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Buchtipps

Unser Buchtipp (2)

Das Schiff des Theseus

Bevor Theseus mit der Argo das goldene Vlies klaute, ließ er sein Schiff von einem Werftmeister reparieren. Der wechselte die Planken aus und baute aus ihnen ein neues Schiff. Aristoteles erzählt diese Geschichte in der Metaphysik, und stellt sich und allen nach ihm die Frage, ob es nun zwei Argos gab oder welches die echte Argo war.       

Im Roman Schiff des Theseus wird diese Frage schon im Titel aufgeworfen; über seine Seiten segelt ein Segelschiff, das beständig repariert, erneuert und umgebaut wird, bis kaum noch ein Originalteil vorhanden ist (aber was ist ein Originalteil? – das Schiff gab es schon, bevor der Roman beginnt). Ist es am Ende der Geschichte noch das gleiche Schiff oder nur eines gleichen Namens? Und jene, die auf ihm reisen und sich dem Meer anvertrauen, sind es noch die gleichen Menschen, wenn sich der Roman seinem Ende zuneigt, oder tragen sie nur zufällig die gleichen Namen wie die Protagonisten am Anfang?

Doch eigentlich handelt das Schiff des Theseus von etwas ganz anderem. Eines Tages, in der Jetztzeit, fällt einer jungen Literaturstudentin dieses Buch zufällig in die Hände; es liegt in einer Bibliothek herum, statt an seinem angestammten Standort zu stehen. Sie liest das 1947 erschienene Buch in einen Zug durch – und bemerkt bei ihrer Lektüre eine Menge Unterstreichungen und handschriftliche Randbemerkungen eines zweiten Lesers, der offensichtlich versucht, der Identität des Autors auf die Spur zu kommen.

Der Autor, der unter dem Pseudonym V.M. Straka den Abenteuerroman Schiff des Theseus veröffentlicht hat, ist der ganzen Welt unbekannt, folgerichtig auch, wie er lebte und starb: ein gefundenes Fressen für die literaturwissenschaftliche Zunft, die ausgiebig sein Werk und seine Biographie erforscht; wie üblich gibt es diverse Meinungen und bitterböse akademische Konkurrenzen. Der Leser des Buches, den die junge Studentin durch seine handschriftlichen Kommentare im Buch kennenlernt, fürchtet, dass ihm seine Entdeckungen und Thesen entwendet und streitig gemacht werden, seine Forschung sabotiert und seine Karriere torpediert wird.

Dem Buch vorausgeschickt ist ein Vorwort eines mysteriösen Herausgebers. Dieser schildert, wie das Buch zustande kam, fasst zusammen, welche Personen für den Autor gehalten wurden, wägt Pros und Contras ab, und überzieht den gesamten Roman mit einer Vielzahl von Fußnoten, die teils den Text erhellen, meist aber in keinem oder in einem nur ihr einleuchtenden Zusammenhang mit dem Roman stehen, und in denen sie über Gott und die Welt und die Identität von Straka spekuliert. Im Impressum des fiktiven Romans werden mehr als 10 Werke von Straka aufgelistet, die dieser in den 20ern und 30ern verfasst hatte; das Schiff des Theseus ist sein letztes und Meisterwerk. Aus den Recherchen des jungen Literaturwissenschaftlers ergibt sich, ergänzend zum Vorwort, dass Straka nicht nur ein berühmter Autor war, der Abenteuerromane schrieb, sondern auch ein Revolutionär und Anarchist, der zwischen 1905 und 1940 aktiv war –Attentate, Bombenanschläge, Arbeiteraufstände, Geheimnisverrat, Entführungen und dergleichen wurden ihm von verschiedenen Seiten, Freunden und Feinden, zugeschrieben, natürlich unüberprüfbar, und diverse Geheimdienste und –organisationen sollen ihm auf den Fersen gewesen sein, um ihn auszuschalten.

Die Handlung des Romans ist ein wenig undurchsichtig. Einem Mann, der seinen Namen und seine Vergangenheit vergessen oder nie gekannt hat, landet aus heiterem Himmel im ersten Kapitel und muss sich in einer ihm fremden Hafenstadt zurechtfinden. Er trifft eine ihm unbekannte Frau, S, die wie ein Phantom den Roman durchgeistert, verguckt sich in sie – und wird dann von einem Presskommando auf ein Schiff entführt. Bis auf den Anführer haben alle Crewmitglieder, ganz kafkesk, einen zugenähten Mund, und niemand teilt ihm mit, wohin es geht, warum er sich an Bord befindet oder wer er ist. Irgendwann gelingt ihm schwimmend die Flucht, und an Land gerät er mitten in einen Generalstreik, der sich gegen einen ominösen Waffenproduzenten und –exporteuer richtet. Er kommt den Anführern des Streiks nahe, und als der Streik niedergeschlagen wird, flüchtet er mit ihnen in die Berge … immer mehr verwickelt er sich in die Fänge und Fäden eines Schicksals, das andere für ihn weben, bis er seine Bestimmung erkennt – und sich wieder irrt?        

Das letzte Kapitel, so der mysteriöse Schreiber des Vorwortes, musste er rekonstruieren (und zum Teil selbst schreiben), da die Übergabe der letzten Seiten des Manuskriptes schief ging und Straka vorher entführt oder ermordet wurde oder flüchten konnte; niemand weiß es. Wie Jen und Eric, die im Buch über das Buch kommunizieren, während sie es viele Male durchlesen und immer neue Kommentare schreiben, bei der Lektüre bemerken, scheint der Herausgeber, deren Identität ebenfalls ins Schwimmen gerät, in den Fußnoten über einen (über)komplexen Code mit Straka zu kommunizieren und davon auszugehen, dass er noch lebt. Aber meint sie überhaupt Straka, kennt sie seine Identität oder ist der Code ein Produkt überbordender verschwörungstheoretischer Phantasien?

Während der Lektüre des Buches, dessen Inhalt ein deutscher Rezensent so zusammenfasst, als ob Kafka und Karl May besoffen einen Abenteuerroman geschrieben hätten – als ob er selbst, der Rezensent, einem Drink oder Joint nicht abgeneigt war, als er seine Gedanken in die Tastatur tippte –, entdecken Jen und Eric immer mehr Details über den Autor und seinen Vorwortschreiber. Je mehr sie zu verstehen meinen, desto unruhiger werden sie, denn jemand scheint sie im realen Leben zu verfolgen und daran hindern zu wollen, ihre Gedanken zu veröffentlichen; immer mehr Parallelen zwischen Strakas Leben, den Abenteuern des unbenannten Romanhelden und ihrer eigenen Existenz tun sich auf. So wie das Schiff des Theseus, könnte es über sein Wesen reflektieren, über seine Identität im Unklaren bliebe, je mehr Planken, Nägel, Rundhölzer und Segel ausgetauscht würden, so zerfließen die Konturen aller Personen auf allen Ebenen, obwohl sie dieselben bleiben – oder werden, was sie sind.

Das Buch, das zum Verkauf ausliegt, ist jenes von Straka, versehen mit einem Vorwort, einer Unzahl handschriftlicher Bemerkungen von Jen und Eric (in verschiedenen Farben und Stiften) und vielen Beigaben, die Jen und Eric dem Buch beigelegt haben, während sie dem Autor auf der Spur waren: Postkarten (von Forschungsreisen), Zeitungsausschnitte, Briefe (die sie einander schrieben, indem sie das Buch als Briefkasten benutzten), Zeitungsausschnitte, ein Brief von Straka und selbst eine bemalte Serviette; die wahren Autoren kommen nicht einmal zu Wort. Das Buch ist ein kleines Kunstwerk: jede Seite erscheint nachgedunkelt und fleckig und ist mit Druckbuchstaben und Handschriften bedeckt, selbst ein Ausleihstempel fehlt nicht; dazu kommen die Beilagen. Für die deutsche Übersetzung (die sehr gelungen ist – kein Regelfall in Zeiten, in denen Verlage an Löhnen für Übersetzer und Lektoren sparen) musste jede einzelne Seite neu komponiert werden. Das Abenteuer wartet … nur eine Schere oder ein Messer ist notwendig, um das Siegel zu aufzubrechen.

Dorst, Doug/Abrams, J.J.: S. Kiepenheuer & Witsch. 544 Seiten, 45€.

 

Adamsberg ermittelt wieder!

In Paris werden innerhalb weniger Tage die Leichen zweier Toter gefunden. Erst als Kommissar Adamsberg zu den Orten der Leichenfunde fährt, wird klar, dass es sich beide Male um Mord und nicht um Selbstmord handelt. Doch wie hängen die beiden Fälle zusammen? Adamsberg, Danglard, Retancourt und Veyrenc beißen sich wie alle anderen des 13. Kommissariats an diesem Fall die Zähne aus. Spuren führen auf eine kleine Insel bei Island und zu einer Gesellschaft zum Studium der Schriften Maximilian Robespierres mit sage und schreibe 700 Mitgliedern.

Fred Vargas: Das barherzige Fallbeil. Li-mes-Verlag, 512 Seiten, 19,99 Euro.

 

Die Entzifferung des Alltäglichen

Das Licht geht aus, letzte Schimmer von Smartphones erzeugen Helligkeitsflecken im abgedunkelten Kinosaal, während auf der Leinwand ein Werbespot nach dem anderen abgespult wird. Seitdem die jüngere Generation vom Fernseher auf Streaming und Computervideos um-gestiegen ist, ist die Werbung im Kino von der klassischen im TV kaum noch zu unterscheiden und ebenso schlecht; die Zeit im Dunkeln, bis die Trailer und der Hauptfilm beginnen, vergeht oft quälend langsam. Plötzlich dröhnt eine Stimme aus den Lautsprechern, die davon faselt, dass Salat, Grünzeug, nix „für echte Männer“ sei und seinen angemessenen Platz in einer Blumenvase fände: diese sollten, so die Werbebotschaft, etwas „Männliches“ essen, also einen Pizzaburger einwerfen. Zwei junge Männer, schlank, gut aussehend, beißen genussvoll in ein ekliges Brötchen und verbreiten die Botschaft, dass gesunde und ausgewogene Ernährung oder selbst zubereitete Nahrung was für Weicheier sei, und um das Image echter Kerle zu unterfüttern, darf, ganz unironisch, eine sexistische Szene nicht fehlen. Am Ende des Spots schwenkt die Kamera auf eine leicht bekleidete junge Frau, die ebenfalls in ein Brötchen beisst, und die Stimme aus dem Off erklärt sinngemäß, dass Jungs, die einen Pizzaburger verspeisen, sozusagen gratis ein Chick dazubekommen – ein Wortspiel für englisch-affine Jungmänner: chicken heißt Hühnchen, chick bezeichnet im Slang ein junges Mädchen. Die unterschwellige Botschaft ist klar: wer sich Pizzzaburger gönnt, wird nicht nur satt (und dick), sondern erhält umsonst ein Mädchen dazu (witzigerweise fehlt diese letzte Szene in den Videos, die im Netz kursieren und im TV ausgestrahlt wurden).

Eine zeitlang sah es so aus, als ob die Werbung zumindest ein wenig feministische Kritik an sexistischen Bildern und Verhaltensweisen ernst nähme, und in einigen Spots ist das auch zu beobachten. Doch manch ein Werbestratege meint, dass in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die offiziell Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung ablegt und Sexismus als uncool markiert, Heranwachsende, junge Männer, Jungmänner und ausgewachsene Männer als Zielpublikum für reaktionäre Frauenbilder weiterhin nicht nur geeignet sind, sondern dass es geradezu sein muss, die männliche Bevölkerung vom, wie suggeriert wird, feministischen Alltagszwang zu entlasten und ihr ein Ventil für vermeintliche Frustrationen zu verschaffen.

Kaum jemandem fiel auf, wie auf der Leinwand Geschlechterpolitik gemacht und versucht wurde, die feministische Uhr zurückzudrehen, statt dessen war Gelächter zu hören. Diese mangelnde Aufmerksamkeit durchzieht nicht nur Kinosäle, sondern die gesamte Gesellschaft mitsamt ihrer intellektuellen und kritischen Unterabteilungen. Eine „Ideologiekritik, die sich auf die Sprache der sogenannten Massenkultur richtet“, so Roland Barthes im neuesten Vorwort zu seinen „Mythen des Alltags“,  scheint aus der Mode gekommen zu sein, erst recht, wenn Sprachen, Bilder und Verhaltensweisen nicht nur demaskiert, sondern demontiert und demystifiziert werden sollen.

Eine aktuelle Kritik á la Barthes ergäbe wohl, dass sexistische Werbespots keinesfalls außerhalb der bürgerlichen Norm anzusiedeln sind, sondern mitten in ihrem Herzen, immer noch; Barthes selbst bemerkte in den Fünfzigern, dass Schriftstellerinnen öffentlich auf eine andere Art und Weise dargestellt werden als ihre männlichen Pendants – „Schreibt, wenn ihr wollt, wir werden sehr stolz darauf sein; aber vergeßt auch nicht, Kinder zu kriegen, denn das ist eure Bestimmung“, eine Doppelmoral, die jeden Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung begleitet, jede Anerkennung und Umsetzung feministischer Kritik an sexistischen und patriarchalen Strukturen und Verhaltensweisen.

Die „Mythen des Alltags“ nehmen Ausschnitte der real existierenden bürgerlichen Gesellschaft und ihrer medialen Darstellung auf und aufs Korn und zerschlagen sie in kleine Scherben, die analysiert, seziert und entmythologisiert werden, bis sich in ihnen etwas widerspiegelt, das über die Realität der bürgerlichen Gesellschaft hinauszuweisen scheint, auf jeden Fall jedoch ein neues Verständnis vieler Phänomene ermöglicht. Einige der Denkstücke beschreiben etwas (Zeitgeschichtliches), das heute kaum noch jemand kennt; andere erweisen sich als verblüffend aktuell (etwa jene über die Tour de France oder über Kochrezepte); der Schlussatz aus dem Stück „Die mit dem klaren Blick“ könnte als Motto über Diskussionen über spätmoderne Freiheiten, Freizügigkeiten und individualisierte Lebensformen stehen: „Man scheint die Moral ein wenig zu lockern, um desto entschiedener an den grundlegenden Dogmen der bürgerlichen Gesellschaft festzuhalten“; vieles verweist darauf, dass eine Fortschreibung der „Mythen“ dringend notwendig wäre; und manches ist, außer dass es unterhaltsam ist, durchaus als Vorbereitung einer Demythologisierung der Mythen des 21. Jahrhunderts zu lesen …

… denn wer einigermaßen interessiert das ‚politische’ Tagesgeschehen verfolgt, stößt auf einen modernen Mythos nach dem anderen. „Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau, er deformiert. Der Mythos lügt nicht und gesteht nichts, er verbiegt“ und „verwandelt Geschichte in Natur“, in Unausweichliches, so Barthes. Das trifft auf den Pizzaburger-Werbespot zu, und auch wenn es aus allen Medienlautsprechern und Mündern tönt, dass das Boot voll ist, gibt es weder ein Boot noch ist Deutschland ‚voll’, und die Geschichte (und die Ursachen) der weltweiten Migration werden stumm unter den Teppich gekehrt. Es scheint nur so, als wäre die Parole wahr, denn wer Flüchtlinge in Lager sperrt und Bilder von Menschenmassen über den Äther aussendet, produziert eine mythische ‚Vollheit’, deformiert und verbirgt die Realität, in der es genug Platz und Geld für noch viel mehr Flüchtlinge gäbe, wenn … Selbst die Parole Refugees Welcome bleibt dem Mythos verhaftet, wenn sie nicht in allen Facetten ausbuchstabiert wird. Ähnliches gilt für die Debatte um Sterbehilfe, in der so gut wie niemand sich die Mühe gibt, einen differenzierten Standpunkt zu formulieren statt mit Brocken versteinerter Mythen um sich zu werfen. Selbstmord als Sünde, die berechtigte Angst vor einer Rehabilitation der Euthanasie, die mangelnde Beschäftigung mit der „Rassenpolitik“ der Nazis, das Recht auf Selbstbestimmung auch im Hinübergleiten zum Tod, der hippokratische Eid, die immer technischer werdende Definition des Todes eines Menschen: all das wird in erstarrten Formeln diskutiert, die einer kritischen und dialektischen Aufweichung harren, wobei das Ergebnis offen bliebe. Roland Barthes könnte ein wenig dazu beitragen, und, wie gesagt, amüsant ist die Lektüre der neuen vollständigen Ausgabe der Alltagsmythen sowieso.

Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, 316 Seiten, 11,99€.

 

Zum Alltag und seinen Mythen gehört auch die Liebe – und das liebende Subjekt. Dessen Stimmungen, seine „Sprache“, analysiert und demystifiziert Barthes in einem kleinen Lexikon, dessen Beiträge von „Abhängigkeit“ bis „Zugrundegehen“ reichen.

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Vollständige Ausgabe mit dem ganzen Alphabet. Suhrkamp, 398 Seiten, 24,95€.

(Alte unvollständige Ausgabe: 279 Seiten, 10€).

 

Außerdem gibt es eine neue Biographie über Roland Barthes: Tiphaine Samoyault: Roland Barthes. Suhrkamp, 869 Seiten, 39,95 Euro.

