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Unser Buchtipp


Konsum !?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Nichts ist umsonst, jeder und jede geben Geld aus, ob als Erstklässler, Teenager, Erwachsener oder im Rentenalter. Der Kauf einiger Waren – ein Fernseher, ein Smartphone oder Kirschmarmelade – kann inzwischen angesichts beeindruckender oder furchterregender Wahlmöglichkeiten in echte Arbeit umschlagen: aus der Vielfalt des Angebots muss das „Richtige“ zu einem „korrekten“ Preis ausgewählt werden, so dass vor dem Kauf ansteht, sich eingehend zu informieren und zu vergleichen; zugleich ist Konsumieren ein Freizeitvergnügen (geworden), sei es als „Shoppen“, sei als Urlaub oder mit dem Sky-Abo.

Vieles, was sich heute beobachten lässt, scheint ein Auswuchs des postfordistischen, globalen Kapitalismus zu sein, Entwicklungen, die sich in der Geschichte des Kapitalismus langsam und allmählich verstärkt haben und, so mögen manche behaupten, vor nicht allzu langer Zeit in eine neue Qualität umgeschlagen sind – etwa die Privatverschuldung (Kauf auf Pump, mit oder ohne Kreditkarte), der Hype um jährlich neue elektronische Geräte, Konsumtempel, ausufernde Modetrends, Brot und Spiele und vieles mehr.

Eine neue, bahnbrechende Geschichte des Konsums bestätigt einige der scheinbar selbstverständlichen Ansichten über den Konsum, verweist viele andere aber ins Reich der Legenden (und fake news). Das Buch ist zweigeteilt: zuerst wird die Geschichte des Konsums sozusagen chronologisch abgehandelt, beginnend in der italienischen Renaissance und endend – mit Zwischenstationen in China, Indien, den USA und in jedem Jahrhundert, später fast in jedem Jahrzehnt – in der heutigen Zeit. Nicht nur Europa wird also behandelt, sondern die ganze Welt, auch wenn Europa und die USA aufgrund des Quellenmaterials im Vordergrund stehen. Der zweite Teil ist dann thematisch strukturiert: Konsum und Schulden, privater und staatlicher oder gesellschaftlicher Konsum, was Konsum mit Kindern und dem Rentenalter zu tun, Abfall und Recycling und weiteres. Zugleich werden in den laufenden Text immer wieder Exkurse über je zeitgenössische ökonomische Theorien eingestreut, die sich mit Konsum, Sparen und „Überfluss“ beschäftigen – und sich witzigerweise unweigerlich später als falsch herausstellen.

Unmöglich kann alles erwähnt werden, was in dieser Fundgrube an Informationen zur Sprache kommt. Besonders beeindruckend war etwa – natürlich eine subjektive Auswahl – der Hinweis darauf, dass Wasser, Strom, Energie und Abwasser (Müll) konsumiert werden und dass die Verbreitung von fließendem Wasser in Haushalten, von Steckdosen, Heizungen und Toiletten immense Auswirkungen auf das gesamte Konsumverhalten der Menschen hatten, die mann und frau sich heute kaum noch vorstellen können; jede Neuerung erzeugte neue Neuerungen und einen ganzen Schwarm neuer Waren, die das Freizeitverhalten und den Konsum durcheinander wirbelten. Die Elektrifizierung der Küche, die auf billigem Strom beruhte, sollte, so ein Beispiel, durch die Benutzung neuer elektrischer Geräte (Staubsauger, Waschmaschine) die Arbeit der „Hausfrau“ rationalisieren und Arbeitszeit einsparen, doch tatsächlich geschah das Gegenteil: mit der Waschmaschine wurde zwar schneller gewaschen, aber die Arbeitszeitersparnis wurde mehr als wettgemacht durch eine erhöhte Waschfrequenz – häufigeres oder tägliches Wechseln der Wäsche führte, dass die Wascharbeit mehr Arbeitszeit einnahm als vorher. Ähnliches passierte mit dem Staubsauger: die Arbeitszeit für die Sauberhaltung der Wohnung sank nicht, weil die Sauberkeitsstandards rapide anstiegen.

