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Unser Buchtipp

Die Katze und der General

Der neue Roman von Nina Haratischwili spielt in den Jahren 1995 bis 2016. Handlungsorte sind Tschetschenien, Moskau und Berlin. Prägende Gestalt ist Aleksander Orlow, später als Oligarch ‚General‘ genannt.

Als junger Mann wird er in den ersten Tschetschenischen Krieg eingezogen. 1995 kommt er, desorientiert und unbedarft, an die nordkaukasische Front. Die russische Einheit ist in einem abgelegenen Tal stationiert. Der befehlshabende Oberst Schurjew wird als unzurechnungsfähig, alkoholkrank und gewalttätig beschrieben. Es finden momentan keine Kriegshandlungen statt, Misstrauen beherrscht die Atmosphäre. Als Küchenhilfen versuchen Aleksander und sein Freund, den Kontakt zu Nura herzustellen, einer jungen Frau aus dem Ort, die den engen Moralvorstellungen entfliehen und woanders ein freieres Leben führen wollte. Sie ist die einzige aus der Zivilbevölkerung vor Ort, die ihnen Lebensmittel verkauft. Dieser Kontakt wird den Dreien auf unterschiedliche Weise zum Verhängnis, als der folternde und paranoide Oberst der russischen Einheit von den Treffen erfährt. Nura stirbt. Auch Aleksander wird zum Täter.

Rund zwanzig Jahre später in Berlin: Aleksander Orlow, inzwischen von allen nur noch der General genannt, hat es zum Oligarchen samt Villa gebracht. Als er das Plakat einer Schauspielerin, sie nennt sich Katze, sieht, ist er gebannt, wie ähnlich sie Nura sieht. Die Nacht im Kaukasus lässt ihn nicht los. Er nimmt Kontakt zu Katze auf.

Die junge Frau hat zwar ein Engagement, aber trotzdem Geldsorgen und leider nur wenige erfolgversprechende Castings. Der Kontakt zu ihrer Familie ist sporadisch. Sie liebt ihre Großmutter, die aus Georgien gekommen ist, um ihre Tochter und die Enkelinnen zu besuchen, und versucht, ihren Platz zwischen Exilgemeinde und eigenem Leben zu finden, was ihr nur beim Theater gelingt. Sie geht in den Rollen förmlich auf. Wie schon in ihrem letzten Roman beschreibt Haratischwili gekonnt an drei Generationen von Frauen politische und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Der Vertrag, den der General ihr anbietet, würde ihre und die Geldnöte ihrer Familie beheben. Sie zögert, Videoaufnahmen von sich machen zu lassen, bei denen sie wie Nura aussehen soll. Wie soll sie die Folgen abschätzen? Und Onno, der Journalist, ist ihr auch keine große Hilfe. Die beiden freunden sich zwar an, aber seine eigenen Interessen, ein Buch über den General schreiben, die ‚Wahrheit‘ aufzudecken, stehen an erster Stelle.

Letztendlich entscheidet sich Katze für die neue Rolle als Nura. Onno ist erleichtert. Der General wird jetzt versuchen, mit Hilfe des Videos als Druckmittel, seine Form von Gerechtigkeit walten zu lassen. Russisches Roulette nach seinen Regeln?

Die Autorin beschreibt, wie Gewalt und Krieg in der postsowjetischen Ära, auch nach Jahrzehnten, das Leben und die Handlungen der Menschen beeinflussen oder sie handlungsunfähig machen. Passenderweise ist das Ende offen.

 Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro (auch bei der Büchergilde Gutenberg für 30 Euro).

 

 

Der zweite Reiter

Wien, November 1919. Wohnungsnot, Hunger und Elend bestimmen den Alltag der vormaligen K.u.K-Metropole, der Schwarzhandel blüht. August Emmerich, ein Rayonsinspektor, mit einer Knieverletzung aus dem Weltkrieg zurückgekehrt, und sein Assistent Winter verfolgen einen berüchtigten Schwarzhändler, als sie über die Leiche eines vermeintlichen Selbstmörders stolpern.

Emmerich hat so seine Zweifel, doch niemand interessiert sich für den Tod eines Kriegszitterers, schon gar nicht seine Vorgesetzten. Dann taucht jedoch eine weitere Leiche auf, und der Inspektor beginnt zu ermitteln, in der Hoffnung mit der Lösung des Falls die langersehnte Versetzung in die Kriminalabteilung „Leib und Leben“ zu bekommen.

Die Nachforschungen führen Emmerich und Winter in Obdachlosenheime, finstere Kneipen, zu Unterweltbossen und zur Oberschicht, die der untergegangenen Habsburg-Monarchie nachtrauert.

Der Roman ist der Auftakt zu einer Serie und wurde mit dem Leo-Perutz-Preis 2017 ausgezeichnet.

 Alex Beer: Der zweite Reiter, Blanvalet, 384 Seiten, 9,99 Euro.

 

 

 

Ein ganz normales Leben

Mein Großvater, so beginnt die Geschichte nach einer kurzen Episode aus dessen Leben, in der er seinen Chef in einem Wutanfall nach einer Kündigung mit einem Telefonkabel zu erdrosseln versucht, sein Vorhaben jedoch aufgibt, als er zur Besinnung kommt, lag 1989 seit zwei Wochen mit Knochenkrebs im Bett des Gästezimmers der Mutter des Erzählers und im Sterben; der Erzähler, sein Enkel, kommt dazu, um die letzten Tage bei ihm zu sein.