 

Die Killerkatze

Kuschel ist eine Katze, eine Katze, die bei einer Familie wohnt, so wie es viele Katzen tun. In der Haustür, die in den Garten führt, gibt es eine Katzenklappe, und so kann die Katze, wenn es ihr in den Sinn kommt, im Garten toben oder sich im Haus irgendwo hinkuscheln. Doch Kuschel, die Katze, hat einen Nachteil: sie ist eine Katze und tut, was Katzen eben so tun – sie ist eine Mörderin, eine Killerkatze. Montags fängt sie einen Vogel, trägt ihn ins Haus und legt ihn auf den Teppich, wo der Vogelleichnam Flecken macht, und die Tochter der Familie bricht in Tränen aus und die Restfamilie hackt auf Kuschel rum, wie sie denn nur ein Vögelchen umbringen könne. Dienstags legt sie sich auf die Blumen im Garten und gräbt Beete um, mittwochs schleppt sie eine tote Maus ins Haus und muss versprechen, sich zu ändern. Doch donnerstags zieht Kuschel dann Hoppel durch die Katzenklappe, das weiße Kaninchen der Nachbarn, das natürlich nicht mehr lebte, als es durch die Katzenklappe gezwängt wurde – und nun ist die Kacke am Dampfen, und für Kuschel beginnt eine harte Zeit.

Anne Fine/Axel Scheffler: Tagebuch einer Killerkatze, 61 Seiten, 9,95€. Moritz-Verlag und Büchergilde Gutenberg – für alle, die schon gerne selber lesen, ganz gleich, wie viele Bücher sie in ihrem Leben schon gelesen haben.

 

Es ist zu schaffen

Richard, ehemaliger Professor, hat Schwierigkeiten, seinen Alltag befriedigend zu leben. Irgendwann sind alle Sachen ein- und umgeräumt, die Einkäufe getätigt, und auch seine Freunde sieht er nicht mehr so oft wie früher. Es gelingt ihm nicht, seine freie Zeit zu genießen. Im Gegensatz zu manch anderen männlichen Intellektuellen in Romanen anderer Autor*innen wirkt er aber nicht selbstmitleidig, sondern eher lebensfern, nicht empathiefähig und selbstbezogen, als ob er in einer Blase lebte.

Sein Leben verändert sich, als er im Fernsehen von einem Hungerstreik Illegaler auf dem Alexanderplatz hört und erfährt, dass der Streik beendet sei. Richard informiert sich zu dem Thema, interessiert sich, liest Zeitungen anders, hinterfragt und entwickelt, ganz der Wissenschaftler, einen Fragenkatalog für Interviews mit den Flüchtlingen. Er macht sich auf den Weg, in eine besetzte Schule in Kreuzberg, zu den Besetzern des Oranienplatzes, und schließlich trifft er in Notunterkünften einen Teil der Besetzer wieder. Diese reden mit ihm, erzählen ihre Geschichte oder Teile davon. Um es mit dem Titel des Buches zu sagen: Sie gehen aufeinander zu und gehen ein Stück zusammen. Jenny Erpenbeck recherchierte mehrere Jahre  zu dem Thema.

Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen. Roman, 352 Seiten, Knaus Verlag, 19,99 Euro.

 

30 Jahre alt –immer noch aktuell!

Detective Felicitas Dill wird vor ihrer Haustür durch eine Autobombe getötet. Kurz zuvor hat sie ein Haus gekauft. Wer hat Interesse am Tod eines Detective? Ihr Zwillingsbruder reist nach Jahren das erste Mal wieder in seine Heimatstadt. Seine Karriere in Washington verläuft gut. Benjamin Dill arbeitet als Berater für den jüngsten Senator. Sucht er den Mörder seiner Schwester? Welche Koalitionen geht er ein? Welche Rolle spielt sein alter Freund Jack Spivey, ehemals(?) CIA und in sogenannte illegale Waffengeschäfte nach dem Vietnamkrieg verstrickt?

Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, arbeitete als Reporter, Journalist, war als unter anderem als Wahlkampfberater in den USA und für Gewerkschaften in den USA und Nigeria tätig. Erst mit 40 Jahren begann er vor allem Politthriller zu schreiben, in denen er die Erfahrungen seines Berufslebens einfließen ließ und die Hintergründe des Politikbetriebes bloßstellte.

Ross Thomas: Dornbusch. Alexander Verlag Berlin, 385 Seiten, 14,90 Euro.

 

On the Run

On the Run – Auf der Flucht – wer muss bei diesem Buchtitel nicht an die sogenannte Flüchtlingskrise denken, die ohne Zweifel mehr eine Krise gesellschaftlicher Verteilungsstrukturen und Resultat politischer Machtverhältnisse ist? Aber ‚on the run‘ meint noch etwas anderes, eine soziale Struktur, die in dem Zusammenhang des Buchthemas auf die Flüchtigkeit, die andauernde Bewegung, die ständige Bedrohungssituation an einem Ort, hier in einem amerikanischen Viertel, einem Ghetto der schwarzen Bevölkerung, durch die Kriminalisierungspolitik der Polizei und Justiz verweist. Während einerseits Menschen aus den armen Regionen der Welt unter schlimmsten Bedingungen flüchten müssen oder weggehen wollen, gibt es andererseits Menschen, die ständig auf der Flucht sind, ohne ihr Viertel, das Gefängnis, die Familie und die Lebenszusammenhänge zu verlassen, weil sie durch verschiedene strafrechtliche Maßnahmen der Polizei und Justiz an den Ort gebunden werden.     Ihre halb- bis ganz kriminellen Handlungen in der Armut führen zur ständigen Bewegung in der Bewegungslosigkeit, sichtbar darin, dass sie sich verstecken, etwas verheimlichen, Lügen oder Halbwahrheiten erzählen, Freunde verraten, ihre Familien schützen und sie in Gefahr bringen.

Was als eine ethnologische Studie einer Sozialwissenschaftlerin gedacht war, entpuppt sich als Grenzgang einer studierten weißen Frau, die ständig auf das Hinterfragen ihrer Zuschreibungen und der Zuschreibungen, die die Gesellschaft Menschen sortieren und bewerten lässt, angewiesen ist, wenn sie ein Stück über die ihr zunächst fremde Welt erfahren möchte. Was sie schließlich sieht, bringt sie an die Grenze der Distanz, die den wissenschaftlichen Prozess der teilnehmenden Beobachtung eigentlich begleitet, und trotzdem nutzt sie auch die (übrigens in der amerikanischen Öffentlichkeit heftig kritisierte) Empathie, um die Distanzgrenze zu hinterfragen und als weiteren Teil der hierarchischen Gesellschaftsstruktur zu entlarven.

Die Studie – übrigens die wahrscheinlich erste soziologische, die in den USA (trotz der kritischen Presse) zum Bestseller wurde – zeigt die Perspektive der schwarzen amerikanischen Bevölkerung in ihren Vierteln, zeigt die Strategien derer, die keine Chance haben, in den Mittelstand aufzusteigen. Ihre Lage zeigt sich manchmal auch darin, wie unklar die Handlungsmotive (auch und besonders für die Sozialwissenschaftlerin) zu sein scheinen, wie wenig deshalb eine klare Deutung krimineller Handlungen und deren Begründung möglich ist. Besonders sichtbar wird diese unklare Motivlage, wenn es um die moralische Bewertung der eigenen Handlungen geht, man also begründen, mehr noch vor der Community rechtfertigen muss, warum man sich so verhielt und dabei etwa die Begleitung oder Andere dem Risiko der Verhaftung oder schlimmster Folgen aussetzte.

Als Goffman mit einer Freundin, die die Autorin in ihrem Alltag begleitet, und Mike und Chuck aus der schwarzen Community in eine Polizeikontrolle gerät, müssen die Beifahrer ihren Marihuana-Konsum verschleiern, denn schon der kleinste Verstoß gegen Bewährungsauflagen (und fast alle Männer der Community sind vorbestraft) lässt einen wieder einfahren. Dafür gibt es gewisse eingespielte Muster und routinisierte Schutzmaßnahmen, die einem das ständig der Polizei ausgelieferte Leben ein wenig erträglicher machen sollen. In diesem Fall aber nahm Mike sofort und ohne Umstände die Schuld auf sich, er habe allein geraucht und zudem die verbotenen Substanzen (er hatte auch noch Kokain dabei) bei sich. Die beiden weißen Frauen – eh eine schwer verarbeitende Irritation für die Polizisten – und der Freund Chuck, der ebenfalls Marihuana bei sich hatte, bleiben von der Verhaftung verschont. Goffman setzt dann alles in Bewegung, um Mike per Kaution aus dem Gefängnis zu holen, bevor dort entdeckt wird, dass er vorbestraft und die Kautionshinterlegung nicht mehr möglich ist. In einer Nacht- und Nebel-Aktion gelingt es ihr, Mike aus dem Gefängnis per Kaution rauszuholen, die Anerkennung bleibt jedoch aus, denn Mike ist sauer, weil sie nicht sieht, dass er für sie, wie er betont, sich sofort vor der Polizeistreife outete. Goffman: Wieso? Du hast mich doch erst in die Lage gebracht?! Mike: Ich hätte mich anders verhalten, normalerweise lässt man das kriminalisierte Zeug ins Auto fallen, der Fahrer bekommt in der Regel die Schuld. Chuck wird Goffman später sagen, dass er Mikes Erklärung nicht aufrichtig findet, denn es wäre nur – wie bei allen im Viertel – sein Interesse gewesen, die Weißen außen vor zu halten, da nicht sicher ist, was sie ausplaudern würden. Es war eine rein strategische Maßnahme, von gutem Ritterverhalten keine Spur. Noch eine Weile später, nachdem Goffman sozusagen öffentlich den Heldenmut und die Opferbereitschaft von Mike anerkannte, merkt sie, dass ihr, der Sozialwissenschaftlerin und damit der Expertin für kausale Deutungen, das Geschehen völlig unklar geblieben ist. Schließlich fällt ihr sogar eine weitere Erklärung für Mikes Verhalten ein, nämlich die, dass Mike seinen Kumpel Chuck schützen wollte, der ja ebenfalls in Gewahrsam hätte genommen werden können.

Der Autorin zeigt sich eine moralisch komplexe Situation. Offensichtlich ist es Mike (wie auch den anderen Protagonisten im Viertel) wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig, dass sie als moralisch integer, als gut eingeschätzt werden, und zwar besonders im Umgang mit den sensiblen Themen Schutz und Verrat. Zugleich wird das Handeln der Personen ‚on the run‘ von extrem strategischem Verhalten geleitet, man denkt häufig zuerst an sich, versucht irgendwie durchzukommen. Für die Beobachterin zeigt sich in der erlebten Bedrohung, dass im ständigen Gesetzeskonflikt „moralische Ambiguität“ herrscht, solche Situationen wie die Autokontrolle und Mikes Reaktion lassen sich vielfältig moralisch bewerten, das heißt die Moral wird nicht wirklich für andere nachvollziehbar, da die Motive unklar bleiben, ist doch Ungewissheit die einzige feste Größe im Alltag, und die führt eben auch dazu, dass man sich hinterher rechtfertigen kann, moralisch sogar muss, will man nicht völlig den Interpretationen der Anderen ausgeliefert sein. Der Interpretationsspielraum ermöglicht eine ständige Umwertung und Neubewertung der Lage, moralisches Handeln wird unter diesem Druck selbst strategisch und in dieser Unklarheit ein Ausdruck der alltäglich vor Bedrohungen überschäumenden Lebenswelt. Der moralische Druck lastet schwer auch auf denen, die als moralisch verwerfliche potentielle Kriminelle gehandelt werden, gerade weil sie nicht so sein wollen, wie man über sie sagt, und weil es zugleich so schwer ist im Alltag des Armenviertels, in der ständigen Furcht vor Kriminalisierung, anders zu sein.

Alice Goffman, On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika, Verlag Antje Kunstmann,320 Seiten.  22, 95 Euro.

 

Was hat Cary Grant mit der Resistanzia und mit Kommunisten zu tun?

Wir schreiben das Jahr 1954. In Bologna treffen sich in einer Bar junge Kommunisten, Ex-Partisanen, Tänzer; sie versuchen, sich einen Reim auf die Verhältnisse zu machen und zu überleben.

Der Wirt der Bar, dessen Vater sich im 2. Weltkrieg den jugoslawischen Partisanen angeschlossen hatte, lebt in den Bergen Dalmatiens, mittlerweile in Ungnade gefallen, weil er nicht mehr als linientreuer Kommunist gilt; er macht sich auf, seinen Vater zu suchen, während Cary Grant inkognito in Jugoslawien unterwegs ist, um im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit Tito über wer weiß was zu verhandeln. Auf Sizilien zieht Lucky Luciano seine Kreise, einer der berühmtesten Mafia-Bosse der USA, der nach dem Weltkrieg aus dem Gefängnis freigelassen wurde und nach Italien ausreiste; seine rechte Hand träumt davon, einen großen Coup zu landen, um einen geruhsamen Lebensabend zu genießen.

Im Lauf der Geschichte kreuzen sich die Geschichten, und unglaubliche und amüsante Sachen geschehen. Wu Ming, ein italienisches Autorenkollektiv (Nachfolger von Luther Blissett), hat einen spannenden Spionage- und Mafiathriller geschrieben, der zugleich ein historischer Roman – und des öfteren lustig ist.

Wu Ming: 54. Verlag Assoziation A, 528 Seiten, 24,80€.

 

Western

Während der Western, der Genrefilm überhaupt, bis der Italowestern sein Ende einläutete, aus dem Kino praktisch verschwunden ist (Ausnahmen bestätigen die Regel), erlebt er in Romanform eine Art Renaissance, auch wenn die Westernromane mit den Westernfilmen wenig gemeinsam haben (und die Romane zum Teil Wiederentdeckungen aus früheren Jahrzehnten sind). Die gedruckten Western verzichten (zumeist), im Gegensatz zu den gedrehten, auf Heroisierungen der Bewohner der frontier, auf die damals so beliebten Indianerüberfälle und auf das Klischee des edlen oder bösen Revolverhelden; sondern beschäftigen sich eher mit dem dreckigen Alltag, mit Charakteren, die nicht ohne weiteres in ein Schema gepresst werden können.

Um 1870 verläßt ein junger gebildeter Mann seine Heimat im Osten der USA und zieht nach Westen, in die ‚Wildnis’, um zu sich selbst zu finden. In Kansas trifft er einen Büffeljäger (keinen Cowboy), und beide zusammen gehen auf die Jagd. Bevor sie auf riesige Büffelherden treffen, die letzten der Prairie, gehen sie auf eine lange Reise, auf der sie die ‚Feindseligkeit’ der winterlichen Natur verspüren, bis sie an einem paradiesisch schönen Ort ankommen. Die Büffelherde wartet, und ein fürchterlicher Blutrausch beginnt. Der Western endet in einer Tragödie.

John Williams: Butcher’s Crossing. DTV, 364 Seiten, 21,90€

 


 

 

Die Auswirkungen von Schokolade

Georgien – die meisten wissen nicht einmal (genau), wo die ehemalige Sowjetrepublik überhaupt liegt. Bei Tiflis, der Hauptstadt, läutet vielleicht etwas, und die Kriege und Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien wurden in den letzten Monaten in den Nachrichten ab und zu nebenbei erwähnt, und dass Stalin in Georgien geboren wurde, ebenso wie Lawrenti Beria, der Vorsitzende des NKWD, des Stalinschen Säuberungsapparates, könnten manche schon einmal gehört haben. Aber sonst sind Georgien – und seine Geschichte – eher weiße Flecken, nicht nur in der Literatur, sondern überhaupt.

Eine Autorin, die in Georgien geboren ist, aber seit ein paar Jahren in Deutschland lebt, hat nun (nach zwei anderen Romanen) einen regelrechten Wälzer geschrieben, der die Schicksale einer georgischen Familie seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschreibt und sehr eindringlich erzählt; der Schwerpunkt liegt auf den Frauen der Familie. Der erste Weltkrieg, die Bolschweki, Beria, Georgien als Sowjetrepublik, der zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Flucht und Exil, die nachstalinistischen Veränderungen, der Prager Frühling, Popmusik im Westen, die Auflösung der UdSSR, georgische Nachfolgekämpfe, das Leben im Westen – und ein Schokoladerezept, das nicht verraten wird, tauchen in der Geschichte auf und sind in sie verwoben; fast überlesen mann und frau die welt- und regionalgeschichtlichen Bezüge, da die Geschichte (die die Autorin ihrer Nichte erzählt) so eindringlich und spannend erzählt wird, dass es schwierig wird, das Buch zur Seite zu legen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, über 1100 Seiten, 34€.

 

Auf der Suche

Katja Petrowskaja erzählt, soweit rekonstruierbar, die Geschichte ihrer Familie väter- und mütterlicherseits seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Ihre Kindheit verbrachte sie mit Eltern, Bruder und zwei Großmüttern in Kiew. Geboren 1970 in der Sowjetunion, spielte die Familie eine untergeordnete Rolle. Ein Gefühl des Verlusts, das nicht näher benannt wird, wird für sie Jahre später zum Anlass, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den Weg zu machen und ihren meist jüdischen Verwandten und deren Geschichte nachzuspüren.

