendwie in die Vorkommnisse verwickelt ist. Zudem wirft der Roman ein paar Schlaglichter auf die Polizei Tokios und die Verquickungen von Kapital und Yakuza, bis sich das Labyrinth aus falschen Spuren zum Schluss zur Überraschung aller auflöst.

Der Autor wurde, als er den Roman 1993 schrieb, selbst von der Yakuza gejagt – er hatte Spielschulden in Höhe von umgerechnet 70.000 Euro. Also beschloss er, einen erfolgreichen Krimi zu schreiben, um sich die Mafia vom Leib zu halten – was ihm gelang.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Cass, 352 Seiten, 19,95 Euro.

 

Der Wolf im Slip 1 - Ein (Kinder)Comic, unbedingt auch für Erwachsene

Die Angst vor dem Wolf treibt die im Wald lebenden Tiere um, ohne dass sie ihn gesehen oder gehört haben. Gerüchte eben: Seit Tagen sind die drei Schweinchen nicht gesehen worden.

Diese Angst bringt Skurriles hervor: Eichhörnchen verkaufen Haselnüsse gegen die Wolfsangst, die passende Literatur ist zu erwerben, ein Bär bietet Selbstverteidigungskurse an, Fallen können gekauft werden, sachverständige Elche halten Vorträge und schließlich: Die Dachse stellen eine zum Glück sehr schreckhafte Bürgerwehr auf. Dann kommt der Wolf, und die anderen Tiere erfahren, wie er zu seinem Slip gekommen ist, welche Rolle die alte Eule dabei spielte und wie die Geschäfte im Wald nach Klärung dieser Fragen weiterlaufen, aber das soll hier nicht verraten werden.

Der Stil des farbigen Comics ist unkonventionell: Er enthält Seiten, die an illustrierte Kinderbücher, zum Teil mit Wimmelbuch- Elementen, erinnern, und auf anderen wird mit der Verteilung der Panels so frei umgegangen, wie es der Geschichtsverlauf benötigt. Ein schön gestaltetes und sehr amüsantes Buch, witzig und mit vielen Kleinigkeiten, die erst beim zweiten Durchblättern entdeckt werden

Empfohlenes Alter: 5 bis 90 Jahre

Wilfrid Lupano und Paul Cauuet, farbig illustriert von Mayana Itoiz, Splitter Verlag 2017. Großformatig, 36 Seiten, 14,80 Euro.

 

Beim Wolf im Slip (und nicht im Schafspelz) handelt es sich um einen Ableger oder Spin-off der Comic-Reihe „Die Alten Knacker“ von Lupano und Cauuet, aus der gerade der 4. Band auf Deutsch erschienen ist.

Die Alten Knacker 4: Die Zauberin, Splitter Verlag, 56 Seiten, 14,80 Euro

 

Die Hauptstadt

Es geht in dem Buch um europäische Politik, und ansatzweise um einen Mord und die Verarbeitung des Holocaust. Das wird aber nur kurz in den Perspektiven der verschiedenen Charaktere angeschnitten. Insgesamt liegt der Fokus mehr auf dem einsamen Leben der unterschiedlichen Figuren, deren Wege sich manchmal überschneiden, manchmal auch nur kurz treffen. Der Roman ist gespickt mit Anspielungen auf europäische Politik. Was genau aber Aussage und Endpunkt des Buches sein soll, kann ich nicht genau sagen. Der rote Faden, den man nach einer Weile zu erkennen glaubt, wird am Ende plötzlich abgerissen und man steht völlig desorientiert da.

Insgesamt habe ich es aber sehr gerne gelesen. Es war gut und bildhaft geschrieben, mit meisterhaften ersten Sätzen (gerade die Einleitung fand ich genial: ein Schwein läuft durch Brüssel und trifft nach und nach die verschiedenen Protagonisten), viel Humor und einer sehr reichhaltigen Sprache. Gleichzeitig fand ich manche Stellen und Metaphern etwas arg konstruiert und konnte nicht unbedingt aus allem etwas machen oder alles verstehen.
Insgesamt würde ich "Die Hauptstadt" weiter empfehlen, aber nur den Lesern, die anspruchsvoll sind und gerne schwierigere Lektüre mögen. Zum entspannen am Strand eignet es sich meiner Ansicht nach nicht.

Besprochen von Helena Kontny

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp-Verlag, gebunden, 459 Seiten, 24 Euro.

 

Hoffnung und Resignation

Fatma Aydemirs Debutroman „Ellbogen“ lässt sich in viele Schubladen packen. Es geht um eine junge Berlinerin mit türkischem Background, um das Erwachsenwerden, um Familie und Freundschaft, um Gewalt und Schuldgefühle aber vor allem um die Suche nach einem Platz in der Welt.

Die 17-jährige Hazal hat kein Problem mit ihrer Identität, aber ihre Eltern, ihre Verwandten, Lehrer*innen und auch der Detektiv im Kaufhaus: Alle haben eine Vorstellung davon, wer sie ist und wie sie sich zu verhalten hat. So wird sie im Kaufhaus verdächtigt zu klauen, ihre Strategie ist, die arme, vom türkischen Vater geprügelte Tochter zu mimen und nutzt diese Stereotype um so aus der Sache heil rauszukommen.

Die Eltern strafen sie mit Blicken für ihren, aus ihrer Sicht zu tiefen Ausschnitt. Aber Hazal durchschaut die Mechanismen, auch wenn sie es nur denkt: „Es liegt nicht am Shirt, es liegt an dir, verdammt“. Sie sehnt sich nach Selbstbestimmung und nach Freiheit. An ihrem 18. Geburtstag will sie feiern, endlich in den angesagten Club gehen und wird, mitsamt ihren Freundinnen, nicht eingelassen. Betrunken und gefrustet treffen sie am U-Bahngleis einen jungen, weißen Studenten, der sie anpöbelt. Hazals Freundin schubst ihn, aber er nimmt sie immer noch nicht ernst und lallt weiter: „Ich steh auf dominante Frauen, soll ich dir meinen Schwanz zeigen?“ Um ihre Freundinnen zu unterstützen schlägt auch Hazal zu, er fällt auf die Gleise und bleibt liegen. In Panik hauen die Mädchen ab, Hazal flieht nach Istanbul. Die Stadt, wie Fatma Aydemir sagt, die alle Kinder türkischer Eltern, die in Deutschland aufgewachsen sind anzieht, so hat auch sie dort den zweiten Teil des Romans dort geschrieben. Die Protagonistin versucht sich in der fremden Stadt zurechtzufinden. Zu erzählen wie es dort weitergeht, würde wirklich zu viel über dieses spannende Buch verraten. Es ist kein Buch über Klischees, sondern eines, das genau hinschaut, das die Welt von Hazal erfahrbar macht und dabei sehr nah dran ist an einer jungen Frau aus Berlin mit ihren Hoffnungen, ihrer Resignation und den verlorenen  Träumen.

Fatma Aydemir, Ellbogen. Hanser Verlag 2017, 272 seiten, 20 Euro

 

Alltag in Deutschland

1979: Behsadjan ist Mitte zwanzig und Lehrer in Teheran. Wie seine Freunde Peyman und Sohrab ist auch er Teil der Bewegung, jedoch mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Sohrab und Behsadjan schreiben kommunistische Flugblätter um die Revolution voranzubringen. Peyman hingegen ist stiller, er sagt: „Wir müssen dafür sorgen, dass es Essen gibt, dass es Wasser gibt, dass die Kinder zur Schule gehen.“ So trennen sich nach der Machtübernahme von Khomeini auch die Wege der Gefährten. Behsadjan flieht mit seiner Familie vor Verfolgung nach Deutschland, Peyman bleibt im Iran.

1989: Nahid ist Mitte dreißig und verbringt ihren Tag zwischen Warten, den Nachrichten und der Flucht in die Welt der kitschigen deutschen Fernsehserien. Da ihre Abschlüsse aus dem Iran in Deutschland nicht anerkannt wurden, überlegt sie nochmals zu studieren. Sie und Behsadjan treffen sich manchmal mit Ulla und Walter, zwei Deutsche, die es gut meinen, aber in deren Sprache und Verhalten ebenso viele Vorannahmen und vermeintliches Wissen über den Iran und „die persische Kultur“ zu lesen sind. 

Mit ihrer Sorge um Freund*innen und Angehörige im Iran sind Behsadjan und Nahid allein. Für ihre Kinder ist das Leben in Deutschland so normal und sie haben den Bezug zum Iran fast verloren.

1999: Laleh ist Schülerin der Oberstufe, was sie über den Iran weiß: „Dass ich nur weiß, dass ich klein war und wir in den Urlaub fahren wollten, aber dann plötzlich hier waren und mein Bruder richtige Milch statt Trockenmilch und duftende Nivea Creme bekam und die Kinder im Heim sich und mich Kanaken nannten. Dass ich weiß, dass Iran aus Küken und blauen Türen, aus Menschen und Gerüchen und einem Hinterhof mit einem barfüßigen Großvater besteht.“

2009: Mo studiert und ist das mittlere Kind von Nahid und Behsadjan. Politik interessiert ihn nicht besonders, aber dann beginnt die grüne Revolution im Iran und er beginnt seine Position zu reflektieren und versucht herauszufinden, was das alles mit ihm und seiner Familiengeschichte zu tun hat und wie er für sich diesen Bezug in Deutschland leben kann.

 

Eine Geschichte aus deutsch-iranischer Sicht über den Zeitraum von 40 Jahren, aktuell ist jede einzelne Epoche jedoch immer noch. Ihren ersten Roman widmet die Autorin Shida Bazyar ihren Eltern. Aus vier Perspektiven erzählt, schafft sie eine dichte Erzählatmosphäre herzustellen, die es erlaubt den Figuren und ihren Gefühlen sehr nahe zu kommen und nachzufühlen, welcher Schmerz und welche Hoffnungen sie begleiten.

Shida Bazyar, Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch. 283 Seiten. 9,99 Euro

 

Eine Jakobsleiter

Ljudmilla Ulitzjaja bezeichnet sich selbst als russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft mit christlicher Prägung. In ihrem neuen Roman Jakobsleiter verwebt sie kongenial persönliche, politische und hundert Jahre russischer, zeitweise natürlich sowjetischer Geschichte und das Leben von einzelnen Personen aus vier Generationen.

Nach der Revolution ziehen Jakow und Marussja mit dem kleinen Genrich nach Moskau. Beide sind von der Revolution begeistert und wollen eine neue Gesellschaft aufbauen. Jakows Vater ist ein jüdischer Mühlenbesitzer. Jakows große Liebe gilt der Musik, aber er muss, um die Familie zu ernähren, als Ökonom arbeiten. Marussja, Noras geliebte Großmutter, möchte ihr Geld als Tänzerin verdienen. Beide werden ihre Träume aus unterschiedlichen Gründen nicht verwirklichen können.

Jakow zieht freiwillig in den Krieg, und Marussja lebt von seinen leidenschaftlichen Briefen. Zweimal wird Jakow dann verbannt, ein drittes Mal in ein Lager in der Komi-Republik. 1955 stirbt er erschöpft und krank, ein energiegeladener und schöpferischer Mann, der auch unter den schwierigsten Umständen seine Projekte betrieb. Von ihm sind Briefe und Tagebucheinträge erhalten, die sein Leben dokumentieren und seiner Frau übergeben werden. Marussja und Genrich sind als Verwandte von Jakows staatlichen Repressalien ausgesetzt. Schließlich wenden sie sich von ihm ab.

All dies erwähnt Marussja trotz ihrer innigen Beziehung niemals gegenüber ihrer Nichte Nora. Diese wird Jahre später die Aufzeichnungen und Briefe ihres Großvaters lesen und so die andere Seite der Familiengeschichte erfahren.