Jeden Tag setzt sich der Enkel ans Bett des Großvaters, den er kaum kennt, und der beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen, wie sie ihm gerade durch den Kopf geht. Kurz vor dem Sterben soll das Leben ja in Sekundenschnelle vor dem inneren Auge vorbeiziehen, und so ähnlich entfaltet sich das Leben des Großvaters, wie ein Kaleidoskop; alle Erinnerungen sind zugleich da, und welche gerade in Worte gefasst wird, hängt vom Zufall, von Nachfragen und vom Spiel der Assoziationen ab. Der Enkel lernt Puzzlestücke eines Lebens kennen, die nicht zu einander passen und kein fertiges Bild ergeben werden.

Aufgewachsen im jüdischen Milieu Philadelphias in den 20er Jahren, meldete sich der Großvater 1941 freiwillig zur Armee, um gegen die Nazis zu kämpfen. Wie Q, der Quartiermeister von James Bond, lernte er, tödliche Kugelschreiber und andere phantasievolle Geräte zu bauen, und da er seit jeher von Raketen fasziniert war und nicht verstand, warum die Nazis ein Symbol des Fortschritts in ein Vernichtungsmittel verwandelten, machte er sich auf die Suche nach einer V2-Rakete und ihren Erfindern, vor allem nach Wernher von Braun, um sie zur Verantwortung zu ziehen.

Sein Leben lang begleiteten ihn Raketen und die Raumfahrt; er baute Bastelsätze von Raketen und arbeitete bis zum Schluss am Modell einer Raumstation, in der, so stellt er es sich vor, er und seine Frau Platz finden könnten. Diese lernte er nach dem Krieg kennen, als sie mit seinem Bruder, der sich vom Lebemann in einen Rabbi verwandelt hatte, verkuppelt werden sollte, und die Szenen, in denen sich der desillusionierte Kriegsveteran und seine zukünftige Frau, die die Nazigräuel mit ihrer Tochter, der Mutter des Erzählers, überlebt hatte, gehören zum Schönsten, was die Literatur hervorgebracht hat. Schnell merkte der Großvater jedoch, dass seine Frau während des Kriegs Dinge erlebte, über die sie nicht sprechen mag und kann und es ihr unmöglich machten, eine normales Leben zu leben.

Andere Puzzlestücke mischen sich ins Lebenspanorama des Großvaters, das sich in etwas Besonderes verwandelt (wie es, so legt es der Roman nahe, mit jedem Leben geschieht, wenn genau hingesehen wird): das Leid jener, die es geschafft haben, die Naziherrschaft zu überleben, der persönliche Preis fürs Überleben, der unglaubliche Umgang der USA mit Kriegsverbrechern wie Wernher von Braun, eine Hommage an Thomas Pynchons Enden der Parabel, die irren Verhältnisse in psychiatrischen Anstalten und im Knast (und im Kloster), Sex, Liebe und Zufriedenheit im Alter, unaufgelöste Familiengeheimnisse und vieles mehr. Warmherzig begleitet der Autor seine Personen in guten wie in schlechten Zeiten, und niemals mokiert er sich über ihre Fehler und falsche Antworten auf die Herausforderungen des Lebens. Er nimmt die subjektive Erinnerung ernst, von der niemand weiß, ob sie die Wirklichkeit abbildet oder nur ein Phantasieprodukt ist, und es gelingt ihm etwas Seltsames und Seltenes: er unterhält die Lesenden, wenn sie lesen, und bringt sie sogar zum Lachen.

Michael Chabon: Moonglow. Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 24 Euro.

 

 

Und vom gleichen Autor:

Wenn es Israel nicht gäbe

Die imaginäre Welt im Buch zweigte 1948 von der realen Weltgeschichte ab: Israel überlebte nicht, statt dessen überließen die USA flüchtigen Juden und Jüdinnen eine Provinz in Alaska als neue Heimat mit Jiddisch als Amts- und Alltagssprache (einen solchen Plan gab es 1940 tatsächlich). Doch nun, in der fiktiven Gegenwart so der Plot, soll sich die Geschichte wiederholen und die Provinz wieder an Alaska zurückgegeben werden – eine neue Vertreibung droht.

Ein Detektiv muss in einem Mordfall ermitteln: in seinem Hotel – seine Ehe ist in einer Krise, er säuft und seine Karriere stockt – wurde ein Zimmernachbar getötet. Die Ermittlungen führen den Detektiv zurück in die Geschichte des jüdischen Alaska, zu religiösen Randströmungen und Schachweltmeistern, und er merkt, dass es um etwas Größeres geht.

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten. Kiepenheuer & Witsch, 458 Seiten, 12 Euro.

 

 

Der Apfelbaum

 „Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wir Nachgeborenen die Verantwortung. Wollen wir mit dem Satz Irgendwann muss doch mal Schluss sein die Menschen von damals ein zweites Mal ermorden? Wie viele Namen wollen wir denn mit einem sauberen Schlussstrich eliminieren?“

In „Der Apfelbaum“ erzählt Christian Berkel die Liebes- und Lebensgeschichte seiner Eltern Sala und Otto. Sie beginnt mit dem Kennenlernen der Großeltern mütterlicherseits in einer anarchistischen Kommune auf dem Monte Verità, Ascona, sowie dem Arbeiter*innen-Leben der anderen Großeltern in einem Kreuzberger Hinterhof.