Die Erzählungen von Mutter und Vater sowie die Familienlegenden bilden die Ausgangspunkte der Recherche. Google und Facebook helfen, aber nur begrenzt, also macht sie sich auf den Weg zu Orten, an denen Verwandte gelebt haben und umgebracht wurden, geht in Archive.

In der Familie der Mutter arbeiteten viele als Lehrerinnen für taubstumme Kinder und gründeten Waisenhäuser.

In der Familie des Vaters gibt es einen Revolutionär, der seinen Decknamen behielt und so für den heutigen Familiennamen der Autorin sorgte.

Einen Attentäter.

Mira, eine ihr bisher unbekannte Cousine, die überlebte und in die USA auswanderte.

Großvater Wassilij kehrt 41 Jahre nach Kriegsende zu seiner ersten Familie zurück. Ist er schuldig?

Und viele, viele mehr ….

Katja Petrowkaja lässt uns teilnehmen an ihrer Reise. nach Babij Jar. Tausende von Menschen sind hier ermordet worden.

Sie fährt nach Warschau. Hier wurde das erste Waisenhaus für taubstumme Kinder gegründet.

Mauthausen, Österreich.

Katja Petrowkaja hat aber kein Familienepos und keinen Roman über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie erzählt von sich und ihrer Suche nach der jüdischen Verwandtschaft. Berichtet von Unsicherheiten, vom Zu-Spät-Sein und einzelnen Möglichkeiten der Rekonstruktion. Diese Geschichten kombiniert sie gekonnt mit Erinnerungen und Familienlegenden über einzelne Personen. Natürlich bleiben Lücken, Fragen und Widersprüchlichkeiten, denen sie Platz gibt. So ist es ihr möglich, die Personen aus dem Schatten zu holen und sie der Erinnerung zurückzugeben.

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp Verlag 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro

Für Mitglieder der Büchergilde Gutenberg 17,95 Euro

 

Kann denn Kochen Sünde sein?

 

Kochbücher gibt’s wie Sand am Meer, und so wie die meisten Meeresufer kaum dazu einladen, sich hinzulegen, und die Sonne zu genießen (wenn sie denn scheint), so sind viele Kochbücher überflüssig, viel zu teuer, benutzen Zutaten, die in der alltäglichen Küche einmal pro Jahrzehnt benutzt werden und für ein durchschnittliches Portemonnaie unerschwinglich sind, recyclen die allgegenwärtigen Kochshow-Anleitungen oder stellen Rezepte zur Schau, die bereits in einer Armada anderer Kochbücher veröffentlicht worden sind. Das ist schade, denn gute Kochbücher gehören eigentlich in jede Küche, deren Bewohner_innen sich lieber nicht mit Fastfood, Mikrowellen, Süßigkeiten oder Dosenfraß durchs Leben schlagen wollen.

Doch manchmal gibt es, wie Bernstein am Strand, Juwelen im Meer der Küchenliteratur. Guillaume Long betreibt einen Blog auf der (französischen) Seite von Le Monde, auf der er kleine Comicstrips veröffentlicht – zum Thema Kochen, Genießen und kulinarische Expeditionen, wie etwa jenen Strip, in dem das „Büro zur Kontrolle der Carbonara“ – die Carbonara-‚Polizei’ – einschreitet, weil ein junger Mann das Rezept für Spaghetti Carbonara sehr frei interpretiert.

In mittlerweile zwei Bänden führt uns der Autor durch ein gezeichnetes, kulinarisches Universum aus Rezepten, Erlebnissen und Kücheninsiderwissen – wie wird ein richtiger Kaffee gekocht? – und das ganze wird zwar auch mit Pfeffer, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt (Achtung: wie obige Zutatenliste zeigt, sind die Comicstrips nicht vegetarisch).

Guillaume Long: Kann denn Kochen Sünde sein? Carlsen-Verlag, 143 Seiten, 24,90€;

Guillaume Long: Nicht ohne meine Schürze, Carlsen-Verlag, 126 Seiten, 24,90€

Manchmal jedoch gibt es im Sand des Kochbuchmeeres auch Perlen oder Bernsteinkügelchen; wir empfehlen ein kleines Kochbüchlein mit nur 60 Rezepten – aber jedes gibt’s in doppelter Ausführung, einmal vegetarisch, einmal mit Fleisch- oder Fischeinlage; die Rezepte laden, was bei Kochbücher nicht oft vorkommt, zum Experimentieren ein, verlangen also keine sklavische Befolgung, und ein paar schöne Fotos gibt’s auch.

Martin Kintrup: Kochen für Teilzeit-Vegetarier. Gräfe und Unze-Verlag, 144 Seiten, 16,99€.

 

 Eine Generation ohne Zukunft

 In den Dörfern um Biella, südöstlich des Lago Maggiore, einem kleinen italienischen Provinzstädtchen in den Ausläufern der Alpen, wachsen Marina und Andrea auf. Mailand ist etwas mehr als 100 Kilometer entfernt, die Gegend verödet allmählich, und die jungen Leute, die Heranwachsenden – wer kennt das nicht – zieht es in die Städte, dahin, wo es Jobs, Kneipen und eine Szene gibt.

Marina und Andrea verlieben sich ineinander, als sie jung sind, doch Andrea ist anders als die anderen: er will nicht weg, sondern auf der Alm seines Großvaters Kühe züchten und Käse herstellen, genau das, was sein Vater ihm durch eine gute Ausbildung ersparen wollte. Marina hingegen träumt davon, eine berühmte Sängerin zu werden (ihrer Familie zu entfliehen) und im Fernsehen aufzutreten. Andreas Träume stehen ihren Träumen, ihrer Karriere im Weg, als sie sich daran macht, in Casting-Shows aufzutreten. Sie verlässt ihn, wird berühmt; Andrea baut sich seine Käserei auf.

Vor dem Hintergrund zerfallender Dörfer, was einige nicht hinnehmen wollen, harter Winter und den Schattenseiten des Showbiz gehen sie ihre eigenen Wege – und können doch nicht voneinander lassen – und können doch nicht das Leben des anderen/der anderen leben: ein Teufelskreis. In manchmal sehr poetischen Sätzen beschreibt die Autorin die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen und unglücklicher Liebe, ohne in Pessismus zu verfallen. Im Nachwort erzählt sie sogar, dass es mittlerweise eine Bewegung zurück in die Dörfer gibt, weil es in den Städten auch keine Perspektive mehr gibt. Ihr Roman ist eine verkappte Liebeserklärung an die periphere Gegend, in der kaum noch jemand lebt.

 Silvia Avallone: Marina Bellezza. Klett-Verlag, 568 Seiten, 24,90€.

 

Panorama eines Jahrhunderts

 1910 wird in Prag Josef Kaplan geboren; er studiert, wie alle seine jüdischen Vorfahren, Medizin. In der Zwischenkriegszeit engagiert er sich in der sozialististischen Studentenbewegung, doch seine Begeisterung fürs Tanzen und die Politik passen nicht so recht zusammen; um diesem Dilemma zu entfliehen, wandert er 1935 nach Paris aus. Dort betreibt er medizinische Forschungen und feiert die Nächte durch; den Schritt in den spanischen Bürgerkrieg, um gegen die Faschisten zu kämpfen, wagt er nicht, obwohl einige Bekannte Paris verlassen. Statt dessen zieht es ihn nach Algier, an ein Krankenhaus; als die Nazis Frankreich besetzen, muss er als Jude Algier verlassen und versteckt sich im algerischen Hinterland.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis kehrt er mit seiner Geliebten in die Tschechoslowakei zurück, begeistert über die Politik der KP, doch als die KP-Führung die Zügel anzieht, macht sich überall im Land Desillusionierung breit, und als dann zwei Jahre später seine Frau mit ihrem Sohn nach Frankreich flüchtet, bleiben ihm nur noch seine Arbeit und seine Tochter, die sich 1968, als ein mysteriöser kranker Lateinamerikaner ins Sanatorium ihres Vaters eingeliefert wird, in diesen verliebt. Dann fällt die Mauer, und Reisen in den Westen sind für alle erlaubt …

Die Einschätzung des Rezensenten der „WELT“, dieser Roman sei nur einer“ debilen Kaffeeklatschrunde“ zu empfehlen und wäre so kitschig wie eine Buttercremetorte, teilen wir nicht. Der Autor erzählt eine wunderbare Geschichte, die ein wenig unwahrscheinlich klingen mag, aber dennoch ein Panorama des letzten Jahrhunderts entfaltet, ein Panorama aus Aufbrüchen, enttäuschten Hoffnungen, Desillusionierungen und Niederlagen – in dem trotz allem Resignation keinen Platz hat.

(Der deutsche Titel täuscht ein wenig; im Original heisst das Buch: Die gelebten Träume des Ernesto G.).

Guenassia, Jean-Michel: Eine Liebe in Prag. Insel-Verlag, 512 Seiten, 24,95 Euro.

 

Die Dialektik der Paranoia?

Maxine, eine dezertifizierte Ermittlerin und Privatdetektivin, die sich darauf spezialisiert hat, Buchführungsdaten, ellenlangen Tabellen mit finanziellen Transaktionen und Kontoauszügen tief verborgene Geheimnisse zu entlocken, etwa Steuerhinterziehungen, Schwarzgeldkanäle, verdeckte Diebstähle und dergleichen, wird eines Tages damit beauftragt, die undurchsichtigen Geschäfte einer Firma zu durchleuchten, die es im Überschalltempo vom Start-Up zur grauen Eminenz der Ostküsten-Internet- und Neue-Technologien-Szene gebracht und den großen Crash der Computer-Community in den Jahren vor 2001 sonderbarerweise nicht nur überlebt, sondern, wie es scheint, von ihm profitiert hat.

Das neue Jahrtausend ist noch jung, niemand ahnt etwas vom kommenden Anschlag auf die Zwillingstürme?, als Maxine, die einst einmal gegen die moralischen Grundsätze des Ermittlercodes verstieß und nun, ohne zertifizierte Urkunden, die ihren Status absichern, in der gigantischen Grauzone der Ökonomie New Yorks Aufträge annimmt, in ein Wespen-, nein, ein Hornissennest sticht und ein Knäuel aus regierungsoffiziellen, verdeckten, halblegalen, illegitimen und absolut illegalen Operationen, Zahlungen, Geldwäschen, Betrugsversuchen und sonstigen Verbrechen zu entwirren versucht, das viel zu viele lose Enden enthält, von denen einige auf wahabitische Terrororganisationen, Programme zum Betrug mit elektronischen Kassen und US-Interventionen in Latein- und Mittelamerika verweisen, andere auf geheime Regierungsprojekte aus der Zeit des Kalten Krieges, wieder andere aufs Deepweb, Räume des globalen Internet-Netzwerks, die noch nicht von der NSA und Werbebannern kolonisiert worden sind und – noch? -  anonym besurft werden können, Refugien für Entwickler mit Visionen, Westküstenprogrammierer mit langen Haaren und Geeks mit abgefahrenen Träumen, und ganz andere auf bevorstehende Anschläge?

Alle offenen Wollfädenenden, auch die ihres eigenen Lebens, die Maxine, wie sie glaubt, isolieren kann, ribbeln, in den Wochen vor und nach dem 11. September wie von Geisterhand auf und führen, statt aus dem Labyrinth, in neue hinein, wenn sie meint, etwas erfahren zu haben; die Stadt selbst, ein Moloch aus Stadtentwicklungsprojekten, Verschwörungstheroien, Gentrifizierung und bösartigen Hausbesitzern, der, wie das chaotische Internet, eine Einheit aus Unvereinbarem zu sein scheint und von Figuren bevölkert wird, für die eine persönliche Geschichte eher ein Fremdwort ist, spiegelt ihre Suche wider, die, wie bei einer Google-Recherche, von einem Link zum anderen führt, ohne bei einer Erkenntnis zu enden, und keiner weiß, wie sie zusammenhängen? Selbst die Menschen, wenn sie sich unterhalten, sprechen in Andeutungen, Halbsätzen und Fragezeichen, als ob sie wüssten, dass immer jemand zuhört oder ihr Bewusstsein so verwirrt ist wie die informelle Ökonomie, in die nicht nur Maxine ihre Nase steckt. Sie ist nicht allein, andere helfen ihr, aber … Ex-Ehemänner, getarnte Mossad-Agenten?, Netzjunkies, ‚Entwicklungshelfer’ und einer, der einen Riecher hat und Gerüche mit seiner Nase so gut entziffern kann, dass dagegen ein CSI-Labor von blutigen Amateuren bevölkert ist, und einen NASER konstruiert hat, das olfaktorische Gegenstück zu einem LASER? Doch Maxines Taschenlampe, mit der sie die städtischen und virtuellen Dschungellandschaften durchleuchtet, flackert beständig, als ob der Akku, niemand weiß warum, sich niemals richtig auflädt.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt, 605 Seiten, 29,95€.

 

Ein Leben als Tagelöhner

 1902 bringt ein Pferdewagen Andreas Egger, geboren in Wien, zu seinem Onkel den Großbauern Hubert Kranzstocker. Staunend betrachtet der Junge  das kleine Dorf im Tal und die riesig wirkenden Berge und lauscht der Stille. Viel Natur, wenig Geräusche . Hier wird er sein weiteres Leben verbringen und auch sterben. Widerwillig von den Verwandten aufgenommen, ernährt, um seine Arbeitskraft zu erhalten und geschlagen, um keinen Widerstand aufkommen zu lassen, schafft es doch niemand, ihm seine Selbstachtung zu nehmen.

Als Erwachsener verdingt sich Egger als Hilfskraft bei den Bauern, schafft es, sich ein Grundstück in den geliebten Bergen zu kaufen, lernt seine Liebe Marie kennen. Er arbeitet beim Bau der Seilbahn und ist ein ‚bisschen stolz‘ den Fortschritt ins Tal zu bringen. Zum Kriegsdienst wird er 1942 einberufen, verbringt acht Jahre in Russland und bei seiner Rückkehr ist alles anders. Er wohnt er anfangs in einem Bretterverschlag, ernährt sich als Tagelöhner, später zeigt er den Touristen die Berge.

Robert Seethaler beschreibt das Leben eines Tagelöhners im Österreich des letzten Jahrhunderts. Der Roman vermittelt aber auch, in welcher Form die Veränderungen in Politik und Wirtschaft selbst in dieses abgelegene, ehemals ruhige Tal vordringen und es zur Touristenhochburg werden lassen und benennt die Kosten.

Großartig und unbedingt lesen.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Berlin 2014, 155 Seiten, 17,90€.

 

 Wann beginnt der Verrat einer Idee?

 Val McDermid dürfte Krimileserinnen auch in Deutschland bestens bekannt sein.  1955 geboren, wuchs sie in einem schottischen Bergbaugebiet auf und arbeitete als Journalistin und Literaturdozentin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmen konnte. Deutschsprachig sind die meisten ihrer Titel im Knaur Verlag erschienen, nur die Reihe um die lesbische Glasgower Journalistin Lindsay Gordon kam im Argument Verlag heraus.

Neu erschienen ist nun im November ‚Eiszeit‘ – ein neuer Fall für Carol Jordan und den Profiler Tony Hill. Bestimmt lesenswert.

Trotzdem soll hier ein älterer Titel von Val McDermid empfohlen werden:  ‚Nacht unter Tag‘. Die Handlung beginnt im schottischen Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie von der Abteilung für ungelöste Verbrechen steht vor einem Rätsel. Die Tochter eines Bergarbeiters  meldet ihren Vater Mick Prentice nach 20 Jahren als vermisst. Ihr Sohn ist schwer krank, und nur die passende Knochenmarkspende eines Verwandten kann ihm helfen.

DI Pirie kommt nicht weiter. Niemand will über Mick Prentice sprechen. Hinzu kommt, dass DI Karen Pirie sich noch mit einem weiteren Fall befassen muss.

Mick Prentice verschwand am 14. Dezember 1984 aus dem kleinen Bergarbeiterort Newton of Wemyss. Es war die Zeit des großen Bergarbeiterstreiks, und in derselben Nacht setzten sich auch andere Männer, Streikbrecher, nach Nottingham ab und verließen ihre Familie, die es in der Folgezeit schwer haben sollten, denn im Ort galten die Gesetze der Gewerkschaft,  Solidarität bedeutete noch etwas.Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Familien im Ort wurden von der Zeche bestimmt. Der Einfluss  der Gewerkschaft war groß.

Val McDermid weiß, wovon sie schreibt, war sie doch selbst zehn Jahre in der Gewerkschaft aktiv.

Der Kriminalfall ist eingebettet in die Zeit ins Bergarbeitermilieu und beschreibt die Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen und deren Familien, ohne etwas zu beschönigen. Durch die aktuellen Ermittlungen von DI Pirie werden auch die aktuellen Gesellschaftsbedingungen thematisiert.

Spannend geschrieben, informativ und mit unerwarteten Wendungen. Kurz gesagt, empfehlenswert.

Val McDermid: Eiszeit, Droemer Knaur Verlag 2014, 512 Seiten, 9,99€.

Val McDermid: Nacht unter Tag, Droemer Knaur Verlag 2010, 539 Seiten, 9,99€.

 

Go easy on Schnaps

Im November 1944 druckte das britische Außenministerium einen Leitfaden, um die britischen Truppen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten, dieses Büchlein steckte quasi in den Hosentaschen der britischen Soldat_innen und sollte sie auf die merkwürdigen Deutschen, ein „Volk von problematischem Nationalcharakter“ vorbereiten.