Der zweite Handlungsstrang des Romans schildert das Leben der theaterbesessenen Bühnenbildnerin Nora. Sie hat mit den genialen und wortkargen Mathematiker Vitja einen Sohn, der später die Liebe seines Urgroßvaters für die Musik ausleben kann: Er wird nach Umwegen Komponist. Nora arbeitet und lebt für die Inszenierungen von Theaterprojekten mit dem georgischen Regiesseuer Tengis. Sie versinken in sich und in der Arbeit, arbeiten unabhängig, scheitern, haben Erfolge. Und dann verschwindet Tengis wieder … taucht aber immer wieder auf. Nora lebt unabhängig und unangepasst ihr Leben.

Ein Buch über Russland/die Sowjetunion, über die ‚Intelligenzija‘ und deren Verfolgung, über das Verschweigen und Vergessen, über Theater und Musik und mit vielen einzelnen Geschichten und Schicksalen. Ljudmila Ulitzkaja gelingt es, die Leser*in trotz der zeitlichen Brüche mühelos durch das Buch zu geleiten. Nie moralisiert sie, ihr Interesse gilt denen, die ‚zwischen den Stühlen‘ sitzen, und den Möglichkeiten, sich unter den gegebenen Umständen zurechtzufinden.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter. Hanser Verlag, 608 Seiten. 26,00 Euro.

 

Ein Mord in Bangalore

Inspector Borei Gowda ermittelt in Bangalore, der drittgrößten Metropole im Südwesten Indiens. Gleich zu Beginn werden er und sein Team, bei der Arbeit integer, im Privatleben eher fehlbar, mit einem Mord in einer von Sicherheitskräften gut geschützten Gated Community konfrontiert. Im Viertel der Reichen und Schönen wurde ein Anwalt erschlagen. Fast zeitgleich verschwindet die dreizehnjährige Tochter von Shanthi, die Gowda den Haushalt führt. Es ist klar, welcher Fall bevorzugt behandelt werden soll. Aber Gowda und sein Team lassen sich nicht manipulieren …

Gowdas Ermittlungen, die er eher unkonventionell führt, lassen die Leser*in die Stadt kennen lernen: Bangalore ist ständig im Wandel, kolonial geprägt, hochmodern, ethnische und Kastenvorurteile spielen eine große Rolle und es existieren unglaubliche soziale Gegensätze. Diese Gegensätze und der Handel mit Menschen, genauer der Handel mit Kindern, sind Thema des Romans. Anita Nair schaut genau hin, wird aber nie voyeuristisch. Spannend, informativ, natürlich erschreckend, gleicht der Roman trotzdem einer Reise in die drittgrößte Stadt Indiens.

Anita Nair: Gewaltkette. Argument-Verlag 350 Seiten, 19,00 Euro.

 

Ein besetztes Haus - einst und heute

Lena Hofhansl, seit einem Jahr auch als Poetry-Slammerin unterwegs, hat mit obigem Titel ihr zweites Buch veröffentlicht.

Die eigentliche Hauptperson des Buches ist das besetzte Haus B14 im Süden Stuttgarts. Hier finden sich 1986 die Besetzer, der zurückhaltende Krankenpfleger Emilio, der belesene Anarchist Matthias, eine Gruppe Punker, ganz dem Stereotyp entsprechend, mit Hunden und einem ungezieferverseuchten Sofa und einer Frau, eher zu den Hippies tendierend, Anouk ein. Sie organisieren ihren Alltag, diskutieren, machen Politik. Hier wagt es Emilio, sich in Anouk zu verlieben. Natürlich unsterblich. Sie entscheiden sich, eine offene Beziehung zu führen.
Und immer wieder Musik: Ein Festival am WAA in Wackerdorf und der Plattenspieler im besetzten Haus mit Diskussionen über die Musikgruppen. Lena Hofhansl hat von den Kapitelüberschriften bis zu den Konzertbesuchen der handelnden Personen überall Anspielungen eingestreut.

Soweit die eine Geschichte, die andere spielt, neunundzwanzig Jahre später, also 2005, am selben Ort. Das Haus gehörte inzwischen Emilio, der dort einen Plattenladen betrieb. Mit Leidenschaft.

Isa, seine Tochter, hat ihren Vater nie kennengelernt, hat das ehemals besetzte Haus von ihm geerbt und will den Laden jetzt, wutentbrannt, abfackeln. Sie betritt ihn ein letztes Mal und trifft auf dem gleichaltrigen Rotze, der als Obdachloser im Keller des Hauses lebt. Was tun? Isa nimmt erst einmal eine Auszeit von ihrem geregelten Leben. Doch mehr dazu im Buch selbst.

Auch wenn hier der eine Handlungsstrang mehr Beachtung findet, sind im Buch beide gleichberechtigt. Ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und witziges Buch über die Hausbesetzungen der Achtziger und die Punkbewegung der Zeit, über Freundschaft, die Schwierigkeiten der Liebe, die Crux des Älterwerdens, Politik und Polyamorie.

Lena Hofhansl: B14 revisited. Roman. Schmetterling Verlag 2017, kartoniert, 195 Seiten, 12,80 Euro

 

Die Schauspielerin Channa Maron

Geboren wurde Channa Maron 1921 in Berlin, 1933 floh sie mit ihrer Mutter vor den Nazis nach Paris, 1935 schifften sie sich nach Palästina ein. Barbara Yelin schildert gekonnt, wie sie dort angekommen sind. Channa Maron konnte relativ schnell (wie vorher schon in Berlin als Kind) wieder auf der Bühne stehen. Ein festes Engagement folgte. Mit Kollegen und Freunden diskutierte sie die politische Lage und fasste 1942 den Entschluss, der jüdischen Brigade der britischen Armee beizutreten.

Ein weiterer Einschnitt in ihrem Leben sollte 1970 folgen, als sie bei einem Anschlag ein Bein verlor. Sie erlernte das Laufen neu und engagierte sich politisch für die Zweistaatenlösung.

Das Buch macht den deutschsprachen Leser*innen die in Israel entwickelte Ausstellung „Graphic Art zu Channa Maron“, der „Grande Dame“ des israelischen Theaters, zugänglich. Der Band ist mit Anmerkungen versehen und in zwei Abschnitte geteilt. Barbara Yelin entwickelt das Leben von Channa Maron in Form eines Comics. Sie zeichnet und schreibt einzelne Kapitel des Lebens von Channa Maron aus der Perspektive von Weggefährt*innen und erreicht so eine sehr unmittelbare Wirkung.

David Polonskys bezieht sich auf Theaterrollen, die Channa Maron spielte, und die historische und politische Einordnung erfolgt über Anmerkungen oder den Hintergrund der plakatartigen Illustrationen. Ein wunderbar gestaltetes Buch.

Barbara Yelin: /David Polonsky: Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Reprodukt Verlag, 79 S., 24 Euro.

 

Underground Railroad

Cora, eine junge Sklavin, deren Großmutter auf einem Sklavenschiff verschleppt wurde, träumt wie alle anderen von einem Leben in Freiheit. Gemeinsam mit Caesar flieht sie von der Südstaatenplantage in Georgia mithilfe des titelgebenden Netzwerks Underground Railroad in den freien Norden. Dieses historisch reale Unterstützungsnetzwerk wird von Colson Whitehead in eine, nur im Roman existierende Untergrundbahn verwandelt, mittels derer die Fliehenden sich auf den Weg begeben. 

Verfolgt vom Sklavenfänger trifft Cora auf helfende, skrupellose und gleichgültige Menschen, sie erfährt bedingungslose Unterstützung ebenso wie Verrat.

Die Flucht führt durch mehre Bundesstaaten, in denen es jeweils unterschiedliche Politiken zur Sklaverei gibt, von der Abschaffung der Sklaverei mitsamt den ehemaligen Sklaven in dem einen,

medizinischen Experimenten an Schwarzen in einem anderen.

Colson Whiteheads Roman nimmt uns mit auf eine im Wesentlichen historische, manchmal surreale Reise, er eröffnet uns eine andere Perspektive auf die Zeit der Sklaverei, der Wurzel des bis heute andauernden Rassismus.

Colson Whitehead: Underground Railroad

Deutsch: Hanser, 352 S. 24,- Euro

Englisch: Random House, 320 S. 14,99 Euro

Oder Random House Paperback 8,99 Euro

 

Nordsee

Europa ist ein historischer Zufall. Einst, im römischen Reich (und davor), gab es diese Entität nur als Anhängsel des eurasischen Kontinents, aber nicht als politisches „Wesen“. Tatsächlich wurde ‚Europa’ zum ersten Mal in einer Chronik erwähnt, die knapp 30 Jahre nach den realen Vorfällen die Schlacht von Poitiers 732 schildert, in der ein muslimischer Plündertrupp aus Frankreich nach al-Andalus zurückgedrängt wurde.

Howard Pye  schildert in seinem Buch die Anfänge Europas im Nordwesten, rund um die Nordsee – also nicht der oft übliche Blick aufs Mittelmeer, auf den Süden, nach dorthin, wo im Mittelalter der Reichtum und die Kultur konzentriert war.

Wer allerdings eine chronologische Abfolge erwartet, schön geordnet nach Jahren und geographischen Orten, wird ein wenig enttäuscht sein, auch die klassische (langweilige) Geschichte, die sich an Monarchen und Reichen entlanghangelt, wird außen vor gelassen: das Buch ist wie die Nordsee, die Gebiete verbindet und nicht trennt, die mal spiegelglatt im Sonnenschein daliegt und sich ein paar Tage später in eine maritime Hölle verwandelt – es ist sinnlos, Geschichte von einer nationalen Warte aus zu erzählen. Der Autor erzählt statt dessen in 12 Kapiteln Geschichten, in denen Geschichte fassbar wird: die Wikinger, die als erste eine Art Protoglobalisierung in Gang setzten, und das byzantinische Reich mit Nordeuropa (in Schweden gibt es viele Funde arabischer Münzen) und zugleich Skandinavien, Nordfrankreich, England und Irland miteinander verbanden. Die Hanse fehlt natürlich nicht, und es gibt ein Kapitel darüber, wie der frühe Buchhandel entlegene Gebiete übers Meer zusammenschloss.

Stets steht das Meer im Vordergrund: als verbindendes Element, und aus den Geschichten schält sich allmählich etwas heraus, das durchaus als eine Geschichte der Anfänge Europas bezeichnet werden kann

Michael Pye: Am Rande der Welt. Eine Geschichte der Nordsee und der Anfänge Europas. Fischer-Verlag. 474 Seiten, 26 Euro.

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 Die Auswirkungen von Schokolade

 Georgien – die meisten wissen nicht einmal (genau), wo die ehemalige Sowjetrepublik überhaupt liegt. Bei Tiflis, der Hauptstadt, läutet vielleicht etwas, und die Kriege und Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien wurden in den letzten Monaten in den Nachrichten ab und zu nebenbei erwähnt, und dass Stalin in Georgien geboren wurde, ebenso wie Lawrenti Beria, der Vorsitzende des NKWD, des Stalinschen Säuberungsapparates, könnten manche schon einmal gehört haben. Aber sonst sind Georgien – und seine Geschichte – eher weiße Flecken, nicht nur in der Literatur, sondern überhaupt.

Eine Autorin, die in Georgien geboren ist, aber seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, hat nun (nach zwei anderen Romanen) einen regelrechten Wälzer geschrieben, der die Schicksale einer georgischen Familie seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschreibt und sehr eindringlich erzählt; der Schwerpunkt liegt auf den Frauen der Familie. Der erste Weltkrieg, die Bolschweki, Beria, Georgien als Sowjetrepublik, der zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Flucht und Exil, die nachstalinistischen Veränderungen, der Prager Frühling, Popmusik im Westen, die Auflösung der UdSSR, georgische Nachfolgekämpfe, das Leben im Westen – und ein Schokoladerezept, das nicht verraten wird, tauchen in der Geschichte auf und sind in sie verwoben; fast überlesen mann und frau die welt- und regionalgeschichtlichen Bezüge, da die Geschichte (die die Autorin ihrer Nichte erzählt) so eindringlich und spannend erzählt wird, dass es schwierig wird, das Buch zur Seite zu legen.

 Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, über 1100 Seiten, 34€.

 

 

Auf der Suche

Katja Petrowskaja erzählt, soweit rekonstruierbar, die Geschichte ihrer Familie väter- und mütterlicherseits seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Ihre Kindheit verbrachte sie mit Eltern, Bruder und zwei Großmüttern in Kiew. Geboren 1970 in der Sowjetunion, spielte die Familie eine untergeordnete Rolle. Ein Gefühl des Verlusts, das nicht näher benannt wird, wird für sie Jahre später zum Anlass, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den Weg zu machen und ihren meist jüdischen Verwandten und deren Geschichte nachzuspüren.

Die Erzählungen von Mutter und Vater sowie die Familienlegenden bilden die Ausgangspunkte der Recherche. Google und Facebook helfen, aber nur begrenzt, also macht sie sich auf den Weg zu Orten, an denen Verwandte gelebt haben und umgebracht wurden, geht in Archive.

In der Familie der Mutter arbeiteten viele als Lehrerinnen für taubstumme Kinder und gründeten Waisenhäuser.

In der Familie des Vaters gibt es einen Revolutionär, der seinen Decknamen behielt und so für den heutigen Familiennamen der Autorin sorgte.

Einen Attentäter.

Mira, eine ihr bisher unbekannte Cousine, die überlebte und in die USA auswanderte.

Großvater Wassilij kehrt 41 Jahre nach Kriegsende zu seiner ersten Familie zurück. Ist er schuldig?

Und viele, viele mehr ….

Katja Petrowkaja lässt uns teilnehmen an ihrer Reise. nach Babij Jar. Tausende von Menschen sind hier ermordet worden.

Sie fährt nach Warschau. Hier wurde das erste Waisenhaus für taubstumme Kinder gegründet.

Mauthausen, Österreich.

Katja Petrowkaja hat aber kein Familienepos und keinen Roman über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie erzählt von sich und ihrer Suche nach der jüdischen Verwandtschaft. Berichtet von Unsicherheiten, vom Zu-Spät-Sein und einzelnen Möglichkeiten der Rekonstruktion. Diese Geschichten kombiniert sie gekonnt mit Erinnerungen und Familienlegenden über einzelne Personen. Natürlich bleiben Lücken, Fragen und Widersprüchlichkeiten, denen sie Platz gibt. So ist es ihr möglich, die Personen aus dem Schatten zu holen und sie der Erinnerung zurückzugeben.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp Verlag 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro

Für Mitglieder der Büchergilde Gutenberg 17,95 Euro

 

Kann denn Kochen Sünde sein?

 Kochbücher gibt’s wie Sand am Meer, und so wie die meisten Meeresufer kaum dazu einladen, sich hinzulegen, und die Sonne zu genießen (wenn sie denn scheint), so sind viele Kochbücher überflüssig, viel zu teuer, benutzen Zutaten, die in der alltäglichen Küche einmal pro Jahrzehnt benutzt werden und für ein durchschnittliches Portemonnaie unerschwinglich sind, recyclen die allgegenwärtigen Kochshow-Anleitungen oder stellen Rezepte zur Schau, die bereits in einer Armada anderer Kochbücher veröffentlicht worden sind. Das ist schade, denn gute Kochbücher gehören eigentlich in jede Küche, deren Bewohner_innen sich lieber nicht mit Fastfood, Mikrowellen, Süßigkeiten oder Dosenfraß durchs Leben schlagen wollen.

Doch manchmal gibt es, wie Bernstein am Strand, Juwelen im Meer der Küchenliteratur. Guillaume Long betreibt einen Blog auf der (französischen) Seite von Le Monde, auf der er kleine Comicstrips veröffentlicht – zum Thema Kochen, Genießen und kulinarische Expeditionen, wie etwa jenen Strip, in dem das „Büro zur Kontrolle der Carbonara“ – die Carbonara-‚Polizei’ – einschreitet, weil ein junger Mann das Rezept für Spaghetti Carbonara sehr frei interpretiert.

 In mittlerweile zwei Bänden führt uns der Autor durch ein gezeichnetes, kulinarisches Universum aus Rezepten, Erlebnissen und Kücheninsiderwissen – wie wird ein richtiger Kaffee gekocht? – und das ganze wird zwar auch mit Pfeffer, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt (Achtung: wie obige Zutatenliste zeigt, sind die Comicstrips nicht vegetarisch).

 Guillaume Long: Kann denn Kochen Sünde sein? Carlsen-Verlag, 143 Seiten, 24,90€;

Guillaume Long: Nicht ohne meine Schürze, Carlsen-Verlag, 126 Seiten, 24,90€

 

Manchmal jedoch gibt es im Sand des Kochbuchmeeres auch Perlen oder Bernsteinkügelchen; wir empfehlen ein kleines Kochbüchlein mit nur 60 Rezepten – aber jedes gibt’s in doppelter Ausführung, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch- oder Fischeinlage; die Rezepte laden, was bei Kochbücher nicht oft vorkommt, zum Experimentieren ein, verlangen also keine sklavische Befolgung, und ein paar schöne Fotos gibt’s auch.

Martin Kintrup: Kochen für Teilzeit-Vegetarier. Gräfe und Unze-Verlag, 144 Seiten, 16,99€.

 

 Eine Generation ohne Zukunft

 

 In den Dörfern um Biella, südöstlich des Lago Maggiore, einem kleinen italienischen Provinzstädtchen in den Ausläufern der Alpen, wachsen Marina und Andrea auf. Mailand ist etwas mehr als 100 Kilometer entfernt, die Gegend verödet allmählich, und die jungen Leute, die Heranwachsenden – wer kennt das nicht – zieht es in die Städte, dahin, wo es Jobs, Kneipen und eine Szene gibt.

Marina und Andrea verlieben sich ineinander, als sie jung sind, doch Andrea ist anders als die anderen: er will nicht weg, sondern auf der Alm seines Großvaters Kühe züchten und Käse herstellen, genau das, was sein Vater ihm durch eine gute Ausbildung ersparen wollte. Marina hingegen träumt davon, eine berühmte Sängerin zu werden (ihrer Familie zu entfliehen) und im Fernsehen aufzutreten. Andreas Träume stehen ihren Träumen, ihrer Karriere im Weg, als sie sich daran macht, in Casting-Shows aufzutreten. Sie verlässt ihn, wird berühmt; Andrea baut sich seine Käserei auf.

Vor dem Hintergrund zerfallender Dörfer, was einige nicht hinnehmen wollen, harter Winter und den Schattenseiten des Showbiz gehen sie ihre eigenen Wege – und können doch nicht voneinander lassen – und können doch nicht das Leben des anderen/der anderen leben: ein Teufelskreis. In manchmal sehr poetischen Sätzen beschreibt die Autorin die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen und unglücklicher Liebe, ohne in Pessismus zu verfallen. Im Nachwort erzählt sie sogar, dass es mittlerweise eine Bewegung zurück in die Dörfer gibt, weil es in den Städten auch keine Perspektive mehr gibt. Ihr Roman ist eine verkappte Liebeserklärung an die periphere Gegend, in der kaum noch jemand lebt.

 Silvia Avallone: Marina Bellezza. Klett-Verlag, 568 Seiten, 24,90€.

 

Panorama eines Jahrhunderts

 1910 wird in Prag Josef Kaplan geboren; er studiert, wie alle seine jüdischen Vorfahren, Medizin. In der Zwischenkriegszeit engagiert er sich in der sozialististischen Studentenbewegung, doch seine Begeisterung fürs Tanzen und die Politik passen nicht so recht zusammen; um diesem Dilemma zu entfliehen, wandert er 1935 nach Paris aus. Dort betreibt er medizinische Forschungen und feiert die Nächte durch; den Schritt in den spanischen Bürgerkrieg, um gegen die Faschisten zu kämpfen, wagt er nicht, obwohl einige Bekannte Paris verlassen. Statt dessen zieht es ihn nach Algier, an ein Krankenhaus; als die Nazis Frankreich besetzen, muss er als Jude Algier verlassen und versteckt sich im algerischen Hinterland.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis kehrt er mit seiner Geliebten in die Tschechoslowakei zurück, begeistert über die Politik der KP, doch als die KP-Führung die Zügel anzieht, macht sich überall im Land Desillusionierung breit, und als dann zwei Jahre später seine Frau mit ihrem Sohn nach Frankreich flüchtet, bleiben ihm nur noch seine Arbeit und seine Tochter, die sich 1968, als ein mysteriöser kranker Lateinamerikaner ins Sanatorium ihres Vaters eingeliefert wird, in diesen verliebt. Dann fällt die Mauer, und Reisen in den Westen sind für alle erlaubt …

Die Einschätzung des Rezensenten der „WELT“, dieser Roman sei nur einer“ debilen Kaffeeklatschrunde“ zu empfehlen und wäre so kitschig wie eine Buttercremetorte, teilen wir nicht. Der Autor erzählt eine wunderbare Geschichte, die ein wenig unwahrscheinlich klingen mag, aber dennoch ein Panorama des letzten Jahrhunderts entfaltet, ein Panorama aus Aufbrüchen, enttäuschten Hoffnungen, Desillusionierungen und Niederlagen – in dem trotz allem Resignation keinen Platz hat.

(Der deutsche Titel täuscht ein wenig; im Original heisst das Buch: Die gelebten Träume des Ernesto G.).

Guenassia, Jean-Michel: Eine Liebe in Prag. Insel-Verlag, 512 Seiten, 24,95 Euro.

 

Die Dialektik der Paranoia?

Maxine, eine dezertifizierte Ermittlerin und Privatdetektivin, die sich darauf spezialisiert hat, Buchführungsdaten, ellenlangen Tabellen mit finanziellen Transaktionen und Kontoauszügen tief verborgene Geheimnisse zu entlocken, etwa Steuerhinterziehungen, Schwarzgeldkanäle, verdeckte Diebstähle und dergleichen, wird eines Tages damit beauftragt, die undurchsichtigen Geschäfte einer Firma zu durchleuchten, die es im Überschalltempo vom Start-Up zur grauen Eminenz der Ostküsten-Internet- und Neue-Technologien-Szene gebracht und den großen Crash der Computer-Community in den Jahren vor 2001 sonderbarerweise nicht nur überlebt, sondern, wie es scheint, von ihm profitiert hat.

Das neue Jahrtausend ist noch jung, niemand ahnt etwas vom kommenden Anschlag auf die Zwillingstürme?, als Maxine, die einst einmal gegen die moralischen Grundsätze des Ermittlercodes verstieß und nun, ohne zertifizierte Urkunden, die ihren Status absichern, in der gigantischen Grauzone der Ökonomie New Yorks Aufträge annimmt, in ein Wespen-, nein, ein Hornissennest sticht und ein Knäuel aus regierungsoffiziellen, verdeckten, halblegalen, illegitimen und absolut illegalen Operationen, Zahlungen, Geldwäschen, Betrugsversuchen und sonstigen Verbrechen zu entwirren versucht, das viel zu viele lose Enden enthält, von denen einige auf wahabitische Terrororganisationen, Programme zum Betrug mit elektronischen Kassen und US-Interventionen in Latein- und Mittelamerika verweisen, andere auf geheime Regierungsprojekte aus der Zeit des Kalten Krieges, wieder andere aufs Deepweb, Räume des globalen Internet-Netzwerks, die noch nicht von der NSA und Werbebannern kolonisiert worden sind und – noch? -  anonym besurft werden können, Refugien für Entwickler mit Visionen, Westküstenprogrammierer mit langen Haaren und Geeks mit abgefahrenen Träumen, und ganz andere auf bevorstehende Anschläge?