Sala und Otto lernen sich 1932 unter ungewöhnlichen Umständen kennen - und lieben. Obwohl erst 13 und 17 Jahre alt, wissen sie mit Bestimmtheit, dass sie ihr weiteres Leben miteinander verbringen wollen. Doch 1938 muss die Jüdin Sala flüchten, nach Stationen in Madrid und Paris wird sie im Lager Gurs interniert, entgeht nur durch Zufall der Deportation und kann in Leipzig untertauchen, während der Kommunist Otto nach erfolgreichem Medizinstudium als Arzt an der Ostfront eingesetzt wird und später in Kriegsgefangenschaft gerät, aus der er 1950 nach Berlin heimkehrt.

Sala hingegen ist nach Kriegsende nach Argentinien ausgewandert, fernab von Deutschland will sie endlich leben und ihr Glück finden. Das erweist sich als schwierig, und so kehrt sie nach Berlin zurück und trifft nach vielen Jahren endlich Otto wieder.

 Christian Berkel: Der Apfelbaum, Ullstein, 413 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

Desintegriert euch!

Max Czollek schreibt an gegen das sich in Deutschland verschärfende und immer weiter nach rechts driftende Klima. Er schreibt aus einer jüdischen Perspektive gegen die Vereinnahmung der Opfer der Shoah durch die Täter*innen und deren Nachkommen, gegen ritualisiertes Gedenken, das oft vor allem den Täter*innen und ihren Nachkommen nützt, aber wenig wirklich mit den Opfern zu tun hat, und damit den Widerstand der Opfer delegitimiert. Er bezeichnet sein Buch als Versuch, das deutsche Bild von den Juden - und was die lebenden Juden und Jüdinnen mit diesem Bild zu tun haben - zu analysieren.

„Desintegriert euch!“ geht dem Bild auf den Grund, das die BRD von sich selbst entwirft: Das der geläuterten Nation, die gelernt, entschädigt und gutgemacht hat. Er hält dem entgegen, dass nichts wieder je gut sein kann nach Auschwitz. Max Czollek bleibt unversöhnlich und will Rache, sei es auch nur literarisch.

Czollek benennt den Einzug der AfD in die Parlamente, als das, was es ist: Zwar als Einschnitt, dass eine offen völkisch auftretende Partei in die Parlamente zieht, und somit als direkte Bedrohung, gleichzeitig aber auch als konsequente Entwicklung eines nationalistischen Deutschlands, das die Täter*innen nach dem Nationalsozialismus zügig wieder zu integrieren vermochte.

Das Buch ist ein Aufruf, sich zusammenzuschließen und Bündnisse gegen den weiß-deutschen Mainstream zu knüpfen, sich die Erinnerung, die Geschichte und das Gedenken zurück-zuholen und nicht den Täter*innen zu überlassen.

Der Autor is „still not loving germany“ und schreibt gegen gegen die „endlich wieder wer sein können“-Rufe auf der Straße bei Sportereignissen, gegen Integrationszwang, Leitkulturgerede und ein nationales Selbstverständnis, das sich anmaßt, Zugehörigkeit anhand völkischer Vorstellungen bestimmen zu wollen.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser, 206 Seiten, 18 Euro.

 

 

 

Das Lied der Krähen

Ketterdam - pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten. Kaz Breker, Dieb und Bandenführer, hat einen neuen Auftrag an Land gezogen, den gefährlichsten und lukrativsten Auftrag seiner Karriere. Dreißig Millionen Kruge - das ist die Belohnung für die Meisterung einer unmöglich scheinenden Mission.

Damit der Coup gelingt, benötigt er natürlich die beste Crew, die es auf Ketterdams Straßen zu finden gibt. Und so machen sich die sechs jungen Gefährt*innen auf den Weg, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien.

Und damit beginnt das große Aben-teuer. Aber nicht (nur) mit großem Schwertgerassel, mit blutigen Kämpfen, sondern auch mit interessanten Ideen und jeder Menge Geheimnissen und Verwicklungen, denn Kaz Breker benutzt lieber seinen Kopf, um seine Ziele zu erreichen.

Actionreiche und unterhaltsame Fantasy, nicht nur für Jugendliche, und glücklicherweise geht die Geschichte mit „Das Gold der Krähen“ weiter.

Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen, Knaur, 585 Seiten, 16,99 Euro.

Leigh Bardugo: Das Gold der Krähen, Knaur, 592 Seiten, 16,99 Euro.

 

 

 

Zu Ende befreite Sklaven und Sklavinnen?

Mitte des 21. Jahrhunderts leben die wenigen Reichen in Gated Communities, abgeschottet vom Rest der Bevölkerung. Die Grundbedürfnisse wären eigentlich für alle kostenlos zu befriedigen, 3-D-Drucker produzieren Lebensmittel, Kleidung und sogar Häuser fast zum Nulltarif, wenn es nicht Patente, Markenrechte und den Kopierschutz gäbe; statt dessen gibt es Geld, Ausbeutung und grenzenlose Überwachung. Zusammengehalten wird diese Gesellschaft, wie die heutige, durch das Versprechen, dass ein Aufstieg möglich ist, wenn du hart genug arbeitest ….