Die politische Analyse („das deutsche Volk als Ganzes kann sich einem Großteil der Verantwortung nicht entziehen“) findet sich ebenso wie Informationen über typisches Essen und Trinken, Sport, Weihnachtsbäume und Alkohol. Ein skurriles, aber auch nachdenklich machendes Büchlein.

The Bodleian Library: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Zweisprachig, 160 S., 8€.

 

 Eigenheime und Staaten

 Dem Marxismus im weitesten Sinn wurde häufig vorgeworfen, und viele marxistische Theoretiker haben dies selbst als Mangel definiert, dass der Staat eine zu kleine Rolle in der Gesellschaftsanalyse spielt. Die Folgen waren auf der einen Seite viele kritische Versuche, die Funktion des Staates für das Kapital oder die Interessen hinter dem Staat offenzulegen. Auf der anderen Seite haben sich die Sozialwissenschaften der Lücke bemächtigt und sind dabei zur Verwaltungswissenschaft geworden, die dem Staat die Daten über die Bevölkerung liefert. Wer nun weder Datensammler und damit scharf auf statistische Informationen noch der Ansicht ist, der Staat ist gar kein eigenes Gebilde, sondern nur Ausdruck tieferliegender Interessen, wer also die Mechanismen (soziologisch ausgedrückt: die Struktur hinter den Funktionen) verstehen möchte, mit denen der Staat soziale Wirklichkeit herstellt, der wird in den Vorlesungen von Pierre Bourdieu, dem französischen Star-Soziologen, fündig. Der Leser sieht sich zudem einem originellen Stil gegenüber, der aus der Form der Vorlesung erwächst, wie sie Bourdieu bevorzugte: als kritische Selbstbefragung und Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen der eigenen Meinung.

Bourdieu verabschiedet sich nicht von der kritischen Sicht auf den Staat, und er behauptet  auch nicht im Gegenzug einfache Zusammenhänge, sondern er sieht im Staat ganz eigene Machtstrukturen am Werke, die einer komplexen Erklärung bedürfen. Für Bourdieu gibt es ebenfalls Kapital, aber nicht nur als ökonomisches, sondern in vielfältigen Formen etwa als kulturelles, soziales oder symbolisches. Für ihn gibt es ebenfalls Interessen und Konflikte, aber in einem Feld mit unterschiedlichsten Auseinandersetzungen, die durch soziologische und ethnografische Mittel der Befragung und Beobachtung verstanden werden können. Und für ihn gibt es Zuhörer, die ihn anschauen und sich fragen, wie er zu seiner exklusiven Sicht kommt.

Zentral ist bei Bourdieu die Annahme, dass im Staat neben dem Gewaltmonopol vor allem eine Form symbolischen Kapitals umkämpft ist. Dabei bleibt die staatliche Praxis keineswegs eine anonyme und nicht fassbare Struktur, sondern eine Denk- und Handlungsweise, mit der die Staatsdiener ganz konkret (und nicht immer einer Meinung) Benennungen und Bezeichnungen vornehmen und eine Perspektive einnehmen, die über anderen Perspektiven steht. Wenn etwa ein Nachbar sagt, Dein Sohn ist ein Idiot, und man sich diese Frechheit nicht zweimal sagen lassen möchte und dem Nachbarn heimlich nachts die Rosen abschneidet oder ihn anschreit, und wenn nun der Lehrer oder besser der Direktor sagt, Ihr Sohn ist ein Idiot, und man daraufhin überlegt, ob der Sprössling nun Nachhilfe bekommen sollte oder eine Therapie, wenn nicht gar Handy-Verbot, dann bekommt man nicht nur eine Ahnung davon, was symbolische Gewalt ist, wenn der gleiche Satz unterschiedliche Wirkungen hat, sondern auch von den illustren Beispielen aus der Vorlesung. Überhaupt muss die Schule für so manches verzweigte Beispiel herhalten – man wünscht dem Buch gerade hier Leser aus diesem Milieu. Aber auch der Eigenheim-Besitzer und mehr noch der Eigenheim-Verkäufer werden analysiert, nicht zuletzt – neben vielen hochinteressanten historischen Erläuterungen zur Entstehung von Ämtern – die Soziologie selbst, die vor Benennungen nur so strotzt. Vermutlich ist die selbstkritische Offenlegung seiner Herangehensweise die Methode, mit der Bourdieu den Zuhörern vermitteln will, dass jeder Begriff eine (schwierige) Geschichte hat und jede Art der Äußerung (auch und gerade die eines Professors) nicht im leeren Raum stattfindet, sondern von Interessen und Machtbestrebungen geprägt wird, wie bewusst einem das auch ist. Bourdieus Vorlesungen helfen einem das Durchschauen, etwa des Symbolischen: Das nämlich ist die unsichtbare Macht, die gerade wirkt, weil man sie vergisst, ein Glaube, der einen begleitet und der – das macht es kompliziert – auch Tatsachen schafft. Das Symbolische am Staatshandeln ist der Standpunkt, der meint, er stehe über allen Standpunkten, und der nur dadurch am Leben gehalten wird, dass man an ihn glaubt.

Pierre Bourdieu, Über den Staat, Vorlesungen am Collège de France 1989-1992. Suhrkamp Verlag. 722 S., 49,95€.

 

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte         

Um es gleich vorweg zu sagen: Als ich hörte, dass David Foster Wallace sich selbst tötete, war mir seltsam zumute. Der angesagteste unter den angesagten amerikanischen Schriftstellern schied aus dem Leben, und ich biss mich durch seine Romane, Erzählungen und Sachbücher, eines schlauer (und komplexer) als das andere – was die Sachbücher und Essays an Erleuchtungen mit sich bringen, etwa zum kommerziellen Sport, zur Porno-Branche, zum Fernseh-Verhalten, zum Hummer-Essen und zu Kreuzfahrten, holen die Romane und Erzählungen wieder ein, indem sie Verwirrungen dadurch erzeugen, dass der Avantgardist Wallace seine Figuren künstlich verfremdet, sie werden in Bücher mit wirren Erzählsträngen, wechselnden Erzählmethoden und -sprachen gepackt, Fußnoten rahmen die Fiktion ein, während wissenschaftliche Essays mit persönlichen Beispielen gefüllt werden, und alles wird zusammengehalten durch die Energie eines Autors, der mit der Sprache in nicht enden wollenden Sätzen mit immer neuen Einschüben geradezu rang, weil er Sprache einfach rätselhaft fand, was seiner an Wittgenstein geschulten Reflexionsfähigkeit geschuldet war.

Dass Wallace nun gestorben war, machte ihn zur Ikone und stellt ihn frei für Biografien und Beschreibungen, die sein Leben erzählen, als wäre da nichts von diesen Verknüpfungen, denn Biografien normalisieren und entmystifizieren, sie sind deshalb in ihrer Einfachheit noch schwerer zu lesen als verwickelte Romane mit Fußnoten. Umso erstaunlicher, dass Max mit seinem Buch eine Biografie gelungen ist (nicht nur der Fußnoten wegen), die der Komplexität von Wallace gerecht wird und dem Interessierten die Chance gibt, hinter die vielfältigen Gedankenverschränkungen, den Denkstil eines Autors zu kommen, der alte Wörter, die niemand mehr benutzte, in seine Geschichten einbaute, und neue erfand.

Max spannt den Bogen von Wallaces Familien-, über sein Sport- und Universitäts- zu seinem Schriftstellerleben, immer wieder unterbrochen durch seine komplizierten Beziehungen zu Frauen und auch nahen Freunden, und geradezu angegriffen durch seine Depressionen, die einer therapeutischen und klinischen Behandlung bedurften. Sprache wird von Max als Wallace Leben beschrieben, das Leben als etwas, was nur in der verfremdeten Form literarischer Bearbeitung zu ertragen war.

Es lohnt sich, die Hemmschwelle zu überwinden, die vor der Lektüre von David Foster Wallace Büchern liegt, die Biografie ist eine Einstiegsmöglichkeit.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, David Foster Wallace – Ein Leben, Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten, 24,99€.

 


 Ein unkonventionelles Leben

Als expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant war Franz Jung schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war oft im Gefängnis, vielfach auf der Flucht, schrieb ca. 30 Romane, mehr als zehn Theaterstücke sowie Essays, Radiofeatures, ökonomische und politische Analysen.

1920 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und war Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD). Von einem zweiten Genossen wurde er nach Moskau geschickt, um dort die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen. Aus Geldmangel kaperten sie einfach einen Fischdampfer, fuhren nach Murmansk und reisten nach Moskau weiter, wo die Gespräche mit Radek, Lenin und Bucharin aber scheiterten (die wohl die KPD nicht brüskieren wollten). Nach seiner Rückkehr wurde Franz Jung wegen Schiffsraubs auf hoher See verhaftet. Anfang 1921 wurde er gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen und tauchte sofort unter.

Er war der Inbegriff des Abenteuertums, des Aufbruchs und Ausbruchs. »Ein Charakter, wie man sie heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft«, beschreibt ihn Günter Kunert. Jung war immer kompromisslos und ist dadurch in diesem Jahrhundert des Verrats zu einer paradigmatischen Figur geworden. Zur Zertrümmerung der großen Illusionen und Ideologien hat er einen bedeutenden Teil beigetragen.

Franz Jung: Der Weg nach Unten. Edition Nautilus, 440 Seiten, 18 Euro.

 

Mittelmeergeschichte

Lange Zeit, seit der Veröffentlichung von Fernand Braudels überragendem, dreibändigem Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. hat sich kein Historiker an eine neue Mittelmeergeschichte gewagt. David Abulafia hat nun das Wagnis unternommen, das Mittelmeer und seine lange und wechselvolle Geschichte einem breiteren LeserInnenkreis näher zu bringen.

Sein Buch beginnt in grauer Vorzeit und endet jetzt, im 21. Jahrhundert, und kaum ein Epoche, kaum eine Küste werden stiefmütterlich behandelt. Mit ein paar Wissensresten über die alten Griechen und die Römer und Troja, die vermeintlichen ‚Väter‘ der westlich-demokratischen Welt, können die meisten noch aufwarten; dass Mallorca heutzutage eher eine deutsche Touristenkolonie denn eine spanische Insel ist, gilt als netter Scherz nebenbei. Dass Mallorca (und Menorca) jedoch eine sehr wechselvolle Geschichte haben, wie Sizilien, Sardinien und viele andere mediterrane Küsten und Inseln, dass jene imaginäre Meeresgrenze, die heutzutage Flüchtlinge in schrottreifen Booten zu überqueren versuchen, um nach Lampedusa und Europa zu gelangen, keinesfalls schon immer da war, gehört schon nicht mehr zum durchschnittlichen Wissensschatz.

Ein deutscher Historiker sprach nach dem Krieg mit der Nonchalance eines geläuterten Nazis, der wusste, dass antisemitische Stereotypen bei seinen Lesern auf fruchtbaren Boden fielen, von den „semitischen Handelseigenschaften“ der Phönizier, und noch 1959 durfte frei von der Leber von den typisch „orientalischen“ Eigenschaften karthagischer und phönizischer Kaufleute geschrieben werden. Mit derartigem Unsinn macht Abulafia Schluss; er spricht zwar über Rom, Athen und Alexander den Großen, aber eben auch, und ausführlich, über Tyros und Karthago. Viele LeserInnen werden zum ersten Mal etwas von Emirat in Bari, den Korsarenhochburgen Algier und Tunis, den Sklavenmärkten in Livorno und Barcelona, einer muslimischen ‚Kolonie‘ in der Nähe des heutigen St. Tropez, einem fränkischen Königreich Athen, einem muslimischen Kreta, den Johannitern auf Malta und von vielem anderen hören; ‚nationale Geschichten‘ verwandeln sich in ein Puzzle, ein Netzwerk, in dem heutige Grenzen als das erscheinen, was sie sind: zufällige Launen der Geschichte.

David Abulafia: Das Mittelmeer: Eine Biographie. Fischer-Verlag, 960 Seiten, 34 Euro.

 

Krimis und Gesellschaftstheorie

Kann Gesellschaftstheorie so spannend sein wie ein Kriminal- oder Spionageroman? Bevor die leidenschaftlichen Krimi-Leser ein selbstverständliches Nein herausrufen, lasst euch sagen: Ja, sie kann! Und zwar besonders dann, wenn es einem Autoren wie Luc Boltanski in seinem Essay gelingt, die Geschichte des Kriminal- und Spionageromans mit der Entstehung der modernen Gesellschaftstheorie auf detaillierte Weise zu verknüpfen.

Wie das? Boltanski zeigt auf sehr fundierte, aber auch auf unterhaltsame Weise, wie Anfang des 20. Jahrhunderts (besonders in seiner weltberühmten Form von Sherlock Holmes- und Maigret-Geschichten) der Kriminalroman, der später mit dem Spionageroman zusammen eine den Zeitgeist aufsaugende neue literarische Gattung bildet, zeitgleich zu weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht: zur Wissenschaft der Gesellschaft und der Paranoia, zu Weltverschwörungstheorien (wie den Protokollen der Weisen von Zion) und zu allerhand politischen Komplotten (wie der Dreyfus-Affäre). Dass es dabei zu vielen (manchmal erstaunlichen) Vermischungen, Anleihen und Überschneidungen kommt, liegt – so Boltanski – an der strukturellen Ähnlichkeit der Fragen, die man stellt, und den Vorgehensweisen, um auf die Fragen Antworten zu liefern. Gebündelt in einer Frage heißt es: Steckt hinter der offensichtlichen Realität noch eine andere tiefere verborgene Realität, die durch Untersuchungen und mit Methode entdeckt und enthüllt werden muss? In der politischen wie sozialen Ordnung entstehen offenbar Risse, die gekittet werden müssen. Was die Antworten betrifft, so sollte man wie bei einer guten Krimi-Rezension nicht alles offenlegen, was der Text zu bieten hat und was ihn zu lesen so spannend macht. Auf jeden Fall hat man selten eine so scharfsinnige Erläuterung gelesen, was das schwierige Verhältnis von Realität und Fiktion betrifft. Was ist denn nun real? Und wer darf bestimmen, was wirklich ist – der Wissenschaftler, der Staat oder vielleicht der Literat oder gar der Psychopath? Die Antworten führen uns zu unseren eigenen Vorstellungen von Macht und zur Bereitschaft, sie zu hinterfragen.

Für jeden Krimi- und Spionage-Fan ist das preisgekrönte Sachbuch ein Muss, und wer nicht auf soziologische Theorie steht, dem sei das Buch als präzises Nachschlagewerk für Kriminal- und Spionageliteratur des 20. Jahrhunderts empfohlen.

Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Suhrkamp: Verlag 39 Euro, 515 Seiten..

Blut, Putzwedel und absonderliche Begegnungen

Der Tatortreiniger hat einen etwas absonderlichen Beruf: er reinigt Tatorte, blutige Tatorte, an denen noch der Leichengeruch in der Luft hängt. Die preisgekrönte (Comedy-Preis, zwei Grimmepreise, Nominierung für den deutschen Fernsehpreis) NDR-Serie mit Schotty (Bjarne Madel), der in bislang sieben Folgen Tatorte reinigt und an jedem einzelnen Tatort in skurrile Situationen gerät, ist ein Geheimtipp; sie lief bislang im dritten Programm oder spät in der Nacht. Wenn er „seelenruhig die Reste menschlichen Lebens beseitigt und dabei auf die kuriosesten Gestalten trifft, liegen Psychodrama und Komödie nah beieinander. Endlich mal eine richtig gute Serie“, so die süddeutsche Zeitung.

Insbesondere eine Episode („Schottys Kampf“) auf der zweiten DVD ist kaum zu toppen: der Tatort ist ein Nazi-Hinterzimmer voller Nazi-Devotionalien, und Schotty muss sich mit einem Nazi herumschlagen, der versucht, ihn zu indoktrinieren. Der Tatortreiniger wehrt sich auf seine ganz eigene Art …

Der Tatortreiniger, mit Bjarne Madel. Studio Hamburg Enterprises oder Büchergilde Gutenberg. Staffel 1: 12,95 Euro; Staffel 2: 12,95 Euro (mit je vier Episoden und Bonus-Material).

Esther Bejarano: Erinnerungen

Am 15. Dezember 2013 wird/wurde Esther Bejarano 89 Jahre alt.

Als 18jährige wurde sie nach Auschwitz deportiert: „Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager ‚Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami’ zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen“.

In ihren Erinnerungen, die hier erstmals vollständig in deutscher Fassung vorliegen, erzählt sie in ihrer einfachen Sprache, die das Ungeheuerliche umso eindringlicher hervorruft, von der Shoah, von großem Leid und Verlust. Doch enden die Aufzeichnungen hier nicht: Sichtbar wird auch Esther Bejaranos Kraft, die es ihr ermöglichte, nach diesen Erfahrungen weiterzuleben. Seit mehr als dreißig Jahren ist sie eine Kämpferin gegen das Vergessen, die ihre Geschichte an Schulen erzählt und mit den Mitteln der Musik leidenschaftlich gegen jede Art von Intoleranz angeht.

Die beigefügte DVD zeigt ein Interview mit Esther Bejarano und Ausschnitte eines gemeinsamen Konzerts mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia.