Ebenso erhellend sind die Bemerkungen zum schuldenfinanzierten Konsum. Die Schwindel erregenden Zahlen über die heutige Privatverschuldung, die oft mit einem mahnenden Zeigefinger erwähnt wird, verblassen auf gewisse Weise vor früheren privaten Schuldenbergen (jedenfalls in Relation zum jeweiligen Lebens- und Vermögensstandard).

Der einzige Nachteil des Buches besteht darin, dass es sehr umfangreich ist – und daher leider auch ein wenig teuer.

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. DVA, 1095 Seiten, 40Euro.


Vier Männer und eine schwierige Vergangenheit

Wenn eine US-amerikanische Autorin japanischer Abstammung einen Roman über Männerfreundschaften zwischen vier hetero- und homosexuellen Männern mit unterschiedlichen Lebenshintergründen schreibt, kann das entweder schief Hose gehen, oder es ergibt sich etwas Wunderbares und Beeindruckendes: in diesem Fall entstand etwas Großartiges.

Hanya Yanagihara begleitet einen angehenden Rechtsanwalt, einen Architekten, einen Maler und einen kellnernden Schauspieler ab der Zeit, als sie gerade erwachsen wurden, bis ins hohe Alter und den Tod. Sie schildert, wie alle vier Karriere machen, mit welchen Widersprüchen sie dabei zu kämpfen haben: ein Anwalt zwischen Recht und Gewissen, welche Rollen kann ein schwarzer, homo- und bisexeller Filmstar spielen – und wie sich ihre Freundschaft zueinander verändert, wenn sie sich selbst verändern.

Obwohl die Lebenswege aller vier Männer ausgebreitet werden, gewährt die Autorin einem von ihnen mehr Aufmerksamkeit als den anderen. Als sich die jungen Männer kennenlernen, erzählen sie sich, wie es so üblich ist, wo sie aufgewachsen sind, was ihre Eltern tun, tauschen Geschichten und Jugenderinneungen aus und lernen die Eltern der Anderen kennen. Nur einer schweigt beharrlich und konsequent, seine Vergangenheit bleibt lange ein Rätsel, und schnell schimmert zwischen den Zeilen durch, dass er anders ist und keine glückliche Kindheit erlebt hat; außerdem schneidet er sich, wenn er durcheinander ist oder sich beruhigen muss, in den Arm und beruhigt sich im Schmerz. Dieses selbstverletzende Verhalten (oder „Ritzen“), das sich auf fortgesetzten Missbrauch in seiner Kindheit zurückführen lässt, durchzieht das ganze Buch; es macht, für ihn und für seinen Freund und für seine Freunde, jede Beziehung beschwerlich, erst recht den Sex (mit seinem Freund), und es besteht stets die Gefahr des Rückzugs, der Zurückweisung und unbewusster Wiederholungen dessen, was er erlitt.

Im Kern erzählt der Roman, wie die (mit ihm) befreundeten Männer versuchen, mit ihm befreundet zu sein, ohne ihn zu therapieren oder sich als Helfer aufzuspielen – ein schwieriges, oft unmögliches Unterfangen, das, wie in der Wirklichkeit, nicht von Erfolg gekrönt sein wird, auch wenn es kleine und winzige Kurzzeit-Happy-Ends gibt. Wenn er irgendwann, als längst erwachsener Mann, seinem bei ihm lebenden Freund erzählt, was er als Kind erleiden musste, muss nicht nur der Zuhörende Unfassbares ertragen, sondern die lesend Zuhörenden, die zugleich ahnen, dass solche Wunden niemals heilen.

Der Clou der Autorin, einen Mann sich so verhalten zu lassen, wie es man(n)von einer missbrauchten Frau erwartet, und diesen Mann praktisch nur mit Männern interagieren zu lassen, eröffnet dem Roman eine zweite Ebene: obwohl die Geschichte niemals (oder sehr selten )vom Individuellen ins Allgemeine abgleitet, kommt, wenn das Buch nach 960 Seiten zugeklappt wird, Vieles ins Wirbeln, was mann und frau über Macht und Sex, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und den notgedrungen stets subjektiven Umgang mit Missbrauch und Opferhilfe dachten. Besser kann Literatur Leben nicht abbilden, und wenn sich das Buch auch noch, scheinbar magisch, weigert, geschlossen zu werden, bevor die letzte Seite erreicht worden ist, denn liegt der seltene Fall einer rundum gelungenen Geschichte vor.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Hanser, gebunden, 960 Seiten, 28 Euro. (Auch bei der Büchergilde Gutenberg: dort 25.- Euro).