Doch wer sich einen 3-D-Drucker besorgen kann, kann sich von der hyperkapitalistischen Gesellschaft unabhängig machen – genau das tun die Walkaways, so wie Hubert mit dem langen Namen, Seth und Natalie. Sie verschwinden wie viele vor ihnen und ziehen in die von den Reichen aufgegebene und vom Klimawandel geprägte Wildnis, in der ohne Geld und mit Sonnenergie und 3-D-Druckern alternative Lebensformen ausprobiert werden. Wie sich die Walkaways organisieren (sollen), wird heftig diskutiert: wie wird die notwendige Arbeit verteilt, wenn sie nicht mit Geld entlohnt wird, wie sollen Entscheidungsprozesse funktionieren, wie können Geschlechternormen aufgelöst werden, wie funktionieren Beziehungen ohne Verlierer und Unterdrückte?

Als ein paar Walkaway-Wissenschaft-lerInnen eine Methode entdecken, das eigene Selbst als Kopie in eine Computercloud hochzuladen, eine Art Unsterblichkeit, die jedem Menschen die Angst vor dem Tod nähme, müssen sie kämpfen, obwohl sie das gar nicht wollen. Denn die Reichen sind nicht dumm – wenn jeder und jede in eine Cloud ‚flüchten’ könnte, wäre ihre Herrschaft bedroht.

Zwar wird nur zaghaft thematisiert, ob solche gemischten High- und Lowtech-Befreiungsträume nicht in eine Sackgasse münden (wer kontrolliert die Maschinen?); dennoch schildert Doctorow eine interessante Utopie und erzählt eine spannende Geschichte.

Cory Doctorow: Walkaway. Heyne, 736 Seiten, 16,99 Euro.

 

 

 

 

Hand aufs Herz

Leila Slimani trifft auf einer Lesereise in Marokko Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, die ihr von ihren Erfahrungen in Marokko berichten.  In sehr persönlichen Gesprächen berichten die Frauen von der sozialen Kontrolle und der staatlichen Repression, denen sie ausgesetzt sind. Sie tauschen Erfahrungen über den zunehmenden Konservatismus des Islams aus. Slimani berichtet, wie sich dies auf das Leben der jungen Generation, besonders der Frauen und LGBTs (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) auswirkt, die als Muslime weniger traditionelle Vorstellungen haben und sich herrschenden Rollenbildern nicht unterordnen wollen. Viele setzen das Bedürfnis nach Emanzipation und selbstbestimmter Sexualität trotz zu befürchtender Repressalien durch Gesetze und Denunziantentum um.

Die Graphic Novel macht deutlich, wie verkrustet die patriarchalen und politischen Strukturen in Marokko sind, und gibt auch den Widerstand von Einzelpersonen und Organisationen in Schrift und Bild Platz.

Leila Slimani, mit Zeichnungen von Laetitia Coryn: Hand aufs Herz. Avant-Verlag, Graphic Novel, 108 Seiten, 25 Euro.

 

Und von der gleichen Autorin:

Leila Slimani: Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt. btb, 208 Seiten, 12 Euro.

 

 

 

Ein Tag im Leben von Marlon Bundo

Was passiert, wenn sich zwei Kaninchen ineinander verlieben? Sie wachen zusammen auf, frühstücken zusammen, hoppeln über Wiesen und sehen sich im Fernsehen die Nachrichten an. Und dann heiraten sie vielleicht auch. Die beiden Kaninchen beenden mit der Unterstützung ihrer Freund*innen die Herrschaft der Stinkwanze, die sich gegen die Ehe für zwei Kaninchenjungen stellt und feiern anschließend eine große Hochzeit.

Marlon Bundo, das Hauptkaninchen, ist das Haustier des konservativen US-Vize Präsidenten Mike Pence, welcher sich im realen Leben massiv gegen eine Heirat homosexueller Paare einsetzt. Von dieser vermeintlich heilen Welt des Vizepräsidenten, seiner Familie und deren Kaninchen, das ebenfalls Marlon Bundo heißt, handelt ein Buch mit demselben Titel, das Pence' Frau und Tochter gemeinsam geschrieben und illustriert haben.

Was die Familie Pence sichtlich verärgerte, war, dass Autor John Oliver seine Parodie, in der zwei schwule Kaninchen die Hauptrolle spielen, genau einen Tag vor Erscheinen des „Originals“ veröffentlichte und es sich auch sehr viel besser verkaufte als der Hetero-shit der konservativen Vizepräsidentenfamilie.

Rundherum ein wunderbares Buch zum Schmunzeln, Genießen, Ärgern (über blöde Stinkwanzen) und um sich in Erinnerung zu rufen, dass, wenn sich Kaninchen (oder auch Menschen) zusammenschließen, scheinbar festgefügte, aber ungerechte Regeln verändert werden können.

Die Einnahmen der Autor*innen, sowohl der US-amerikanischen als auch der deutschsprachigen Ausgabe, gehen komplett an zwei amerikanische Hilfsorganisationen: das „Trevor Project", welches suizidgefährdete LGBTQ-Jugendliche unterstützt und an „Aids United“, die HIV-Erkrankten Beistand leistet.

 John Oliver: Ein Tag im Leben von Marlon Bundo, Bilderbuch ab 3 Jahren. riva Verlag 14,99 Euro.

