Unser Buchtipp (2)

Das Schiff des Theseus

Bevor Theseus mit der Argo das goldene Vlies klaute, ließ er sein Schiff von einem Werftmeister reparieren. Der wechselte die Planken aus und baute aus ihnen ein neues Schiff. Aristoteles erzählt diese Geschichte in der Metaphysik, und stellt sich und allen nach ihm die Frage, ob es nun zwei Argos gab oder welches die echte Argo war.       

Im Roman Schiff des Theseus wird diese Frage schon im Titel aufgeworfen; über seine Seiten segelt ein Segelschiff, das beständig repariert, erneuert und umgebaut wird, bis kaum noch ein Originalteil vorhanden ist (aber was ist ein Originalteil? – das Schiff gab es schon, bevor der Roman beginnt). Ist es am Ende der Geschichte noch das gleiche Schiff oder nur eines gleichen Namens? Und jene, die auf ihm reisen und sich dem Meer anvertrauen, sind es noch die gleichen Menschen, wenn sich der Roman seinem Ende zuneigt, oder tragen sie nur zufällig die gleichen Namen wie die Protagonisten am Anfang?

Doch eigentlich handelt das Schiff des Theseus von etwas ganz anderem. Eines Tages, in der Jetztzeit, fällt einer jungen Literaturstudentin dieses Buch zufällig in die Hände; es liegt in einer Bibliothek herum, statt an seinem angestammten Standort zu stehen. Sie liest das 1947 erschienene Buch in einen Zug durch – und bemerkt bei ihrer Lektüre eine Menge Unterstreichungen und handschriftliche Randbemerkungen eines zweiten Lesers, der offensichtlich versucht, der Identität des Autors auf die Spur zu kommen.

Der Autor, der unter dem Pseudonym V.M. Straka den Abenteuerroman Schiff des Theseus veröffentlicht hat, ist der ganzen Welt unbekannt, folgerichtig auch, wie er lebte und starb: ein gefundenes Fressen für die literaturwissenschaftliche Zunft, die ausgiebig sein Werk und seine Biographie erforscht; wie üblich gibt es diverse Meinungen und bitterböse akademische Konkurrenzen. Der Leser des Buches, den die junge Studentin durch seine handschriftlichen Kommentare im Buch kennenlernt, fürchtet, dass ihm seine Entdeckungen und Thesen entwendet und streitig gemacht werden, seine Forschung sabotiert und seine Karriere torpediert wird.

Dem Buch vorausgeschickt ist ein Vorwort eines mysteriösen Herausgebers. Dieser schildert, wie das Buch zustande kam, fasst zusammen, welche Personen für den Autor gehalten wurden, wägt Pros und Contras ab, und überzieht den gesamten Roman mit einer Vielzahl von Fußnoten, die teils den Text erhellen, meist aber in keinem oder in einem nur ihr einleuchtenden Zusammenhang mit dem Roman stehen, und in denen sie über Gott und die Welt und die Identität von Straka spekuliert. Im Impressum des fiktiven Romans werden mehr als 10 Werke von Straka aufgelistet, die dieser in den 20ern und 30ern verfasst hatte; das Schiff des Theseus ist sein letztes und Meisterwerk. Aus den Recherchen des jungen Literaturwissenschaftlers ergibt sich, ergänzend zum Vorwort, dass Straka nicht nur ein berühmter Autor war, der Abenteuerromane schrieb, sondern auch ein Revolutionär und Anarchist, der zwischen 1905 und 1940 aktiv war –Attentate, Bombenanschläge, Arbeiteraufstände, Geheimnisverrat, Entführungen und dergleichen wurden ihm von verschiedenen Seiten, Freunden und Feinden, zugeschrieben, natürlich unüberprüfbar, und diverse Geheimdienste und –organisationen sollen ihm auf den Fersen gewesen sein, um ihn auszuschalten.

Die Handlung des Romans ist ein wenig undurchsichtig. Einem Mann, der seinen Namen und seine Vergangenheit vergessen oder nie gekannt hat, landet aus heiterem Himmel im ersten Kapitel und muss sich in einer ihm fremden Hafenstadt zurechtfinden. Er trifft eine ihm unbekannte Frau, S, die wie ein Phantom den Roman durchgeistert, verguckt sich in sie – und wird dann von einem Presskommando auf ein Schiff entführt. Bis auf den Anführer haben alle Crewmitglieder, ganz kafkesk, einen zugenähten Mund, und niemand teilt ihm mit, wohin es geht, warum er sich an Bord befindet oder wer er ist. Irgendwann gelingt ihm schwimmend die Flucht, und an Land gerät er mitten in einen Generalstreik, der sich gegen einen ominösen Waffenproduzenten und –exporteuer richtet. Er kommt den Anführern des Streiks nahe, und als der Streik niedergeschlagen wird, flüchtet er mit ihnen in die Berge … immer mehr verwickelt er sich in die Fänge und Fäden eines Schicksals, das andere für ihn weben, bis er seine Bestimmung erkennt – und sich wieder irrt?        

Das letzte Kapitel, so der mysteriöse Schreiber des Vorwortes, musste er rekonstruieren (und zum Teil selbst schreiben), da die Übergabe der letzten Seiten des Manuskriptes schief ging und Straka vorher entführt oder ermordet wurde oder flüchten konnte; niemand weiß es. Wie Jen und Eric, die im Buch über das Buch kommunizieren, während sie es viele Male durchlesen und immer neue Kommentare schreiben, bei der Lektüre bemerken, scheint der Herausgeber, deren Identität ebenfalls ins Schwimmen gerät, in den Fußnoten über einen (über)komplexen Code mit Straka zu kommunizieren und davon auszugehen, dass er noch lebt. Aber meint sie überhaupt Straka, kennt sie seine Identität oder ist der Code ein Produkt überbordender verschwörungstheoretischer Phantasien?

Während der Lektüre des Buches, dessen Inhalt ein deutscher Rezensent so zusammenfasst, als ob Kafka und Karl May besoffen einen Abenteuerroman geschrieben hätten – als ob er selbst, der Rezensent, einem Drink oder Joint nicht abgeneigt war, als er seine Gedanken in die Tastatur tippte –, entdecken Jen und Eric immer mehr Details über den Autor und seinen Vorwortschreiber. Je mehr sie zu verstehen meinen, desto unruhiger werden sie, denn jemand scheint sie im realen Leben zu verfolgen und daran hindern zu wollen, ihre Gedanken zu veröffentlichen; immer mehr Parallelen zwischen Strakas Leben, den Abenteuern des unbenannten Romanhelden und ihrer eigenen Existenz tun sich auf. So wie das Schiff des Theseus, könnte es über sein Wesen reflektieren, über seine Identität im Unklaren bliebe, je mehr Planken, Nägel, Rundhölzer und Segel ausgetauscht würden, so zerfließen die Konturen aller Personen auf allen Ebenen, obwohl sie dieselben bleiben – oder werden, was sie sind.

Das Buch, das zum Verkauf ausliegt, ist jenes von Straka, versehen mit einem Vorwort, einer Unzahl handschriftlicher Bemerkungen von Jen und Eric (in verschiedenen Farben und Stiften) und vielen Beigaben, die Jen und Eric dem Buch beigelegt haben, während sie dem Autor auf der Spur waren: Postkarten (von Forschungsreisen), Zeitungsausschnitte, Briefe (die sie einander schrieben, indem sie das Buch als Briefkasten benutzten), Zeitungsausschnitte, ein Brief von Straka und selbst eine bemalte Serviette; die wahren Autoren kommen nicht einmal zu Wort. Das Buch ist ein kleines Kunstwerk: jede Seite erscheint nachgedunkelt und fleckig und ist mit Druckbuchstaben und Handschriften bedeckt, selbst ein Ausleihstempel fehlt nicht; dazu kommen die Beilagen. Für die deutsche Übersetzung (die sehr gelungen ist – kein Regelfall in Zeiten, in denen Verlage an Löhnen für Übersetzer und Lektoren sparen) musste jede einzelne Seite neu komponiert werden. Das Abenteuer wartet … nur eine Schere oder ein Messer ist notwendig, um das Siegel zu aufzubrechen.

Dorst, Doug/Abrams, J.J.: S. Kiepenheuer & Witsch. 544 Seiten, 45€.

 

Adamsberg ermittelt wieder!

In Paris werden innerhalb weniger Tage die Leichen zweier Toter gefunden. Erst als Kommissar Adamsberg zu den Orten der Leichenfunde fährt, wird klar, dass es sich beide Male um Mord und nicht um Selbstmord handelt. Doch wie hängen die beiden Fälle zusammen? Adamsberg, Danglard, Retancourt und Veyrenc beißen sich wie alle anderen des 13. Kommissariats an diesem Fall die Zähne aus. Spuren führen auf eine kleine Insel bei Island und zu einer Gesellschaft zum Studium der Schriften Maximilian Robespierres mit sage und schreibe 700 Mitgliedern.

Fred Vargas: Das barherzige Fallbeil. Li-mes-Verlag, 512 Seiten, 19,99 Euro.

 

Die Entzifferung des Alltäglichen

Das Licht geht aus, letzte Schimmer von Smartphones erzeugen Helligkeitsflecken im abgedunkelten Kinosaal, während auf der Leinwand ein Werbespot nach dem anderen abgespult wird. Seitdem die jüngere Generation vom Fernseher auf Streaming und Computervideos um-gestiegen ist, ist die Werbung im Kino von der klassischen im TV kaum noch zu unterscheiden und ebenso schlecht; die Zeit im Dunkeln, bis die Trailer und der Hauptfilm beginnen, vergeht oft quälend langsam. Plötzlich dröhnt eine Stimme aus den Lautsprechern, die davon faselt, dass Salat, Grünzeug, nix „für echte Männer“ sei und seinen angemessenen Platz in einer Blumenvase fände: diese sollten, so die Werbebotschaft, etwas „Männliches“ essen, also einen Pizzaburger einwerfen. Zwei junge Männer, schlank, gut aussehend, beißen genussvoll in ein ekliges Brötchen und verbreiten die Botschaft, dass gesunde und ausgewogene Ernährung oder selbst zubereitete Nahrung was für Weicheier sei, und um das Image echter Kerle zu unterfüttern, darf, ganz unironisch, eine sexistische Szene nicht fehlen. Am Ende des Spots schwenkt die Kamera auf eine leicht bekleidete junge Frau, die ebenfalls in ein Brötchen beisst, und die Stimme aus dem Off erklärt sinngemäß, dass Jungs, die einen Pizzaburger verspeisen, sozusagen gratis ein Chick dazubekommen – ein Wortspiel für englisch-affine Jungmänner: chicken heißt Hühnchen, chick bezeichnet im Slang ein junges Mädchen. Die unterschwellige Botschaft ist klar: wer sich Pizzzaburger gönnt, wird nicht nur satt (und dick), sondern erhält umsonst ein Mädchen dazu (witzigerweise fehlt diese letzte Szene in den Videos, die im Netz kursieren und im TV ausgestrahlt wurden).