Alle offenen Wollfädenenden, auch die ihres eigenen Lebens, die Maxine, wie sie glaubt, isolieren kann, ribbeln, in den Wochen vor und nach dem 11. September wie von Geisterhand auf und führen, statt aus dem Labyrinth, in neue hinein, wenn sie meint, etwas erfahren zu haben; die Stadt selbst, ein Moloch aus Stadtentwicklungsprojekten, Verschwörungstheroien, Gentrifizierung und bösartigen Hausbesitzern, der, wie das chaotische Internet, eine Einheit aus Unvereinbarem zu sein scheint und von Figuren bevölkert wird, für die eine persönliche Geschichte eher ein Fremdwort ist, spiegelt ihre Suche wider, die, wie bei einer Google-Recherche, von einem Link zum anderen führt, ohne bei einer Erkenntnis zu enden, und keiner weiß, wie sie zusammenhängen? Selbst die Menschen, wenn sie sich unterhalten, sprechen in Andeutungen, Halbsätzen und Fragezeichen, als ob sie wüssten, dass immer jemand zuhört oder ihr Bewusstsein so verwirrt ist wie die informelle Ökonomie, in die nicht nur Maxine ihre Nase steckt. Sie ist nicht allein, andere helfen ihr, aber … Ex-Ehemänner, getarnte Mossad-Agenten?, Netzjunkies, ‚Entwicklungshelfer’ und einer, der einen Riecher hat und Gerüche mit seiner Nase so gut entziffern kann, dass dagegen ein CSI-Labor von blutigen Amateuren bevölkert ist, und einen NASER konstruiert hat, das olfaktorische Gegenstück zu einem LASER? Doch Maxines Taschenlampe, mit der sie die städtischen und virtuellen Dschungellandschaften durchleuchtet, flackert beständig, als ob der Akku, niemand weiß warum, sich niemals richtig auflädt.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt, 605 Seiten, 29,95€.

 

Ein Leben als Tagelöhner

 1902 bringt ein Pferdewagen Andreas Egger, geboren in Wien, zu seinem Onkel den Großbauern Hubert Kranzstocker. Staunend betrachtet der Junge  das kleine Dorf im Tal und die riesig wirkenden Berge und lauscht der Stille. Viel Natur, wenig Geräusche . Hier wird er sein weiteres Leben verbringen und auch sterben. Widerwillig von den Verwandten aufgenommen, ernährt, um seine Arbeitskraft zu erhalten und geschlagen, um keinen Widerstand aufkommen zu lassen, schafft es doch niemand, ihm seine Selbstachtung zu nehmen.

Als Erwachsener verdingt sich Egger als Hilfskraft bei den Bauern, schafft es, sich ein Grundstück in den geliebten Bergen zu kaufen, lernt seine Liebe Marie kennen. Er arbeitet beim Bau der Seilbahn und ist ein ‚bisschen stolz‘ den Fortschritt ins Tal zu bringen. Zum Kriegsdienst wird er 1942 einberufen, verbringt acht Jahre in Russland und bei seiner Rückkehr ist alles anders. Er wohnt er anfangs in einem Bretterverschlag, ernährt sich als Tagelöhner, später zeigt er den Touristen die Berge.

Robert Seethaler beschreibt das Leben eines Tagelöhners im Österreich des letzten Jahrhunderts. Der Roman vermittelt aber auch, in welcher Form die Veränderungen in Politik und Wirtschaft selbst in dieses abgelegene, ehemals ruhige Tal vordringen und es zur Touristenhochburg werden lassen und benennt die Kosten.

Großartig und unbedingt lesen.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Berlin 2014, 155 Seiten, 17,90€.

 

 Wann beginnt der Verrat einer Idee?

 Val McDermid dürfte Krimileserinnen auch in Deutschland bestens bekannt sein.  1955 geboren, wuchs sie in einem schottischen Bergbaugebiet auf und arbeitete als Journalistin und Literaturdozentin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmen konnte. Deutschsprachig sind die meisten ihrer Titel im Knaur Verlag erschienen, nur die Reihe um die lesbische Glasgower Journalistin Lindsay Gordon kam im Argument Verlag heraus.

Neu erschienen ist nun im November ‚Eiszeit‘ – ein neuer Fall für Carol Jordan und den Profiler Tony Hill. Bestimmt lesenswert.

Trotzdem soll hier ein älterer Titel von Val McDermid empfohlen werden:  ‚Nacht unter Tag‘. Die Handlung beginnt im schottischen Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie von der Abteilung für ungelöste Verbrechen steht vor einem Rätsel. Die Tochter eines Bergarbeiters  meldet ihren Vater Mick Prentice nach 20 Jahren als vermisst. Ihr Sohn ist schwer krank, und nur die passende Knochenmarkspende eines Verwandten kann ihm helfen.

DI Pirie kommt nicht weiter. Niemand will über Mick Prentice sprechen. Hinzu kommt, dass DI Karen Pirie sich noch mit einem weiteren Fall befassen muss.

Mick Prentice verschwand am 14. Dezember 1984 aus dem kleinen Bergarbeiterort Newton of Wemyss. Es war die Zeit des großen Bergarbeiterstreiks, und in derselben Nacht setzten sich auch andere Männer, Streikbrecher, nach Nottingham ab und verließen ihre Familie, die es in der Folgezeit schwer haben sollten, denn im Ort galten die Gesetze der Gewerkschaft,  Solidarität bedeutete noch etwas.Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Familien im Ort wurden von der Zeche bestimmt. Der Einfluss  der Gewerkschaft war groß.

Val McDermid weiß, wovon sie schreibt, war sie doch selbst zehn Jahre in der Gewerkschaft aktiv.

Der Kriminalfall ist eingebettet in die Zeit ins Bergarbeitermilieu und beschreibt die Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen und deren Familien, ohne etwas zu beschönigen. Durch die aktuellen Ermittlungen von DI Pirie werden auch die aktuellen Gesellschaftsbedingungen thematisiert.

Spannend geschrieben, informativ und mit unerwarteten Wendungen. Kurz gesagt, empfehlenswert.

Val McDermid: Eiszeit, Droemer Knaur Verlag 2014, 512 Seiten, 9,99€.

Val McDermid: Nacht unter Tag, Droemer Knaur Verlag 2010, 539 Seiten, 9,99€.

 

Go easy on Schnaps

Im November 1944 druckte das britische Außenministerium einen Leitfaden, um die britischen Truppen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten, dieses Büchlein steckte quasi in den Hosentaschen der britischen Soldat_innen und sollte sie auf die merkwürdigen Deutschen, ein „Volk von problematischem Nationalcharakter“ vorbereiten.

Die politische Analyse („das deutsche Volk als Ganzes kann sich einem Großteil der Verantwortung nicht entziehen“) findet sich ebenso wie Informationen über typisches Essen und Trinken, Sport, Weihnachtsbäume und Alkohol. Ein skurriles, aber auch nachdenklich machendes Büchlein.

The Bodleian Library: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Zweisprachig, 160 S., 8€.

 

 Eigenheime und Staaten

 Dem Marxismus im weitesten Sinn wurde häufig vorgeworfen, und viele marxistische Theoretiker haben dies selbst als Mangel definiert, dass der Staat eine zu kleine Rolle in der Gesellschaftsanalyse spielt. Die Folgen waren auf der einen Seite viele kritische Versuche, die Funktion des Staates für das Kapital oder die Interessen hinter dem Staat offenzulegen. Auf der anderen Seite haben sich die Sozialwissenschaften der Lücke bemächtigt und sind dabei zur Verwaltungswissenschaft geworden, die dem Staat die Daten über die Bevölkerung liefert. Wer nun weder Datensammler und damit scharf auf statistische Informationen noch der Ansicht ist, der Staat ist gar kein eigenes Gebilde, sondern nur Ausdruck tieferliegender Interessen, wer also die Mechanismen (soziologisch ausgedrückt: die Struktur hinter den Funktionen) verstehen möchte, mit denen der Staat soziale Wirklichkeit herstellt, der wird in den Vorlesungen von Pierre Bourdieu, dem französischen Star-Soziologen, fündig. Der Leser sieht sich zudem einem originellen Stil gegenüber, der aus der Form der Vorlesung erwächst, wie sie Bourdieu bevorzugte: als kritische Selbstbefragung und Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen der eigenen Meinung.

Bourdieu verabschiedet sich nicht von der kritischen Sicht auf den Staat, und er behauptet  auch nicht im Gegenzug einfache Zusammenhänge, sondern er sieht im Staat ganz eigene Machtstrukturen am Werke, die einer komplexen Erklärung bedürfen. Für Bourdieu gibt es ebenfalls Kapital, aber nicht nur als ökonomisches, sondern in vielfältigen Formen etwa als kulturelles, soziales oder symbolisches. Für ihn gibt es ebenfalls Interessen und Konflikte, aber in einem Feld mit unterschiedlichsten Auseinandersetzungen, die durch soziologische und ethnografische Mittel der Befragung und Beobachtung verstanden werden können. Und für ihn gibt es Zuhörer, die ihn anschauen und sich fragen, wie er zu seiner exklusiven Sicht kommt.

Zentral ist bei Bourdieu die Annahme, dass im Staat neben dem Gewaltmonopol vor allem eine Form symbolischen Kapitals umkämpft ist. Dabei bleibt die staatliche Praxis keineswegs eine anonyme und nicht fassbare Struktur, sondern eine Denk- und Handlungsweise, mit der die Staatsdiener ganz konkret (und nicht immer einer Meinung) Benennungen und Bezeichnungen vornehmen und eine Perspektive einnehmen, die über anderen Perspektiven steht. Wenn etwa ein Nachbar sagt, Dein Sohn ist ein Idiot, und man sich diese Frechheit nicht zweimal sagen lassen möchte und dem Nachbarn heimlich nachts die Rosen abschneidet oder ihn anschreit, und wenn nun der Lehrer oder besser der Direktor sagt, Ihr Sohn ist ein Idiot, und man daraufhin überlegt, ob der Sprössling nun Nachhilfe bekommen sollte oder eine Therapie, wenn nicht gar Handy-Verbot, dann bekommt man nicht nur eine Ahnung davon, was symbolische Gewalt ist, wenn der gleiche Satz unterschiedliche Wirkungen hat, sondern auch von den illustren Beispielen aus der Vorlesung. Überhaupt muss die Schule für so manches verzweigte Beispiel herhalten – man wünscht dem Buch gerade hier Leser aus diesem Milieu. Aber auch der Eigenheim-Besitzer und mehr noch der Eigenheim-Verkäufer werden analysiert, nicht zuletzt – neben vielen hochinteressanten historischen Erläuterungen zur Entstehung von Ämtern – die Soziologie selbst, die vor Benennungen nur so strotzt. Vermutlich ist die selbstkritische Offenlegung seiner Herangehensweise die Methode, mit der Bourdieu den Zuhörern vermitteln will, dass jeder Begriff eine (schwierige) Geschichte hat und jede Art der Äußerung (auch und gerade die eines Professors) nicht im leeren Raum stattfindet, sondern von Interessen und Machtbestrebungen geprägt wird, wie bewusst einem das auch ist. Bourdieus Vorlesungen helfen einem das Durchschauen, etwa des Symbolischen: Das nämlich ist die unsichtbare Macht, die gerade wirkt, weil man sie vergisst, ein Glaube, der einen begleitet und der – das macht es kompliziert – auch Tatsachen schafft. Das Symbolische am Staatshandeln ist der Standpunkt, der meint, er stehe über allen Standpunkten, und der nur dadurch am Leben gehalten wird, dass man an ihn glaubt.

Pierre Bourdieu, Über den Staat, Vorlesungen am Collège de France 1989-1992. Suhrkamp Verlag. 722 S., 49,95€.