Esther Bejarano: Erinnerungen. Laika-Verlag, 21.- €.

Wird Zeit, dass wir leben

Christian Geissler erzählt vom Widerstand der Kommunisten gegen die Nazis in Hamburg. Als ob er mitten im Geschehen steckt, begleitet er seine Figuren durch die Kämpfe vor und nach 1933. Er erzählt von Gewalt von oben und Gegenwehr von unten, vom Spannungsverhältnis zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Disziplin und Eigensinn - und zieht den Leser in die immer noch aktuellen Debatten mit hinein. Schlosser ist Funktionär der KPD. Bis zu seiner Verhaftung bremst er den Eifer der Genossen im Kampf gegen die Nazis, verweigert die Waffen und pocht auf Disziplin. Die Genossen von der Basis aber wollen kämpfen. Kämpfen bedeutet für sie Lust und Leben. Vor allem für Karo, aber auch für Leo, der noch 1930 zur Polizei geht, aber später begreift, dass er auf der falschen Seite steht.

Geisslers Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Das Vorbild für Leo war der Hamburger Polizist Bruno Meyer, der Anfang 1935 die Widerstandskämpfer Fiete Schulze und Etkar André aus dem Gefängnis befreien wollte. Detlef Grumbach recherchierte umfassend und erzählt in seinem Nachwort erstmals vom Schicksal Bruno Meyers, der 1935 zwei Kommunisten aus dem Knast befreien wollte.

Christian Geissler: Wird Zeit, dass wir leben. Verbrecher-Verlag, 358 Seiten, 22 Euro (Neuausgabe des 1976 erschienen Romans.

Eine Leiche und Verwicklungen über Verwicklungen

Der junge Schriftsteller Marcus Goldman, gefeiert und berühmt nach einem sensationellen Debüterfolg, erleidet bei seinem neuen Buch eine ihm bis dato völlig unbekannte Schreibblockade. Er flüchtet nach Aurora, New Hampshire zu seinem angebeteten Idol und alten Mentor Harry Quebert, in der Hoffnung auf Ruhe und Inspiration. Beider Leben wird jedoch völlig auf den Kopf gestellt, als in Harrys Garten die Leiche einer seit über 30 Jahren vermissten jungen Frau gefunden wird, zusammen mit einem Manuskript des Romans Der Ursprung des Übels, der den Ruhm von Quebert begründete. Der alternde Schriftsteller kommt in Untersuchungshaft, wird aber mangels Beweisen bald wieder freigelassen.

Der junge Schriftsteller sieht den dringend benötigten Stoff für seinen neuen Roman, zumal er nicht glauben will, dass sein Idol Harry Quebert ein Mörder ist.

Marcus Goldman beginnt zu recherchieren und bringt mit seinen zutage geförderten "Wahrheiten" ganz Aurora in Aufregung, denn eine Verdächtigung jagt die andere und die Ereignisse überschlagen sich. Auch das Denkmal, das er sich von Harry Quebert gemeißelt hat, wird bröcklig.

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Piper Verlag, 736 Seiten, gebunden, 22,99 €.

Trotzki, der Eispickel und die Nachgeschichte

1940 wurde Leo Trotzki in Mexiko auf Geheiß Stalins mit einem Eispickel getötet, sein Mörder war ein gewisser Ramón Mercader. Leonardo Padura, der durch kubanische Krimis berühmt geworden ist, erzählt in seinem Roman, wie es dazu kam.

Eigentlich erzählt er drei Geschichten. Die erste beschreibt, wie Trotzki aus der Sowjetunion floh und was er bis zu seinem Tod erlebte und tat; die zweite erzählt das Leben seines Mörders (wie dieser dazu kam, Trotzki zu erschlagen, und was ihm nach dem Attentat wiederfuhr); und drittens erzählt der Autor von einem kubanischen Schriftsteller, der sich Ende der 70er Jahre durch den realsozialistischen Alltag schlägt und eines Tages einen einsamen Mann mit Hund am Strand trifft, der ihm wiederum nach einigem Zögern seine Lebensgeschichte erzählt.

Die spanische Revolution, Mexiko, die stalinistische Sowjetunion, Kuba: überall prallen Träume auf die Wirklichkeit und zerplatzen. Fast unmerklich verkehrt sich der Traum von Befreiung in sein Gegenteil; an welcher Stelle sich Disziplin und Hingabe an die eigenen Ideale in totalitäre Instrumente verwandeln, lässt sich kaum feststellen. Aber wenigstens der Traum soll bewahrt werden, und die Geschichte soll erzählt werden, damit sich die gleichen Fehler nicht wiederholen.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Union-Verlag, 730 Seiten, 14,95 Euro.

 

Wenn Wasserleichen Schluckauf kriegen

„Hamburg, 13. August. Freitag. Freitag, der dreizehnte. Ein Tag ‚so heiß, daß Wasserleichen Schluckauf kriegten‘. 11:22 Uhr. Kaum hat der Alsterdampfer Saselbek abgelegt, als er auch schon gekapert wird. Von einem zweieinhalb Zentner schweren Hünen, splitternackt und ganzkörpertätowiert, ohne Ohren und Zähne, doch mit implantierten Hörnern aus Teflon – und einem japanischen Dolch in der Faust. Ein groteskes, blutiges Geiseldrama beginnt.

Onno Viets ist Mitte 50 und Hartz-IV-Empfänger. Noch nie konnte er irgend etwas richtig gut – außer Brotloses wie zum Beispiel Sitzen, Tischtennis und das Verstrahlen einer Art Charisma für Arme. Er hat eine Phobie gegen Hühnerköpfe, dringende Schulden beim Fiskus und möchte seiner geliebten Gemahlin Edda so gern ein Fahrrad zum 50sten Geburtstag schenken. Sein Girokonto aber glüht vor roten Zahlen. Da hat er eine Eingebung aus dem Fernsehen: Onno wird – Privatdetektiv.

Seine geplagten Sportsfreunde vom Pingpong ahnen Ungutes. Aus langjähriger Erfahrung. Einer aber, Rechtsanwalt (und übrigens der Erzähler der ganzen Geschichte), verhilft ihm dennoch zum ersten Fall: Der Popmagnat und Juror einer Porno-Castingshow, Nick Dolan, argwöhnt Untreue seiner aktuellen Flamme, der Burlesque-Tänzerin Fiona Popo. Onno soll ein Beweisfoto von ihr und dem Liebhaber liefern. Schon bald bekommt Onno Dolans Nebenbuhler zu Gesicht. Bei dem Kerl mit dem Spitznamen „Händchen“ handelt es sich um die gefürchtete rechte Hand eines Hamburger Kiezoligarchen ... Bis nach Mallorca verfolgt unser frisch gebackener Ermittler das Fräulein Popo. Wo das Fiasko unwiderruflich beginnt.“

So preist der Autor selbst seinen Roman an, und dass er nicht ganz Unrecht an, bestätigt ihm der NDR in einer Rezension: „Dieser Roman ist eben nicht nur einer zum Lachen aus volle Kehle; er ist auch eine wahrhaftige Studie über Freundschaft und Gewalt, über das Scheitern und den Versuch, mit Würde zu scheitern.“

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Rowohlt, 368 Seiten, 9,99 Euro.

Wissenschaft, Kabarett und Aufklärung

Beten, so HobbytheologInnen, sollte eigentlich beim Gesundwerden helfen. In den USA wurde das tatsächlich empirisch überprüft: 1800 operierte Bypass-Patienten wurden in drei Gruppen aufgeteilt – für die erste Gruppe wurde nicht gebetet, für die zweite Gruppe wurde gebetet, ohne dass die Patienten davon wussten, und für die dritte Gruppe wurde gebetet, aber die Patienten wussten, dass für sie gebetet wurde. Und das Ergebnis: den Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, ging es – schlechter, ja, schlechter.

Die Science Busters – der Martin Puntigam, Heinz Oberhummer (auch Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien und Obmann der Initiative Religion ist Privatsache) und Werner Gruber aus Österreich, eine sehr dicker Physiker, ein dicker Kabarettist und ein alter Theoretiker, die „schärfste Boygroup der Milchstraße“ – liefern uns spannenden Antworten auf viele Fragen, auf die viele scheinbar einfache, aber oft falsche Antworten haben. Physik gilt, zu Unrecht, als ein hochkomplexes und kaum zu verstehendes Sachgebiet, und Physiker, tja, da ...

Die Science Busters hingegen „stellen nicht nur weltbewegende Fragen, sie können sie auch fachkundig beantworten“ (aus dem Klappentext). Ein schwarzes Loch entsteht im Wohnzimmer, ein Rezept für ein waschechtes Blutwunder wird angegeben, wir lernen, auf dem Wasser zu gehen, und eine Anleitung zum homöopathischen Komasaufen wird uns nahegebracht, die den Geldbeutel schont – und immer wieder müssen mann und frau herzlich lachen.

Abdula!!!

Martin Puntigam/Heinz Oberhummer/Werner Gruber: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Goldmann-Verlag, 235 Seiten, 9,99 Euro.


Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben. 2014 besteht die Büchergilde 90 Jahre. Wir gratulieren!

Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen

und erfreulicherweise auch aus Büchern, Computerspielen und Hörkassetten. 50 solcher Helden und Heldinnen sind in diesem von Andrea Baron und Kai Splittgerber herausgegebenen Buch versammelt. Hier tummeln sich Asterix, Pittiplatsch (der liebe), Jim Knopf, Winnetou, Raumschiff Enterprise, Pacman, Calvin und Hobbes ‚ Luzi, der Schrecken der Straße, das A-Team, Superman und viele mehr in trauter Eintracht. Jedem/r ist ein mehrfarbig bebilderter Text gewidmet, in dem der Autor/ die Autorin sich an seine/ihre Kindheit in Begleitung von zum Beispiel Karate Kid erinnert. Almut Klotz beschreibt, wie die Witwe Schlotterbeck (aus Preußler: Räuber Hotzenplotz) ihr Leben prägte, und auch Darth Vader wird immer noch bewundert.

Das Buch, verlegt von der Büchergilde Gutenberg, ist (wie nicht anders zu erwarten) hochwertig ausgestattet, jedem Text eine eigene Art der Illustration zugeordnet. 50 Autoren/Autorinnen und Illustratoren/Illustratorinnen haben hier aktuell eine Heldentat vollbracht. Eine amüsante und spannende Geschichtensammlung, die ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte zeigt, aber  auch die Möglichkeit bietet, in anderer Leute Kindheitserinnerungen (Eltern!) zu stöbern und  „ja, aber …“ oder „ach, ja …“  zu denken.

 Keine Angst:  Auch Menschen mit Fernsehverbot in der Kindheit kommen auf ihre Kosten, denn es ist nicht nötig, die handelnden Personen zu kennen.

Andrea Baron und Kai Splittgerber: Helden der Kindheit, Büchergilde Gutenberg, 19,95 € für Mitglieder, 22,95 € für Nicht-Mitglieder

 (Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Buchtipp


Konsum !?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Nichts ist umsonst, jeder und jede geben Geld aus, ob als Erstklässler, Teenager, Erwachsener oder im Rentenalter. Der Kauf einiger Waren – ein Fernseher, ein Smartphone oder Kirschmarmelade – kann inzwischen angesichts beeindruckender oder furchterregender Wahlmöglichkeiten in echte Arbeit umschlagen: aus der Vielfalt des Angebots muss das „Richtige“ zu einem „korrekten“ Preis ausgewählt werden, so dass vor dem Kauf ansteht, sich eingehend zu informieren und zu vergleichen; zugleich ist Konsumieren ein Freizeitvergnügen (geworden), sei es als „Shoppen“, sei als Urlaub oder mit dem Sky-Abo.

Vieles, was sich heute beobachten lässt, scheint ein Auswuchs des postfordistischen, globalen Kapitalismus zu sein, Entwicklungen, die sich in der Geschichte des Kapitalismus langsam und allmählich verstärkt haben und, so mögen manche behaupten, vor nicht allzu langer Zeit in eine neue Qualität umgeschlagen sind – etwa die Privatverschuldung (Kauf auf Pump, mit oder ohne Kreditkarte), der Hype um jährlich neue elektronische Geräte, Konsumtempel, ausufernde Modetrends, Brot und Spiele und vieles mehr.

Eine neue, bahnbrechende Geschichte des Konsums bestätigt einige der scheinbar selbstverständlichen Ansichten über den Konsum, verweist viele andere aber ins Reich der Legenden (und fake news). Das Buch ist zweigeteilt: zuerst wird die Geschichte des Konsums sozusagen chronologisch abgehandelt, beginnend in der italienischen Renaissance und endend – mit Zwischenstationen in China, Indien, den USA und in jedem Jahrhundert, später fast in jedem Jahrzehnt – in der heutigen Zeit. Nicht nur Europa wird also behandelt, sondern die ganze Welt, auch wenn Europa und die USA aufgrund des Quellenmaterials im Vordergrund stehen. Der zweite Teil ist dann thematisch strukturiert: Konsum und Schulden, privater und staatlicher oder gesellschaftlicher Konsum, was Konsum mit Kindern und dem Rentenalter zu tun, Abfall und Recycling und weiteres. Zugleich werden in den laufenden Text immer wieder Exkurse über je zeitgenössische ökonomische Theorien eingestreut, die sich mit Konsum, Sparen und „Überfluss“ beschäftigen – und sich witzigerweise unweigerlich später als falsch herausstellen.

Unmöglich kann alles erwähnt werden, was in dieser Fundgrube an Informationen zur Sprache kommt. Besonders beeindruckend war etwa – natürlich eine subjektive Auswahl – der Hinweis darauf, dass Wasser, Strom, Energie und Abwasser (Müll) konsumiert werden und dass die Verbreitung von fließendem Wasser in Haushalten, von Steckdosen, Heizungen und Toiletten immense Auswirkungen auf das gesamte Konsumverhalten der Menschen hatten, die mann und frau sich heute kaum noch vorstellen können; jede Neuerung erzeugte neue Neuerungen und einen ganzen Schwarm neuer Waren, die das Freizeitverhalten und den Konsum durcheinander wirbelten. Die Elektrifizierung der Küche, die auf billigem Strom beruhte, sollte, so ein Beispiel, durch die Benutzung neuer elektrischer Geräte (Staubsauger, Waschmaschine) die Arbeit der „Hausfrau“ rationalisieren und Arbeitszeit einsparen, doch tatsächlich geschah das Gegenteil: mit der Waschmaschine wurde zwar schneller gewaschen, aber die Arbeitszeitersparnis wurde mehr als wettgemacht durch eine erhöhte Waschfrequenz – häufigeres oder tägliches Wechseln der Wäsche führte, dass die Wascharbeit mehr Arbeitszeit einnahm als vorher. Ähnliches passierte mit dem Staubsauger: die Arbeitszeit für die Sauberhaltung der Wohnung sank nicht, weil die Sauberkeitsstandards rapide anstiegen.

Ebenso erhellend sind die Bemerkungen zum schuldenfinanzierten Konsum. Die Schwindel erregenden Zahlen über die heutige Privatverschuldung, die oft mit einem mahnenden Zeigefinger erwähnt wird, verblassen auf gewisse Weise vor früheren privaten Schuldenbergen (jedenfalls in Relation zum jeweiligen Lebens- und Vermögensstandard).

Der einzige Nachteil des Buches besteht darin, dass es sehr umfangreich ist – und daher leider auch ein wenig teuer.

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. DVA, 1095 Seiten, 40Euro.


Vier Männer und eine schwierige Vergangenheit

Wenn eine US-amerikanische Autorin japanischer Abstammung einen Roman über Männerfreundschaften zwischen vier hetero- und homosexuellen Männern mit unterschiedlichen Lebenshintergründen schreibt, kann das entweder schief Hose gehen, oder es ergibt sich etwas Wunderbares und Beeindruckendes: in diesem Fall entstand etwas Großartiges.

Hanya Yanagihara begleitet einen angehenden Rechtsanwalt, einen Architekten, einen Maler und einen kellnernden Schauspieler ab der Zeit, als sie gerade erwachsen wurden, bis ins hohe Alter und den Tod. Sie schildert, wie alle vier Karriere machen, mit welchen Widersprüchen sie dabei zu kämpfen haben: ein Anwalt zwischen Recht und Gewissen, welche Rollen kann ein schwarzer, homo- und bisexeller Filmstar spielen – und wie sich ihre Freundschaft zueinander verändert, wenn sie sich selbst verändern.

Obwohl die Lebenswege aller vier Männer ausgebreitet werden, gewährt die Autorin einem von ihnen mehr Aufmerksamkeit als den anderen. Als sich die jungen Männer kennenlernen, erzählen sie sich, wie es so üblich ist, wo sie aufgewachsen sind, was ihre Eltern tun, tauschen Geschichten und Jugenderinneungen aus und lernen die Eltern der Anderen kennen. Nur einer schweigt beharrlich und konsequent, seine Vergangenheit bleibt lange ein Rätsel, und schnell schimmert zwischen den Zeilen durch, dass er anders ist und keine glückliche Kindheit erlebt hat; außerdem schneidet er sich, wenn er durcheinander ist oder sich beruhigen muss, in den Arm und beruhigt sich im Schmerz. Dieses selbstverletzende Verhalten (oder „Ritzen“), das sich auf fortgesetzten Missbrauch in seiner Kindheit zurückführen lässt, durchzieht das ganze Buch; es macht, für ihn und für seinen Freund und für seine Freunde, jede Beziehung beschwerlich, erst recht den Sex (mit seinem Freund), und es besteht stets die Gefahr des Rückzugs, der Zurückweisung und unbewusster Wiederholungen dessen, was er erlitt.