Eine zeitlang sah es so aus, als ob die Werbung zumindest ein wenig feministische Kritik an sexistischen Bildern und Verhaltensweisen ernst nähme, und in einigen Spots ist das auch zu beobachten. Doch manch ein Werbestratege meint, dass in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die offiziell Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung ablegt und Sexismus als uncool markiert, Heranwachsende, junge Männer, Jungmänner und ausgewachsene Männer als Zielpublikum für reaktionäre Frauenbilder weiterhin nicht nur geeignet sind, sondern dass es geradezu sein muss, die männliche Bevölkerung vom, wie suggeriert wird, feministischen Alltagszwang zu entlasten und ihr ein Ventil für vermeintliche Frustrationen zu verschaffen.

Kaum jemandem fiel auf, wie auf der Leinwand Geschlechterpolitik gemacht und versucht wurde, die feministische Uhr zurückzudrehen, statt dessen war Gelächter zu hören. Diese mangelnde Aufmerksamkeit durchzieht nicht nur Kinosäle, sondern die gesamte Gesellschaft mitsamt ihrer intellektuellen und kritischen Unterabteilungen. Eine „Ideologiekritik, die sich auf die Sprache der sogenannten Massenkultur richtet“, so Roland Barthes im neuesten Vorwort zu seinen „Mythen des Alltags“,  scheint aus der Mode gekommen zu sein, erst recht, wenn Sprachen, Bilder und Verhaltensweisen nicht nur demaskiert, sondern demontiert und demystifiziert werden sollen.

Eine aktuelle Kritik á la Barthes ergäbe wohl, dass sexistische Werbespots keinesfalls außerhalb der bürgerlichen Norm anzusiedeln sind, sondern mitten in ihrem Herzen, immer noch; Barthes selbst bemerkte in den Fünfzigern, dass Schriftstellerinnen öffentlich auf eine andere Art und Weise dargestellt werden als ihre männlichen Pendants – „Schreibt, wenn ihr wollt, wir werden sehr stolz darauf sein; aber vergeßt auch nicht, Kinder zu kriegen, denn das ist eure Bestimmung“, eine Doppelmoral, die jeden Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung begleitet, jede Anerkennung und Umsetzung feministischer Kritik an sexistischen und patriarchalen Strukturen und Verhaltensweisen.

Die „Mythen des Alltags“ nehmen Ausschnitte der real existierenden bürgerlichen Gesellschaft und ihrer medialen Darstellung auf und aufs Korn und zerschlagen sie in kleine Scherben, die analysiert, seziert und entmythologisiert werden, bis sich in ihnen etwas widerspiegelt, das über die Realität der bürgerlichen Gesellschaft hinauszuweisen scheint, auf jeden Fall jedoch ein neues Verständnis vieler Phänomene ermöglicht. Einige der Denkstücke beschreiben etwas (Zeitgeschichtliches), das heute kaum noch jemand kennt; andere erweisen sich als verblüffend aktuell (etwa jene über die Tour de France oder über Kochrezepte); der Schlussatz aus dem Stück „Die mit dem klaren Blick“ könnte als Motto über Diskussionen über spätmoderne Freiheiten, Freizügigkeiten und individualisierte Lebensformen stehen: „Man scheint die Moral ein wenig zu lockern, um desto entschiedener an den grundlegenden Dogmen der bürgerlichen Gesellschaft festzuhalten“; vieles verweist darauf, dass eine Fortschreibung der „Mythen“ dringend notwendig wäre; und manches ist, außer dass es unterhaltsam ist, durchaus als Vorbereitung einer Demythologisierung der Mythen des 21. Jahrhunderts zu lesen …

… denn wer einigermaßen interessiert das ‚politische’ Tagesgeschehen verfolgt, stößt auf einen modernen Mythos nach dem anderen. „Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau, er deformiert. Der Mythos lügt nicht und gesteht nichts, er verbiegt“ und „verwandelt Geschichte in Natur“, in Unausweichliches, so Barthes. Das trifft auf den Pizzaburger-Werbespot zu, und auch wenn es aus allen Medienlautsprechern und Mündern tönt, dass das Boot voll ist, gibt es weder ein Boot noch ist Deutschland ‚voll’, und die Geschichte (und die Ursachen) der weltweiten Migration werden stumm unter den Teppich gekehrt. Es scheint nur so, als wäre die Parole wahr, denn wer Flüchtlinge in Lager sperrt und Bilder von Menschenmassen über den Äther aussendet, produziert eine mythische ‚Vollheit’, deformiert und verbirgt die Realität, in der es genug Platz und Geld für noch viel mehr Flüchtlinge gäbe, wenn … Selbst die Parole Refugees Welcome bleibt dem Mythos verhaftet, wenn sie nicht in allen Facetten ausbuchstabiert wird. Ähnliches gilt für die Debatte um Sterbehilfe, in der so gut wie niemand sich die Mühe gibt, einen differenzierten Standpunkt zu formulieren statt mit Brocken versteinerter Mythen um sich zu werfen. Selbstmord als Sünde, die berechtigte Angst vor einer Rehabilitation der Euthanasie, die mangelnde Beschäftigung mit der „Rassenpolitik“ der Nazis, das Recht auf Selbstbestimmung auch im Hinübergleiten zum Tod, der hippokratische Eid, die immer technischer werdende Definition des Todes eines Menschen: all das wird in erstarrten Formeln diskutiert, die einer kritischen und dialektischen Aufweichung harren, wobei das Ergebnis offen bliebe. Roland Barthes könnte ein wenig dazu beitragen, und, wie gesagt, amüsant ist die Lektüre der neuen vollständigen Ausgabe der Alltagsmythen sowieso.

Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, 316 Seiten, 11,99€.

 

Zum Alltag und seinen Mythen gehört auch die Liebe – und das liebende Subjekt. Dessen Stimmungen, seine „Sprache“, analysiert und demystifiziert Barthes in einem kleinen Lexikon, dessen Beiträge von „Abhängigkeit“ bis „Zugrundegehen“ reichen.

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Vollständige Ausgabe mit dem ganzen Alphabet. Suhrkamp, 398 Seiten, 24,95€.

(Alte unvollständige Ausgabe: 279 Seiten, 10€).

 

Außerdem gibt es eine neue Biographie über Roland Barthes: Tiphaine Samoyault: Roland Barthes. Suhrkamp, 869 Seiten, 39,95 Euro.

 

Die Killerkatze

Kuschel ist eine Katze, eine Katze, die bei einer Familie wohnt, so wie es viele Katzen tun. In der Haustür, die in den Garten führt, gibt es eine Katzenklappe, und so kann die Katze, wenn es ihr in den Sinn kommt, im Garten toben oder sich im Haus irgendwo hinkuscheln. Doch Kuschel, die Katze, hat einen Nachteil: sie ist eine Katze und tut, was Katzen eben so tun – sie ist eine Mörderin, eine Killerkatze. Montags fängt sie einen Vogel, trägt ihn ins Haus und legt ihn auf den Teppich, wo der Vogelleichnam Flecken macht, und die Tochter der Familie bricht in Tränen aus und die Restfamilie hackt auf Kuschel rum, wie sie denn nur ein Vögelchen umbringen könne. Dienstags legt sie sich auf die Blumen im Garten und gräbt Beete um, mittwochs schleppt sie eine tote Maus ins Haus und muss versprechen, sich zu ändern. Doch donnerstags zieht Kuschel dann Hoppel durch die Katzenklappe, das weiße Kaninchen der Nachbarn, das natürlich nicht mehr lebte, als es durch die Katzenklappe gezwängt wurde – und nun ist die Kacke am Dampfen, und für Kuschel beginnt eine harte Zeit.

Anne Fine/Axel Scheffler: Tagebuch einer Killerkatze, 61 Seiten, 9,95€. Moritz-Verlag und Büchergilde Gutenberg – für alle, die schon gerne selber lesen, ganz gleich, wie viele Bücher sie in ihrem Leben schon gelesen haben.

 

Es ist zu schaffen

Richard, ehemaliger Professor, hat Schwierigkeiten, seinen Alltag befriedigend zu leben. Irgendwann sind alle Sachen ein- und umgeräumt, die Einkäufe getätigt, und auch seine Freunde sieht er nicht mehr so oft wie früher. Es gelingt ihm nicht, seine freie Zeit zu genießen. Im Gegensatz zu manch anderen männlichen Intellektuellen in Romanen anderer Autor*innen wirkt er aber nicht selbstmitleidig, sondern eher lebensfern, nicht empathiefähig und selbstbezogen, als ob er in einer Blase lebte.

Sein Leben verändert sich, als er im Fernsehen von einem Hungerstreik Illegaler auf dem Alexanderplatz hört und erfährt, dass der Streik beendet sei. Richard informiert sich zu dem Thema, interessiert sich, liest Zeitungen anders, hinterfragt und entwickelt, ganz der Wissenschaftler, einen Fragenkatalog für Interviews mit den Flüchtlingen. Er macht sich auf den Weg, in eine besetzte Schule in Kreuzberg, zu den Besetzern des Oranienplatzes, und schließlich trifft er in Notunterkünften einen Teil der Besetzer wieder. Diese reden mit ihm, erzählen ihre Geschichte oder Teile davon. Um es mit dem Titel des Buches zu sagen: Sie gehen aufeinander zu und gehen ein Stück zusammen. Jenny Erpenbeck recherchierte mehrere Jahre  zu dem Thema.

Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen. Roman, 352 Seiten, Knaus Verlag, 19,99 Euro.

 

30 Jahre alt –immer noch aktuell!

Detective Felicitas Dill wird vor ihrer Haustür durch eine Autobombe getötet. Kurz zuvor hat sie ein Haus gekauft. Wer hat Interesse am Tod eines Detective? Ihr Zwillingsbruder reist nach Jahren das erste Mal wieder in seine Heimatstadt. Seine Karriere in Washington verläuft gut. Benjamin Dill arbeitet als Berater für den jüngsten Senator. Sucht er den Mörder seiner Schwester? Welche Koalitionen geht er ein? Welche Rolle spielt sein alter Freund Jack Spivey, ehemals(?) CIA und in sogenannte illegale Waffengeschäfte nach dem Vietnamkrieg verstrickt?

Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, arbeitete als Reporter, Journalist, war als unter anderem als Wahlkampfberater in den USA und für Gewerkschaften in den USA und Nigeria tätig. Erst mit 40 Jahren begann er vor allem Politthriller zu schreiben, in denen er die Erfahrungen seines Berufslebens einfließen ließ und die Hintergründe des Politikbetriebes bloßstellte.

Ross Thomas: Dornbusch. Alexander Verlag Berlin, 385 Seiten, 14,90 Euro.

 

On the Run

On the Run – Auf der Flucht – wer muss bei diesem Buchtitel nicht an die sogenannte Flüchtlingskrise denken, die ohne Zweifel mehr eine Krise gesellschaftlicher Verteilungsstrukturen und Resultat politischer Machtverhältnisse ist? Aber ‚on the run‘ meint noch etwas anderes, eine soziale Struktur, die in dem Zusammenhang des Buchthemas auf die Flüchtigkeit, die andauernde Bewegung, die ständige Bedrohungssituation an einem Ort, hier in einem amerikanischen Viertel, einem Ghetto der schwarzen Bevölkerung, durch die Kriminalisierungspolitik der Polizei und Justiz verweist. Während einerseits Menschen aus den armen Regionen der Welt unter schlimmsten Bedingungen flüchten müssen oder weggehen wollen, gibt es andererseits Menschen, die ständig auf der Flucht sind, ohne ihr Viertel, das Gefängnis, die Familie und die Lebenszusammenhänge zu verlassen, weil sie durch verschiedene strafrechtliche Maßnahmen der Polizei und Justiz an den Ort gebunden werden.     Ihre halb- bis ganz kriminellen Handlungen in der Armut führen zur ständigen Bewegung in der Bewegungslosigkeit, sichtbar darin, dass sie sich verstecken, etwas verheimlichen, Lügen oder Halbwahrheiten erzählen, Freunde verraten, ihre Familien schützen und sie in Gefahr bringen.

Was als eine ethnologische Studie einer Sozialwissenschaftlerin gedacht war, entpuppt sich als Grenzgang einer studierten weißen Frau, die ständig auf das Hinterfragen ihrer Zuschreibungen und der Zuschreibungen, die die Gesellschaft Menschen sortieren und bewerten lässt, angewiesen ist, wenn sie ein Stück über die ihr zunächst fremde Welt erfahren möchte. Was sie schließlich sieht, bringt sie an die Grenze der Distanz, die den wissenschaftlichen Prozess der teilnehmenden Beobachtung eigentlich begleitet, und trotzdem nutzt sie auch die (übrigens in der amerikanischen Öffentlichkeit heftig kritisierte) Empathie, um die Distanzgrenze zu hinterfragen und als weiteren Teil der hierarchischen Gesellschaftsstruktur zu entlarven.

Die Studie – übrigens die wahrscheinlich erste soziologische, die in den USA (trotz der kritischen Presse) zum Bestseller wurde – zeigt die Perspektive der schwarzen amerikanischen Bevölkerung in ihren Vierteln, zeigt die Strategien derer, die keine Chance haben, in den Mittelstand aufzusteigen. Ihre Lage zeigt sich manchmal auch darin, wie unklar die Handlungsmotive (auch und besonders für die Sozialwissenschaftlerin) zu sein scheinen, wie wenig deshalb eine klare Deutung krimineller Handlungen und deren Begründung möglich ist. Besonders sichtbar wird diese unklare Motivlage, wenn es um die moralische Bewertung der eigenen Handlungen geht, man also begründen, mehr noch vor der Community rechtfertigen muss, warum man sich so verhielt und dabei etwa die Begleitung oder Andere dem Risiko der Verhaftung oder schlimmster Folgen aussetzte.

Als Goffman mit einer Freundin, die die Autorin in ihrem Alltag begleitet, und Mike und Chuck aus der schwarzen Community in eine Polizeikontrolle gerät, müssen die Beifahrer ihren Marihuana-Konsum verschleiern, denn schon der kleinste Verstoß gegen Bewährungsauflagen (und fast alle Männer der Community sind vorbestraft) lässt einen wieder einfahren. Dafür gibt es gewisse eingespielte Muster und routinisierte Schutzmaßnahmen, die einem das ständig der Polizei ausgelieferte Leben ein wenig erträglicher machen sollen. In diesem Fall aber nahm Mike sofort und ohne Umstände die Schuld auf sich, er habe allein geraucht und zudem die verbotenen Substanzen (er hatte auch noch Kokain dabei) bei sich. Die beiden weißen Frauen – eh eine schwer verarbeitende Irritation für die Polizisten – und der Freund Chuck, der ebenfalls Marihuana bei sich hatte, bleiben von der Verhaftung verschont. Goffman setzt dann alles in Bewegung, um Mike per Kaution aus dem Gefängnis zu holen, bevor dort entdeckt wird, dass er vorbestraft und die Kautionshinterlegung nicht mehr möglich ist. In einer Nacht- und Nebel-Aktion gelingt es ihr, Mike aus dem Gefängnis per Kaution rauszuholen, die Anerkennung bleibt jedoch aus, denn Mike ist sauer, weil sie nicht sieht, dass er für sie, wie er betont, sich sofort vor der Polizeistreife outete. Goffman: Wieso? Du hast mich doch erst in die Lage gebracht?! Mike: Ich hätte mich anders verhalten, normalerweise lässt man das kriminalisierte Zeug ins Auto fallen, der Fahrer bekommt in der Regel die Schuld. Chuck wird Goffman später sagen, dass er Mikes Erklärung nicht aufrichtig findet, denn es wäre nur – wie bei allen im Viertel – sein Interesse gewesen, die Weißen außen vor zu halten, da nicht sicher ist, was sie ausplaudern würden. Es war eine rein strategische Maßnahme, von gutem Ritterverhalten keine Spur. Noch eine Weile später, nachdem Goffman sozusagen öffentlich den Heldenmut und die Opferbereitschaft von Mike anerkannte, merkt sie, dass ihr, der Sozialwissenschaftlerin und damit der Expertin für kausale Deutungen, das Geschehen völlig unklar geblieben ist. Schließlich fällt ihr sogar eine weitere Erklärung für Mikes Verhalten ein, nämlich die, dass Mike seinen Kumpel Chuck schützen wollte, der ja ebenfalls in Gewahrsam hätte genommen werden können.

Der Autorin zeigt sich eine moralisch komplexe Situation. Offensichtlich ist es Mike (wie auch den anderen Protagonisten im Viertel) wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, dass sie als moralisch integer, als gut eingeschätzt werden, und zwar besonders im Umgang mit den sensiblen Themen Schutz und Verrat. Zugleich wird das Handeln der Personen ‚on the run‘ von extrem strategischem Verhalten geleitet, man denkt häufig zuerst an sich, versucht irgendwie durchzukommen. Für die Beobachterin zeigt sich in der erlebten Bedrohung, dass im ständigen Gesetzeskonflikt „moralische Ambiguität“ herrscht, solche Situationen wie die Autokontrolle und Mikes Reaktion lassen sich vielfältig moralisch bewerten, das heißt die Moral wird nicht wirklich für andere nachvollziehbar, da die Motive unklar bleiben, ist doch Ungewissheit die einzige feste Größe im Alltag, und die führt eben auch dazu, dass man sich hinterher rechtfertigen kann, moralisch sogar muss, will man nicht völlig den Interpretationen der Anderen ausgeliefert sein. Der Interpretationsspielraum ermöglicht eine ständige Umwertung und Neubewertung der Lage, moralisches Handeln wird unter diesem Druck selbst strategisch und in dieser Unklarheit ein Ausdruck der alltäglich vor Bedrohungen überschäumenden Lebenswelt. Der moralische Druck lastet schwer auch auf denen, die als moralisch verwerfliche potentielle Kriminelle gehandelt werden, gerade weil sie nicht so sein wollen, wie man über sie sagt, und weil es zugleich so schwer ist im Alltag des Armenviertels, in der ständigen Furcht vor Kriminalisierung, anders zu sein.

Alice Goffman, On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika, Verlag Antje Kunstmann,320 Seiten.  22, 95 Euro.

 

Was hat Cary Grant mit der Resistanzia und mit Kommunisten zu tun?

Wir schreiben das Jahr 1954. In Bologna treffen sich in einer Bar junge Kommunisten, Ex-Partisanen, Tänzer; sie versuchen, sich einen Reim auf die Verhältnisse zu machen und zu überleben.

Der Wirt der Bar, dessen Vater sich im 2. Weltkrieg den jugoslawischen Partisanen angeschlossen hatte, lebt in den Bergen Dalmatiens, mittlerweile in Ungnade gefallen, weil er nicht mehr als linientreuer Kommunist gilt; er macht sich auf, seinen Vater zu suchen, während Cary Grant inkognito in Jugoslawien unterwegs ist, um im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit Tito über wer weiß was zu verhandeln. Auf Sizilien zieht Lucky Luciano seine Kreise, einer der berühmtesten Mafia-Bosse der USA, der nach dem Weltkrieg aus dem Gefängnis freigelassen wurde und nach Italien ausreiste; seine rechte Hand träumt davon, einen großen Coup zu landen, um einen geruhsamen Lebensabend zu genießen.