 

 

 

Der Gott jenes Sommers

 „Der Gott jenes Sommers“ behandelt das Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Land bei Kiel aus der Perspektive der 12-jährigen Luisa. Sie ist mit ihrer Familie vor den Bomben der Engländer auf ein Gut geflohen, wo sie nun mit anderen Flüchtlingen aus dem Sudetenland lebt – allerdings durch die privilegierte Stellung ihrer Familie in etwas besseren Verhältnissen. Der Leser erlebt durch sie die Schrecken des Krieges, die Knappheit der Rationen, die Bombardierungen, die alles durchdringende Propaganda der Nazis, aber auch die Beharrlichkeit, mit der die Eliten ihr Leben weiter leben. Durch Dinge, die nicht gesagt oder nur angedeutet werden, werden das Mitwissen der Bevölkerung an den Verbrechen des Dritten Reiches und auch die Kollaboration der normalen Bürger deutlich. Während Luisas Schwester und deren Mann überzeugte NSDAP-Mitglieder sind, sind ihre Eltern privat kritisch, folgen jedoch in Äußerungen außerhalb der eigenen vier Wände der Propaganda. Luisa selbst reflektiert noch nicht, und ihr wird auch einiges verschwiegen, aber gerade durch ihre scheinbar naiven Fragen wird deutlich, dass niemand von den Geschehnissen 1945 unberührt bleiben kann. Rothmann lässt eine Menge zutage treten, als er seine Protagonistin ihre Umgebung und damit den Apparat des Regimes erkunden lässt, und niemand, vor allem nicht Luisa, bleibt unberührt von den Geschehnissen, was sie am Ende auch selbst feststellt, als sie sagt: „Ich hab alles erlebt.“.

Die Handlung wird immer wieder unterbrochen von Schilderungen eines fiktiven Zeitzeugen des Dreißigjährigen Krieges, so dass Parallelen zu einem anderen verheerenden Krieg gezogen werden.

Auch wenn das Thema es nicht vermuten lässt, liest sich der Roman sehr gut. Rothmann beschönigt nichts, und was er auslässt, wird zwischen den Zeilen mehr als deutlich. Dennoch ist seine reichhaltige und bildhafte Sprache trotz der Grausamkeiten, die sie beschreibt, fast schon als ästhetisch zu bezeichnen und gibt dem Roman eine besondere Tiefe. Etwas schade ist nur, dass die Charaktere so flach geraten sind. Sie scheinen sehr auf Typen zu beruhen und haben wenig eigene oder überraschende Eigenschaften. Doch liegt der Fokus aber weniger auf der Entwicklung der Figuren als auf ihren Erlebnissen, und daher fällt dieser Makel wenig ins Gewicht.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers. Suhrkamp, 254 Seiten, 22 Euro (auch bei der Büchergilde Gutenberg für 20 Euro).

 

 

 

Die Suchenden

Mit ‚Die Suchenden’ legte Rodrigue Péguy Takou Ndie seinen dritten Roman vor. Die beiden anderen Titel sind wie die beiden Gedichtbände leider nur auf Französisch zu erhalten. Er arbeitete schon in Kamerun als Autor, musste 2013 aus politischen Gründen fliehen und lebt inzwischen Deutschland, wo er sich u.a. im Netzwerk Afrique-Europe-Interact engagiert.

Ein unbenannter Erzähler berichtet rückblickend von seinem Leben in einem westafrikanischen Land. Von Armut, mangelnder Perspektive, korrupten Eliten, Repression und den Hoffnungen einer jungen Generation. Er entschließt sich, den lang gehegten Traum umzusetzen und nach Europa zu migrieren. Rodrigue Péguy Takou Ndies Erzähler beschreibt den Horror der Route durch die Sahara, deren Durchquerung für viele tödlich endet. Er schildert die Entschlossenheit, den Einfallsreichtum, den erzwungenen Zusammenhalt sich fremder Menschen, die unsäglichen Entbehrungen und das Durchhaltevermögen der Migrantinnen und Migranten. Auf jeder Etappe gibt es neue und andere Herausforderungen: Es seien nur der Rassismus der marokkanischen Grenzbeamten, der Grenzzaun bei Melilla und die Überfahrt über das Mittelmeer genannt. Viele kommen nicht so weit, sterben, müssen zurückgelassen werden. Für die, die es schaffen, folgt das europäische Asylsystem, in dem der Erzähler drei Jahre lang auf Asyl hofft. Keine Möglichkeit zu arbeiten, um der Familie mit Geld zu helfen und vor ihr nicht als Versager dazustehen. Nein, eine Unterbringung unter menschenunwürdigen Bedingungen, Schikane durch die Angestellten der Einrichtungen, Lethargie, jegliche Eigeninitiative wird abgetötet.

In einem Interview erzählt er, der Roman sei nicht als Erlebnisbericht zu verstehen, sondern als „literarische, fiktionale Verdichtung der Realität unzähliger Migrantinnen und Migranten“.

Der Autor schafft es, mit der Person des Erzählers und dessen Geschichte sowie jener seiner Freunde und Begleiter viele unterschiedliche Aspekte darzustellen und Gespräche und Befindlichkeiten literarisch gelungen zu vermitteln.

Rodrigue Péguy Takou Ndie: Die Suchenden. Unrast Verlag, 176 Seiten, 13,- Euro.

 

 

 

Tartessos und Ugarit

Mittelmeergeschichten gibt es so viele, wie es Inseln im Mittelmeer gibt: sehr viele. Kaum eine jedoch reicht zurück in die Zeit vor die alten Griechen, vor den Palast von Knossos mit seinem Labyrinth oder vor den trojanischen Krieg. Dieses Buch ist erfrischend anders: es beginnt in grauer Vorzeit, als die ersten Schritte aufs Meer gewagt wurden, und der Autor schildert, wie allmählich verschiedene Regionen des Mittelmeers zusammenwachsen, bis es möglich ist, von einem mediterranen Raum oder einer mediterranen Geschichte zu sprechen. Das Buch endet da, wo die meisten Geschichten anfangen: bei den Anfängen der klassischen Antike.