 

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte         

Um es gleich vorweg zu sagen: Als ich hörte, dass David Foster Wallace sich selbst tötete, war mir seltsam zumute. Der angesagteste unter den angesagten amerikanischen Schriftstellern schied aus dem Leben, und ich biss mich durch seine Romane, Erzählungen und Sachbücher, eines schlauer (und komplexer) als das andere – was die Sachbücher und Essays an Erleuchtungen mit sich bringen, etwa zum kommerziellen Sport, zur Porno-Branche, zum Fernseh-Verhalten, zum Hummer-Essen und zu Kreuzfahrten, holen die Romane und Erzählungen wieder ein, indem sie Verwirrungen dadurch erzeugen, dass der Avantgardist Wallace seine Figuren künstlich verfremdet, sie werden in Bücher mit wirren Erzählsträngen, wechselnden Erzählmethoden und -sprachen gepackt, Fußnoten rahmen die Fiktion ein, während wissenschaftliche Essays mit persönlichen Beispielen gefüllt werden, und alles wird zusammengehalten durch die Energie eines Autors, der mit der Sprache in nicht enden wollenden Sätzen mit immer neuen Einschüben geradezu rang, weil er Sprache einfach rätselhaft fand, was seiner an Wittgenstein geschulten Reflexionsfähigkeit geschuldet war.

Dass Wallace nun gestorben war, machte ihn zur Ikone und stellt ihn frei für Biografien und Beschreibungen, die sein Leben erzählen, als wäre da nichts von diesen Verknüpfungen, denn Biografien normalisieren und entmystifizieren, sie sind deshalb in ihrer Einfachheit noch schwerer zu lesen als verwickelte Romane mit Fußnoten. Umso erstaunlicher, dass Max mit seinem Buch eine Biografie gelungen ist (nicht nur der Fußnoten wegen), die der Komplexität von Wallace gerecht wird und dem Interessierten die Chance gibt, hinter die vielfältigen Gedankenverschränkungen, den Denkstil eines Autors zu kommen, der alte Wörter, die niemand mehr benutzte, in seine Geschichten einbaute, und neue erfand.

Max spannt den Bogen von Wallaces Familien-, über sein Sport- und Universitäts- zu seinem Schriftstellerleben, immer wieder unterbrochen durch seine komplizierten Beziehungen zu Frauen und auch nahen Freunden, und geradezu angegriffen durch seine Depressionen, die einer therapeutischen und klinischen Behandlung bedurften. Sprache wird von Max als Wallace Leben beschrieben, das Leben als etwas, was nur in der verfremdeten Form literarischer Bearbeitung zu ertragen war.

Es lohnt sich, die Hemmschwelle zu überwinden, die vor der Lektüre von David Foster Wallace Büchern liegt, die Biografie ist eine Einstiegsmöglichkeit.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, David Foster Wallace – Ein Leben, Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten, 24,99€.

 

 

 Ein unkonventionelles Leben

Als expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant war Franz Jung schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war oft im Gefängnis, vielfach auf der Flucht, schrieb ca. 30 Romane, mehr als zehn Theaterstücke sowie Essays, Radiofeatures, ökonomische und politische Analysen.

1920 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und war Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD). Von einem zweiten Genossen wurde er nach Moskau geschickt, um dort die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen. Aus Geldmangel kaperten sie einfach einen Fischdampfer, fuhren nach Murmansk und reisten nach Moskau weiter, wo die Gespräche mit Radek, Lenin und Bucharin aber scheiterten (die wohl die KPD nicht brüskieren wollten). Nach seiner Rückkehr wurde Franz Jung wegen Schiffsraubs auf hoher See verhaftet. Anfang 1921 wurde er gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen und tauchte sofort unter.

Er war der Inbegriff des Abenteuertums, des Aufbruchs und Ausbruchs. »Ein Charakter, wie man sie heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft«, beschreibt ihn Günter Kunert. Jung war immer kompromisslos und ist dadurch in diesem Jahrhundert des Verrats zu einer paradigmatischen Figur geworden. Zur Zertrümmerung der großen Illusionen und Ideologien hat er einen bedeutenden Teil beigetragen.

 Franz Jung: Der Weg nach Unten. Edition Nautilus, 440 Seiten, 18 Euro.

 

Mittelmeergeschichte

Lange Zeit, seit der Veröffentlichung von Fernand Braudels überragendem, dreibändigem Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. hat sich kein Historiker an eine neue Mittelmeergeschichte gewagt. David Abulafia hat nun das Wagnis unternommen, das Mittelmeer und seine lange und wechselvolle Geschichte einem breiteren LeserInnenkreis näher zu bringen.

Sein Buch beginnt in grauer Vorzeit und endet jetzt, im 21. Jahrhundert, und kaum ein Epoche, kaum eine Küste werden stiefmütterlich behandelt. Mit ein paar Wissensresten über die alten Griechen und die Römer und Troja, die vermeintlichen ‚Väter‘ der westlich-demokratischen Welt, können die meisten noch aufwarten; dass Mallorca heutzutage eher eine deutsche Touristenkolonie denn eine spanische Insel ist, gilt als netter Scherz nebenbei. Dass Mallorca (und Menorca) jedoch eine sehr wechselvolle Geschichte haben, wie Sizilien, Sardinien und viele andere mediterrane Küsten und Inseln, dass jene imaginäre Meeresgrenze, die heutzutage Flüchtlinge in schrottreifen Booten zu überqueren versuchen, um nach Lampedusa und Europa zu gelangen, keinesfalls schon immer da war, gehört schon nicht mehr zum durchschnittlichen Wissensschatz.

Ein deutscher Historiker sprach nach dem Krieg mit der Nonchalance eines geläuterten Nazis, der wusste, dass antisemitische Stereotypen bei seinen Lesern auf fruchtbaren Boden fielen, von den „semitischen Handelseigenschaften“ der Phönizier, und noch 1959 durfte frei von der Leber von den typisch „orientalischen“ Eigenschaften karthagischer und phönizischer Kaufleute geschrieben werden. Mit derartigem Unsinn macht Abulafia Schluss; er spricht zwar über Rom, Athen und Alexander den Großen, aber eben auch, und ausführlich, über Tyros und Karthago. Viele LeserInnen werden zum ersten Mal etwas von Emirat in Bari, den Korsarenhochburgen Algier und Tunis, den Sklavenmärkten in Livorno und Barcelona, einer muslimischen ‚Kolonie‘ in der Nähe des heutigen St. Tropez, einem fränkischen Königreich Athen, einem muslimischen Kreta, den Johannitern auf Malta und von vielem anderen hören; ‚nationale Geschichten‘ verwandeln sich in ein Puzzle, ein Netzwerk, in dem heutige Grenzen als das erscheinen, was sie sind: zufällige Launen der Geschichte.

 David Abulafia: Das Mittelmeer: Eine Biographie. Fischer-Verlag, 960 Seiten, 34 Euro.

 

Krimis und Gesellschaftstheorie

Kann Gesellschaftstheorie so spannend sein wie ein Kriminal- oder Spionageroman? Bevor die leidenschaftlichen Krimi-Leser ein selbstverständliches Nein herausrufen, lasst euch sagen: Ja, sie kann! Und zwar besonders dann, wenn es einem Autoren wie Luc Boltanski in seinem Essay gelingt, die Geschichte des Kriminal- und Spionageromans mit der Entstehung der modernen Gesellschaftstheorie auf detaillierte Weise zu verknüpfen.

Wie das? Boltanski zeigt auf sehr fundierte, aber auch auf unterhaltsame Weise, wie Anfang des 20. Jahrhunderts (besonders in seiner weltberühmten Form von Sherlock Holmes- und Maigret-Geschichten) der Kriminalroman, der später mit dem Spionageroman zusammen eine den Zeitgeist aufsaugende neue literarische Gattung bildet, zeitgleich zu weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht: zur Wissenschaft der Gesellschaft und der Paranoia, zu Weltverschwörungstheorien (wie den Protokollen der Weisen von Zion) und zu allerhand politischen Komplotten (wie der Dreyfus-Affäre). Dass es dabei zu vielen (manchmal erstaunlichen) Vermischungen, Anleihen und Überschneidungen kommt, liegt – so Boltanski – an der strukturellen Ähnlichkeit der Fragen, die man stellt, und den Vorgehensweisen, um auf die Fragen Antworten zu liefern. Gebündelt in einer Frage heißt es: Steckt hinter der offensichtlichen Realität noch eine andere tiefere verborgene Realität, die durch Untersuchungen und mit Methode entdeckt und enthüllt werden muss? In der politischen wie sozialen Ordnung entstehen offenbar Risse, die gekittet werden müssen. Was die Antworten betrifft, so sollte man wie bei einer guten Krimi-Rezension nicht alles offenlegen, was der Text zu bieten hat und was ihn zu lesen so spannend macht. Auf jeden Fall hat man selten eine so scharfsinnige Erläuterung gelesen, was das schwierige Verhältnis von Realität und Fiktion betrifft. Was ist denn nun real? Und wer darf bestimmen, was wirklich ist – der Wissenschaftler, der Staat oder vielleicht der Literat oder gar der Psychopath? Die Antworten führen uns zu unseren eigenen Vorstellungen von Macht und zur Bereitschaft, sie zu hinterfragen.

Für jeden Krimi- und Spionage-Fan ist das preisgekrönte Sachbuch ein Muss, und wer nicht auf soziologische Theorie steht, dem sei das Buch als präzises Nachschlagewerk für Kriminal- und Spionageliteratur des 20. Jahrhunderts empfohlen.

 Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Suhrkamp: Verlag 39 Euro, 515 Seiten..

 

 

 

Blut, Putzwedel und absonderliche Begegnungen

Der Tatortreiniger hat einen etwas absonderlichen Beruf: er reinigt Tatorte, blutige Tatorte, an denen noch der Leichengeruch in der Luft hängt. Die preisgekrönte (Comedy-Preis, zwei Grimmepreise, Nominierung für den deutschen Fernsehpreis) NDR-Serie mit Schotty (Bjarne Madel), der in bislang sieben Folgen Tatorte reinigt und an jedem einzelnen Tatort in skurrile Situationen gerät, ist ein Geheimtipp; sie lief bislang im dritten Programm oder spät in der Nacht. Wenn er „seelenruhig die Reste menschlichen Lebens beseitigt und dabei auf die kuriosesten Gestalten trifft, liegen Psychodrama und Komödie nah beieinander. Endlich mal eine richtig gute Serie“, so die süddeutsche Zeitung.

Insbesondere eine Episode („Schottys Kampf“) auf der zweiten DVD ist kaum zu toppen: der Tatort ist ein Nazi-Hinterzimmer voller Nazi-Devotionalien, und Schotty muss sich mit einem Nazi herumschlagen, der versucht, ihn zu indoktrinieren. Der Tatortreiniger wehrt sich auf seine ganz eigene Art …

 Der Tatortreiniger, mit Bjarne Madel. Studio Hamburg Enterprises oder Büchergilde Gutenberg. Staffel 1: 12,95 Euro; Staffel 2: 12,95 Euro (mit je vier Episoden und Bonus-Material).

 

Esther Bejarano: Erinnerungen

Am 15. Dezember 2013 wird/wurde Esther Bejarano 89 Jahre alt.

Als 18jährige wurde sie nach Auschwitz deportiert: „Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager ‚Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami’ zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen“.

In ihren Erinnerungen, die hier erstmals vollständig in deutscher Fassung vorliegen, erzählt sie in ihrer einfachen Sprache, die das Ungeheuerliche umso eindringlicher hervorruft, von der Shoah, von großem Leid und Verlust. Doch enden die Aufzeichnungen hier nicht: Sichtbar wird auch Esther Bejaranos Kraft, die es ihr ermöglichte, nach diesen Erfahrungen weiterzuleben. Seit mehr als dreißig Jahren ist sie eine Kämpferin gegen das Vergessen, die ihre Geschichte an Schulen erzählt und mit den Mitteln der Musik leidenschaftlich gegen jede Art von Intoleranz angeht.