Im Lauf der Geschichte kreuzen sich die Geschichten, und unglaubliche und amüsante Sachen geschehen. Wu Ming, ein italienisches Autorenkollektiv (Nachfolger von Luther Blissett), hat einen spannenden Spionage- und Mafiathriller geschrieben, der zugleich ein historischer Roman – und des öfteren lustig ist.

Wu Ming: 54. Verlag Assoziation A, 528 Seiten, 24,80€.

 

Western

Während der Western, der Genrefilm überhaupt, bis der Italowestern sein Ende einläutete, aus dem Kino praktisch verschwunden ist (Ausnahmen bestätigen die Regel), erlebt er in Romanform eine Art Renaissance, auch wenn die Westernromane mit den Westernfilmen wenig gemeinsam haben (und die Romane zum Teil Wiederentdeckungen aus früheren Jahrzehnten sind). Die gedruckten Western verzichten (zumeist), im Gegensatz zu den gedrehten, auf Heroisierungen der Bewohner der frontier, auf die damals so beliebten Indianerüberfälle und auf das Klischee des edlen oder bösen Revolverhelden; sondern beschäftigen sich eher mit dem dreckigen Alltag, mit Charakteren, die nicht ohne weiteres in ein Schema gepresst werden können.

Um 1870 verläßt ein junger gebildeter Mann seine Heimat im Osten der USA und zieht nach Westen, in die ‚Wildnis’, um zu sich selbst zu finden. In Kansas trifft er einen Büffeljäger (keinen Cowboy), und beide zusammen gehen auf die Jagd. Bevor sie auf riesige Büffelherden treffen, die letzten der Prairie, gehen sie auf eine lange Reise, auf der sie die ‚Feindseligkeit’ der winterlichen Natur verspüren, bis sie an einem paradiesisch schönen Ort ankommen. Die Büffelherde wartet, und ein fürchterlicher Blutrausch beginnt. Der Western endet in einer Tragödie.

John Williams: Butcher’s Crossing. DTV, 364 Seiten, 21,90€

 


 

 

Die Auswirkungen von Schokolade

Georgien – die meisten wissen nicht einmal (genau), wo die ehemalige Sowjetrepublik überhaupt liegt. Bei Tiflis, der Hauptstadt, läutet vielleicht etwas, und die Kriege und Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien wurden in den letzten Monaten in den Nachrichten ab und zu nebenbei erwähnt, und dass Stalin in Georgien geboren wurde, ebenso wie Lawrenti Beria, der Vorsitzende des NKWD, des Stalinschen Säuberungsapparates, könnten manche schon einmal gehört haben. Aber sonst sind Georgien – und seine Geschichte – eher weiße Flecken, nicht nur in der Literatur, sondern überhaupt.

Eine Autorin, die in Georgien geboren ist, aber seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, hat nun (nach zwei anderen Romanen) einen regelrechten Wälzer geschrieben, der die Schicksale einer georgischen Familie seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschreibt und sehr eindringlich erzählt; der Schwerpunkt liegt auf den Frauen der Familie. Der erste Weltkrieg, die Bolschweki, Beria, Georgien als Sowjetrepublik, der zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Flucht und Exil, die nachstalinistischen Veränderungen, der Prager Frühling, Popmusik im Westen, die Auflösung der UdSSR, georgische Nachfolgekämpfe, das Leben im Westen – und ein Schokoladerezept, das nicht verraten wird, tauchen in der Geschichte auf und sind in sie verwoben; fast überlesen mann und frau die welt- und regionalgeschichtlichen Bezüge, da die Geschichte (die die Autorin ihrer Nichte erzählt) so eindringlich und spannend erzählt wird, dass es schwierig wird, das Buch zur Seite zu legen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, über 1100 Seiten, 34€.

 

Auf der Suche

Katja Petrowskaja erzählt, soweit rekonstruierbar, die Geschichte ihrer Familie väter- und mütterlicherseits seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Ihre Kindheit verbrachte sie mit Eltern, Bruder und zwei Großmüttern in Kiew. Geboren 1970 in der Sowjetunion, spielte die Familie eine untergeordnete Rolle. Ein Gefühl des Verlusts, das nicht näher benannt wird, wird für sie Jahre später zum Anlass, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den Weg zu machen und ihren meist jüdischen Verwandten und deren Geschichte nachzuspüren.

Die Erzählungen von Mutter und Vater sowie die Familienlegenden bilden die Ausgangspunkte der Recherche. Google und Facebook helfen, aber nur begrenzt, also macht sie sich auf den Weg zu Orten, an denen Verwandte gelebt haben und umgebracht wurden, geht in Archive.

In der Familie der Mutter arbeiteten viele als Lehrerinnen für taubstumme Kinder und gründeten Waisenhäuser.

In der Familie des Vaters gibt es einen Revolutionär, der seinen Decknamen behielt und so für den heutigen Familiennamen der Autorin sorgte.

Einen Attentäter.

Mira, eine ihr bisher unbekannte Cousine, die überlebte und in die USA auswanderte.

Großvater Wassilij kehrt 41 Jahre nach Kriegsende zu seiner ersten Familie zurück. Ist er schuldig?

Und viele, viele mehr ….

Katja Petrowkaja lässt uns teilnehmen an ihrer Reise. nach Babij Jar. Tausende von Menschen sind hier ermordet worden.

Sie fährt nach Warschau. Hier wurde das erste Waisenhaus für taubstumme Kinder gegründet.

Mauthausen, Österreich.

Katja Petrowkaja hat aber kein Familienepos und keinen Roman über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie erzählt von sich und ihrer Suche nach der jüdischen Verwandtschaft. Berichtet von Unsicherheiten, vom Zu-Spät-Sein und einzelnen Möglichkeiten der Rekonstruktion. Diese Geschichten kombiniert sie gekonnt mit Erinnerungen und Familienlegenden über einzelne Personen. Natürlich bleiben Lücken, Fragen und Widersprüchlichkeiten, denen sie Platz gibt. So ist es ihr möglich, die Personen aus dem Schatten zu holen und sie der Erinnerung zurückzugeben.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp Verlag 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro

Für Mitglieder der Büchergilde Gutenberg 17,95 Euro

 

Kann denn Kochen Sünde sein?

 

Kochbücher gibt’s wie Sand am Meer, und so wie die meisten Meeresufer kaum dazu einladen, sich hinzulegen, und die Sonne zu genießen (wenn sie denn scheint), so sind viele Kochbücher überflüssig, viel zu teuer, benutzen Zutaten, die in der alltäglichen Küche einmal pro Jahrzehnt benutzt werden und für ein durchschnittliches Portemonnaie unerschwinglich sind, recyclen die allgegenwärtigen Kochshow-Anleitungen oder stellen Rezepte zur Schau, die bereits in einer Armada anderer Kochbücher veröffentlicht worden sind. Das ist schade, denn gute Kochbücher gehören eigentlich in jede Küche, deren Bewohner_innen sich lieber nicht mit Fastfood, Mikrowellen, Süßigkeiten oder Dosenfraß durchs Leben schlagen wollen.

Doch manchmal gibt es, wie Bernstein am Strand, Juwelen im Meer der Küchenliteratur. Guillaume Long betreibt einen Blog auf der (französischen) Seite von Le Monde, auf der er kleine Comicstrips veröffentlicht – zum Thema Kochen, Genießen und kulinarische Expeditionen, wie etwa jenen Strip, in dem das „Büro zur Kontrolle der Carbonara“ – die Carbonara-‚Polizei’ – einschreitet, weil ein junger Mann das Rezept für Spaghetti Carbonara sehr frei interpretiert.

In mittlerweile zwei Bänden führt uns der Autor durch ein gezeichnetes, kulinarisches Universum aus Rezepten, Erlebnissen und Kücheninsiderwissen – wie wird ein richtiger Kaffee gekocht? – und das ganze wird zwar auch mit Pfeffer, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt (Achtung: wie obige Zutatenliste zeigt, sind die Comicstrips nicht vegetarisch).

Guillaume Long: Kann denn Kochen Sünde sein? Carlsen-Verlag, 143 Seiten, 24,90€;

Guillaume Long: Nicht ohne meine Schürze, Carlsen-Verlag, 126 Seiten, 24,90€

Manchmal jedoch gibt es im Sand des Kochbuchmeeres auch Perlen oder Bernsteinkügelchen; wir empfehlen ein kleines Kochbüchlein mit nur 60 Rezepten – aber jedes gibt’s in doppelter Ausführung, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch- oder Fischeinlage; die Rezepte laden, was bei Kochbücher nicht oft vorkommt, zum Experimentieren ein, verlangen also keine sklavische Befolgung, und ein paar schöne Fotos gibt’s auch.

Martin Kintrup: Kochen für Teilzeit-Vegetarier. Gräfe und Unze-Verlag, 144 Seiten, 16,99€.

 

 Eine Generation ohne Zukunft

 In den Dörfern um Biella, südöstlich des Lago Maggiore, einem kleinen italienischen Provinzstädtchen in den Ausläufern der Alpen, wachsen Marina und Andrea auf. Mailand ist etwas mehr als 100 Kilometer entfernt, die Gegend verödet allmählich, und die jungen Leute, die Heranwachsenden – wer kennt das nicht – zieht es in die Städte, dahin, wo es Jobs, Kneipen und eine Szene gibt.

Marina und Andrea verlieben sich ineinander, als sie jung sind, doch Andrea ist anders als die anderen: er will nicht weg, sondern auf der Alm seines Großvaters Kühe züchten und Käse herstellen, genau das, was sein Vater ihm durch eine gute Ausbildung ersparen wollte. Marina hingegen träumt davon, eine berühmte Sängerin zu werden (ihrer Familie zu entfliehen) und im Fernsehen aufzutreten. Andreas Träume stehen ihren Träumen, ihrer Karriere im Weg, als sie sich daran macht, in Casting-Shows aufzutreten. Sie verlässt ihn, wird berühmt; Andrea baut sich seine Käserei auf.