Nicht nur ist so ein anderer Blick aufs Mittelmeer möglich – ein nicht-eurozentristischer, da die alten Griechen und Römer nicht im Mittelpunkt stehen, sondern das Buch ist auch ein Fest fürs Auge: es ist reich bebildert, und es gibt viele Karten, die den Text erhellen.

Cyprian Broodbank: Die Geburt der Mediterranen Welt: Von den Anfängen bis zum Klassischen Zeitalter.

Beck., 952 Seiten, 44 Euro

 

 

 

 

Zeige deine Klasse

von Daniela Dröscher

Daniela Dröscher wuchs in den 70er und 80er Jahren in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz auf. Für sie war es selbstverständlich. ein eigenes Zimmer zu haben, nicht im Haushalt helfen zu müssen und sich keinerlei Gedanken über Geld und materielle Sicherheiten machen zu müssen. Später dann veränderte sich mit immer weiter voranschreitenden Bildungserfolgen (Gymnasium, Abitur, Studium, Promotion) die soziale  Zusammensetzung ihres Umfeldes und plötzlich war sie eine der wenigen, für die es nicht selbstverständlich war, seit Kindesbeinen an Skifahren zu können, sich sprachlich auszudrücken und zu wissen, innerhalb welchen Rahmens sich ihre Zukunft  laut der Familientradition bewegen wird. Daniela Dröscher erzählt anhand ihrer Biographie, wie sie versuchte sich durch das Ablegen des Pfälzer Dialekts nach unten von Anderen abzugrenzen, sie begann ihre soziale Herkunft zu verschweigen oder Fragen danach auszuweichen, weil sie sich für vieles schämte. So zum Beispiel auch für ihre Mutter, die in den Augen Aller sofort auffiel, da sie dicker war als alle anderen Mütter. Aber nicht nur deshalb wäre sie nie auf die Idee gekommen, ihre Eltern zu Feiern von Studienabschlüssen einzuladen. Trotz ihrs Bildungserfolgs blieb sie eine Außenseiterin und kämpfte mit mich sich und ihrer Position.

Ein Buch für Aufsteiger-Kinder aus materiell gesicherten Aufsteiger-Mittel-schichts-Familien der 70er und 80er Jahre, die vielleicht irgendwo zwischen Abi, Studium oder Promotion hängengeblieben sind oder es vielleicht auch geschafft haben. Aber auch ein Buch für die, die ausgestiegen sind, den Glauben nicht besessen haben, dass sie schlau genug sind, die somit nie genau wissen, was sie nicht wissen, aber erahnen, was es zu wissen geben könnte. Die verstanden haben, dass es so viel mehr zu lesen geben könnte, die sich immer weiter Gründe ausdenken müssen, um sich vor sich selbst zu verteidigen, warum sie den Klassiker xy immer noch nicht gelesen, ganz gelesen, verstanden oder begriffen haben.

Erhellend, sehr lesenswert und dabei leicht zugänglich in Sprache und Stil, aber dennoch mit Verweis auf soziologische Hintergründe ist das Buch von Daniela Dröscher mehr als eine Biographie, eher eine sozialkulturelle Analyse anhand der persönlichen Geschichte der Autorin.

 Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 20 Euro.

 

 

 

 

Der Geist der Science Fiction

Wenn es stimmt, dass – wie die Kulturwissenschaft sagt – das Erzählen, also das Narrative, ein Vermögen ist, das weit über alle Kulturgrenzen hinaus grundlegend für das menschliche Zusammensein ist, weil es neue Stoffe bietet, Mythen (zu realen Ereignissen) schafft, der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung dient, dann erzählt Bolano nicht; vielmehr ist er ein Anti-Erzähler.

Die (Science) Fiction, die der Roman erzählt, schafft keine Mythen, sondern zerstört sie. Das kommt in dem Roman auf die eine oder andere Weise vor: Eine Reporterin fragt im ersten Kapitel den Literaturpreisträger nach seinem Werk, angetrunken und ironisch, und betont in den Kennlernsätzen zu Beginn, wie schön es dort doch sei, wo sie sich befinden, die Sterne funkeln, einige entfernte Dörfer wären in der Nacht zu sehen – aber der Autor entgegnet, es sei nur eine optische Täuschung, man befinde sich mitten im Wald, phosphorierender Sand leuchte. Ein Hinweis: Die Tatsachen und die Fiktion sind bei Bolano nur schwer zu trennen, und diese Trennung verlangt in jedem seiner Bücher einen aufmerksamen Leser, besser einen Detektiv (wie er in jedem Buch von Bolano erwähnt wird), der Spuren nachgeht und Indizien sucht. Die vermeintlichen Tatsachen sind Illusion, und wie in seinen früheren Werken befinden sich die Personen (viele Figuren tauchen in seinen Werken immer wieder auf) auf der Suche nach der Wahrheit (etwa der Wahrheit hinter den Morden an der Mexikanisch-US-amerikanischen Grenze, etwa der Wahrheit des Romans, weil jemand in den Romanen abwesend ist und gesucht wird).

 In diesem neu aufgelegten Frühwerk des chilenischen Autors finden sich wie in allen Büchern Bolanos keine Wahrheiten, sondern Brüche im Erzählen, Hilflosigkeit und der Versuch, auf eine andere Art zu erzählen, so wie der interviewte Autor beim Berichten von seinem Werk eine neue Geschichte erfindet. Immerzu ändert sich die Realität oder die Perspektive, aber das Erzählen findet trotzdem in Bolanos Werken statt – nur nicht als Selbstvergewisserung, sondern als Thematisierung von Unruhe und Ungewissheit, die eben auch erzählt werden will, als das Gegenteil von Mythen.