 

Ein japanischer Krimi und ’68 in Tokio

Eines Tages im Jahr 1993 explodiert in einem Park in Tokio eine Bombe; es gibt mehrere Dutzend Tote. Shimamura, Besitzer einer schäbigen Eckkneipe und selbst sein bester Kunde, befindet sich in der Nähe, weil er sich in dem Park gern tagsüber erholt. Irgend etwas kommt ihm während des Anschlags komisch vor, kurze Zeit später bekommt er Besuch von der japanischen Mafia und wird dann von wiederum anderen zusammengeschlagen.

Shimamura, der unter falschen Namen lebt, weil er in der Zeit der japanischen Studentenbewegung (1968) in den Untergrund gehen musste, erfährt zu seinem Erstaunen, dass sich unter den Toten des Anschlags seine frühere Genossin befindet, und er beschließt, auf eigene Faust Ermittlungen aufzunehmen. Dabei kommt ihm die Yakuza in die Quere, er lebt zeitweise im Obdachlosenmilieu, lernt die Tochter seiner Ex-Genossin kennen, und er bekommt allmählich heraus, dass auch sein Ex-Genosse, der Dritte des einstigen Trios aus den Sechzigern (dessen Geschichte in einigen Rückblenden erzählt wird), irgendwie in die Vorkommnisse verwickelt ist. Zudem wirft der Roman ein paar Schlaglichter auf die Polizei Tokios und die Verquickungen von Kapital und Yakuza, bis sich das Labyrinth aus falschen Spuren zum Schluss zur Überraschung aller auflöst.

Der Autor wurde, als er den Roman 1993 schrieb, selbst von der Yakuza gejagt – er hatte Spielschulden in Höhe von umgerechnet 70.000 Euro. Also beschloss er, einen erfolgreichen Krimi zu schreiben, um sich die Mafia vom Leib zu halten – was ihm gelang.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Cass, 352 Seiten, 19,95 Euro.

 

Der Wolf im Slip 1 - Ein (Kinder)Comic, unbedingt auch für Erwachsene

Die Angst vor dem Wolf treibt die im Wald lebenden Tiere um, ohne dass sie ihn gesehen oder gehört haben. Gerüchte eben: Seit Tagen sind die drei Schweinchen nicht gesehen worden.

Diese Angst bringt Skurriles hervor: Eichhörnchen verkaufen Haselnüsse gegen die Wolfsangst, die passende Literatur ist zu erwerben, ein Bär bietet Selbstverteidigungskurse an, Fallen können gekauft werden, sachverständige Elche halten Vorträge und schließlich: Die Dachse stellen eine zum Glück sehr schreckhafte Bürgerwehr auf. Dann kommt der Wolf, und die anderen Tiere erfahren, wie er zu seinem Slip gekommen ist, welche Rolle die alte Eule dabei spielte und wie die Geschäfte im Wald nach Klärung dieser Fragen weiterlaufen, aber das soll hier nicht verraten werden.

Der Stil des farbigen Comics ist unkonventionell: Er enthält Seiten, die an illustrierte Kinderbücher, zum Teil mit Wimmelbuch- Elementen, erinnern, und auf anderen wird mit der Verteilung der Panels so frei umgegangen, wie es der Geschichtsverlauf benötigt. Ein schön gestaltetes und sehr amüsantes Buch, witzig und mit vielen Kleinigkeiten, die erst beim zweiten Durchblättern entdeckt werden

Empfohlenes Alter: 5 bis 90 Jahre

Wilfrid Lupano und Paul Cauuet, farbig illustriert von Mayana Itoiz, Splitter Verlag 2017. Großformatig, 36 Seiten, 14,80 Euro.

 

Beim Wolf im Slip (und nicht im Schafspelz) handelt es sich um einen Ableger oder Spin-off der Comic-Reihe „Die Alten Knacker“ von Lupano und Cauuet, aus der gerade der 4. Band auf Deutsch erschienen ist.