Vor dem Hintergrund zerfallender Dörfer, was einige nicht hinnehmen wollen, harter Winter und den Schattenseiten des Showbiz gehen sie ihre eigenen Wege – und können doch nicht voneinander lassen – und können doch nicht das Leben des anderen/der anderen leben: ein Teufelskreis. In manchmal sehr poetischen Sätzen beschreibt die Autorin die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen und unglücklicher Liebe, ohne in Pessismus zu verfallen. Im Nachwort erzählt sie sogar, dass es mittlerweise eine Bewegung zurück in die Dörfer gibt, weil es in den Städten auch keine Perspektive mehr gibt. Ihr Roman ist eine verkappte Liebeserklärung an die periphere Gegend, in der kaum noch jemand lebt.

 Silvia Avallone: Marina Bellezza. Klett-Verlag, 568 Seiten, 24,90€.

 

Panorama eines Jahrhunderts

 1910 wird in Prag Josef Kaplan geboren; er studiert, wie alle seine jüdischen Vorfahren, Medizin. In der Zwischenkriegszeit engagiert er sich in der sozialististischen Studentenbewegung, doch seine Begeisterung fürs Tanzen und die Politik passen nicht so recht zusammen; um diesem Dilemma zu entfliehen, wandert er 1935 nach Paris aus. Dort betreibt er medizinische Forschungen und feiert die Nächte durch; den Schritt in den spanischen Bürgerkrieg, um gegen die Faschisten zu kämpfen, wagt er nicht, obwohl einige Bekannte Paris verlassen. Statt dessen zieht es ihn nach Algier, an ein Krankenhaus; als die Nazis Frankreich besetzen, muss er als Jude Algier verlassen und versteckt sich im algerischen Hinterland.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis kehrt er mit seiner Geliebten in die Tschechoslowakei zurück, begeistert über die Politik der KP, doch als die KP-Führung die Zügel anzieht, macht sich überall im Land Desillusionierung breit, und als dann zwei Jahre später seine Frau mit ihrem Sohn nach Frankreich flüchtet, bleiben ihm nur noch seine Arbeit und seine Tochter, die sich 1968, als ein mysteriöser kranker Lateinamerikaner ins Sanatorium ihres Vaters eingeliefert wird, in diesen verliebt. Dann fällt die Mauer, und Reisen in den Westen sind für alle erlaubt …

Die Einschätzung des Rezensenten der „WELT“, dieser Roman sei nur einer“ debilen Kaffeeklatschrunde“ zu empfehlen und wäre so kitschig wie eine Buttercremetorte, teilen wir nicht. Der Autor erzählt eine wunderbare Geschichte, die ein wenig unwahrscheinlich klingen mag, aber dennoch ein Panorama des letzten Jahrhunderts entfaltet, ein Panorama aus Aufbrüchen, enttäuschten Hoffnungen, Desillusionierungen und Niederlagen – in dem trotz allem Resignation keinen Platz hat.

(Der deutsche Titel täuscht ein wenig; im Original heisst das Buch: Die gelebten Träume des Ernesto G.).

Guenassia, Jean-Michel: Eine Liebe in Prag. Insel-Verlag, 512 Seiten, 24,95 Euro.

 

Die Dialektik der Paranoia?

Maxine, eine dezertifizierte Ermittlerin und Privatdetektivin, die sich darauf spezialisiert hat, Buchführungsdaten, ellenlangen Tabellen mit finanziellen Transaktionen und Kontoauszügen tief verborgene Geheimnisse zu entlocken, etwa Steuerhinterziehungen, Schwarzgeldkanäle, verdeckte Diebstähle und dergleichen, wird eines Tages damit beauftragt, die undurchsichtigen Geschäfte einer Firma zu durchleuchten, die es im Überschalltempo vom Start-Up zur grauen Eminenz der Ostküsten-Internet- und Neue-Technologien-Szene gebracht und den großen Crash der Computer-Community in den Jahren vor 2001 sonderbarerweise nicht nur überlebt, sondern, wie es scheint, von ihm profitiert hat.

Das neue Jahrtausend ist noch jung, niemand ahnt etwas vom kommenden Anschlag auf die Zwillingstürme?, als Maxine, die einst einmal gegen die moralischen Grundsätze des Ermittlercodes verstieß und nun, ohne zertifizierte Urkunden, die ihren Status absichern, in der gigantischen Grauzone der Ökonomie New Yorks Aufträge annimmt, in ein Wespen-, nein, ein Hornissennest sticht und ein Knäuel aus regierungsoffiziellen, verdeckten, halblegalen, illegitimen und absolut illegalen Operationen, Zahlungen, Geldwäschen, Betrugsversuchen und sonstigen Verbrechen zu entwirren versucht, das viel zu viele lose Enden enthält, von denen einige auf wahabitische Terrororganisationen, Programme zum Betrug mit elektronischen Kassen und US-Interventionen in Latein- und Mittelamerika verweisen, andere auf geheime Regierungsprojekte aus der Zeit des Kalten Krieges, wieder andere aufs Deepweb, Räume des globalen Internet-Netzwerks, die noch nicht von der NSA und Werbebannern kolonisiert worden sind und – noch? -  anonym besurft werden können, Refugien für Entwickler mit Visionen, Westküstenprogrammierer mit langen Haaren und Geeks mit abgefahrenen Träumen, und ganz andere auf bevorstehende Anschläge?

Alle offenen Wollfädenenden, auch die ihres eigenen Lebens, die Maxine, wie sie glaubt, isolieren kann, ribbeln, in den Wochen vor und nach dem 11. September wie von Geisterhand auf und führen, statt aus dem Labyrinth, in neue hinein, wenn sie meint, etwas erfahren zu haben; die Stadt selbst, ein Moloch aus Stadtentwicklungsprojekten, Verschwörungstheroien, Gentrifizierung und bösartigen Hausbesitzern, der, wie das chaotische Internet, eine Einheit aus Unvereinbarem zu sein scheint und von Figuren bevölkert wird, für die eine persönliche Geschichte eher ein Fremdwort ist, spiegelt ihre Suche wider, die, wie bei einer Google-Recherche, von einem Link zum anderen führt, ohne bei einer Erkenntnis zu enden, und keiner weiß, wie sie zusammenhängen? Selbst die Menschen, wenn sie sich unterhalten, sprechen in Andeutungen, Halbsätzen und Fragezeichen, als ob sie wüssten, dass immer jemand zuhört oder ihr Bewusstsein so verwirrt ist wie die informelle Ökonomie, in die nicht nur Maxine ihre Nase steckt. Sie ist nicht allein, andere helfen ihr, aber … Ex-Ehemänner, getarnte Mossad-Agenten?, Netzjunkies, ‚Entwicklungshelfer’ und einer, der einen Riecher hat und Gerüche mit seiner Nase so gut entziffern kann, dass dagegen ein CSI-Labor von blutigen Amateuren bevölkert ist, und einen NASER konstruiert hat, das olfaktorische Gegenstück zu einem LASER? Doch Maxines Taschenlampe, mit der sie die städtischen und virtuellen Dschungellandschaften durchleuchtet, flackert beständig, als ob der Akku, niemand weiß warum, sich niemals richtig auflädt.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt, 605 Seiten, 29,95€.

 

Ein Leben als Tagelöhner

 1902 bringt ein Pferdewagen Andreas Egger, geboren in Wien, zu seinem Onkel den Großbauern Hubert Kranzstocker. Staunend betrachtet der Junge  das kleine Dorf im Tal und die riesig wirkenden Berge und lauscht der Stille. Viel Natur, wenig Geräusche . Hier wird er sein weiteres Leben verbringen und auch sterben. Widerwillig von den Verwandten aufgenommen, ernährt, um seine Arbeitskraft zu erhalten und geschlagen, um keinen Widerstand aufkommen zu lassen, schafft es doch niemand, ihm seine Selbstachtung zu nehmen.

Als Erwachsener verdingt sich Egger als Hilfskraft bei den Bauern, schafft es, sich ein Grundstück in den geliebten Bergen zu kaufen, lernt seine Liebe Marie kennen. Er arbeitet beim Bau der Seilbahn und ist ein ‚bisschen stolz‘ den Fortschritt ins Tal zu bringen. Zum Kriegsdienst wird er 1942 einberufen, verbringt acht Jahre in Russland und bei seiner Rückkehr ist alles anders. Er wohnt er anfangs in einem Bretterverschlag, ernährt sich als Tagelöhner, später zeigt er den Touristen die Berge.

Robert Seethaler beschreibt das Leben eines Tagelöhners im Österreich des letzten Jahrhunderts. Der Roman vermittelt aber auch, in welcher Form die Veränderungen in Politik und Wirtschaft selbst in dieses abgelegene, ehemals ruhige Tal vordringen und es zur Touristenhochburg werden lassen und benennt die Kosten.

Großartig und unbedingt lesen.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Berlin 2014, 155 Seiten, 17,90€.

 

 Wann beginnt der Verrat einer Idee?

 Val McDermid dürfte Krimileserinnen auch in Deutschland bestens bekannt sein.  1955 geboren, wuchs sie in einem schottischen Bergbaugebiet auf und arbeitete als Journalistin und Literaturdozentin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmen konnte. Deutschsprachig sind die meisten ihrer Titel im Knaur Verlag erschienen, nur die Reihe um die lesbische Glasgower Journalistin Lindsay Gordon kam im Argument Verlag heraus.

Neu erschienen ist nun im November ‚Eiszeit‘ – ein neuer Fall für Carol Jordan und den Profiler Tony Hill. Bestimmt lesenswert.

Trotzdem soll hier ein älterer Titel von Val McDermid empfohlen werden:  ‚Nacht unter Tag‘. Die Handlung beginnt im schottischen Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie von der Abteilung für ungelöste Verbrechen steht vor einem Rätsel. Die Tochter eines Bergarbeiters  meldet ihren Vater Mick Prentice nach 20 Jahren als vermisst. Ihr Sohn ist schwer krank, und nur die passende Knochenmarkspende eines Verwandten kann ihm helfen.