Im Kern erzählt der Roman, wie die (mit ihm) befreundeten Männer versuchen, mit ihm befreundet zu sein, ohne ihn zu therapieren oder sich als Helfer aufzuspielen – ein schwieriges, oft unmögliches Unterfangen, das, wie in der Wirklichkeit, nicht von Erfolg gekrönt sein wird, auch wenn es kleine und winzige Kurzzeit-Happy-Ends gibt. Wenn er irgendwann, als längst erwachsener Mann, seinem bei ihm lebenden Freund erzählt, was er als Kind erleiden musste, muss nicht nur der Zuhörende Unfassbares ertragen, sondern die lesend Zuhörenden, die zugleich ahnen, dass solche Wunden niemals heilen.

Der Clou der Autorin, einen Mann sich so verhalten zu lassen, wie es man(n)von einer missbrauchten Frau erwartet, und diesen Mann praktisch nur mit Männern interagieren zu lassen, eröffnet dem Roman eine zweite Ebene: obwohl die Geschichte niemals (oder sehr selten )vom Individuellen ins Allgemeine abgleitet, kommt, wenn das Buch nach 960 Seiten zugeklappt wird, Vieles ins Wirbeln, was mann und frau über Macht und Sex, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und den notgedrungen stets subjektiven Umgang mit Missbrauch und Opferhilfe dachten. Besser kann Literatur Leben nicht abbilden, und wenn sich das Buch auch noch, scheinbar magisch, weigert, geschlossen zu werden, bevor die letzte Seite erreicht worden ist, denn liegt der seltene Fall einer rundum gelungenen Geschichte vor.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Hanser, gebunden, 960 Seiten, 28 Euro. (Auch bei der Büchergilde Gutenberg: dort 25.- Euro).

 

Ein japanischer Krimi und ’68 in Tokio

Eines Tages im Jahr 1993 explodiert in einem Park in Tokio eine Bombe; es gibt mehrere Dutzend Tote. Shimamura, Besitzer einer schäbigen Eckkneipe und selbst sein bester Kunde, befindet sich in der Nähe, weil er sich in dem Park gern tagsüber erholt. Irgend etwas kommt ihm während des Anschlags komisch vor, kurze Zeit später bekommt er Besuch von der japanischen Mafia und wird dann von wiederum anderen zusammengeschlagen.

Shimamura, der unter falschen Namen lebt, weil er in der Zeit der japanischen Studentenbewegung (1968) in den Untergrund gehen musste, erfährt zu seinem Erstaunen, dass sich unter den Toten des Anschlags seine frühere Genossin befindet, und er beschließt, auf eigene Faust Ermittlungen aufzunehmen. Dabei kommt ihm die Yakuza in die Quere, er lebt zeitweise im Obdachlosenmilieu, lernt die Tochter seiner Ex-Genossin kennen, und er bekommt allmählich heraus, dass auch sein Ex-Genosse, der Dritte des einstigen Trios aus den Sechzigern (dessen Geschichte in einigen Rückblenden erzählt wird), irgendwie in die Vorkommnisse verwickelt ist. Zudem wirft der Roman ein paar Schlaglichter auf die Polizei Tokios und die Verquickungen von Kapital und Yakuza, bis sich das Labyrinth aus falschen Spuren zum Schluss zur Überraschung aller auflöst.

Der Autor wurde, als er den Roman 1993 schrieb, selbst von der Yakuza gejagt – er hatte Spielschulden in Höhe von umgerechnet 70.000 Euro. Also beschloss er, einen erfolgreichen Krimi zu schreiben, um sich die Mafia vom Leib zu halten – was ihm gelang.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Cass, 352 Seiten, 19,95 Euro.

 

Der Wolf im Slip 1 - Ein (Kinder)Comic, unbedingt auch für Erwachsene

Die Angst vor dem Wolf treibt die im Wald lebenden Tiere um, ohne dass sie ihn gesehen oder gehört haben. Gerüchte eben: Seit Tagen sind die drei Schweinchen nicht gesehen worden.

Diese Angst bringt Skurriles hervor: Eichhörnchen verkaufen Haselnüsse gegen die Wolfsangst, die passende Literatur ist zu erwerben, ein Bär bietet Selbstverteidigungskurse an, Fallen können gekauft werden, sachverständige Elche halten Vorträge und schließlich: Die Dachse stellen eine zum Glück sehr schreckhafte Bürgerwehr auf. Dann kommt der Wolf, und die anderen Tiere erfahren, wie er zu seinem Slip gekommen ist, welche Rolle die alte Eule dabei spielte und wie die Geschäfte im Wald nach Klärung dieser Fragen weiterlaufen, aber das soll hier nicht verraten werden.

Der Stil des farbigen Comics ist unkonventionell: Er enthält Seiten, die an illustrierte Kinderbücher, zum Teil mit Wimmelbuch- Elementen, erinnern, und auf anderen wird mit der Verteilung der Panels so frei umgegangen, wie es der Geschichtsverlauf benötigt. Ein schön gestaltetes und sehr amüsantes Buch, witzig und mit vielen Kleinigkeiten, die erst beim zweiten Durchblättern entdeckt werden

Empfohlenes Alter: 5 bis 90 Jahre

Wilfrid Lupano und Paul Cauuet, farbig illustriert von Mayana Itoiz, Splitter Verlag 2017. Großformatig, 36 Seiten, 14,80 Euro.

 

Beim Wolf im Slip (und nicht im Schafspelz) handelt es sich um einen Ableger oder Spin-off der Comic-Reihe „Die Alten Knacker“ von Lupano und Cauuet, aus der gerade der 4. Band auf Deutsch erschienen ist.

Die Alten Knacker 4: Die Zauberin, Splitter Verlag, 56 Seiten, 14,80 Euro

 

Die Hauptstadt

Es geht in dem Buch um europäische Politik, und ansatzweise um einen Mord und die Verarbeitung des Holocaust. Das wird aber nur kurz in den Perspektiven der verschiedenen Charaktere angeschnitten. Insgesamt liegt der Fokus mehr auf dem einsamen Leben der unterschiedlichen Figuren, deren Wege sich manchmal überschneiden, manchmal auch nur kurz treffen. Der Roman ist gespickt mit Anspielungen auf europäische Politik. Was genau aber Aussage und Endpunkt des Buches sein soll, kann ich nicht genau sagen. Der rote Faden, den man nach einer Weile zu erkennen glaubt, wird am Ende plötzlich abgerissen und man steht völlig desorientiert da.

Insgesamt habe ich es aber sehr gerne gelesen. Es war gut und bildhaft geschrieben, mit meisterhaften ersten Sätzen (gerade die Einleitung fand ich genial: ein Schwein läuft durch Brüssel und trifft nach und nach die verschiedenen Protagonisten), viel Humor und einer sehr reichhaltigen Sprache. Gleichzeitig fand ich manche Stellen und Metaphern etwas arg konstruiert und konnte nicht unbedingt aus allem etwas machen oder alles verstehen.
Insgesamt würde ich "Die Hauptstadt" weiter empfehlen, aber nur den Lesern, die anspruchsvoll sind und gerne schwierigere Lektüre mögen. Zum entspannen am Strand eignet es sich meiner Ansicht nach nicht.

Besprochen von Helena Kontny

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp-Verlag, gebunden, 459 Seiten, 24 Euro.

 

Hoffnung und Resignation

Fatma Aydemirs Debutroman „Ellbogen“ lässt sich in viele Schubladen packen. Es geht um eine junge Berlinerin mit türkischem Background, um das Erwachsenwerden, um Familie und Freundschaft, um Gewalt und Schuldgefühle aber vor allem um die Suche nach einem Platz in der Welt.

Die 17-jährige Hazal hat kein Problem mit ihrer Identität, aber ihre Eltern, ihre Verwandten, Lehrer*innen und auch der Detektiv im Kaufhaus: Alle haben eine Vorstellung davon, wer sie ist und wie sie sich zu verhalten hat. So wird sie im Kaufhaus verdächtigt zu klauen, ihre Strategie ist, die arme, vom türkischen Vater geprügelte Tochter zu mimen und nutzt diese Stereotype um so aus der Sache heil rauszukommen.

Die Eltern strafen sie mit Blicken für ihren, aus ihrer Sicht zu tiefen Ausschnitt. Aber Hazal durchschaut die Mechanismen, auch wenn sie es nur denkt: „Es liegt nicht am Shirt, es liegt an dir, verdammt“. Sie sehnt sich nach Selbstbestimmung und nach Freiheit. An ihrem 18. Geburtstag will sie feiern, endlich in den angesagten Club gehen und wird, mitsamt ihren Freundinnen, nicht eingelassen. Betrunken und gefrustet treffen sie am U-Bahngleis einen jungen, weißen Studenten, der sie anpöbelt. Hazals Freundin schubst ihn, aber er nimmt sie immer noch nicht ernst und lallt weiter: „Ich steh auf dominante Frauen, soll ich dir meinen Schwanz zeigen?“ Um ihre Freundinnen zu unterstützen schlägt auch Hazal zu, er fällt auf die Gleise und bleibt liegen. In Panik hauen die Mädchen ab, Hazal flieht nach Istanbul. Die Stadt, wie Fatma Aydemir sagt, die alle Kinder türkischer Eltern, die in Deutschland aufgewachsen sind anzieht, so hat auch sie dort den zweiten Teil des Romans dort geschrieben. Die Protagonistin versucht sich in der fremden Stadt zurechtzufinden. Zu erzählen wie es dort weitergeht, würde wirklich zu viel über dieses spannende Buch verraten. Es ist kein Buch über Klischees, sondern eines, das genau hinschaut, das die Welt von Hazal erfahrbar macht und dabei sehr nah dran ist an einer jungen Frau aus Berlin mit ihren Hoffnungen, ihrer Resignation und den verlorenen  Träumen.

Fatma Aydemir, Ellbogen. Hanser Verlag 2017, 272 seiten, 20 Euro

 

Alltag in Deutschland

1979: Behsadjan ist Mitte zwanzig und Lehrer in Teheran. Wie seine Freunde Peyman und Sohrab ist auch er Teil der Bewegung, jedoch mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Sohrab und Behsadjan schreiben kommunistische Flugblätter um die Revolution voranzubringen. Peyman hingegen ist stiller, er sagt: „Wir müssen dafür sorgen, dass es Essen gibt, dass es Wasser gibt, dass die Kinder zur Schule gehen.“ So trennen sich nach der Machtübernahme von Khomeini auch die Wege der Gefährten. Behsadjan flieht mit seiner Familie vor Verfolgung nach Deutschland, Peyman bleibt im Iran.

1989: Nahid ist Mitte dreißig und verbringt ihren Tag zwischen Warten, den Nachrichten und der Flucht in die Welt der kitschigen deutschen Fernsehserien. Da ihre Abschlüsse aus dem Iran in Deutschland nicht anerkannt wurden, überlegt sie nochmals zu studieren. Sie und Behsadjan treffen sich manchmal mit Ulla und Walter, zwei Deutsche, die es gut meinen, aber in deren Sprache und Verhalten ebenso viele Vorannahmen und vermeintliches Wissen über den Iran und „die persische Kultur“ zu lesen sind. 

Mit ihrer Sorge um Freund*innen und Angehörige im Iran sind Behsadjan und Nahid allein. Für ihre Kinder ist das Leben in Deutschland so normal und sie haben den Bezug zum Iran fast verloren.

1999: Laleh ist Schülerin der Oberstufe, was sie über den Iran weiß: „Dass ich nur weiß, dass ich klein war und wir in den Urlaub fahren wollten, aber dann plötzlich hier waren und mein Bruder richtige Milch statt Trockenmilch und duftende Nivea Creme bekam und die Kinder im Heim sich und mich Kanaken nannten. Dass ich weiß, dass Iran aus Küken und blauen Türen, aus Menschen und Gerüchen und einem Hinterhof mit einem barfüßigen Großvater besteht.“

2009: Mo studiert und ist das mittlere Kind von Nahid und Behsadjan. Politik interessiert ihn nicht besonders, aber dann beginnt die grüne Revolution im Iran und er beginnt seine Position zu reflektieren und versucht herauszufinden, was das alles mit ihm und seiner Familiengeschichte zu tun hat und wie er für sich diesen Bezug in Deutschland leben kann.

 

Eine Geschichte aus deutsch-iranischer Sicht über den Zeitraum von 40 Jahren, aktuell ist jede einzelne Epoche jedoch immer noch. Ihren ersten Roman widmet die Autorin Shida Bazyar ihren Eltern. Aus vier Perspektiven erzählt, schafft sie eine dichte Erzählatmosphäre herzustellen, die es erlaubt den Figuren und ihren Gefühlen sehr nahe zu kommen und nachzufühlen, welcher Schmerz und welche Hoffnungen sie begleiten.

Shida Bazyar, Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch. 283 Seiten. 9,99 Euro

 

Eine Jakobsleiter

Ljudmilla Ulitzjaja bezeichnet sich selbst als russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft mit christlicher Prägung. In ihrem neuen Roman Jakobsleiter verwebt sie kongenial persönliche, politische und hundert Jahre russischer, zeitweise natürlich sowjetischer Geschichte und das Leben von einzelnen Personen aus vier Generationen.

Nach der Revolution ziehen Jakow und Marussja mit dem kleinen Genrich nach Moskau. Beide sind von der Revolution begeistert und wollen eine neue Gesellschaft aufbauen. Jakows Vater ist ein jüdischer Mühlenbesitzer. Jakows große Liebe gilt der Musik, aber er muss, um die Familie zu ernähren, als Ökonom arbeiten. Marussja, Noras geliebte Großmutter, möchte ihr Geld als Tänzerin verdienen. Beide werden ihre Träume aus unterschiedlichen Gründen nicht verwirklichen können.

Jakow zieht freiwillig in den Krieg, und Marussja lebt von seinen leidenschaftlichen Briefen. Zweimal wird Jakow dann verbannt, ein drittes Mal in ein Lager in der Komi-Republik. 1955 stirbt er erschöpft und krank, ein energiegeladener und schöpferischer Mann, der auch unter den schwierigsten Umständen seine Projekte betrieb. Von ihm sind Briefe und Tagebucheinträge erhalten, die sein Leben dokumentieren und seiner Frau übergeben werden. Marussja und Genrich sind als Verwandte von Jakows staatlichen Repressalien ausgesetzt. Schließlich wenden sie sich von ihm ab.

All dies erwähnt Marussja trotz ihrer innigen Beziehung niemals gegenüber ihrer Nichte Nora. Diese wird Jahre später die Aufzeichnungen und Briefe ihres Großvaters lesen und so die andere Seite der Familiengeschichte erfahren.

Der zweite Handlungsstrang des Romans schildert das Leben der theaterbesessenen Bühnenbildnerin Nora. Sie hat mit den genialen und wortkargen Mathematiker Vitja einen Sohn, der später die Liebe seines Urgroßvaters für die Musik ausleben kann: Er wird nach Umwegen Komponist. Nora arbeitet und lebt für die Inszenierungen von Theaterprojekten mit dem georgischen Regiesseuer Tengis. Sie versinken in sich und in der Arbeit, arbeiten unabhängig, scheitern, haben Erfolge. Und dann verschwindet Tengis wieder … taucht aber immer wieder auf. Nora lebt unabhängig und unangepasst ihr Leben.

Ein Buch über Russland/die Sowjetunion, über die ‚Intelligenzija‘ und deren Verfolgung, über das Verschweigen und Vergessen, über Theater und Musik und mit vielen einzelnen Geschichten und Schicksalen. Ljudmila Ulitzkaja gelingt es, die Leser*in trotz der zeitlichen Brüche mühelos durch das Buch zu geleiten. Nie moralisiert sie, ihr Interesse gilt denen, die ‚zwischen den Stühlen‘ sitzen, und den Möglichkeiten, sich unter den gegebenen Umständen zurechtzufinden.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter. Hanser Verlag, 608 Seiten. 26,00 Euro.

 

Ein Mord in Bangalore

Inspector Borei Gowda ermittelt in Bangalore, der drittgrößten Metropole im Südwesten Indiens. Gleich zu Beginn werden er und sein Team, bei der Arbeit integer, im Privatleben eher fehlbar, mit einem Mord in einer von Sicherheitskräften gut geschützten Gated Community konfrontiert. Im Viertel der Reichen und Schönen wurde ein Anwalt erschlagen. Fast zeitgleich verschwindet die dreizehnjährige Tochter von Shanthi, die Gowda den Haushalt führt. Es ist klar, welcher Fall bevorzugt behandelt werden soll. Aber Gowda und sein Team lassen sich nicht manipulieren …

Gowdas Ermittlungen, die er eher unkonventionell führt, lassen die Leser*in die Stadt kennen lernen: Bangalore ist ständig im Wandel, kolonial geprägt, hochmodern, ethnische und Kastenvorurteile spielen eine große Rolle und es existieren unglaubliche soziale Gegensätze. Diese Gegensätze und der Handel mit Menschen, genauer der Handel mit Kindern, sind Thema des Romans. Anita Nair schaut genau hin, wird aber nie voyeuristisch. Spannend, informativ, natürlich erschreckend, gleicht der Roman trotzdem einer Reise in die drittgrößte Stadt Indiens.