Die Ungewissheit findet sich im Gesamtwerk Bolanos wieder. Die Figuren überschneiden sich mit anderen Werken Bolanos, die auf die gleichen Personen und ähnliche Ereignisse wieder einen anderen Blick werfen. Was real passiert, verschwindet  hinter der Erzählung und noch einer erneuten und noch einer, die Welt und ihr Geschehen wird multiperspektivisch berichtet – aber der Leser muss selbst Ordnung ins Buch bringen.

Die Figuren sind aus anderen Büchern vertraut. Der Roman wirkt über die Grenzen und endet scheinbar niemals. Leider ist Bolano früh verstorben, weil eine Organspende nicht möglich wurde. Er galt als revolutionär, politisch und literarisch. Immer werden Bezüge zwischen Fiktion und Realität hergestellt. So auch hier: Eine Hauptfigur schreibt berühmte Science Fiction-Autoren an, die Südamerika helfen sollen. Und man ist auf der Suche nach dem Grund der Vielzahl von erscheinenden Literaturzeitschriften – was nach Fiktion aussieht, sind die Grenzen des literarischen Schreibens, man landet wieder in der Realität und wird den Verdacht nicht los, dass der fiktive Roman, seine Story, realer ist als so mancher nichtfiktive Bericht: Die Bücher eines Protagonisten werden zu Tischen, die Literatur wortwörtlich genutzt – sie wird zur Nahrung und Grundlage. Doch bevor Sie, lieber Leser und liebe Leserin, diese Rezension aufessen, lesen sie erstmal die wundervollen Erlebnisse der Hauptfiguren in Mexiko und deren Versuch, Literatur zu leben.

Roberto Bolano: Der Geist der Science Fiction. S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

 

Die Erfinder von Superman

Julian Voloj (Autor) und Thomas Campi (Zeichner) erzählen die vergessene Geschichte von Joe Shuster und Jerry Siegel, den Erfindern von ‚Superman’, einem Superhelden, dessen Abenteuer in der damaligen Zeit spielen. Für die beiden jungen Männer ist es nicht einfach, in den USA der dreißiger Jahre Arbeit zu finden. Sie jobben, ihr Traum besteht aber darin, ihre Comicgeschichten zu veröffentlichen und davon leben zu können. Comics waren in dieser Zeit nicht weit verbreitet und nicht populär. Die Graphic Novel erzählt, wie es gelingt, nach etlichen Rückschlägen ‚Superman’ in den neu aufkommenden Comic-Magazinen unterzubringen und wie die Figur schließlich ihr eigenes Magazin bekommt. Die Kinder lieben den Helden. Der Absatz boomt und ein neues Genre entsteht. Andere Superhelden werden erfunden und vermarktet.

Ebenso wie Joe Shuster und Jerry Siegel haben etliche Autoren ihre Urheberrechte an die Verlage abgetreten, verdienen zwar Geld, aber als die Phase des Merchandising und der Verfilmung eintritt, gehen sie leer aus.

Eine wunderbar gezeichnete und erzählte Biographie, aber auch eine Geschichte des Comics und seiner Vermarktung.

 Mit Originaldokumenten.

Julian Voloj/Thomas Campi: Joe Shuster – Vater der Superhelden. Carlsen, Graphic Novel, 176 Seiten, 19,99 Euro.

 

 

 

 

Klimawandel und Genossenschaften

Wir schreiben das Jahr 2140. Der Meeresspiegel ist um 15m gestiegen, weltweit wurden Küstenregionen überflutet, es kam zu einer Wirtschafts- und Finanzkrise und Migrationen ungeahnten Ausmaßes. In New York, wie anderswo, stehen Teile der Stadt unter Wasser; Wohntürme haben Zugänge für Boote und sind durch Brücken miteinander verbunden, während die Straßen zu Meeresboden geworden sind.

Ein wenig haben die Menschen gelernt: statt Flugzeugen kreuzen Luftschiffe am Himmel, es gibt fliegende und schwimmende Städte, und viele Menschen haben sich in den Grenzzonen zwischen Land und Meer Freiräume geschaffen, da dort der Einfluss traditioneller politischer Mächte nachgelassen hat.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die BewohnerInnen eines Hochhauses in New York, das im Meer steht; sie konnten sich, da solche Gebäude nichts mehr ‚wert’ sind und sich Hausbesitzer und Spekulanten aus dem Grenzgebiet zurückgezogen haben, selbst organisieren, verwalten ihr Haus autonom und schaffen es sogar, ökologisch und nachhaltig Lebensmittel zu produzieren. Doch dann verschwinden zwei Hausbewohner, Computerfreaks; eine Polizistin, die ebenfalls im Haus wohnt, nimmt sich des Falles an und entdeckt, dass viel mehr im neuen Venedig passiert und auf dem Spiel steht: Investmentfirmen versuchen mit allen Mitteln, verloren gegangenes Terrain zurückzuerobern, und die BewohnerInnen der selbstverwalteten Häuser wehren sich dagegen, dass die Grenzzone wieder in eine ‚normale’ kapitalistische Ordnung integriert wird, in der sie nichts zu sagen hätten.