Die Alten Knacker 4: Die Zauberin, Splitter Verlag, 56 Seiten, 14,80 Euro

 

Die Hauptstadt

Es geht in dem Buch um europäische Politik, und ansatzweise um einen Mord und die Verarbeitung des Holocaust. Das wird aber nur kurz in den Perspektiven der verschiedenen Charaktere angeschnitten. Insgesamt liegt der Fokus mehr auf dem einsamen Leben der unterschiedlichen Figuren, deren Wege sich manchmal überschneiden, manchmal auch nur kurz treffen. Der Roman ist gespickt mit Anspielungen auf europäische Politik. Was genau aber Aussage und Endpunkt des Buches sein soll, kann ich nicht genau sagen. Der rote Faden, den man nach einer Weile zu erkennen glaubt, wird am Ende plötzlich abgerissen und man steht völlig desorientiert da.

Insgesamt habe ich es aber sehr gerne gelesen. Es war gut und bildhaft geschrieben, mit meisterhaften ersten Sätzen (gerade die Einleitung fand ich genial: ein Schwein läuft durch Brüssel und trifft nach und nach die verschiedenen Protagonisten), viel Humor und einer sehr reichhaltigen Sprache. Gleichzeitig fand ich manche Stellen und Metaphern etwas arg konstruiert und konnte nicht unbedingt aus allem etwas machen oder alles verstehen.
Insgesamt würde ich "Die Hauptstadt" weiter empfehlen, aber nur den Lesern, die anspruchsvoll sind und gerne schwierigere Lektüre mögen. Zum entspannen am Strand eignet es sich meiner Ansicht nach nicht.

Besprochen von Helena Kontny

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp-Verlag, gebunden, 459 Seiten, 24 Euro.

 

Hoffnung und Resignation

Fatma Aydemirs Debutroman „Ellbogen“ lässt sich in viele Schubladen packen. Es geht um eine junge Berlinerin mit türkischem Background, um das Erwachsenwerden, um Familie und Freundschaft, um Gewalt und Schuldgefühle aber vor allem um die Suche nach einem Platz in der Welt.

Die 17-jährige Hazal hat kein Problem mit ihrer Identität, aber ihre Eltern, ihre Verwandten, Lehrer*innen und auch der Detektiv im Kaufhaus: Alle haben eine Vorstellung davon, wer sie ist und wie sie sich zu verhalten hat. So wird sie im Kaufhaus verdächtigt zu klauen, ihre Strategie ist, die arme, vom türkischen Vater geprügelte Tochter zu mimen und nutzt diese Stereotype um so aus der Sache heil rauszukommen.

Die Eltern strafen sie mit Blicken für ihren, aus ihrer Sicht zu tiefen Ausschnitt. Aber Hazal durchschaut die Mechanismen, auch wenn sie es nur denkt: „Es liegt nicht am Shirt, es liegt an dir, verdammt“. Sie sehnt sich nach Selbstbestimmung und nach Freiheit. An ihrem 18. Geburtstag will sie feiern, endlich in den angesagten Club gehen und wird, mitsamt ihren Freundinnen, nicht eingelassen. Betrunken und gefrustet treffen sie am U-Bahngleis einen jungen, weißen Studenten, der sie anpöbelt. Hazals Freundin schubst ihn, aber er nimmt sie immer noch nicht ernst und lallt weiter: „Ich steh auf dominante Frauen, soll ich dir meinen Schwanz zeigen?“ Um ihre Freundinnen zu unterstützen schlägt auch Hazal zu, er fällt auf die Gleise und bleibt liegen. In Panik hauen die Mädchen ab, Hazal flieht nach Istanbul. Die Stadt, wie Fatma Aydemir sagt, die alle Kinder türkischer Eltern, die in Deutschland aufgewachsen sind anzieht, so hat auch sie dort den zweiten Teil des Romans dort geschrieben. Die Protagonistin versucht sich in der fremden Stadt zurechtzufinden. Zu erzählen wie es dort weitergeht, würde wirklich zu viel über dieses spannende Buch verraten. Es ist kein Buch über Klischees, sondern eines, das genau hinschaut, das die Welt von Hazal erfahrbar macht und dabei sehr nah dran ist an einer jungen Frau aus Berlin mit ihren Hoffnungen, ihrer Resignation und den verlorenen  Träumen.