Die beigefügte DVD zeigt ein Interview mit Esther Bejarano und Ausschnitte eines gemeinsamen Konzerts mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia.

 Esther Bejarano: Erinnerungen. Laika-Verlag, 21.- €.

 

Wird Zeit, dass wir leben

Christian Geissler erzählt vom Widerstand der Kommunisten gegen die Nazis in Hamburg. Als ob er mitten im Geschehen steckt, begleitet er seine Figuren durch die Kämpfe vor und nach 1933. Er erzählt von Gewalt von oben und Gegenwehr von unten, vom Spannungsverhältnis zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Disziplin und Eigensinn - und zieht den Leser in die immer noch aktuellen Debatten mit hinein. Schlosser ist Funktionär der KPD. Bis zu seiner Verhaftung bremst er den Eifer der Genossen im Kampf gegen die Nazis, verweigert die Waffen und pocht auf Disziplin. Die Genossen von der Basis aber wollen kämpfen. Kämpfen bedeutet für sie Lust und Leben. Vor allem für Karo, aber auch für Leo, der noch 1930 zur Polizei geht, aber später begreift, dass er auf der falschen Seite steht.

Geisslers Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Das Vorbild für Leo war der Hamburger Polizist Bruno Meyer, der Anfang 1935 die Widerstandskämpfer Fiete Schulze und Etkar André aus dem Gefängnis befreien wollte. Detlef Grumbach recherchierte umfassend und erzählt in seinem Nachwort erstmals vom Schicksal Bruno Meyers, der 1935 zwei Kommunisten aus dem Knast befreien wollte.

 Christian Geissler: Wird Zeit, dass wir leben. Verbrecher-Verlag, 358 Seiten, 22 Euro (Neuausgabe des 1976 erschienen Romans.

 

Eine Leiche und Verwicklungen über Verwicklungen

Der junge Schriftsteller Marcus Goldman, gefeiert und berühmt nach einem sensationellen Debüterfolg, erleidet bei seinem neuen Buch eine ihm bis dato völlig unbekannte Schreibblockade. Er flüchtet nach Aurora, New Hampshire zu seinem angebeteten Idol und alten Mentor Harry Quebert, in der Hoffnung auf Ruhe und Inspiration. Beider Leben wird jedoch völlig auf den Kopf gestellt, als in Harrys Garten die Leiche einer seit über 30 Jahren vermissten jungen Frau gefunden wird, zusammen mit einem Manuskript des Romans Der Ursprung des Übels, der den Ruhm von Quebert begründete. Der alternde Schriftsteller kommt in Untersuchungshaft, wird aber mangels Beweisen bald wieder freigelassen.

Der junge Schriftsteller sieht den dringend benötigten Stoff für seinen neuen Roman, zumal er nicht glauben will, dass sein Idol Harry Quebert ein Mörder ist.

Marcus Goldman beginnt zu recherchieren und bringt mit seinen zutage geförderten "Wahrheiten" ganz Aurora in Aufregung, denn eine Verdächtigung jagt die andere und die Ereignisse überschlagen sich. Auch das Denkmal, das er sich von Harry Quebert gemeißelt hat, wird bröcklig.

 Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Piper Verlag, 736 Seiten, gebunden, 22,99 €.

 

Trotzki, der Eispickel und die Nachgeschichte

1940 wurde Leo Trotzki in Mexiko auf Geheiß Stalins mit einem Eispickel getötet, sein Mörder war ein gewisser Ramón Mercader. Leonardo Padura, der durch kubanische Krimis berühmt geworden ist, erzählt in seinem Roman, wie es dazu kam.

Eigentlich erzählt er drei Geschichten. Die erste beschreibt, wie Trotzki aus der Sowjetunion floh und was er bis zu seinem Tod erlebte und tat; die zweite erzählt das Leben seines Mörders (wie dieser dazu kam, Trotzki zu erschlagen, und was ihm nach dem Attentat wiederfuhr); und drittens erzählt der Autor von einem kubanischen Schriftsteller, der sich Ende der 70er Jahre durch den realsozialistischen Alltag schlägt und eines Tages einen einsamen Mann mit Hund am Strand trifft, der ihm wiederum nach einigem Zögern seine Lebensgeschichte erzählt.

Die spanische Revolution, Mexiko, die stalinistische Sowjetunion, Kuba: überall prallen Träume auf die Wirklichkeit und zerplatzen. Fast unmerklich verkehrt sich der Traum von Befreiung in sein Gegenteil; an welcher Stelle sich Disziplin und Hingabe an die eigenen Ideale in totalitäre Instrumente verwandeln, lässt sich kaum feststellen. Aber wenigstens der Traum soll bewahrt werden, und die Geschichte soll erzählt werden, damit sich die gleichen Fehler nicht wiederholen.

 Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Union-Verlag, 730 Seiten, 14,95 Euro.

 

Wenn Wasserleichen Schluckauf kriegen

„Hamburg, 13. August. Freitag. Freitag, der dreizehnte. Ein Tag ‚so heiß, daß Wasserleichen Schluckauf kriegten‘. 11:22 Uhr. Kaum hat der Alsterdampfer Saselbek abgelegt, als er auch schon gekapert wird. Von einem zweieinhalb Zentner schweren Hünen, splitternackt und ganzkörpertätowiert, ohne Ohren und Zähne, doch mit implantierten Hörnern aus Teflon – und einem japanischen Dolch in der Faust. Ein groteskes, blutiges Geiseldrama beginnt.

  Onno Viets ist Mitte 50 und Hartz-IV-Empfänger. Noch nie konnte er irgend etwas richtig gut – außer Brotloses wie zum Beispiel Sitzen, Tischtennis und das Verstrahlen einer Art Charisma für Arme. Er hat eine Phobie gegen Hühnerköpfe, dringende Schulden beim Fiskus und möchte seiner geliebten Gemahlin Edda so gern ein Fahrrad zum 50sten Geburtstag schenken. Sein Girokonto aber glüht vor roten Zahlen. Da hat er eine Eingebung aus dem Fernsehen: Onno wird – Privatdetektiv.

Seine geplagten Sportsfreunde vom Pingpong ahnen Ungutes. Aus langjähriger Erfahrung. Einer aber, Rechtsanwalt (und übrigens der Erzähler der ganzen Geschichte), verhilft ihm dennoch zum ersten Fall: Der Popmagnat und Juror einer Porno-Castingshow, Nick Dolan, argwöhnt Untreue seiner aktuellen Flamme, der Burlesque-Tänzerin Fiona Popo. Onno soll ein Beweisfoto von ihr und dem Liebhaber liefern. Schon bald bekommt Onno Dolans Nebenbuhler zu Gesicht. Bei dem Kerl mit dem Spitznamen „Händchen“ handelt es sich um die gefürchtete rechte Hand eines Hamburger Kiezoligarchen ... Bis nach Mallorca verfolgt unser frisch gebackener Ermittler das Fräulein Popo. Wo das Fiasko unwiderruflich beginnt.“

So preist der Autor selbst seinen Roman an, und dass er nicht ganz Unrecht an, bestätigt ihm der NDR in einer Rezension: „Dieser Roman ist eben nicht nur einer zum Lachen aus volle Kehle; er ist auch eine wahrhaftige Studie über Freundschaft und Gewalt, über das Scheitern und den Versuch, mit Würde zu scheitern.“

 Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Rowohlt, 368 Seiten, 9,99 Euro.

 

Wissenschaft, Kabarett und Aufklärung

 Beten, so HobbytheologInnen, sollte eigentlich beim Gesundwerden helfen. In den USA wurde das tatsächlich empirisch überprüft: 1800 operierte Bypass-Patienten wurden in drei Gruppen aufgeteilt – für die erste Gruppe wurde nicht gebetet, für die zweite Gruppe wurde gebetet, ohne dass die Patienten davon wussten, und für die dritte Gruppe wurde gebetet, aber die Patienten wussten, dass für sie gebetet wurde. Und das Ergebnis: den Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, ging es – schlechter, ja, schlechter.

Die Science Busters – der Martin Puntigam, Heinz Oberhummer (auch Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien und Obmann der Initiative Religion ist Privatsache) und Werner Gruber aus Österreich, eine sehr dicker Physiker, ein dicker Kabarettist und ein alter Theoretiker, die „schärfste Boygroup der Milchstraße“ – liefern uns spannenden Antworten auf viele Fragen, auf die viele scheinbar einfache, aber oft falsche Antworten haben. Physik gilt, zu Unrecht, als ein hochkomplexes und kaum zu verstehendes Sachgebiet, und Physiker, tja, da ...

Die Science Busters hingegen „stellen nicht nur weltbewegende Fragen, sie können sie auch fachkundig beantworten“ (aus dem Klappentext). Ein schwarzes Loch entsteht im Wohnzimmer, ein Rezept für ein waschechtes Blutwunder wird angegeben, wir lernen, auf dem Wasser zu gehen, und eine Anleitung zum homöopathischen Komasaufen wird uns nahegebracht, die den Geldbeutel schont – und immer wieder müssen mann und frau herzlich lachen.

Abdula!!!

 Martin Puntigam/Heinz Oberhummer/Werner Gruber: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Goldmann-Verlag, 235 Seiten, 9,99 Euro.


   Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.

Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen

und erfreulicherweise auch aus Büchern, Computerspielen und Hörkassetten. 50 solcher Helden und Heldinnen sind in diesem von Andrea Baron und Kai Splittgerber herausgegebenen Buch versammelt. Hier tummeln sich Asterix, Pittiplatsch (der liebe), Jim Knopf, Winnetou, Raumschiff Enterprise, Pacman, Calvin und Hobbes ‚ Luzi, der Schrecken der Straße, das A-Team, Superman und viele mehr in trauter Eintracht. Jedem/r ist ein mehrfarbig bebilderter Text gewidmet, in dem der Autor/ die Autorin sich an seine/ihre Kindheit in Begleitung von zum Beispiel Karate Kid erinnert. Almut Klotz beschreibt, wie die Witwe Schlotterbeck (aus Preußler: Räuber Hotzenplotz) ihr Leben prägte, und auch Darth Vader wird immer noch bewundert.

Das Buch, verlegt von der Büchergilde Gutenberg, ist (wie nicht anders zu erwarten) hochwertig ausgestattet, jedem Text eine eigene Art der Illustration zugeordnet. 50 Autoren/Autorinnen und Illustratoren/Illustratorinnen haben hier aktuell eine Heldentat vollbracht. Eine amüsante und spannende Geschichtensammlung, die ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte zeigt, aber  auch die Möglichkeit bietet, in anderer Leute Kindheitserinnerungen (Eltern!) zu stöbern und  „ja, aber …“ oder „ach, ja …“  zu denken.

 Keine Angst:  Auch Menschen mit Fernsehverbot in der Kindheit kommen auf ihre Kosten, denn es ist nicht nötig, die handelnden Personen zu kennen.

 

Andrea Baron und Kai Splittgerber: Helden der Kindheit, Büchergilde Gutenberg, 19,95 € für Mitglieder, 22,95 € für Nicht-Mitglieder 

 

 

Als die Jungen noch Martin und nicht Leon oder Lukas und die Mädchen noch Renate und nicht Anna oder Leonie hießen, als Fans von Borussia Mönchengladbach auf Meisterschaften und Europa-Cup-Siege hoffen konnten, als es mittags noch Kartoffeln mit Sauce, Fischfilet oder Eier in Senfsauce gab (keine Pizza), als es im Fernsehen zwei Programme gab und das HB-Männchen in die Luft ging – in dieser Zeit beginnt Gerhard Henschels gigantisches Romanprojekt, das eher als literarische Chronologie der BRD seit 1967 zu verstehen ist. In kleinen Prosastücken montiert Henschel Bruchstücke der zeitgenössischen Kultur und verknüpft sie mit dem Lebensweg von Martin Schlosser (Jahrgang 1962).