DI Pirie kommt nicht weiter. Niemand will über Mick Prentice sprechen. Hinzu kommt, dass DI Karen Pirie sich noch mit einem weiteren Fall befassen muss.

Mick Prentice verschwand am 14. Dezember 1984 aus dem kleinen Bergarbeiterort Newton of Wemyss. Es war die Zeit des großen Bergarbeiterstreiks, und in derselben Nacht setzten sich auch andere Männer, Streikbrecher, nach Nottingham ab und verließen ihre Familie, die es in der Folgezeit schwer haben sollten, denn im Ort galten die Gesetze der Gewerkschaft,  Solidarität bedeutete noch etwas.Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Familien im Ort wurden von der Zeche bestimmt. Der Einfluss  der Gewerkschaft war groß.

Val McDermid weiß, wovon sie schreibt, war sie doch selbst zehn Jahre in der Gewerkschaft aktiv.

Der Kriminalfall ist eingebettet in die Zeit ins Bergarbeitermilieu und beschreibt die Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen und deren Familien, ohne etwas zu beschönigen. Durch die aktuellen Ermittlungen von DI Pirie werden auch die aktuellen Gesellschaftsbedingungen thematisiert.

Spannend geschrieben, informativ und mit unerwarteten Wendungen. Kurz gesagt, empfehlenswert.

Val McDermid: Eiszeit, Droemer Knaur Verlag 2014, 512 Seiten, 9,99€.

Val McDermid: Nacht unter Tag, Droemer Knaur Verlag 2010, 539 Seiten, 9,99€.

 

Go easy on Schnaps

Im November 1944 druckte das britische Außenministerium einen Leitfaden, um die britischen Truppen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten, dieses Büchlein steckte quasi in den Hosentaschen der britischen Soldat_innen und sollte sie auf die merkwürdigen Deutschen, ein „Volk von problematischem Nationalcharakter“ vorbereiten.

Die politische Analyse („das deutsche Volk als Ganzes kann sich einem Großteil der Verantwortung nicht entziehen“) findet sich ebenso wie Informationen über typisches Essen und Trinken, Sport, Weihnachtsbäume und Alkohol. Ein skurriles, aber auch nachdenklich machendes Büchlein.

The Bodleian Library: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Zweisprachig, 160 S., 8€.

 

 Eigenheime und Staaten

 Dem Marxismus im weitesten Sinn wurde häufig vorgeworfen, und viele marxistische Theoretiker haben dies selbst als Mangel definiert, dass der Staat eine zu kleine Rolle in der Gesellschaftsanalyse spielt. Die Folgen waren auf der einen Seite viele kritische Versuche, die Funktion des Staates für das Kapital oder die Interessen hinter dem Staat offenzulegen. Auf der anderen Seite haben sich die Sozialwissenschaften der Lücke bemächtigt und sind dabei zur Verwaltungswissenschaft geworden, die dem Staat die Daten über die Bevölkerung liefert. Wer nun weder Datensammler und damit scharf auf statistische Informationen noch der Ansicht ist, der Staat ist gar kein eigenes Gebilde, sondern nur Ausdruck tieferliegender Interessen, wer also die Mechanismen (soziologisch ausgedrückt: die Struktur hinter den Funktionen) verstehen möchte, mit denen der Staat soziale Wirklichkeit herstellt, der wird in den Vorlesungen von Pierre Bourdieu, dem französischen Star-Soziologen, fündig. Der Leser sieht sich zudem einem originellen Stil gegenüber, der aus der Form der Vorlesung erwächst, wie sie Bourdieu bevorzugte: als kritische Selbstbefragung und Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen der eigenen Meinung.

Bourdieu verabschiedet sich nicht von der kritischen Sicht auf den Staat, und er behauptet  auch nicht im Gegenzug einfache Zusammenhänge, sondern er sieht im Staat ganz eigene Machtstrukturen am Werke, die einer komplexen Erklärung bedürfen. Für Bourdieu gibt es ebenfalls Kapital, aber nicht nur als ökonomisches, sondern in vielfältigen Formen etwa als kulturelles, soziales oder symbolisches. Für ihn gibt es ebenfalls Interessen und Konflikte, aber in einem Feld mit unterschiedlichsten Auseinandersetzungen, die durch soziologische und ethnografische Mittel der Befragung und Beobachtung verstanden werden können. Und für ihn gibt es Zuhörer, die ihn anschauen und sich fragen, wie er zu seiner exklusiven Sicht kommt.

Zentral ist bei Bourdieu die Annahme, dass im Staat neben dem Gewaltmonopol vor allem eine Form symbolischen Kapitals umkämpft ist. Dabei bleibt die staatliche Praxis keineswegs eine anonyme und nicht fassbare Struktur, sondern eine Denk- und Handlungsweise, mit der die Staatsdiener ganz konkret (und nicht immer einer Meinung) Benennungen und Bezeichnungen vornehmen und eine Perspektive einnehmen, die über anderen Perspektiven steht. Wenn etwa ein Nachbar sagt, Dein Sohn ist ein Idiot, und man sich diese Frechheit nicht zweimal sagen lassen möchte und dem Nachbarn heimlich nachts die Rosen abschneidet oder ihn anschreit, und wenn nun der Lehrer oder besser der Direktor sagt, Ihr Sohn ist ein Idiot, und man daraufhin überlegt, ob der Sprössling nun Nachhilfe bekommen sollte oder eine Therapie, wenn nicht gar Handy-Verbot, dann bekommt man nicht nur eine Ahnung davon, was symbolische Gewalt ist, wenn der gleiche Satz unterschiedliche Wirkungen hat, sondern auch von den illustren Beispielen aus der Vorlesung. Überhaupt muss die Schule für so manches verzweigte Beispiel herhalten – man wünscht dem Buch gerade hier Leser aus diesem Milieu. Aber auch der Eigenheim-Besitzer und mehr noch der Eigenheim-Verkäufer werden analysiert, nicht zuletzt – neben vielen hochinteressanten historischen Erläuterungen zur Entstehung von Ämtern – die Soziologie selbst, die vor Benennungen nur so strotzt. Vermutlich ist die selbstkritische Offenlegung seiner Herangehensweise die Methode, mit der Bourdieu den Zuhörern vermitteln will, dass jeder Begriff eine (schwierige) Geschichte hat und jede Art der Äußerung (auch und gerade die eines Professors) nicht im leeren Raum stattfindet, sondern von Interessen und Machtbestrebungen geprägt wird, wie bewusst einem das auch ist. Bourdieus Vorlesungen helfen einem das Durchschauen, etwa des Symbolischen: Das nämlich ist die unsichtbare Macht, die gerade wirkt, weil man sie vergisst, ein Glaube, der einen begleitet und der – das macht es kompliziert – auch Tatsachen schafft. Das Symbolische am Staatshandeln ist der Standpunkt, der meint, er stehe über allen Standpunkten, und der nur dadurch am Leben gehalten wird, dass man an ihn glaubt.

Pierre Bourdieu, Über den Staat, Vorlesungen am Collège de France 1989-1992. Suhrkamp Verlag. 722 S., 49,95€.

 

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte         

Um es gleich vorweg zu sagen: Als ich hörte, dass David Foster Wallace sich selbst tötete, war mir seltsam zumute. Der angesagteste unter den angesagten amerikanischen Schriftstellern schied aus dem Leben, und ich biss mich durch seine Romane, Erzählungen und Sachbücher, eines schlauer (und komplexer) als das andere – was die Sachbücher und Essays an Erleuchtungen mit sich bringen, etwa zum kommerziellen Sport, zur Porno-Branche, zum Fernseh-Verhalten, zum Hummer-Essen und zu Kreuzfahrten, holen die Romane und Erzählungen wieder ein, indem sie Verwirrungen dadurch erzeugen, dass der Avantgardist Wallace seine Figuren künstlich verfremdet, sie werden in Bücher mit wirren Erzählsträngen, wechselnden Erzählmethoden und -sprachen gepackt, Fußnoten rahmen die Fiktion ein, während wissenschaftliche Essays mit persönlichen Beispielen gefüllt werden, und alles wird zusammengehalten durch die Energie eines Autors, der mit der Sprache in nicht enden wollenden Sätzen mit immer neuen Einschüben geradezu rang, weil er Sprache einfach rätselhaft fand, was seiner an Wittgenstein geschulten Reflexionsfähigkeit geschuldet war.

Dass Wallace nun gestorben war, machte ihn zur Ikone und stellt ihn frei für Biografien und Beschreibungen, die sein Leben erzählen, als wäre da nichts von diesen Verknüpfungen, denn Biografien normalisieren und entmystifizieren, sie sind deshalb in ihrer Einfachheit noch schwerer zu lesen als verwickelte Romane mit Fußnoten. Umso erstaunlicher, dass Max mit seinem Buch eine Biografie gelungen ist (nicht nur der Fußnoten wegen), die der Komplexität von Wallace gerecht wird und dem Interessierten die Chance gibt, hinter die vielfältigen Gedankenverschränkungen, den Denkstil eines Autors zu kommen, der alte Wörter, die niemand mehr benutzte, in seine Geschichten einbaute, und neue erfand.

Max spannt den Bogen von Wallaces Familien-, über sein Sport- und Universitäts- zu seinem Schriftstellerleben, immer wieder unterbrochen durch seine komplizierten Beziehungen zu Frauen und auch nahen Freunden, und geradezu angegriffen durch seine Depressionen, die einer therapeutischen und klinischen Behandlung bedurften. Sprache wird von Max als Wallace Leben beschrieben, das Leben als etwas, was nur in der verfremdeten Form literarischer Bearbeitung zu ertragen war.

Es lohnt sich, die Hemmschwelle zu überwinden, die vor der Lektüre von David Foster Wallace Büchern liegt, die Biografie ist eine Einstiegsmöglichkeit.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, David Foster Wallace – Ein Leben, Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten, 24,99€.

 


 Ein unkonventionelles Leben

Als expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant war Franz Jung schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war oft im Gefängnis, vielfach auf der Flucht, schrieb ca. 30 Romane, mehr als zehn Theaterstücke sowie Essays, Radiofeatures, ökonomische und politische Analysen.