Anita Nair: Gewaltkette. Argument-Verlag 350 Seiten, 19,00 Euro.

 

Ein besetztes Haus - einst und heute

Lena Hofhansl, seit einem Jahr auch als Poetry-Slammerin unterwegs, hat mit obigem Titel ihr zweites Buch veröffentlicht.

Die eigentliche Hauptperson des Buches ist das besetzte Haus B14 im Süden Stuttgarts. Hier finden sich 1986 die Besetzer, der zurückhaltende Krankenpfleger Emilio, der belesene Anarchist Matthias, eine Gruppe Punker, ganz dem Stereotyp entsprechend, mit Hunden und einem ungezieferverseuchten Sofa und einer Frau, eher zu den Hippies tendierend, Anouk ein. Sie organisieren ihren Alltag, diskutieren, machen Politik. Hier wagt es Emilio, sich in Anouk zu verlieben. Natürlich unsterblich. Sie entscheiden sich, eine offene Beziehung zu führen.
Und immer wieder Musik: Ein Festival am WAA in Wackerdorf und der Plattenspieler im besetzten Haus mit Diskussionen über die Musikgruppen. Lena Hofhansl hat von den Kapitelüberschriften bis zu den Konzertbesuchen der handelnden Personen überall Anspielungen eingestreut.

Soweit die eine Geschichte, die andere spielt, neunundzwanzig Jahre später, also 2005, am selben Ort. Das Haus gehörte inzwischen Emilio, der dort einen Plattenladen betrieb. Mit Leidenschaft.

Isa, seine Tochter, hat ihren Vater nie kennengelernt, hat das ehemals besetzte Haus von ihm geerbt und will den Laden jetzt, wutentbrannt, abfackeln. Sie betritt ihn ein letztes Mal und trifft auf dem gleichaltrigen Rotze, der als Obdachloser im Keller des Hauses lebt. Was tun? Isa nimmt erst einmal eine Auszeit von ihrem geregelten Leben. Doch mehr dazu im Buch selbst.

Auch wenn hier der eine Handlungsstrang mehr Beachtung findet, sind im Buch beide gleichberechtigt. Ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und witziges Buch über die Hausbesetzungen der Achtziger und die Punkbewegung der Zeit, über Freundschaft, die Schwierigkeiten der Liebe, die Crux des Älterwerdens, Politik und Polyamorie.

Lena Hofhansl: B14 revisited. Roman. Schmetterling Verlag 2017, kartoniert, 195 Seiten, 12,80 Euro

 

Die Schauspielerin Channa Maron

Geboren wurde Channa Maron 1921 in Berlin, 1933 floh sie mit ihrer Mutter vor den Nazis nach Paris, 1935 schifften sie sich nach Palästina ein. Barbara Yelin schildert gekonnt, wie sie dort angekommen sind. Channa Maron konnte relativ schnell (wie vorher schon in Berlin als Kind) wieder auf der Bühne stehen. Ein festes Engagement folgte. Mit Kollegen und Freunden diskutierte sie die politische Lage und fasste 1942 den Entschluss, der jüdischen Brigade der britischen Armee beizutreten.

Ein weiterer Einschnitt in ihrem Leben sollte 1970 folgen, als sie bei einem Anschlag ein Bein verlor. Sie erlernte das Laufen neu und engagierte sich politisch für die Zweistaatenlösung.

Das Buch macht den deutschsprachen Leser*innen die in Israel entwickelte Ausstellung „Graphic Art zu Channa Maron“, der „Grande Dame“ des israelischen Theaters, zugänglich. Der Band ist mit Anmerkungen versehen und in zwei Abschnitte geteilt. Barbara Yelin entwickelt das Leben von Channa Maron in Form eines Comics. Sie zeichnet und schreibt einzelne Kapitel des Lebens von Channa Maron aus der Perspektive von Weggefährt*innen und erreicht so eine sehr unmittelbare Wirkung.

David Polonskys bezieht sich auf Theaterrollen, die Channa Maron spielte, und die historische und politische Einordnung erfolgt über Anmerkungen oder den Hintergrund der plakatartigen Illustrationen. Ein wunderbar gestaltetes Buch.

Barbara Yelin: /David Polonsky: Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Reprodukt Verlag, 79 S., 24 Euro.

 

Underground Railroad

Cora, eine junge Sklavin, deren Großmutter auf einem Sklavenschiff verschleppt wurde, träumt wie alle anderen von einem Leben in Freiheit. Gemeinsam mit Caesar flieht sie von der Südstaatenplantage in Georgia mithilfe des titelgebenden Netzwerks Underground Railroad in den freien Norden. Dieses historisch reale Unterstützungsnetzwerk wird von Colson Whitehead in eine, nur im Roman existierende Untergrundbahn verwandelt, mittels derer die Fliehenden sich auf den Weg begeben. 

Verfolgt vom Sklavenfänger trifft Cora auf helfende, skrupellose und gleichgültige Menschen, sie erfährt bedingungslose Unterstützung ebenso wie Verrat.

Die Flucht führt durch mehre Bundesstaaten, in denen es jeweils unterschiedliche Politiken zur Sklaverei gibt, von der Abschaffung der Sklaverei mitsamt den ehemaligen Sklaven in dem einen,

medizinischen Experimenten an Schwarzen in einem anderen.

Colson Whiteheads Roman nimmt uns mit auf eine im Wesentlichen historische, manchmal surreale Reise, er eröffnet uns eine andere Perspektive auf die Zeit der Sklaverei, der Wurzel des bis heute andauernden Rassismus.

Colson Whitehead: Underground Railroad

Deutsch: Hanser, 352 S. 24,- Euro

Englisch: Random House, 320 S. 14,99 Euro

Oder Random House Paperback 8,99 Euro

 

Nordsee

Europa ist ein historischer Zufall. Einst, im römischen Reich (und davor), gab es diese Entität nur als Anhängsel des eurasischen Kontinents, aber nicht als politisches „Wesen“. Tatsächlich wurde ‚Europa’ zum ersten Mal in einer Chronik erwähnt, die knapp 30 Jahre nach den realen Vorfällen die Schlacht von Poitiers 732 schildert, in der ein muslimischer Plündertrupp aus Frankreich nach al-Andalus zurückgedrängt wurde.

Howard Pye  schildert in seinem Buch die Anfänge Europas im Nordwesten, rund um die Nordsee – also nicht der oft übliche Blick aufs Mittelmeer, auf den Süden, nach dorthin, wo im Mittelalter der Reichtum und die Kultur konzentriert war.

Wer allerdings eine chronologische Abfolge erwartet, schön geordnet nach Jahren und geographischen Orten, wird ein wenig enttäuscht sein, auch die klassische (langweilige) Geschichte, die sich an Monarchen und Reichen entlanghangelt, wird außen vor gelassen: das Buch ist wie die Nordsee, die Gebiete verbindet und nicht trennt, die mal spiegelglatt im Sonnenschein daliegt und sich ein paar Tage später in eine maritime Hölle verwandelt – es ist sinnlos, Geschichte von einer nationalen Warte aus zu erzählen. Der Autor erzählt statt dessen in 12 Kapiteln Geschichten, in denen Geschichte fassbar wird: die Wikinger, die als erste eine Art Protoglobalisierung in Gang setzten, und das byzantinische Reich mit Nordeuropa (in Schweden gibt es viele Funde arabischer Münzen) und zugleich Skandinavien, Nordfrankreich, England und Irland miteinander verbanden. Die Hanse fehlt natürlich nicht, und es gibt ein Kapitel darüber, wie der frühe Buchhandel entlegene Gebiete übers Meer zusammenschloss.

Stets steht das Meer im Vordergrund: als verbindendes Element, und aus den Geschichten schält sich allmählich etwas heraus, das durchaus als eine Geschichte der Anfänge Europas bezeichnet werden kann

Michael Pye: Am Rande der Welt. Eine Geschichte der Nordsee und der Anfänge Europas. Fischer-Verlag. 474 Seiten, 26 Euro.

 

Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.

 

 (Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)

 

 

 

 

 

 

 

 

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Molche und Menschen

Eines Tages entdeckt der Kapitän eines Schiffes auf einer einsamen Insel, am Äquator ein wenig westlich von Sumatra gelegen, eine neue Tierart: Riesenmolche. Diese, so stellt sich rasch heraus, können die menschliche Sprache erlernen und sprechen und sind intelligent, und ebenso schnell wittern die Menschen ein Riesengeschäft. Die Molche, die unter Wasser arbeiten können, werden als billige Arbeitskräfte quer über den ganzen Globus verkauft und eingesetzt und gnadenlos ausgebeutet. An den Handelsbörsen werden sie wie Baumwolle oder Weizen notiert, in der Regel nicht als Einzelexemplare, sondern in verschiedenen Verpackungseinheiten, wie es aus einer Notiz in der Wirtschaftsrubrik einer zeitgenössischen Zeitung hervorgeht (S. 164). Ge- und verkauft werden etwa:

v   Leading-Molche: ausgewählte und sehr intelligente Einzelexemplare, die als Leitmolche und Aufseher von Arbeitskolonnen eingesetzt werden

v   Heavy-Molche: fitte Molche für schwerste körperliche Arbeit, angeboten im Sechserpack

v   Team-Molche: gewöhnliche Arbeitsmolche, die VE zu 20 Stück

v   Odd Jobs: halbwilde Molche, die aber begabt sind und ausgebildet werden können

v   Trash-Molche: Molchausschuss, also Molche, die nicht richtig arbeiten können; sie werden nach Kilogramm Lebendgewicht verkauft. Warum solche Molche überhaupt ge- und verkauft werden, ist unbekannt

v   Spawn: Molchlaich – aus manchen Molchlarven lassen sich (selten) ungewöhnliche Molche züchten, die teuer verkauft werden können.

Bald melden einige Menschen Bedenken an, dass es ja nicht anginge, intelligente Wesen derart auszubeuten und rechtlos zu belassen; ja, manche stellen sich gar die Frage, ob Molche nicht eine Seele hätten. Schulen für Molche werden gegründet, Menschen setzen sich für Molche ein, usw. usf. Aufrufe an die arbeitenden Molche, dass der letzte Kampf beginne, wenn sich alle Molche vereinigten, kursieren, und deutsche Forscher entdecken den in der Ostsee heimischen „Edel- oder Nordmolch“, dem besondere Fähigkeiten nachgesagt werden; deutsche Kinder besingen ihn folgendermaßen: „Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche“. Doch dann tun die Molche, was keiner erwartet: sie rebellieren gegen die Menschen, und der Krieg mit den Molchen beginnt.

Karel Čapek, ein tschechischer Schriftsteller, schrieb das Molchbuch bereits 1936, kurz bevor er starb; an Aktualität hat es bis heute nichts verloren. 1956 erschein eine DDR-Ausgabe, ohne Illustrationen, und als der Illustrator Hans Ticha auf dieses Buch aufmerksam wurde, verhandelte er mit dem Verlag über eine Neuausgabe, die allmählich Formen annahm. In der jetzigen Ausgabe, einem Nachdruck, wird der Haupttext von unzähligen, farbigen Graphiken und „Dokumenten“ in unterschiedlichen Schriftarten, -typen und –graden aufgelockert.

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen. 328 Seiten, gebunden, mit vielen, vielen Illustrationen, Grafiken und Einsprengseln von Hans Ticha. Büchergilde Gutenberg. Für Mitglieder 22,95€, für Nicht-Mitglieder: 24,95€.

Ein Raumschiff, eine Crew und viele Kulturen

In jener Zeit, in der sich das Raumschiff Wayfarer auf langen Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten macht, ist die Erde nicht mehr besiedelt. Die Menschen, relative Neuankömmlinge im interstellaren Raum, wurden in die Galaktische Union aufgenommen und leben nun auf anderen Planeten im Weltraum, zusammen mit anderen Lebensformen, oder als Raumschiffnomaden.

Die Geschichte beginnt, als Rosemarie Harper als Buchhalterin und Verwaltungsassistentin vom Kapitän der Wayfarer angeheuert wird und an Bord kommt. Das Schiff gehört nicht zu den Vorzeigeobjekten der Galaxis; es ist klein, zusammengezimmert und bietet Platz für weniger als 10 Lebewesen, die die Crew ausmachen, zu denen ein Reptil, eine KI und eine Lebensform gehört, die den Hyperraum ‚sehen’ kann. Die Crew verdient sich ihr alltägliches Brot oder dessen Pendant, indem sie im Weltraum anfallende Arbeiten übernimmt und erledigt, und kurz nach Rosemaries Ankunft zieht der Kapitän einen lukrativen Auftrag an Bord: ein Hypertunnel soll gebaut werden, der zu einem Planeten am Rande der Union führt und von dem niemand weiß, ob die Bewohner friedlich-diplomatisch mit der GU kooperieren werden oder es zu Schwierigkeiten kommen wird.

Die Reise ist lang, das Bohren eines Hypertunnels dauert seine Zeit, und unterwegs lernt Rosemarie die Crewmitglieder und ihre Eigenheiten kennen …

Becky Chambers: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Fischer/Tor, 543 Seiten, 9,99€.

 

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafaks neuer Roman kreist um die Fragen des Glaubens und der Religion, um Tradition, die Frage der eigenen Positionierung und, nicht zu vergessen, der gesellschaftlichen Situation der Türkei.

Schon als Kind, es sind wohl die 80er Jahre, ist die Protagonistin Peri mit sehr unterschiedlichen Ideen konfrontiert. Der Vater ist ein glühender Anhänger Atatürks und liberal eingestellt, die Mutter eine streng religiös lebende Muslima. Der Konflikt wird in der Familie ständig und unversöhnlich ausgetragen. Hier fragt sich Peri das erste Mal, ob es für sie nicht einen anderen Umgang mit diesen Fragen gibt und sucht in Büchern und beim Schreiben ihres Tagebuchs nach Antworten.

Dank ihres Vaters bekommt sie die Möglichkeit in Oxford zu studieren. Die Bedenken der Mutter werden übergangen. In Oxford findet sie Freundinnen: Shirin und Mona. Die eine, Shirin, hat sich gegen jegliche Religion entschieden und lebt westlich orientiert. Mona hingegen ist gläubige Muslima trägt aus Überzeugung Kopftuch, reagiert sehr empfindlich auf Kritik und engagiert sich politisch für die Rechte von Frauen. Wieder ist Peri die Fragende, die bei Konflikten vermittelt und eigene Antworten sucht. In philosophischen Vorlesungen zum Thema ‚Gott‘ bekommt Peri die Möglichkeit, sich intellektuell mit dem Thema zu beschäftigen. Dies wird sie für immer prägen, doch es stürzt sie auch in eine persönliche Krise.

Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen. Er beginnt in Istanbul im Jahr 2016, als Peri mit ihrer gelangweilten Tochter auf dem Weg zu einer Dinnerparty ist. Sie ist inzwischen verheiratet, gut situiert, hat drei Kinder und lebt in einem guten Viertel der Stadt. Der zunehmend religiös geprägte Alltag schränkt sie noch nicht so ein, als dass sie sich nicht damit arrangieren könnte.

Sie wird überfallen, körperlich bleibt sie zwar weitestgehend unversehrt, aber Handy und Portemonnaie sind weg, doch ein altes Foto aus ihrer Studienzeit, dass sie mit ihren Freundinnen zeigt, kommt zum Vorscheinen. Die Erinnerungen an ihre Studienzeit in Oxford kommen wieder hoch.

Der zweite Erzählstrang besteht aus Rückblenden in Peris Kindheit und Jugend. Zwischen diesen Ebenen entspannt sich ein spannender, sehr lebendig geschriebener Roman, der gerade von den Dialogen lebt.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses. Kein & Aber Verlag, Roman, 560 Seiten, 25,00€.

 

Der ganz normale Wahn

Jakob und Julia Bloch, eine liberale, jüdische Familie aus Washington, D.C. mit drei Söhnen und einem Hund fiebern der Bar Mizwa ihres Ältesten entgegen. Es ist eine ganz normale Familie. Die Kinder sind vorlaut und schlagkräftig, kennen sich im Netz besser aus als ihr Erzeuger, und der Älteste hält nichts von seiner Bar Mizwa. Die Eheleute verstehen nicht, obwohl sie sich Mühe geben, wie die Zeit, der Alltag, die Kinder, der Job, sie und ihre Beziehung verändert hat, wie selbstverständlich kaufen sie Biogemüse, haben ein schönes Haus, aber Glück ist etwas anderes. Jakobs Vater streitet sich beständig mit seinem Sohn, dem er mangelndes Bewusstsein für sein Jüdischsein vorwirft, über Israel und die Juden, und Jakobs Großvater, der mit seinem Bruder einst vor den Nazis in die Wälder flüchtete, wo beide im Gegensatz zu ihren vielen Geschwistern überlebten, müsste ins Altersheim umziehen, will das aber nicht.