Der erste Roman beginnt, als Martin Schlosser noch nicht zur Schule geht, und endet – das Ende ist bislang offen; im letzten Roman beginnt er zu studieren. Über inzwischen vier Romane wird fortlaufend erzählt, wie Martin Schlosser in Vallendar (bei Koblenz) und Meppen aufwächst, was ihm im Alltag begegnet, wie er den Alltag meistert, wie sich seine Familie durchs Leben schlägt – und was im jeweiligen Lebensalter gelesen, als Musik gehört, im Fernsehen gesehen oder irgendwie in war. LeserInnen, die zwischen 1958 und 1965 geboren sind, werden immer wieder irgendwie wehmütig, da ihnen Teile ihrer Kindheit vor Augen geführt werden, denn obwohl ein individueller Lebensweg erzählt wird, ist dieser so mit der allgemeinen Kultur verwoben, dass praktisch alle sich darin erkennen (natürlich vergnügen sich auch jüngere und ältere LeserInnen an den Romanen). Zugleich wird oft mit einem ironischen Unterton erzählt, den Henschel (der auch für die Titanic schreibt) meisterhaft beherrscht und der dem (fortlaufenden) Lebensalter des Protagonisten angepasst ist.

Frank Schulz lobte die Romane über Martin Schlosser enthusiastisch so: "Doch die lektürebeflügelnde Sonderkraft der Martin-Schlosser-Reihe liegt noch woanders: Ihre schlichte, aber strikte Linearität reißt uns mit in eine Art Simulation des Zeitstroms - deren Wirkung, nebenbei bemerkt, ein etwaiger dramaturgischer Bogen womöglich nur stören würde. Man liest und liest, und mit dem Umblätterrhythmus - ganz gleich, ob im Drei-S-Takt oder in stundenlangen, süffigen Phasen - gleicht man sich dem Alltagsrhythmus Martin Schlossers an“ ... und es ist schwer, das Buch zur Seite zu legen: „O Gott, das müsste jetzt ewig so weitergehen“ (D. Hildebrandt).

Gerhard Henschel: Kindheitsroman, DTV, 11,90€, 494 S. Jugendroman, DTV, 11,90€, 541 S. Liebesroman, DTV, 12,90€, 576 S. Abenteuerroman, Hoffmann und Campe, 24,90€, 572 S.

 

Im Jahr 2047 feiert Indien das hundertjährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit. Das Land hat sich zu einem Zentrum der modernen Industrie entwickelt, samt hypermodernen Computern und künstlichen Intelligenzen, und doch lebt die breite Masse der Bevölkerung weiterhin im Elend, neben den Zentren der Multis breiten sich Slums aus. Ein Krieg aus bricht, KIs verselbständigen sich, eine Botschaft aus den Weiten des Universums wird entschlüsselt, und während sich zwischen Slums und Großrechnern die digitale Zukunft der Menschen entscheidet, fließt der große Ganges weiterhin durch Cyberabad.

Ian McDonald: Cyberabad. Heyne, 10,99€, 798 S.

 

Baseball – ein fremdes Spiel, aber obwohl sich dieses Buch in größeren Teilen um Baseball dreht, ist es gar nicht notwendig, die genauen Regeln zu kennen oder die Faszination für dieses sonderbare Spiel zu teilen.

Am Anfang wird jemand in der Provinz entdeckt, von einem anderen, der einen Blick für die „Kunst des Feldspiels“ hat und für ein College an den Großen Seen Baseball spielt. Der Entdeckte (der an das besagte College wechselt), sein Entdecker, der Zimmergenosse des Entdeckten, der ältere Freund des Zimmergenossen und dessen Tochter spielen die Hauptrollen in diesem Roman, in dem es um Erfolg und ums Scheitern geht. Der Entdeckte, ein begnadeter Baseballspieler, entwickelt sich zum Topspieler, hinter dem die Einkäufer von großen Clubs her sind, bis ihm eines Tages in einem Spiel ein vollkommen unerklärlicher Fehler unterläuft, der sein ganzes Leben durcheinander bringt. Sein Zimmergenosse hat mit dem Direktor des College eine Affäre, dessen Tochter nach einer gescheiterten Ehe zu ihrem Vater zurückgekehrt ist, um ein neues Leben anzufangen. Und der Entdecker des Helden, der alles für Baseball gibt, hat Schwierigkeiten mit seiner Zukunft. Je länger der Roman spielt, desto mehr verweben sich die Lebenslinien der Protagonisten, und desto mehr stehen die Entscheidungen, die die Einzelnen treffen, und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, im Vordergrund. Dieses Buch ist ein „magischer Roman über das, was uns ausmacht – die Fehler wie die Obsessionen. Wer wissen will, was es bedeutet, hier und heute Mensch zu sein“ (aus dem Klappentext), der und die lese dieses Buch.

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels. DuMont-Verlag, 22,99€, 606 S.

 

Paula Bulling lässt ihre Comic-Reportage mit der Rückkehr der Studentin Ina von einer Europareise beginnen. Ina freut sich wieder, zu Hause in Halle, Sachsen-Anhalt, zu sein: Im Land der Frühaufsteher. Ina zeichnet und recherchiert monentan für einen Comic zur Situation von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, bei dieser Recherche begleiten wir sie und aus ihrer Perspektive wird erzählt.

Ina geht gern mit Farid ins Kino und diskutiert mit ihm über Filme und Flüchtlingspolitik. Aziz und Fatma lernt sie erst über ihn kennen. Eine Freundschaft zu den beiden entsteht, und Paula besucht beide.

Sie wohnen in einem Flüchtlingsheim bei Halberstadt: kilometerweit vom nächsten Ort entfernt , umzäunt, mit Stacheldraht gesichert und nur an einem Wärter vorbei (im buchstäblichen Sinne des Wortes) zu erreichen. Ina sieht die Lebensumstände der beiden, sie erlebt, was Residenzpflicht, die Essensgutscheine, die fehlende Bewegungsfreiheit bedeuten – doch eigentlich stimmt das nicht: erleben kann sie es als weiße Frau nicht, denn „se kann den Knast, der so nicht genannt wird, wieder verlassen“ (so Aziz im Comic).

„Bei der Recherche über das Leben von Asylbewerbern in Deutschland hat die Zeichnerin Paula Bulling eine Grauzone betreten, aus der sie nun eine dunkle Bildergeschichte gemacht hat. Was sie nicht zeichnen konnte: Wie es ist, jahrelang in einem Flüchtlingsheim aufzuwachen“ (aus einer Besprechung der Süddeutschen Zeitung).

Paula Bulling: Im Land der Frühaufsteher. Graphic Novel, Avant-Verlag, 17,95€.

 

Im Jahr 1799 reist Jacob de Zoet, ein Angestellter der VOC (der Vereinigten Ostindischen Kompanie der Niederlande), als Buchhalter in den Fernen Osten, nach Japan. Japan, das sich nach ersten Begegnungen mit Holländern, Portugiesen und Engländern von der Außenwelt abgekapselt hat, lässt den Handel mit Europa nur noch über ein kleines Nadelöhr zu: einige Holländer der VOC leben auf Dejima, einer kleinen Insel vor Nagasaki, und nur über Dejima dürfen einige wenige europäische Waren nach Japan importiert und aus Japan exportiert werden. Jacob de Zoet will in der Ferne Geld verdienen, um sich seine Hochzeit zu finanzieren, und zugleich soll er als eine Art interner, verdeckter Ermittler agieren, da seine Vorgesetzten vermuten, dass auf der Insel VOC-Geld in private Taschen abgezweigt wird.

Auf Dejima kommt jedoch alles anders als gedacht: Jacob verliebt sich in eine Japanerin, obwohl Kontakte zwischen Holländern und Japanern über das Geschäftliche hinaus verboten sind, und seine Geliebte, die Tochter eines Samurai und einer Hebamme, wird in ein Kloster verkauft.

David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet. Rowohlt, 19,99€, 720 S.

 

Wer es nicht mehr hören kann, wenn politische Maßnahmen, die zu Einschnitten im sozialen Netz und zur Verarmung von Menschen führen, als alternativlos bezeichnet werden, wer sich immer wieder daran stößt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wer meint, dass sich Menschen frei und gleich organisieren sollten, wer ahnt, dass die Klimaveränderungen der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte das Leben für die allermeisten Menschen eher nicht einfacher machen werden, wer zu Recht davon ausgeht, dass der allgemeine Klassenkampf von oben und Umweltkatastrophen darauf beruhen, dass die Produktions-, die Zirkulationssphäre und zunehmend das ganze Leben kapitalistisch durchstrukturiert sind, der und die nehme zur Inspiration das neue Büchlein von P.M. in die Hand. Er beschreibt eine Utopie: die ganze Welt organisiert sich in kleinen dezentralen Gemeinschaften, die alles selbst in die Hand nehmen; höhere Ebenen der Organisation werden streng rätedemokratisch konzipiert, damit nicht, wie in heutigen Gesellschaften, die obersten Ebenen das Sagen haben, während unten, in den Dörfern und Stadtteilen, schlicht nichts mehr entschieden wird. Bis P.M.s Utopie Wirklichkeit wird, wird allerdings noch viel Wasser in die Meere fließen ..

P.M.: Kartoffeln und Computer. Märkte durch Gemeinschaften ersetzen. Edition Nautilus, 6,90 €, 76 S.

 

Buell in Pennsylvania (USA): einst wegen der Stahlwerke eine blühende Stadt, nach dem Niedergang der Stahlindustrie ein Ort, in dem es keine Jobs mehr gibt und die Menschen resigniert und frustriert vor sich hin leben, wenn sie den Absprung nicht rechtzeitig geschafft haben. Zwei junge Männer beschließen, ihren Traum Realität werden zu lassen, und machen sich nach Kalifornien auf. Doch sie kommen nicht weit; nach ein paar Kilometern geschieht ein Unglück.

Wie die beiden mit dem Unglück umgehen, welche Auswirkungen es auf ihre Angehörigen und ihre und deren Freunde hat: das schildert der Roman; einzelne Lebenswege werden vor den Augen der Leser und Leserinnen ausgebreitet, die in ihrer Summe ein trostloses Bild jenes Teils der US-Gesellschaft zeichnen, der in Landschaften aus Industrieruinen überlebt. Dennoch bewahrt sich der Autor ein Herz für seine Charaktere; obwohl sie de facto nur Spielbälle im tosenden Sturm der kapitalistischen Umstrukturierung sind, bewahren sie sich eine bewundernswerte Menschlichkeit.

Philipp Meyer: Rost. DTV, 11,90€, 459 S.

 

In Missouri, im mittleren Westen der USA, wo der sogenannte white trash lebt und und crystal meth im nächsten Schuppen um die Ecke gekocht wird, kümmert sich ein 16-jähriges Mädchen um ihre psychisch kranke Mutter und ihren kleinen Bruder. Das Geld reicht kaum zum Essen, der Winter bricht herein, und dann kommt der Sheriff und erzählt dem Mädchen, dass ihr Vater nicht zu einem Gerichtstermin erschienen ist, und das Haus, weil die Kaution verfällt, versteigert werden muss, sollte sich ihr Vater nicht binnen einer Woche bei den Behörden melden. Das Mädchen macht sich auf den Weg und sucht ihren Vater. Die soziale Realität, Drogenauseinandersetzungen, Familienfehden: nichts bringt sie von ihrem Weg ab. „Man frisst die Sätze in sich hinein, gierig, mit ständig wachsender Lust an der Schönheit der Sprache“ (so der SPIEGEL), und die Chicago Tribune schreibt: „Sätze wie in Stein gemeißelt. Man hält vor Bewunderung den Atem an“.

Daniel Woodrell: Winters Knochen. Heyne, 8,99 €, 222 S.