Kim Stanley Robinson: New York 2140. Heyne, 811 Seiten, 16,90 Euro.

 

 

 

 

Der Ursprung der Welt

Ein sehr wichtiges Buch für alle, die nicht mit einem Wortschatz aufgewachsen sind, der Begriffe wie Menstruation, Vulva oder Klitoris enthält ... aber auch für alle, die noch was dazu lernen wollen.

Wie benennen Leute „das da unten“, das „zwischen den Beinen“? Und wieso fällt es uns so schwer, Worte zu finden oder zu benutzen, die differenziert und nicht abwertend sind?

Genau diesen Fragen geht das Buch „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist aus feministischer Perspektive auf den Grund, sucht nach Erklärungen, warum und woher die Scham kommt, zum Beispiel über Menstruation zu sprechen. Ein künstlerisch abwechslungsreiches Comic, das deutlich macht, wie stark patriarchale Machtverhältnisse unser Bild von dem bestimmen, was normativ als weiblicher Körper gilt. Liv Strömquist ist aber auch Politikwissen-schaftlerin und bezieht sich in der Graphic Novel nicht nur auf gegen-wärtige Zustände, sondern ordnet die Entwicklung des Nicht-Sprechen-Wollens oder -Könnens und der Scham in einen geschichtlichen und politischen Kontext ein. Unser Empfinden ist geprägt und hergestellt durch gesellschaftlich erfahrene Selbstverständlichkeiten, die in unsere Körper eingeschrieben werden und unsere Gefühle mit bestimmen.

Liv Strömquist schafft es auf wunderbare Weise, bewusst zu machen, dass Sprachlosigkeit historisch und gesellschaftlich gemacht ist und nicht auf individuellem Versagen oder persönlichen Vorlieben beruht.

Auch das Missy Magazin feiert Liv Srömquists Bücher und schreibt: „ Die Bombenlegerin - In ihren Comics jagt Liv Strömquist mit viel Humor Mythen der Liebe, Heteronorm und Paarbeziehung in die Luft. Uneingeschränkt empfehlenswert!“

Liv Strömqvist: Der Ursprung der Welt. Avant-Verlag, 144 Seiten, 19,95 Euro.

Auch von der Autorin:

Der Ursprung der Liebe, 136 Seiten, 20 Euro.

Und in einer Sonderausgabe mit beiden Bänden: 40 Euro.

 

 

 

 

Der Spaß an der Sache

David Foster Wallace war eine komplexe Persönlichkeit, der sich, klinisch-depressiv, das Leben nahm, nachdem er zuvor einen der Romane des 21. Jahrhunderts geschrieben hat, fast Tennisprofi wurde, eine herausragende Logik-Arbeit in Philosophie schrieb und Literatur-Lehrer an der Universität wurde, der außerdem eine Kreuzfahrt machte, unglaublich viel Fernsehen schaute, mit einem Republikaner auf Wahltour mitreiste, ein Hummerfest miterlebte und eine Porno-Messe besuchte.

Jetzt sagen Sie vielleicht, dass Sie sicher nicht vieles von den ersten Dingen gemacht haben, die späteren aber zum Teil schon, eine Erwähnung in einem Buchladen-Weihnachtsheft wäre deshalb nicht nötig. Aber Foster Wallace hat diese Themen essayistisch (und immer auch humorvoll) aufbereitet wie zuvor kaum ein anderer. Die gesammelten Essays, die jetzt erschienen sind, sind ein Zeugnis davon, wozu Literatur fähig ist, denn diese Texte sind mehr als Essays, sie sind, mit einem Wort des Literaturkritikers Denis Scheck, Lebenshilfe. Ein jedes dieser Themen wird vertieft und gewendet, Phänomene werden hinterfragt und eigene Einstellungen nicht als selbstverständlich genommen. Aus dem Hummerfestbesuch für eine Gourmetzeitung wird eine scharfe Analyse der Essens- und Kochpraktiken und vor allem der Definition von Schmerz. Aus dem Pornomessenbesuch wird eine Selbsttherapie zur Unlust, aus dem Fernsehkonsum eine Kritik der Ironie, aus der Wahltour eine Reflexion über Ehrlichkeit und Marketing. Der berühmte Kreuzfahrt-Essay ist als Aufbereitung geballten Irrsinns moderner Unterhaltungsangebote zu lesen. Und seine Tennisessays, verstreut über viele Jahre, sind präzise Betrachtungen der ökonomischen und gesellschaftlichen Funktion modernen Sports, aber auch der Faszination von Sport, wie sie etwa in einem Text über Roger Federer deutlich wird, der als Künstler durch die Tennisarenen schwebt. Und diese Essays sind keine Essays, sondern Lebenshilfe, weil sie alltägliche und außeralltägliche Fragen (etwa die Frage, woher die Leute am 11.9. die Flaggen bekämen) stellen – und immer einer Art Ethik folgen, die ein ironiefreies und (irgendwie) die Normalität schätzendes Leben im Sinn hat, das zugleich normale Denkstandardvorstellungen hinterfragt.

Und so ist diese Rezension über David Foster Wallace schließlich keine Rezension, sondern ein Aufruf, diesen Autoren und seine literarischen Essays zu lesen.

David Foster Wallace; Der Spaß an der Sache. Alle Essays. Kiepenheuer & Witsch, 1086 Seiten, 36 Euro

 

 

 

Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des ‚Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker’, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung. So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind diese günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.

2014 ist die Büchergilde 90 Jahre alt geworden.

 

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