Fatma Aydemir, Ellbogen. Hanser Verlag 2017, 272 seiten, 20 Euro

 

Alltag in Deutschland

1979: Behsadjan ist Mitte zwanzig und Lehrer in Teheran. Wie seine Freunde Peyman und Sohrab ist auch er Teil der Bewegung, jedoch mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Sohrab und Behsadjan schreiben kommunistische Flugblätter um die Revolution voranzubringen. Peyman hingegen ist stiller, er sagt: „Wir müssen dafür sorgen, dass es Essen gibt, dass es Wasser gibt, dass die Kinder zur Schule gehen.“ So trennen sich nach der Machtübernahme von Khomeini auch die Wege der Gefährten. Behsadjan flieht mit seiner Familie vor Verfolgung nach Deutschland, Peyman bleibt im Iran.

1989: Nahid ist Mitte dreißig und verbringt ihren Tag zwischen Warten, den Nachrichten und der Flucht in die Welt der kitschigen deutschen Fernsehserien. Da ihre Abschlüsse aus dem Iran in Deutschland nicht anerkannt wurden, überlegt sie nochmals zu studieren. Sie und Behsadjan treffen sich manchmal mit Ulla und Walter, zwei Deutsche, die es gut meinen, aber in deren Sprache und Verhalten ebenso viele Vorannahmen und vermeintliches Wissen über den Iran und „die persische Kultur“ zu lesen sind. 

Mit ihrer Sorge um Freund*innen und Angehörige im Iran sind Behsadjan und Nahid allein. Für ihre Kinder ist das Leben in Deutschland so normal und sie haben den Bezug zum Iran fast verloren.

1999: Laleh ist Schülerin der Oberstufe, was sie über den Iran weiß: „Dass ich nur weiß, dass ich klein war und wir in den Urlaub fahren wollten, aber dann plötzlich hier waren und mein Bruder richtige Milch statt Trockenmilch und duftende Nivea Creme bekam und die Kinder im Heim sich und mich Kanaken nannten. Dass ich weiß, dass Iran aus Küken und blauen Türen, aus Menschen und Gerüchen und einem Hinterhof mit einem barfüßigen Großvater besteht.“

2009: Mo studiert und ist das mittlere Kind von Nahid und Behsadjan. Politik interessiert ihn nicht besonders, aber dann beginnt die grüne Revolution im Iran und er beginnt seine Position zu reflektieren und versucht herauszufinden, was das alles mit ihm und seiner Familiengeschichte zu tun hat und wie er für sich diesen Bezug in Deutschland leben kann.

 

Eine Geschichte aus deutsch-iranischer Sicht über den Zeitraum von 40 Jahren, aktuell ist jede einzelne Epoche jedoch immer noch. Ihren ersten Roman widmet die Autorin Shida Bazyar ihren Eltern. Aus vier Perspektiven erzählt, schafft sie eine dichte Erzählatmosphäre herzustellen, die es erlaubt den Figuren und ihren Gefühlen sehr nahe zu kommen und nachzufühlen, welcher Schmerz und welche Hoffnungen sie begleiten.

Shida Bazyar, Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch. 283 Seiten. 9,99 Euro

 

Eine Jakobsleiter

Ljudmilla Ulitzjaja bezeichnet sich selbst als russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft mit christlicher Prägung. In ihrem neuen Roman Jakobsleiter verwebt sie kongenial persönliche, politische und hundert Jahre russischer, zeitweise natürlich sowjetischer Geschichte und das Leben von einzelnen Personen aus vier Generationen.

Nach der Revolution ziehen Jakow und Marussja mit dem kleinen Genrich nach Moskau. Beide sind von der Revolution begeistert und wollen eine neue Gesellschaft aufbauen. Jakows Vater ist ein jüdischer Mühlenbesitzer. Jakows große Liebe gilt der Musik, aber er muss, um die Familie zu ernähren, als Ökonom arbeiten. Marussja, Noras geliebte Großmutter, möchte ihr Geld als Tänzerin verdienen. Beide werden ihre Träume aus unterschiedlichen Gründen nicht verwirklichen können.

Jakow zieht freiwillig in den Krieg, und Marussja lebt von seinen leidenschaftlichen Briefen. Zweimal wird Jakow dann verbannt, ein drittes Mal in ein Lager in der Komi-Republik. 1955 stirbt er erschöpft und krank, ein energiegeladener und schöpferischer Mann, der auch unter den schwierigsten Umständen seine Projekte betrieb. Von ihm sind Briefe und Tagebucheinträge erhalten, die sein Leben dokumentieren und seiner Frau übergeben werden. Marussja und Genrich sind als Verwandte von Jakows staatlichen Repressalien ausgesetzt. Schließlich wenden sie sich von ihm ab.