1920 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und war Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD). Von einem zweiten Genossen wurde er nach Moskau geschickt, um dort die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen. Aus Geldmangel kaperten sie einfach einen Fischdampfer, fuhren nach Murmansk und reisten nach Moskau weiter, wo die Gespräche mit Radek, Lenin und Bucharin aber scheiterten (die wohl die KPD nicht brüskieren wollten). Nach seiner Rückkehr wurde Franz Jung wegen Schiffsraubs auf hoher See verhaftet. Anfang 1921 wurde er gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen und tauchte sofort unter.

Er war der Inbegriff des Abenteuertums, des Aufbruchs und Ausbruchs. »Ein Charakter, wie man sie heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft«, beschreibt ihn Günter Kunert. Jung war immer kompromisslos und ist dadurch in diesem Jahrhundert des Verrats zu einer paradigmatischen Figur geworden. Zur Zertrümmerung der großen Illusionen und Ideologien hat er einen bedeutenden Teil beigetragen.

Franz Jung: Der Weg nach Unten. Edition Nautilus, 440 Seiten, 18 Euro.

 

Mittelmeergeschichte

Lange Zeit, seit der Veröffentlichung von Fernand Braudels überragendem, dreibändigem Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. hat sich kein Historiker an eine neue Mittelmeergeschichte gewagt. David Abulafia hat nun das Wagnis unternommen, das Mittelmeer und seine lange und wechselvolle Geschichte einem breiteren LeserInnenkreis näher zu bringen.

Sein Buch beginnt in grauer Vorzeit und endet jetzt, im 21. Jahrhundert, und kaum ein Epoche, kaum eine Küste werden stiefmütterlich behandelt. Mit ein paar Wissensresten über die alten Griechen und die Römer und Troja, die vermeintlichen ‚Väter‘ der westlich-demokratischen Welt, können die meisten noch aufwarten; dass Mallorca heutzutage eher eine deutsche Touristenkolonie denn eine spanische Insel ist, gilt als netter Scherz nebenbei. Dass Mallorca (und Menorca) jedoch eine sehr wechselvolle Geschichte haben, wie Sizilien, Sardinien und viele andere mediterrane Küsten und Inseln, dass jene imaginäre Meeresgrenze, die heutzutage Flüchtlinge in schrottreifen Booten zu überqueren versuchen, um nach Lampedusa und Europa zu gelangen, keinesfalls schon immer da war, gehört schon nicht mehr zum durchschnittlichen Wissensschatz.

Ein deutscher Historiker sprach nach dem Krieg mit der Nonchalance eines geläuterten Nazis, der wusste, dass antisemitische Stereotypen bei seinen Lesern auf fruchtbaren Boden fielen, von den „semitischen Handelseigenschaften“ der Phönizier, und noch 1959 durfte frei von der Leber von den typisch „orientalischen“ Eigenschaften karthagischer und phönizischer Kaufleute geschrieben werden. Mit derartigem Unsinn macht Abulafia Schluss; er spricht zwar über Rom, Athen und Alexander den Großen, aber eben auch, und ausführlich, über Tyros und Karthago. Viele LeserInnen werden zum ersten Mal etwas von Emirat in Bari, den Korsarenhochburgen Algier und Tunis, den Sklavenmärkten in Livorno und Barcelona, einer muslimischen ‚Kolonie‘ in der Nähe des heutigen St. Tropez, einem fränkischen Königreich Athen, einem muslimischen Kreta, den Johannitern auf Malta und von vielem anderen hören; ‚nationale Geschichten‘ verwandeln sich in ein Puzzle, ein Netzwerk, in dem heutige Grenzen als das erscheinen, was sie sind: zufällige Launen der Geschichte.

David Abulafia: Das Mittelmeer: Eine Biographie. Fischer-Verlag, 960 Seiten, 34 Euro.

 

Krimis und Gesellschaftstheorie

Kann Gesellschaftstheorie so spannend sein wie ein Kriminal- oder Spionageroman? Bevor die leidenschaftlichen Krimi-Leser ein selbstverständliches Nein herausrufen, lasst euch sagen: Ja, sie kann! Und zwar besonders dann, wenn es einem Autoren wie Luc Boltanski in seinem Essay gelingt, die Geschichte des Kriminal- und Spionageromans mit der Entstehung der modernen Gesellschaftstheorie auf detaillierte Weise zu verknüpfen.

Wie das? Boltanski zeigt auf sehr fundierte, aber auch auf unterhaltsame Weise, wie Anfang des 20. Jahrhunderts (besonders in seiner weltberühmten Form von Sherlock Holmes- und Maigret-Geschichten) der Kriminalroman, der später mit dem Spionageroman zusammen eine den Zeitgeist aufsaugende neue literarische Gattung bildet, zeitgleich zu weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht: zur Wissenschaft der Gesellschaft und der Paranoia, zu Weltverschwörungstheorien (wie den Protokollen der Weisen von Zion) und zu allerhand politischen Komplotten (wie der Dreyfus-Affäre). Dass es dabei zu vielen (manchmal erstaunlichen) Vermischungen, Anleihen und Überschneidungen kommt, liegt – so Boltanski – an der strukturellen Ähnlichkeit der Fragen, die man stellt, und den Vorgehensweisen, um auf die Fragen Antworten zu liefern. Gebündelt in einer Frage heißt es: Steckt hinter der offensichtlichen Realität noch eine andere tiefere verborgene Realität, die durch Untersuchungen und mit Methode entdeckt und enthüllt werden muss? In der politischen wie sozialen Ordnung entstehen offenbar Risse, die gekittet werden müssen. Was die Antworten betrifft, so sollte man wie bei einer guten Krimi-Rezension nicht alles offenlegen, was der Text zu bieten hat und was ihn zu lesen so spannend macht. Auf jeden Fall hat man selten eine so scharfsinnige Erläuterung gelesen, was das schwierige Verhältnis von Realität und Fiktion betrifft. Was ist denn nun real? Und wer darf bestimmen, was wirklich ist – der Wissenschaftler, der Staat oder vielleicht der Literat oder gar der Psychopath? Die Antworten führen uns zu unseren eigenen Vorstellungen von Macht und zur Bereitschaft, sie zu hinterfragen.

Für jeden Krimi- und Spionage-Fan ist das preisgekrönte Sachbuch ein Muss, und wer nicht auf soziologische Theorie steht, dem sei das Buch als präzises Nachschlagewerk für Kriminal- und Spionageliteratur des 20. Jahrhunderts empfohlen.

Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Suhrkamp: Verlag 39 Euro, 515 Seiten..

Blut, Putzwedel und absonderliche Begegnungen

Der Tatortreiniger hat einen etwas absonderlichen Beruf: er reinigt Tatorte, blutige Tatorte, an denen noch der Leichengeruch in der Luft hängt. Die preisgekrönte (Comedy-Preis, zwei Grimmepreise, Nominierung für den deutschen Fernsehpreis) NDR-Serie mit Schotty (Bjarne Madel), der in bislang sieben Folgen Tatorte reinigt und an jedem einzelnen Tatort in skurrile Situationen gerät, ist ein Geheimtipp; sie lief bislang im dritten Programm oder spät in der Nacht. Wenn er „seelenruhig die Reste menschlichen Lebens beseitigt und dabei auf die kuriosesten Gestalten trifft, liegen Psychodrama und Komödie nah beieinander. Endlich mal eine richtig gute Serie“, so die süddeutsche Zeitung.

Insbesondere eine Episode („Schottys Kampf“) auf der zweiten DVD ist kaum zu toppen: der Tatort ist ein Nazi-Hinterzimmer voller Nazi-Devotionalien, und Schotty muss sich mit einem Nazi herumschlagen, der versucht, ihn zu indoktrinieren. Der Tatortreiniger wehrt sich auf seine ganz eigene Art …

Der Tatortreiniger, mit Bjarne Madel. Studio Hamburg Enterprises oder Büchergilde Gutenberg. Staffel 1: 12,95 Euro; Staffel 2: 12,95 Euro (mit je vier Episoden und Bonus-Material).

Esther Bejarano: Erinnerungen

Am 15. Dezember 2013 wird/wurde Esther Bejarano 89 Jahre alt.

Als 18jährige wurde sie nach Auschwitz deportiert: „Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager ‚Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami’ zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen“.

In ihren Erinnerungen, die hier erstmals vollständig in deutscher Fassung vorliegen, erzählt sie in ihrer einfachen Sprache, die das Ungeheuerliche umso eindringlicher hervorruft, von der Shoah, von großem Leid und Verlust. Doch enden die Aufzeichnungen hier nicht: Sichtbar wird auch Esther Bejaranos Kraft, die es ihr ermöglichte, nach diesen Erfahrungen weiterzuleben. Seit mehr als dreißig Jahren ist sie eine Kämpferin gegen das Vergessen, die ihre Geschichte an Schulen erzählt und mit den Mitteln der Musik leidenschaftlich gegen jede Art von Intoleranz angeht.

Die beigefügte DVD zeigt ein Interview mit Esther Bejarano und Ausschnitte eines gemeinsamen Konzerts mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia.

Esther Bejarano: Erinnerungen. Laika-Verlag, 21.- €.

Wird Zeit, dass wir leben

Christian Geissler erzählt vom Widerstand der Kommunisten gegen die Nazis in Hamburg. Als ob er mitten im Geschehen steckt, begleitet er seine Figuren durch die Kämpfe vor und nach 1933. Er erzählt von Gewalt von oben und Gegenwehr von unten, vom Spannungsverhältnis zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Disziplin und Eigensinn - und zieht den Leser in die immer noch aktuellen Debatten mit hinein. Schlosser ist Funktionär der KPD. Bis zu seiner Verhaftung bremst er den Eifer der Genossen im Kampf gegen die Nazis, verweigert die Waffen und pocht auf Disziplin. Die Genossen von der Basis aber wollen kämpfen. Kämpfen bedeutet für sie Lust und Leben. Vor allem für Karo, aber auch für Leo, der noch 1930 zur Polizei geht, aber später begreift, dass er auf der falschen Seite steht.