Als ein Rabbi Jakob und Julia zu sich ruft und ihnen eröffnet, dass ihr Ältester einen Zettel mit einer Litanei an ethnischen Schimpfwörtern auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen und daher seine Bar Mizwa in Gefahr sei, nimmt das alltägliche Verhängnis seinen Lauf: Mutter und Vater sind sich nicht einig in der Einschätzung des Vorfalls und erst recht nicht darin, wie ihr Sohn darauf zu reagieren hat. Sie streiten sich, so wie sie sich tagtäglich streiten, und versuchen, ihre Probleme im Dialog zu lösen, ohne sich zu verletzen. Diese Gespräche, die brenzliger und bedrohlicher werden, als Julia ein geheimes Zweithandy ihres Mannes findet, dokumentieren das Auseinanderleben in einer Ehe, für das es eigentlich gar keinen Grund gibt, den Verlust an Nähe in der Nähe des Ehebetts und die vergrabenen Hoffnungen und Erwartung beider, und doch sind sie zumeist nicht bitter, bitterernst und angreifend, sondern melancholisch, unfreiwillig komisch und manchmal zum Brüllen komisch und gleichzeitig tieftraurig, da sie beständig mitreflektieren, wie verletzend ihre Worte sein könnten, und versuchen, sich noch beim größten Streit gegenseitig zu respektieren. Auf die gleiche Weise erziehen sie ihre Kinder, die das Spiel mitspielen und lernen, entsprechend schlagkräftig auf die Erziehungsgespräche zu reagieren. Herzergreifend entfaltet sich in solchen Dialogen und in abstrusen Situationen – etwa wenn ein Sohn und seine Klasse offiziell den UN-Sicherheitsrat nachspielen und als Vertreter Mikronesiens plötzlich über eine Atombombe verfügen – das Ende einer Ehe, ohne dass beide es wahrhaben wollen und können.

Während dann die israelische Verwandtschaft zu Gast ist, die Nachkommen des Bruders des Großvaters, um die Bar Mizwa mitzufeiern und Israel von einem Erdbeben heimgesucht wird, das zu einem Krieg mit seinen arabischen Nachbarn führt, wird Jakob mit seinem Jüdisch-Sein konfrontiert, und die Bahn seiner Ehe wird abschüssiger. Er trifft eine Entscheidung, und seine Frau trifft eine Entscheidung.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Kiepenheuer & Witsch, 683 Seiten, 26€.

 

Eine abgeschiedene Siedlung in Berlin-Treptow

Grenznah war sie gelegen und abgeschieden ist sie heute, die Siedlung, und dort haben sich die beiden auf die fünfzig zugehenden Schwestern Claudia und Barbara in ihrem Haus eingerichtet. Barbara arbeitet als Sachbearbeiterin für dezentrale Kulturarbeit und flirtet, noch etwas unentschieden, mit einem Stadtrat; Claudia hat nach der Entlassungswelle keine Anstellung mehr bekommen, lebt aber gut vom Nähen extravaganter Kleider für die Boutiquen der Stadt.

Erst nach dem Tod der Eltern haben sie das von einem Gropiusschüler errichtete Haus übernommen und renovieren es nun. Und wie das so ist, bei der Renovierung kommt so einiges zum Vorschein: Die Fotos und Filme des Vaters werden auf dem Dachboden entdeckt und angeschaut. Er trägt im Urlaub eine von der Mutter gehäkelte Kippa. Sie forschen nach und rekonstruieren das Leben ihrer Eltern.

Die Autorin springt durch die (Familien)Geschichte. So wird eine verschollen geglaubte Tante in Sarajewo entdeckt und besucht. Auch Werner Kapok, der im Nachbarhaus wohnte, taucht auf. Die Familien waren eng befreundet. Mit den Schwestern verband ihn ein besonders nahes Verhältnis. Auch er ist ein Gescheiterter: Im neugegründeten ‚Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung‘ sollte er 1989 eine Professur bekommen. Kurze Zeit nach Beginn der Arbeit wurde das Institut aufgelöst. Zurückgekommen ist er, um seine Schwester zu besuchen, die neben Claudia und Barbara wohnt. Die Drei treffen sich wieder …

Mit dem Erforschen der eigenen Geschichte verortet die Autorin ihre Protagonist*innen neu, macht sie handlungsfähiger und gibt ihnen eine Perspektive. Ihr ist ein grandioser und genau recherchierter Roman über die jüngere deutsche Geschichte gelungen.

Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Roman, 448 Seiten, 22,00€.

 

Die Engel von Sidi Moumen

Am 13. Mai 2003 sprengten sich an verschiedenen Orten in Casablanca Selbstmordattentäter in die Luft. Die vierzehn Jugendlichen stammten aus Sidi Moumen, einem Elendsviertel, das von der Stadt durch eine Mauer getrennt ist. Der Autor rekonstruiert die Vorgeschichte der Attentate und lässt einen der Attentäter posthum erzählen:

Jaschin wächst mit acht Brüdern in Sidi Moumen auf. Die Kinder und ihre Familien überleben, indem sie Abfallberge durchwühlen, die Fundstücke verkaufen, durch Diebstähle und Drogenhandel und indem sie kleine Jobs übernehmen.

Der Mittelpunkt in Jaschins Leben ist Fußball. Hier vergessen die Jungen ihren Alltag, sie treffen sich, wann immer sie Zeit haben, fechten Kämpfe gegen Mannschaften anderer Bidonvilles aus und amüsieren sich bestens. Jaschin erzählt vom ersten Flirt, dem Auftauchen von der Gruppe um Abu Subair. Er vermittelt den Jungen Jobs, von ihm bekommen sie Kleidung, eine religiöse Schulung und werden zu Attentätern ausgebildet.

Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen. Lenos Verlag, 157 S., 14,50€.

 

Diamantenstaub – der perfekte Mord?

Ahmed Mourad lässt seinen Kriminalroman in einem kleinen, heruntergekommenen Stadtteil Kairos spielen. Taha, eher Antiheld als Held, arbeitet tagsüber als Pharmavertreter, nachts hilft er in einer Apotheke aus. Er lebt mit seinem Vater auf engstem Raum zusammen und pflegt ihn. Gegenüber liegt die Villa des Millionärs Machrus Bergas. An den Rollstuhl gefesselt beobachtet Tahas Vater die Leute auf der Straße. Eines Tages kommt Taha nach Hause und sein Vater ist tot – er wurde ermordet. Die Polizei stellt die Ermittlungen ein – und da Taha auf dem Fortführen der Ermittlungen beharrt, gerät er in Schwierigkeiten. Schließlich nimmt er sie selbst in die Hand. Er findet heraus, warum seine Mutter die Familie verließ und findet eine Erklärung für die merkwürdigen Besuche seines Vaters bei hochgestellten Persönlichkeiten. Trotz allem findet er noch Zeit, Schlagzeug zu spielen und sich mit seiner Nachbarin, der Bloggerin Sara, zu treffen.

Ahmed Mourad hat einen gut konstruierten, spannenden und amüsanten Kriminalroman geschrieben, der die gesellschaftliche und politische Situation Ägyptens kurz vor dem Sturz Mubaraks beschreibt und in Form von Rückblenden bis in die 60er Jahre zurückgeht.

Ahmed Mourad: Diamantenstaub. Lenos 2016, 407 Seiten, 14,90€.

 

New York, New York

In der Silvesternacht 1976/77 wird in einem Park in New York ein junges Mädchen erschossen, Samantha, 20 Jahre alt und begeisterte Fanzineschreiberin.

New York war Ende der 70er eine Stadt im Umbruch und nahezu pleite. Patti Smith und Punk ertönten aus den Lautsprechern der Plattenspieler, der Hip Hop wurde gerade erfunden; die Immobilienpreise waren so weit gesunken, dass Brände nichts Ungewöhnliches waren, um wenigstens noch die Versicherungssumme zu kassieren, und in manche Straßenzüge traute sich die Staatsgewalt nicht hinein: die Gentrifizierung kündigte sich an.

Um den Mord an Samantha und die Silvesternacht herum verwebt der Autor die Geschichten mehrerer Menschen, die in einer Beziehung zu Samantha standen, und die Stadt selbst; jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines oder einer der Beteiligten erzählt, ergänzt werden sie durch Rückblicke, Briefe, abgedruckte Fanzines und andere Textelemente. Tatsächlich beginnt der Roman nicht in dieser Silvesternacht, sondern im Sommer zuvor. Die Figuren werden langsam und behutsam eingeführt; sie umfassen ein breites Kaleidoskop unterschiedlicher Lebensentwürfe:

Mercer, ein schwarzer Lehrer, der vom Land in die Großstadt zieht, um einen Roman zu schreiben, verliebt sich dort in William, einen Ex-Punk und Maler, der alle Verbindungen zu seiner schwerreichen Familie gekappt hat und einst ein legendäres Outdoor-Punkkonzert gab. Seine Schwester, die ihren Bruder sucht, ist dabei, sich von ihrem Ehemann zu trennen, der sie mit einer anderen betrogen hat, und verzweifelt am Bruder ihrer Stiefmutter, der die Geschicke der Familie und ihr verzweigtes Geld- und Firmenimperium lenkt. Charlie, der sich in Samantha verliebt hat, verbrachte den Sommer mit ihr und weiß nicht, was er mit seinem Leben in der Vorstadt anfangen soll, und die ehemaligen Bandmitglieder Williams, die dem legendären Konzert nachtrauern, rufen den Posthumanismus aus und sind vielleicht in dunkle Machenschaften verwickelt. Ein Reporter, der die Biographie von Samanthas Vater schreiben will, einem der letzten Feuerwerker New Yorks, verfolgt plötzlich ganz andere Spuren, und der Polizist, der Samanthas Tod untersucht, will eigentlich seinen Job an den Nagel hängen. – Und natürlich Samantha selbst, die einen Sommer mit Musik, Fanzines, Charlie und Freiheit lebte, bevor sie erschossen wird.

Alle Einzelschicksale und individuellen Geschichten werden allmählich zusammengeführt, ergeben ein stimmiges Ganzes und kulminieren in einer Julinacht, in der in New York der Strom ausfiel. In der echten Metropole brach damals ein allgemeines Durcheinander aus, es kam zu Plünderungen und Gewaltausbrüchen; diese fehlen im Roman zwar nicht, doch was in der fiktionalen Nacht ohne Licht passiert, ist versöhnlicher.

Garth Risk Hallway: City on Fire. S. Fischer, 1080 Seiten, 25€.

 

„Die Zeit der Sonne + der tausend Farben ist angebrochen“

„Es liegt Revolte in der Luft überall haben die jungen Leute realisiert dass sich die Dinge verändern müssen wir können den alten Idioten von der Linken nicht mehr vertrauen die sowieso nur Deals machen wollen mit den Padroni (…)“, das lässt Nanni Balestrini einen Arbeiter ohne Namen sagen, die Zeit könnte jederzeit sein, heute, übermorgen, vor langer Zeit, aber tatsächlich spricht der Namenlose von der italienischen Autonomia, es wird irgendwann zwischen dem Herbst 1976 und dem Winter 1977 gewesen sein, ein genauer Zeitpunkt wird nicht genannt, als die Mieten stiegen und stiegen und der Druck zunahm und die Arbeiter, Studenten und ihre Familien Wohnungen besetzten, deren Miete sie nicht mehr bezahlen konnten, und Räumungen verhinderten und in Straßenkämpfe verwickelt wurden.

Der Namenlose gehört im heißen Herbst 1977 zu den Älteren; er kämpfte bereits mit der italienische Marine und den Alliierten gegen die Nazis, wurde gefangen genommen und landete zuerst in einem Arbeitslager in Bremervörde, dann verschlag es ihn zur Zwangsarbeit nach Kiel. Er überlebte die Arbeitslager, um nach dem Krieg auf Sardinien unter unvorstellbaren Bedingungen in den Kohleminen zu schuften (und in einer am Reißbrett entworfenen Stadt zu leben), wo sich militanter Widerstand regte, der nicht im Misserfolg endete. Er wanderte aus, nach Australien, um ein wenig Geld zu verdienen, und kehrte nach ein paar Jahren nach Italien zurück, wo wir ihn während der Zeit der Autonomia wiedertreffen.

„Wir haben viele Kämpfe verloren und wir werden andere noch verlieren aber wir haben auch schon einige gewonnen und wir werden immer weiter kämpfen kontinuierlich und immer weil es sind wir die gewinnen müssen am Ende“.

Nanni Balestrini: Carbonia. Wir sind alle Kommunisten. Bahoe-Books, 86 Seiten, 8,80€.

 

Die TaklaMakan

Barry Cunliffe, ein emeritierter Professor für Archäologie, der eigentlich auf die ältere Geschichte Großbritanniens, Irlands und des sogenannten keltischen Randes Europas spezialisiert ist, hat eine epochenübergreifende Geschichte Eurasiens geschrieben, die nicht in die üblichen Raster der Fachwelt passt – denn er nimmt die weiten Gebiete zwischen Europa/dem vorderen Orient und China als Zentrum und versucht zu beschreiben, wie dieses mit den östlichen und westlichen Zivilisationen wechselwirkt und welche Entwicklungen sich daraus für China, für den westlichen Zipfel Asiens, für Vorderasien und für das „Dazwischen“ ergaben.

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung langer Zyklen; dann beginnt das Buch im Jahr 10.000 v.u.Z. Cunliffe erklärt, warum Pferde und Kupfer ab 5000 v.u.Z. so wichtig waren, die ersten Konfrontationen zwischen Nomaden und Imperien und vieles mehr, und er beendet das Buch nicht, wie es oft üblich ist, im Jetzt, sondern mit dem Aufstieg der Mongolen und dem Zerfall ihres Reiches.

Was dieses Buch zu einem echten Lesegenuss macht, ist nicht nur der Stil des Autors (nicht alle klugen Köpfe schreiben auch gute Bücher), sondern viele (farbige) Abbildungen und Landkarten; wer noch nie von der Takla-Makan hörte, weiß nach der Lektüre des Buches, wo sie liegt, was dort passierte, warum sie eine wichtige Rolle spielte – und wie sie aussieht.

Barry Cunliffe: 10000 Jahre. Geburt und Geschichte Eurasiens. Theiss-Verlag,  596 Seiten, 49,95€.

 

Die Abstiegsgesellschaft

Eine Rollltreppe, die nach unten fährt, und gegen die man anlaufen muss, letzteres gilt für immer mehr Mitglieder der Gesellschaft - ein Bild aus Oliver Nachtweys Sozialstaatsanalyse „Die Abstiegsgesellschaft“. Von der sozialen Moderne der Sechziger (Normalarbeitstag, soziale Sicherheit), einer „Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration“, beschreibt Nachtwey den Weg zum Postwachstumskapitalismus, einer „Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung.“

In der regressiven Moderne erlebt der Arbeitnehmer jeden Tag, wie die Faust des neoliberalen Marktes gut hörbar an seine Tür klopft. Abstieg ist eine stete Möglichkeit, Aufstieg oft eine Illusion. Das Buch beinhaltet eine linke Kritik der Gesellschaftsanalyse, gut lesbar, und führt aufs freie Diskussionsfeld. Thesen aus diesem Buch können auch zur Analyse des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus führen.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, 264 Seiten, 18€.

 

Alles bloss immer Hund!

Jan Ahlers ist 17. Er lebt bei seiner Großmutter in Hamburg, malocht auf dem Bau, ist nicht zufrieden mit sich und der Welt. »Alles bloß immer Hund!« ist einer seiner Lieblingssprüche. Die Handlung beginnt 1960, und ein breit angelegtes Milieu fächert sich auf: Bundeswehrsoldaten, ein Sozialarbeiter, ein Franzose, Kommunisten, ein Gangsterboss, ein Arzt ...

»Dieser Roman ist die erste komplexe erzählerische Realisation des Widerstands, des Protests, des Veränderungswillen, wie sie in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik aufkamen« (Heinrich Vormweg).

Christian Geissler: Das Brot mit der Feile. Verbrecher-Verlag, 544 Seiten, 26€.

 

Weiter möchten wir noch auf weiter lesenswerte Bücher verweisen:

 

Byung-Chal Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer. 123 Seiten, 9,99€.

 

und auf ein im Moment viel diskutiertes Buch:

 

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Suhrkamp, 238 Seiten, 18€.

 

 Deborah Feldman: Unorthodox. Secession-Verlag, 319 Seiten, 22€.

Die Autorin schildert eindrucksvoll, wie sie in den USA in einer ultraorthodoxen Gruppe, den Satmarern, aufwuchs und wie es ihr gelang, sich aus der Gruppe zu lösen und ein eigenes Leben zu leben.

 

Marge Piercey: Er, Sie und Es. Argument-Verlag, 552 Seiten, 29€.

Es beginnt im Familiengericht einer Konzernfestung des späten 21. Jahrhunderts. Was ist noch natürlich, was künstlich in dieser teils zerstörten, teils hochtechnologischen Welt? Während eine Großmutter die uralte Geschichte von Rabbi Juda Löw und seinem Golem erzählt, begibt sich ihre Enkelin Shira auf eine Odyssee von Verstand und Moral. Sie soll ein Cyborgwesen ausbilden, dabei stellt sich die Frage neu, was Bewusstsein ausmacht und was Gesellschaft. Und ob die große Schlacht um Integrität und Freiheit überhaupt noch gewonnen werden kann.


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