All dies erwähnt Marussja trotz ihrer innigen Beziehung niemals gegenüber ihrer Nichte Nora. Diese wird Jahre später die Aufzeichnungen und Briefe ihres Großvaters lesen und so die andere Seite der Familiengeschichte erfahren.

Der zweite Handlungsstrang des Romans schildert das Leben der theaterbesessenen Bühnenbildnerin Nora. Sie hat mit den genialen und wortkargen Mathematiker Vitja einen Sohn, der später die Liebe seines Urgroßvaters für die Musik ausleben kann: Er wird nach Umwegen Komponist. Nora arbeitet und lebt für die Inszenierungen von Theaterprojekten mit dem georgischen Regiesseuer Tengis. Sie versinken in sich und in der Arbeit, arbeiten unabhängig, scheitern, haben Erfolge. Und dann verschwindet Tengis wieder … taucht aber immer wieder auf. Nora lebt unabhängig und unangepasst ihr Leben.

Ein Buch über Russland/die Sowjetunion, über die ‚Intelligenzija‘ und deren Verfolgung, über das Verschweigen und Vergessen, über Theater und Musik und mit vielen einzelnen Geschichten und Schicksalen. Ljudmila Ulitzkaja gelingt es, die Leser*in trotz der zeitlichen Brüche mühelos durch das Buch zu geleiten. Nie moralisiert sie, ihr Interesse gilt denen, die ‚zwischen den Stühlen‘ sitzen, und den Möglichkeiten, sich unter den gegebenen Umständen zurechtzufinden.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter. Hanser Verlag, 608 Seiten. 26,00 Euro.

 

Ein Mord in Bangalore

Inspector Borei Gowda ermittelt in Bangalore, der drittgrößten Metropole im Südwesten Indiens. Gleich zu Beginn werden er und sein Team, bei der Arbeit integer, im Privatleben eher fehlbar, mit einem Mord in einer von Sicherheitskräften gut geschützten Gated Community konfrontiert. Im Viertel der Reichen und Schönen wurde ein Anwalt erschlagen. Fast zeitgleich verschwindet die dreizehnjährige Tochter von Shanthi, die Gowda den Haushalt führt. Es ist klar, welcher Fall bevorzugt behandelt werden soll. Aber Gowda und sein Team lassen sich nicht manipulieren …

Gowdas Ermittlungen, die er eher unkonventionell führt, lassen die Leser*in die Stadt kennen lernen: Bangalore ist ständig im Wandel, kolonial geprägt, hochmodern, ethnische und Kastenvorurteile spielen eine große Rolle und es existieren unglaubliche soziale Gegensätze. Diese Gegensätze und der Handel mit Menschen, genauer der Handel mit Kindern, sind Thema des Romans. Anita Nair schaut genau hin, wird aber nie voyeuristisch. Spannend, informativ, natürlich erschreckend, gleicht der Roman trotzdem einer Reise in die drittgrößte Stadt Indiens.

Anita Nair: Gewaltkette. Argument-Verlag 350 Seiten, 19,00 Euro.

 

Ein besetztes Haus - einst und heute

Lena Hofhansl, seit einem Jahr auch als Poetry-Slammerin unterwegs, hat mit obigem Titel ihr zweites Buch veröffentlicht.

Die eigentliche Hauptperson des Buches ist das besetzte Haus B14 im Süden Stuttgarts. Hier finden sich 1986 die Besetzer, der zurückhaltende Krankenpfleger Emilio, der belesene Anarchist Matthias, eine Gruppe Punker, ganz dem Stereotyp entsprechend, mit Hunden und einem ungezieferverseuchten Sofa und einer Frau, eher zu den Hippies tendierend, Anouk ein. Sie organisieren ihren Alltag, diskutieren, machen Politik. Hier wagt es Emilio, sich in Anouk zu verlieben. Natürlich unsterblich. Sie entscheiden sich, eine offene Beziehung zu führen.
Und immer wieder Musik: Ein Festival am WAA in Wackerdorf und der Plattenspieler im besetzten Haus mit Diskussionen über die Musikgruppen. Lena Hofhansl hat von den Kapitelüberschriften bis zu den Konzertbesuchen der handelnden Personen überall Anspielungen eingestreut.