Geisslers Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Das Vorbild für Leo war der Hamburger Polizist Bruno Meyer, der Anfang 1935 die Widerstandskämpfer Fiete Schulze und Etkar André aus dem Gefängnis befreien wollte. Detlef Grumbach recherchierte umfassend und erzählt in seinem Nachwort erstmals vom Schicksal Bruno Meyers, der 1935 zwei Kommunisten aus dem Knast befreien wollte.

Christian Geissler: Wird Zeit, dass wir leben. Verbrecher-Verlag, 358 Seiten, 22 Euro (Neuausgabe des 1976 erschienen Romans.

Eine Leiche und Verwicklungen über Verwicklungen

Der junge Schriftsteller Marcus Goldman, gefeiert und berühmt nach einem sensationellen Debüterfolg, erleidet bei seinem neuen Buch eine ihm bis dato völlig unbekannte Schreibblockade. Er flüchtet nach Aurora, New Hampshire zu seinem angebeteten Idol und alten Mentor Harry Quebert, in der Hoffnung auf Ruhe und Inspiration. Beider Leben wird jedoch völlig auf den Kopf gestellt, als in Harrys Garten die Leiche einer seit über 30 Jahren vermissten jungen Frau gefunden wird, zusammen mit einem Manuskript des Romans Der Ursprung des Übels, der den Ruhm von Quebert begründete. Der alternde Schriftsteller kommt in Untersuchungshaft, wird aber mangels Beweisen bald wieder freigelassen.

Der junge Schriftsteller sieht den dringend benötigten Stoff für seinen neuen Roman, zumal er nicht glauben will, dass sein Idol Harry Quebert ein Mörder ist.

Marcus Goldman beginnt zu recherchieren und bringt mit seinen zutage geförderten "Wahrheiten" ganz Aurora in Aufregung, denn eine Verdächtigung jagt die andere und die Ereignisse überschlagen sich. Auch das Denkmal, das er sich von Harry Quebert gemeißelt hat, wird bröcklig.

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Piper Verlag, 736 Seiten, gebunden, 22,99 €.

Trotzki, der Eispickel und die Nachgeschichte

1940 wurde Leo Trotzki in Mexiko auf Geheiß Stalins mit einem Eispickel getötet, sein Mörder war ein gewisser Ramón Mercader. Leonardo Padura, der durch kubanische Krimis berühmt geworden ist, erzählt in seinem Roman, wie es dazu kam.

Eigentlich erzählt er drei Geschichten. Die erste beschreibt, wie Trotzki aus der Sowjetunion floh und was er bis zu seinem Tod erlebte und tat; die zweite erzählt das Leben seines Mörders (wie dieser dazu kam, Trotzki zu erschlagen, und was ihm nach dem Attentat wiederfuhr); und drittens erzählt der Autor von einem kubanischen Schriftsteller, der sich Ende der 70er Jahre durch den realsozialistischen Alltag schlägt und eines Tages einen einsamen Mann mit Hund am Strand trifft, der ihm wiederum nach einigem Zögern seine Lebensgeschichte erzählt.

Die spanische Revolution, Mexiko, die stalinistische Sowjetunion, Kuba: überall prallen Träume auf die Wirklichkeit und zerplatzen. Fast unmerklich verkehrt sich der Traum von Befreiung in sein Gegenteil; an welcher Stelle sich Disziplin und Hingabe an die eigenen Ideale in totalitäre Instrumente verwandeln, lässt sich kaum feststellen. Aber wenigstens der Traum soll bewahrt werden, und die Geschichte soll erzählt werden, damit sich die gleichen Fehler nicht wiederholen.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Union-Verlag, 730 Seiten, 14,95 Euro.

 

Wenn Wasserleichen Schluckauf kriegen

„Hamburg, 13. August. Freitag. Freitag, der dreizehnte. Ein Tag ‚so heiß, daß Wasserleichen Schluckauf kriegten‘. 11:22 Uhr. Kaum hat der Alsterdampfer Saselbek abgelegt, als er auch schon gekapert wird. Von einem zweieinhalb Zentner schweren Hünen, splitternackt und ganzkörpertätowiert, ohne Ohren und Zähne, doch mit implantierten Hörnern aus Teflon – und einem japanischen Dolch in der Faust. Ein groteskes, blutiges Geiseldrama beginnt.

Onno Viets ist Mitte 50 und Hartz-IV-Empfänger. Noch nie konnte er irgend etwas richtig gut – außer Brotloses wie zum Beispiel Sitzen, Tischtennis und das Verstrahlen einer Art Charisma für Arme. Er hat eine Phobie gegen Hühnerköpfe, dringende Schulden beim Fiskus und möchte seiner geliebten Gemahlin Edda so gern ein Fahrrad zum 50sten Geburtstag schenken. Sein Girokonto aber glüht vor roten Zahlen. Da hat er eine Eingebung aus dem Fernsehen: Onno wird – Privatdetektiv.

Seine geplagten Sportsfreunde vom Pingpong ahnen Ungutes. Aus langjähriger Erfahrung. Einer aber, Rechtsanwalt (und übrigens der Erzähler der ganzen Geschichte), verhilft ihm dennoch zum ersten Fall: Der Popmagnat und Juror einer Porno-Castingshow, Nick Dolan, argwöhnt Untreue seiner aktuellen Flamme, der Burlesque-Tänzerin Fiona Popo. Onno soll ein Beweisfoto von ihr und dem Liebhaber liefern. Schon bald bekommt Onno Dolans Nebenbuhler zu Gesicht. Bei dem Kerl mit dem Spitznamen „Händchen“ handelt es sich um die gefürchtete rechte Hand eines Hamburger Kiezoligarchen ... Bis nach Mallorca verfolgt unser frisch gebackener Ermittler das Fräulein Popo. Wo das Fiasko unwiderruflich beginnt.“

So preist der Autor selbst seinen Roman an, und dass er nicht ganz Unrecht an, bestätigt ihm der NDR in einer Rezension: „Dieser Roman ist eben nicht nur einer zum Lachen aus volle Kehle; er ist auch eine wahrhaftige Studie über Freundschaft und Gewalt, über das Scheitern und den Versuch, mit Würde zu scheitern.“

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Rowohlt, 368 Seiten, 9,99 Euro.

Wissenschaft, Kabarett und Aufklärung

Beten, so HobbytheologInnen, sollte eigentlich beim Gesundwerden helfen. In den USA wurde das tatsächlich empirisch überprüft: 1800 operierte Bypass-Patienten wurden in drei Gruppen aufgeteilt – für die erste Gruppe wurde nicht gebetet, für die zweite Gruppe wurde gebetet, ohne dass die Patienten davon wussten, und für die dritte Gruppe wurde gebetet, aber die Patienten wussten, dass für sie gebetet wurde. Und das Ergebnis: den Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, ging es – schlechter, ja, schlechter.

Die Science Busters – der Martin Puntigam, Heinz Oberhummer (auch Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien und Obmann der Initiative Religion ist Privatsache) und Werner Gruber aus Österreich, eine sehr dicker Physiker, ein dicker Kabarettist und ein alter Theoretiker, die „schärfste Boygroup der Milchstraße“ – liefern uns spannenden Antworten auf viele Fragen, auf die viele scheinbar einfache, aber oft falsche Antworten haben. Physik gilt, zu Unrecht, als ein hochkomplexes und kaum zu verstehendes Sachgebiet, und Physiker, tja, da ...

Die Science Busters hingegen „stellen nicht nur weltbewegende Fragen, sie können sie auch fachkundig beantworten“ (aus dem Klappentext). Ein schwarzes Loch entsteht im Wohnzimmer, ein Rezept für ein waschechtes Blutwunder wird angegeben, wir lernen, auf dem Wasser zu gehen, und eine Anleitung zum homöopathischen Komasaufen wird uns nahegebracht, die den Geldbeutel schont – und immer wieder müssen mann und frau herzlich lachen.

Abdula!!!

Martin Puntigam/Heinz Oberhummer/Werner Gruber: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Goldmann-Verlag, 235 Seiten, 9,99 Euro.


Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben. 2014 besteht die Büchergilde 90 Jahre. Wir gratulieren!

Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen

und erfreulicherweise auch aus Büchern, Computerspielen und Hörkassetten. 50 solcher Helden und Heldinnen sind in diesem von Andrea Baron und Kai Splittgerber herausgegebenen Buch versammelt. Hier tummeln sich Asterix, Pittiplatsch (der liebe), Jim Knopf, Winnetou, Raumschiff Enterprise, Pacman, Calvin und Hobbes ‚ Luzi, der Schrecken der Straße, das A-Team, Superman und viele mehr in trauter Eintracht. Jedem/r ist ein mehrfarbig bebilderter Text gewidmet, in dem der Autor/ die Autorin sich an seine/ihre Kindheit in Begleitung von zum Beispiel Karate Kid erinnert. Almut Klotz beschreibt, wie die Witwe Schlotterbeck (aus Preußler: Räuber Hotzenplotz) ihr Leben prägte, und auch Darth Vader wird immer noch bewundert.

Das Buch, verlegt von der Büchergilde Gutenberg, ist (wie nicht anders zu erwarten) hochwertig ausgestattet, jedem Text eine eigene Art der Illustration zugeordnet. 50 Autoren/Autorinnen und Illustratoren/Illustratorinnen haben hier aktuell eine Heldentat vollbracht. Eine amüsante und spannende Geschichtensammlung, die ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte zeigt, aber  auch die Möglichkeit bietet, in anderer Leute Kindheitserinnerungen (Eltern!) zu stöbern und  „ja, aber …“ oder „ach, ja …“  zu denken.

 Keine Angst:  Auch Menschen mit Fernsehverbot in der Kindheit kommen auf ihre Kosten, denn es ist nicht nötig, die handelnden Personen zu kennen.

Andrea Baron und Kai Splittgerber: Helden der Kindheit, Büchergilde Gutenberg, 19,95 € für Mitglieder, 22,95 € für Nicht-Mitglieder

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