 

Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden – ein moralisches Prinzip, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie. David Graeber packt das Problem der Schulden an der Wurzel, indem er bis zu ihren Anfängen in der Geschichte vor 5000 Jahren zurückgeht. Und das führt ihn mitten hinein in die Krisenherde unserer Zeit: Von der Antike bis in die Gegenwart sind revolutionäre Bewegungen immer in Schuldenkrisen entstanden. – Ist, wer Schulden hat, auch schuldig? Müssen Schulden unter allen Umständen zurückgezahlt werden? – Denn diese Moral ist eine Waffe in der Hand der Mächtigen. Die weltweite Schuldenwirtschaft ist eine Bankrotterklärung der Ökonomie. Der Autor enttarnt Geld- und Kredittheorien als Mythen, die die Ökonomisierung aller sozialen Beziehungen vorantreiben. David Graeber hat eine fesselnde Geschichte der Schulden geschrieben, die unser ökonomisches Denken gehörig auf den Kopf stellt. (Aus der Vorstellung des Buches im Katalog der Büchergilde Gutenberg).

David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Büchergilde Gutenberg, 21,95 €, 536 Seiten (Buchhandelsausgabe im Klett-Verlag für 26,95€).

 

Daniel, 25, ist zum Studium nach Berlin gezogen, auch um dem Vater, Fil, näher zu sein. Doch dieser erkrankt schwer, und so sieht sich Daniel mit einem wieder mal abwesenden Vater konfrontiert. Er zieht in Fils Wohnung, trifft einen alten Freund seines Vaters und begibt sich halbherzig auf Spurensuche: Wieso waren für Fil linksradikale Politik, Hausbesetzungen, Supermarkt-Umverteilungsaktionen und die Versorgung untergetauchter Genossen wichtiger als der Sohn? Wie konnte er sich überhaupt für so ein Leben entscheiden? Für Daniel ist die Biografie seines Vater völlig unverständlich, er weiß zu wenig über ihn, und was er weiß, kann er nicht verstehen. Von einen Besuch bei Fils ehemaliger Freundin erhofft er sich endlich mehr über seinen Erzeuger zu erfahren. Doch je mehr sich Daniel dem Leben seines Vaters annähert, desto mehr verliert er sein eigenes aus dem Blick, und als er sich dann auch noch in Dem verliebt, verliert er vollends den Überblick. Im Generationenkonflikt, hier der unpolitische Daniel, dort Fil, für den alles Politik ist und deswegen auch Aktion erfordert, spiegelt sich auch die Geschichte Kreuzbergs von der autonomen Hochburg zum postpolitischen In-Kiez.

Raul Zelik: Der Eindringling, Suhrkamp, 14,- Euro, 256 S.

 

Die Spuren des Löwen.

Zu den verschwiegenen Verbrechen der 31. Infanteriedivision der

der Wehrmacht.

Dass die deutsche Wehrmacht zahllose Kriegsverbrechen begangen hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Aber wer verbirgt sich hinter dem Sammelbegriff Wehrmacht? Diese Studie über die sogenannte Löwendivision gibt darauf eine Antwort: Aktiv beteiligt waren auch Soldaten aus der Heimatregion, in diesem Fall eben Braunschweig, Göttingen, Halberstadt, Northeim und Goslar. Dies wird mit zahlreichen erschreckenden Dokumenten belegt. Die Untersuchung beginnt bereits vor dem Krieg und reicht bis in die Gegenwart, damit weist sie auch auf die sprichwörtlichen deutschen Kontinuitäten hin. Bei den engen Verbindungen von Veteranen, Lokalpolitik, Presse und Bundeswehr ist es letztlich kein Wunder, dass die wahre Geschichte der lokalen Wehrmachtseinheiten über Jahrzehnte verschwiegen werden konnte.

Cuvillier Verlag Göttingen 2009. 176 Seiten mit zahlreichen Bildern. 19,90€

 

 

Letzte Schicht von Dominique Manotti

In der Wirtschaft geht es nicht immer mit legalen Methoden zu. Vor diesem Hintergrund hat Dominique Manotti ihren neusten Krimi  ' Letzte Schicht ' gestrickt. In einem komplexen Handlungsgeflecht versuchen die zahlreichen großen und kleinen Akteure ihre Interessen oder einfach ihr Leben zu schützen, denn nicht alle schrecken vor Mord, Erpressung oder Brandstiftung zurück und wie im „richtigen Leben“ ist auf die Staatsmacht kein Verlass. Der Story liegt sogar eine wahre Begebenheit zu Grunde: Die Umstrukturierung der französischen Stahlindustrie und die Privatisierung des Thomson-Konzerns.

Ariadne Krimi; 252 S.; Hamburg 2010; 12,90 €

Hein Zelmann

 

Russische Reise

John Steinbeck mit Fotos von Robert Capa

 John Steinbeck und Robert Capa reisen 1947 für die „New York Herald Tribune“ durch die Sowjetunion, um den Alltag und die Lebensumstände  der russischen Bevölkerung selbst in Augenschein zu nehmen und zu dokumentieren. „Russische Reise“ ist ein berührendes Zeitdokument, literarische Reportage und das freundschaftliche Porträt eines der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts

 

Gabriel Trujillo Munoz: Tijuana Blues

Aus dem Spanischen übersetzt, Unionsverlag , 19,90 €.

Lasst Euch ins vor Hitze flirrenden Baja California in die Stadt Mexicali an der ‚frontera‘, der Grenze zu den Vereinigten Staaten von Amerika, genauer zu Kalifornien und Arizona, versetzen. Hier prallen Welten aufeinander: arm und reich, Süden und Norden, Peripherie und Zentrum, überlagern sich hispanoamerikanische und angelsächsische Kultur. Beiderseitig der Grenze sind Gewalt, Korruption, Drogen, Menschenhandel und die unsägliche Ignoranz ImmigrantInnen gegenüber Alltag, spielen DEA und Geheimdienste ihr privates und reguläres Spiel. Über die Recherchen von Morgado, Mitglied von Amnesty International und Ermittler für die Menschenrechtskommission in Mexiko, und seiner ‚Familie‘ stellt Munoz die gesellschaftliche und soziale Situation der Grenzregion sowohl literarisch als auch inhaltlich versiert und packend dar und sorgt, wenigstens auf dieser Ebene, für ein bisschen Gerechtigkeit.

Ein paar Worte zur ‚Familie des Anwalts‘: Er selbst ist in Mexicali geboren, lebt aber meist in Mexiko City. Seine Freunde und Helfer sind die durchaus regen Veteranen der ‚Anarchistischen Liga Ricardo Florés Magon‘ und eine Biker-Gang, eine Rotte langmähniger Harley-Davidson-Fahrer, die ein Zentrum für Migration betreiben (wie ein Freund sagt: "Eine durchaus wohltätige Vereinigung") und Alicia, der Morgados Liebe gilt, und die, wie er nicht weiß, eine verdeckt ermittelnde Bundesagentin der USA ist. Soweit zu den personellen Konstanten der Geschichten.

Aber lesenswert machen das Buch nicht allein die Weite der mexikanischen Wüste, die Themen der Geschichte, die Menschen und Vorfälle dem Vergessen entreißen, und der Haufen versprengter Linker, die als HeldInnen herhalten, sondern auch die literarische Verknüpfung von politischer Situation und reflektierter Einschätzung, was die Linke im Norden Mexikos angesichts des Machtgefälles ausrichten kann, kombiniert mit einer Haltung selbstironischer Beharrlichkeit. Sehr lesenswert, auch Nicht-Kriminalromanleserinnen zu empfehlen. Vorsicht: Ironisch gebrochener Machismo.

In Mexiko ist Munoz schon lange bekannt. Dem Unionsverlag ist wieder einmal die Entdeckung eines Autors für das deutschsprachige Publikum zu danken.

Die Rache des nassen Elements

Frank Schätzing: Der Schwarm. Kiepenheuer & Witsch, 996 Seiten, 24,90 €.

Die Oscars wurden gerade in Hollywood vergeben, und die oscarverdächtigen Filme für 2005 sind bereits in Planung oder werden schon gedreht. Aber für 2006 haben wir einen Vorschlag, auch wenn unsere unmaßgebliche Meinung kaum bis nach Kalifornien dringen wird. Da gibt es nämlich ein neues, 1000-Seiten dickes Buch, das sich, nachdem das geneigte Lesepublikum es in ein paar durchwachten Nächten verschlungen hat, für einen neuen Film mit Bruce Willis geradezu anbietet. Nachdem Bruce in ‚Die Hard‘ I-III sein Aktionsfeld immer mehr erweitert hat, von einem Hochhaus über einen Flughafen in eine ganze Stadt, fehlt eigentlich nur noch ‚Die Hard‘ IV, in dem er die ganze Welt retten müßte.

Er wird dann einen jungen Verhaltensbiologen spielen (falls Bruce Willis sich für eine solche Rolle zu alt fühlt, könnte auch Keanu Reeves wieder mal den Weltretter verkörpern), dem zu Anfang der Geschichte auffällt, daß sich seine Forschungsobjekte (oder -subjekte, das weiß er nicht so genau) - von der Ausrottung bedrohte Wale und Orcas - mit einem Mal sehr sonderbar benehmen. Und dann dauert es auch kaum 50 Seiten, bis eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes über die Menschheit hereinbricht (nein, keine Terroristen!) und der apokalyptische Untergang der gesamten Zivilisation droht. Wale versenken Schiffe, Orcas verspeisen die Schiffbrüchigen, der internationale Seeverkehr wird von Muscheln bedroht, Giftquallen belagern die Urlaubsstrände, überall verschwinden Schiffe, Giftkrebse überfallen New York, Tsunamis rollen durch die Nordsee (!) und dergleichen mehr, kurz: das Meer, dem alles Leben einst entstieg, schlägt zurück und wendet sich gegen diejenigen, die die Weiten der Ozeane als globale Müllkippe benutzen. Vom Antlitz der Erde soll getilgt werden, was das Meer nicht achtet. Was genau da nun als alttestamentarischer Rächer auftritt, wollen wir nicht verraten ... die Ozeane sind wirklich tief, und tatsächlich weiß die moderne Wissenschaft über die dunklen und kalten Tiefen der Meere weitaus weniger als über den Mars oder den Mond. Was sie jedoch weiß, kommt in diesem Buch vor, und so gut wie nichts ist erfunden - bis auf die Geschichte und den Plot natürlich. Und eben das Finale - ein einsamer Flugzeugträger im atlantischen Nordmeer, der den Angriffen des Unbekannten ausgesetzt ist - wäre eines Bruce Willis im dreckigen Unterhemd mehr als würdig (wenn es dort bloß nicht so kalt wäre).

Wer sich also an wissenschaftlich oder ingenieurstechnisch fundierten Thrillern erfreut, wer schon gern Geschichten über wild gewordene, geklonte Dinosaurier ("Dino Park") oder über außer Rand und Band geratenene intelligente Hochhäuser ("Game Over") verschlang, denen sei dieser meereskundlich informative Schwarm-Thriller wärmstens ans Herz gelegt.

Eine Warnung darf jedoch nicht unterbleiben. Der Autor des Buches vermag es zwar außerordentlich gut, Spannung aufzubauen, selbst über knapp 1000 Seiten - wer aber darüber hinaus literarisch anspruchsvolle Charakter- oder Milieuschilderungen erwartet, der oder die sollte sich ein anderes Buch zur Lektüre erwählen ... und zudem erweist sich der Autor auffällig anfällig für eine zeitgenössische Modeerscheinung: je länger sich die Geschichte entfaltet, desto mehr kommt ein unterschwelliger Antiamerikanismus zum Tragen.

Aber egal: über die paar Seiten, auf denen sich der Autor dilettantisch an menschlichen Beziehungen oder inneren Konflikten versucht, kann rasch hinweggelesen werden, und auch die latenten Seitenhiebe auf den american way of life haben eher die Funktion, die blonde und langhaarige Böse in Bruce-Willis-Filmen einnehmen. Davon abgesehen bleibt eine brillante Geschichte - und wir warten schon jetzt gespannt auf ihre Verfilmung.