Soweit die eine Geschichte, die andere spielt, neunundzwanzig Jahre später, also 2005, am selben Ort. Das Haus gehörte inzwischen Emilio, der dort einen Plattenladen betrieb. Mit Leidenschaft.

Isa, seine Tochter, hat ihren Vater nie kennengelernt, hat das ehemals besetzte Haus von ihm geerbt und will den Laden jetzt, wutentbrannt, abfackeln. Sie betritt ihn ein letztes Mal und trifft auf dem gleichaltrigen Rotze, der als Obdachloser im Keller des Hauses lebt. Was tun? Isa nimmt erst einmal eine Auszeit von ihrem geregelten Leben. Doch mehr dazu im Buch selbst.

Auch wenn hier der eine Handlungsstrang mehr Beachtung findet, sind im Buch beide gleichberechtigt. Ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und witziges Buch über die Hausbesetzungen der Achtziger und die Punkbewegung der Zeit, über Freundschaft, die Schwierigkeiten der Liebe, die Crux des Älterwerdens, Politik und Polyamorie.

Lena Hofhansl: B14 revisited. Roman. Schmetterling Verlag 2017, kartoniert, 195 Seiten, 12,80 Euro

 

Die Schauspielerin Channa Maron

Geboren wurde Channa Maron 1921 in Berlin, 1933 floh sie mit ihrer Mutter vor den Nazis nach Paris, 1935 schifften sie sich nach Palästina ein. Barbara Yelin schildert gekonnt, wie sie dort angekommen sind. Channa Maron konnte relativ schnell (wie vorher schon in Berlin als Kind) wieder auf der Bühne stehen. Ein festes Engagement folgte. Mit Kollegen und Freunden diskutierte sie die politische Lage und fasste 1942 den Entschluss, der jüdischen Brigade der britischen Armee beizutreten.

Ein weiterer Einschnitt in ihrem Leben sollte 1970 folgen, als sie bei einem Anschlag ein Bein verlor. Sie erlernte das Laufen neu und engagierte sich politisch für die Zweistaatenlösung.

Das Buch macht den deutschsprachen Leser*innen die in Israel entwickelte Ausstellung „Graphic Art zu Channa Maron“, der „Grande Dame“ des israelischen Theaters, zugänglich. Der Band ist mit Anmerkungen versehen und in zwei Abschnitte geteilt. Barbara Yelin entwickelt das Leben von Channa Maron in Form eines Comics. Sie zeichnet und schreibt einzelne Kapitel des Lebens von Channa Maron aus der Perspektive von Weggefährt*innen und erreicht so eine sehr unmittelbare Wirkung.

David Polonskys bezieht sich auf Theaterrollen, die Channa Maron spielte, und die historische und politische Einordnung erfolgt über Anmerkungen oder den Hintergrund der plakatartigen Illustrationen. Ein wunderbar gestaltetes Buch.

Barbara Yelin: /David Polonsky: Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Reprodukt Verlag, 79 S., 24 Euro.

 

Underground Railroad

Cora, eine junge Sklavin, deren Großmutter auf einem Sklavenschiff verschleppt wurde, träumt wie alle anderen von einem Leben in Freiheit. Gemeinsam mit Caesar flieht sie von der Südstaatenplantage in Georgia mithilfe des titelgebenden Netzwerks Underground Railroad in den freien Norden. Dieses historisch reale Unterstützungsnetzwerk wird von Colson Whitehead in eine, nur im Roman existierende Untergrundbahn verwandelt, mittels derer die Fliehenden sich auf den Weg begeben. 

Verfolgt vom Sklavenfänger trifft Cora auf helfende, skrupellose und gleichgültige Menschen, sie erfährt bedingungslose Unterstützung ebenso wie Verrat.

Die Flucht führt durch mehre Bundesstaaten, in denen es jeweils unterschiedliche Politiken zur Sklaverei gibt, von der Abschaffung der Sklaverei mitsamt den ehemaligen Sklaven in dem einen,

medizinischen Experimenten an Schwarzen in einem anderen.

Colson Whiteheads Roman nimmt uns mit auf eine im Wesentlichen historische, manchmal surreale Reise, er eröffnet uns eine andere Perspektive auf die Zeit der Sklaverei, der Wurzel des bis heute andauernden Rassismus.

Colson Whitehead: Underground Railroad

Deutsch: Hanser, 352 S. 24,- Euro

Englisch: Random House, 320 S. 14,99 Euro

Oder Random House Paperback 8,99 Euro

 

Nordsee

Europa ist ein historischer Zufall. Einst, im römischen Reich (und davor), gab es diese Entität nur als Anhängsel des eurasischen Kontinents, aber nicht als politisches „Wesen“. Tatsächlich wurde ‚Europa’ zum ersten Mal in einer Chronik erwähnt, die knapp 30 Jahre nach den realen Vorfällen die Schlacht von Poitiers 732 schildert, in der ein muslimischer Plündertrupp aus Frankreich nach al-Andalus zurückgedrängt wurde.

Howard Pye  schildert in seinem Buch die Anfänge Europas im Nordwesten, rund um die Nordsee – also nicht der oft übliche Blick aufs Mittelmeer, auf den Süden, nach dorthin, wo im Mittelalter der Reichtum und die Kultur konzentriert war.

Wer allerdings eine chronologische Abfolge erwartet, schön geordnet nach Jahren und geographischen Orten, wird ein wenig enttäuscht sein, auch die klassische (langweilige) Geschichte, die sich an Monarchen und Reichen entlanghangelt, wird außen vor gelassen: das Buch ist wie die Nordsee, die Gebiete verbindet und nicht trennt, die mal spiegelglatt im Sonnenschein daliegt und sich ein paar Tage später in eine maritime Hölle verwandelt – es ist sinnlos, Geschichte von einer nationalen Warte aus zu erzählen. Der Autor erzählt statt dessen in 12 Kapiteln Geschichten, in denen Geschichte fassbar wird: die Wikinger, die als erste eine Art Protoglobalisierung in Gang setzten, und das byzantinische Reich mit Nordeuropa (in Schweden gibt es viele Funde arabischer Münzen) und zugleich Skandinavien, Nordfrankreich, England und Irland miteinander verbanden. Die Hanse fehlt natürlich nicht, und es gibt ein Kapitel darüber, wie der frühe Buchhandel entlegene Gebiete übers Meer zusammenschloss.

Stets steht das Meer im Vordergrund: als verbindendes Element, und aus den Geschichten schält sich allmählich etwas heraus, das durchaus als eine Geschichte der Anfänge Europas bezeichnet werden kann

Michael Pye: Am Rande der Welt. Eine Geschichte der Nordsee und der Anfänge Europas. Fischer-Verlag. 474 Seiten, 26 Euro.

 

Seit unserem Umzug aus der Roten Straße in den Nikolaikirchhof ist das Sortiment der Büchergilde Gutenberg bei uns erhältlich. Die Büchergilde Gutenberg ist die einzige von Konzernen unabhängige Buchgemeinschaft. Sie wurde 1924 von Buchdruckern gegründet, die über das Prinzip des Buchclubs erschwingliche Bücher von guter Qualität für ein breites Publikum produzieren wollten. Wer die schönen, gebundenen, wohlfeilen und günstigen Bücher erstehen wollte, so die Idee des `Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker´, konnte Mitglied der ‚Büchergilde Gutenberg’ werden - ohne jeglichen Mitgliedsbeitrag, aber mit einer Abnahmeverpflichtung.

So setzt die Büchergilde Gutenberg von 1924 an bis heute - im Nationalsozialismus aus dem Exil in der Schweiz - auf ein unterhaltsames, klassisches und informatives Belletristik- und Sachbuchprogramm.

Neben Büchern gehören auch eine Auswahl englischsprachiger Titel der Folio Society, Hörbücher, Musik, Filme, Graphic Novels und ‚Schöne Dinge’ zum Programm der Büchergilde. Nach wie vor wird Wert auf hochwertige Gestaltung und Produktion gelegt. Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige deutschsprachige Verlag, der regelmäßig Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt; als Mitglied der Büchergilde sind sie günstiger zu erwerben. Auch dem Prinzip der Leseförderung ist die Büchergilde treu geblieben.

 

 (Bitte beachtet auch unsere Widerrufsbelehrung, die Hinweise zu den Versandkosten und zum Datenschutz.)